Mini-Getränkefirmen: Mit Indie-Brause gegen Coca-Colas Allmacht

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Flora Power, Cola Rebell oder Kalte Muschi: In Deutschland entstehen immer mehr neue Getränkemarken, die Coca-Cola und Co. Kunden abjagen sollen. Dahinter stecken meist Mini-Firmen, die ihre Limonaden selbst kreieren und in Szenekneipen anbieten - am Markt behaupten sich nur wenige.

Getränkemarken: Konkurrenz für Cola und Co. Fotos
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Hamburg - An der Tankstelle, im Supermarkt, abends in der Kneipe: Überall lauert Coca-Cola, ganz Deutschland scheint vereint in seiner Vorliebe für das Getränk mit dem rot-weißen Logo. Selbst wer nicht zur braunen Brause greift, landet früher oder später bei dem Giga-Konzern - insgesamt 22 Marken gehören zu dem Unternehmen. In Deutschland verkauft Coca-Cola rund dreieinhalb Milliarden Liter Erfrischungsgetränke pro Jahr. Das Geschäftskonzept: massenkompatible Einheitsware.

Doch in jüngster Zeit entstehen massenhaft kleine Konkurrenten, die den Allmachtsanspruch des US-Konzerns in Frage stellen (siehe Fotostrecke). Überall im Land gründen junge Unternehmer Mini-Betriebe mit einer Handvoll Mitarbeiter, die ihre eigene Limonade herstellen. Marken wie Flora Power oder Premium Cola versprechen einen ganz speziellen Geschmack - und besetzen so Nischen, die für Riesenfirmen mit Milliardenumsätzen nicht profitabel genug sind. Der wichtigste Absatzmarkt der Newcomer: Szenekneipen in Großstädten.

Hans-Werner Grimm steht im vollgepackten Keller seines kleinen Getränkeladens in Hamburg-Altona. Von hier aus organisiert er die Produktion von Flora Power, einer leicht herben Brause aus Tee-Extrakt, Zucker und Wasser. Die 0,3-Liter-Flaschen mit der koffeinhaltigen Brause gibt es in Clubs in Hamburg, Berlin und Hannover. Rund 100.000 Flaschen wird Grimm dieses Jahr verkaufen, eine Kleinstmenge von rund 330 Hektolitern.

Coca-Cola verkauft mehr als das Zehnfache. Pro Stunde.

Obwohl Flora Power schon fünf Jahre am Markt ist, wirft die Produktion noch keinen Gewinn ab. "Uns geht es nicht nur um Rendite, aber da sind wir dran", sagt Grimm. Bisher kommt das nötige Geld eben aus dem Betrieb des Getränkeladens. Wann immer es die Arbeit im Laden zulässt, packt Grimms Geschäftspartner Ludger Walterbusch ein paar Kisten Flora Power in den VW-Bulli und fährt los, neue Kunden werben.

Große Investitionen oder kleines Liebhaberprodukt?

Den Grundstoff für ihre Limonade mischt ihnen ein pensionierter Laborleiter aus der Branche zusammen, der noch keine Lust auf Ruhestand hat. Die Bestandteile kaufen sie weltweit ein. "Bei den kleinen Mengen keine leichte Aufgabe", sagt Grimm. Ein Hersteller, der sonst Abnehmer aus der Industrie hat, versorgt sie bisweilen mit kostenlosen Produktmustern.

In Süddeutschland wird der Grundstoff anschließend mit Wasser gemischt und in Flaschen gefüllt. "Dort gibt es noch viele kleine Brauereien, die unsere Mini-Bestellung in ein paar Stunden fertig machen", sagt Grimm. Für größere Betriebe lohnen sich derart kleine Aufträge schlicht nicht.

Um mehr Limonade herzustellen und große Getränkehändler und Supermärkte zu beliefern, müssten Grimm und Walterbusch die Produktion hochfahren. Das hieße, massenweise leere Flaschen einzukaufen, am besten im Winter, weil die im Sommer knapp werden. Die Flaschen müssten erst gelagert, dann befüllt und ausgeliefert werden, eine logistische Herausforderung. Bevor auch nur eine Flaschen Flora Power mehr verkauft wäre, müssten sie eine ganze Menge Geld investieren.

Darauf verzichten sie lieber, Massenware muss für die beiden Getränkehändler nicht sein. "Wir machen lieber ein sympathisches Produkt", sagt Grimm. Er und sein Kompagnon wollen den Überblick über jeden Produktionsschritt behalten, ihre kleine Brause behutsam wachsen lassen und langfristige, gute Beziehungen zu Lieferanten und Abnehmern aufbauen.

Cola Rebell sucht Geldgeber

Flora Power steht beispielhaft für einen Trend. Dutzende Getränke-Neuentwicklungen kommen in Deutschland Jahr für Jahr auf den Markt. Der letzte Schrei: sogenannte Near-Water-Produkte, sparsam aromatisierte Mineralwässer. Allerdings verschwinden viele Unternehmen schon nach kurzer Zeit wieder, der Wettbewerb ist einfach zu hart.

