Hamburg - ThyssenKrupp will den alten Vorstand des Unternehmens wegen milliardenschwerer Pannen und Verlusten beim Bau von zwei Stahlwerken in Brasilien und in den USA zur Verantwortung ziehen. Das berichtet DER SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns, Gerhard Cromme, hat ein entsprechendes Gutachten bei der Anwaltskanzlei Hengeler Mueller in Auftrag gegeben. Mit diesem soll geklärt werden, ob Alt-Vorstände und Manager wie der frühere Stahlchef Ekkehard Schulz, Edwin Eichler oder Karl-Ulrich Köhler den Aufsichtsrat bewusst falsch informiert und getäuscht haben. Erste Ergebnisse, heißt es im Konzern, deuteten darauf hin.
Sollte das Gutachten die Vermutung bestätigen, sollen die Manager möglicherweise auch zu Schadensersatzzahlungen herangezogen werden. Eine Entlastung des alten Vorstands bei der bevorstehenden ThyssenKrupp-Hauptversammlung im Januar sei unwahrscheinlich, heißt es im Unternehmen.
Das ThyssenKrupp-Management muss im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr bei den beiden Stahlwerken weitere Wertberichtigungen in einer Größenordnung von rund drei Milliarden Euro vornehmen. Zudem seien im Amerika-Geschäft auch operative Verluste in Höhe von rund einer Milliarde Euro angefallen.
Eine detaillierte Überprüfung der Planzahlen durch den amtierenden ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger hat nach Informationen des SPIEGEL ergeben, dass der alte Vorstand völlig unrealistische Verkaufspreise und Erlöse in die Planungen eingesetzt habe. Dadurch seien die wahren Verhältnisse bei den Stahlwerken in den USA und in Brasilien verschleiert worden. Die im Aufsichtsrat des Unternehmens von Hiesinger vorgestellten Ergebnisse seien Grundlage für die Entlassung von drei Vorstandsmitgliedern in der vergangenen Woche gewesen.
Mit Edwin Eichler, Olaf Berlien und Jürgen Claassen soll jedes zweite Vorstandsmitglied den Konzern zum Jahresende verlassen. Das habe der Personalausschuss des Aufsichtsrats dem Gremium am Mittwoch empfohlen, teilte ThyssenKrupp mit. Der Schritt diene den "notwendigen Veränderungen des Führungssystems und der Führungskultur im Konzern" und sei ein "klares Signal nach außen und nach innen", heißt es in der Mitteilung. Eichler, Berlien und Classen seien mit der einvernehmlichen Aufhebung ihrer Verträge einverstanden.
Von der Arbeitnehmerseite hieß es, Transparenz und Ehrlichkeit im Umgang miteinander seien nicht mehr in jedem Fall selbstverständlich gewesen. "ThyssenKrupp steht vor großen Herausforderungen und braucht das Vertrauen der Kunden und der Beschäftigten. Das geht nur mit einem echten Neuanfang", sagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler.
Kartelle und Luxusreisen bringen Vorstände zu Fall
Die missglückten Stahlwerksneubauten sind nicht die einzigen Problemzonen des Konzerns. Auf ThyssenKrupp kommen nach der Aufdeckung eines Aufzugs- und Rolltreppenkartells der Jahre 1995 bis 2004 gleich mehrere Schadensersatzklagen zu. Dem Berliner Landgericht liegen Klagen von Städten und der Bahn sowie von mehreren Bauunternehmen vor. Die EU-Kommission hatte bereits eine millionenschwere Geldbuße verhängt. Vorstandsmitglied Berlien ist für den betroffenen Unternehmensbereich Aufzugtechnik zuständig, allerdings erst seit 2009. Sein Vertrag sollte eigentlich erst am 31. März 2017 auslaufen.
Auch mit einem Schienenkartell war der Essener Konzern in die Schlagzeilen geraten. Es war im vergangenen Jahr aufgeflogen. Das Bundeskartellamt hatte daraufhin im Juli dieses Jahres wegen Absprachen zu Lasten der Bahn ein Bußgeld von 103 Millionen Euro gegen ThyssenKrupp verhängt.
Edwin Eichler ist bisher im Vorstand für die Stahlsparte zuständig, sein Vertrag sollte am 30. September 2017 enden. Für seine Sparte Steel Americas mit den Werken in Brasilien und den USA sucht ThyssenKrupp Käufer.
Compliance-Vorstand Claassen steht wegen Luxusreisen mit Journalisten und eigener Reisen in der Kritik. Claassen hatte bereits am vergangenen Wochenende den Aufsichtsrat gebeten, ihn bis auf weiteres von seinen Vorstandsaufgaben zu entbinden. Der frühere Pressesprecher war im Vorstand für die Einhaltung rechtlicher Vorgaben zuständig, sein Vertrag sollte ursprünglich bis zum 20. Januar 2016 gehen.
Ex-ThyssenKrupp-Chef Schulz hatte in der Vergangenheit beteuert, er habe sich und seinem Team nichts vorzuwerfen.
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