Oft scheitern die Hersteller von Independent-Brausen am Preis, den die Zwischenhändler verlangen, um das Produkt überhaupt ins Sortiment aufzunehmen. Aus eigener Kraft, ohne großen Konzern im Rücken, schafft es kaum eine Marke flächendeckend in die Regale. Eine der wenigen Ausnahmen ist fritz- kola. Vor sieben Jahren wurde die Marke in Hamburg gegründet. Flaschenab- und Euroumsatz haben längst die Millionengrenze geknackt, 20 Mitarbeiter beschäftigt die Firma.

Viel häufiger stehen kleine Marken aber vor der Frage: Sollen wir die überschaubare Größe eines Handwerksbetriebs behalten? Oder gehen wir einen Pakt mit der Industrie ein? So tat sich die erfolgreiche Bio-Brause Bionade mit dem Oetker-Imperium zusammen. Seitdem sind die Flaschen zwar überall in der Republik zu kaufen, beim Szenepublikum allerdings hat das Getränk Sympathie verloren. Für die Erfinder der Flora Power kommt ein ähnlicher Weg nicht in Frage, betonen sie.

Liebhaberprojekt sucht finanzkräftigen Investor

Weniger Berührungsängste mit der Industrie hat da Cola Rebell, die angeblich schärfste Cola der Welt. Die Marke soll möglichst schnell in ganz Deutschland zu kaufen sein, in Partnerschaft mit der Industrie.

Das ist das Ziel von Andreas von Froreich, der die Brause mit Chili und Ingwer seit Mitte 2009 herstellt. 300.000 Flaschen hat er in den vergangenen zwölf Monaten verkauft, vor allem im Raum Hamburg. Sein Büro hat er in einem funktionalen Bürogebäude gleich am Flughafen Fuhlsbüttel, Dutzende Firmen teilen sich hier Empfang und Konferenzräume. Drei Mitarbeiter kümmern sich um Marketing und Vertrieb.

Passend zur dunklen Cola trägt von Froreich schwarz, bis hin zur Mütze. "Nur natürliche Grundstoffe", preist er sein Getränk an. Gegenwärtig sucht er einen Geldgeber, damit die Firma wachsen kann. Was Cola Rebell bisher an Geld umsetzt, steckt er in Werbung - und Entwicklung: Neben der Cola in drei verschiedenen Schärfegraden gibt es einen Lutschbonbon, einen Energy-Drink, einen Alkopop und eine Cola auf der Basis von Molke, weil dann kein Dosenpfand anfällt. Schwarze Zahlen sind erst für das kommende Jahr angepeilt.

Bis ein Investor gefunden ist und Cola Rebell es mit den Großen der Branche aufnehmen kann, muss von Froreich nebenher arbeiten - wie so viele Mini-Brauseproduzenten. Auch auf das Einkommen seiner berufstätigen Frau ist der Veranstaltungsmanager angewiesen. Noch ist Cola Rebell ein Liebhaberprojekt, eine kleine Indie-Limonade.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Club Mate(TM)
andreas.posur 21.12.2010
Oh mein Gott, wie kann man von "Indie-Brausen" berichten und die Firma Loscher weglassen die das Getränk produziert, das von Hackern, Geeks, Nerds und vielen anderen auf der ganzen! Welt getrunken wird?
2. Titel
lemming51 21.12.2010
Ach ja, Leif-Steil-Gesöff für die Kiddies und die Werbe-Eliten. Da bleib ich doch lieber beim Original
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
GyrosPita 21.12.2010
Zitat von lemming51Ach ja, Leif-Steil-Gesöff für die Kiddies und die Werbe-Eliten. Da bleib ich doch lieber beim Original
Absolut, es geht nichts über Coca-Cola, da bin ich beinharter Konsument. Selbst Pepsi ist schon eine Zumutung für mich, von der selbstgepanschten Brühe irgendwelcher selbsternannten Gegen-den-Strom-Schwimmer mal ganz zu schweigen. Habe vor geraumer Zeit mal Afri-Cola probiert (für viele wahrscheinlich schon viel zu etabliert und nicht "independent" genug). War widerlich. Wie da diese Jauche mit Chili und Ingwer schmeckt probier ich lieber erst gar nicht aus, da halt mich lieber treu an das Gesöff vom großen Satan...
4. Transatlantisches Gift
_der_tom_ 21.12.2010
Man sollte das Vorgehen des Coca-Cola-Konzerns in keinster Weise unterstützen. Dieses sagt den Einzelhändlern: Wenn ihr noch andere Erfrischungsgetränke außer unseren verkauft, bekommt ihr unsere nicht mehr. Leider können sich viele Einzelhändler den Verzicht nicht leisten. Das sollte so nicht sein. Für mich ist Coke transatlantisches Gift! Von Fanta & Sprite wird mir schon beim Gedanken daran übel. Abgesehen davon sind die ganzen Zuckerwasser gut gegen Zähne. ;)
5. Zustimmung bzgl Club-Mate
clubmate 21.12.2010
Zitat von andreas.posurOh mein Gott, wie kann man von "Indie-Brausen" berichten und die Firma Loscher weglassen die das Getränk produziert, das von Hackern, Geeks, Nerds und vielen anderen auf der ganzen! Welt getrunken wird?
Zumindest in der Bildstrecke wurde sie erwähnt, wenn auch nur um einen Abklatsch vorzustellen. Aber hätte unbedingt aufgeführt werden müssen als Quasi-Elder Statesman unter den Speziallimonaden, die es schon weit länger gibt als all die Bionaden dieser Welt.
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