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Mitschuld an Finanzkrise: US-Börsenaufsicht will Rating-Riesen verklagen

Sie ist bei Banken gefürchtet - und legt sich nun mit den mächtigen Analysten an: Die US-Börsenaufsicht SEC erwägt laut einem Zeitungsbericht Betrugsklagen gegen die großen Rating-Agenturen. Ihre Fehlbewertungen hatten die Finanzkrise maßgeblich mitverursacht.

Moody's-Zentrale in New York: Zusammen mit S&P und Fitch 95 Prozent Marktanteil Zur Großansicht
Reuters

Moody's-Zentrale in New York: Zusammen mit S&P und Fitch 95 Prozent Marktanteil

New York - Bislang kamen sie ungeschoren davon, doch das soll sich nun ändern: Die US-Börsenaufsicht SEC will die Rating-Giganten für ihre Mitschuld am Ausbruch der Finanzkrise zur Rechenschaft ziehen. Die Behörde erwäge zivilrechtliche Betrugsklagen, berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf eingeweihte Personen. Namentlich erwähnte die Zeitung Standard & Poor's (S&P) sowie Moody's. S&P wollte sich laut dem Bericht nicht dazu äußern, Moody's kündigte an, ungeachtet der Klage bei einer Anfrage mit der SEC zusammenzuarbeiten.

Rating-Agenturen verdienen ihr Geld damit, die Bonität von Staaten und Unternehmen sowie die Ausfallwahrscheinlichkeit von Wertpapieren zu bewerten. Zusammen mit Fitch gelten S&P und Moody's als die "großen Drei" der Branche - die New Yorker Platzhirsche geben 95 Prozent aller Bonitätsbewertungen ab. Viele Investoren vertrauen ihrem Urteil nahezu blind.

In der Finanzkrise hatte sich die Blauäugigkeit der Anleger gerächt: Die Rating-Riesen hatten auch jenen US-Hypothekenpapieren gute Zeugnisse ausgestellt, die ab dem Jahr 2007 massiv an Wert verloren und damit die Krise des gesamten Finanzsystems auslösten.

Seitdem haben Politiker und Finanzaufseher die Agenturen scharf für ihren Anteil am Entstehen der amerikanischen Immobilienblase kritisiert. Sie hätten die Zeichen für einen Niedergang des Marktes ignoriert.

Allerdings blieb es bislang weitgehend bei Verbalattacken: Versuche, die Rating-Agenturen zur Rechenschaft zu ziehen, scheiterten zumeist. So urteilte ein US-Berufungsrichter nach Angaben der Zeitung noch im Mai, es habe sich bei den Ratings um "bloße Meinungen" gehandelt und diese seien durch die in der Verfassung verankerte Meinungsfreiheit geschützt. Auch das tägliche Geschäft der Rating-Agenturen läuft ungestört weiter. Während die Banken sich in Folge der Finanzkrise einer strengeren Regulierung beugen mussten, blieben die Bonitätsbewerter weitgehend von Auflagen verschont.

Die Rating-Riesen legen sich inzwischen mit zahlreichen Regierungen an

Und weiterhin besitzen die Agenturen eine gigantische Macht: Sie verursachen mit einer Herauf- oder Herabstufung von Wertpapieren quasi automatisch Milliardendeals an den Märkten - sie zwingen mit ihren Urteilen auch Regierungen zum Handeln. So kündigte Italiens Regierung im Mai ein neues Sparpaket an, nachdem S&P die bisherigen Anstrengungen des Landes als unzureichend rügte.

S&P war es auch, die als erste der drei großen Agenturen die US-Politik unter Druck setzte, indem sie den Ausblick für die Bonität der größten Wirtschaftsmacht der Welt herabstufte. Inzwischen haben auch Moody's und Fitch nachgezogen. Und auch Großbritannien musste in der vergangenen Woche miterleben, wie die bloße Drohung einer Herabstufung das Pfund in den Keller trieb.

Börsenaufseher und Staatsanwälte ermittelten im Zusammenhang mit der Finanzkrise bisher dennoch lieber gegen die einfacher zu greifenden Banken. Die US-Investmentbank Goldman Sachs zahlte etwa in einem Vergleich mit der SEC 550 Millionen Dollar. Nach Informationen der Zeitung steht ein SEC-Vergleich mit der US-Großbank JP Morgan Chase kurz bevor.

Die Schonzeit könnte nun langsam zu Ende gehen - nicht nur in den USA: Außer der gefürchteten Börsenaufsicht ermitteln auch eine ganze Reihe an amerikanischen Staatsanwälten gegen die Wall Street. Die juristische Aufarbeitung der Finanzkrise hat in den USA ohnehin gerade erst richtig begonnen.

Auch in der EU bewegt sich etwas: Seit Dezember 2010 müssen sich die Rating-Agenturen von der europäischen Finanzaufsicht kontrollieren lassen, im Herbst soll eine weitere Verschärfung der Regeln folgen. Und das Europaparlament hat die EU-Kommission aufgefordert, eine zivilrechtliche Haftung der Agenturen für ihre Ratings zu prüfen und eine eigene europäische Rating-Stiftung aufzubauen - als Gegengewicht zu den amerikanischen Platzhirschen.

fdi/dpa

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Dr.
Redigel 17.06.2011
Interessant, da werden die bestimmt nicht auf die Erhöhung der Schuldenobergrenze warten, sondern gleich abstufen. *ironie*
2. ...
acitapple 17.06.2011
wow, nur 3 jahre nach dem crash ist die börsenaufsicht darauf aufmerksam geworden ? sind nicht die hellsten kerzen im kronleuchter, was ?
3. war zu erwarten
Nonvaio01 17.06.2011
naja es war ja zu erwarten das man einen schuldigen findet. Wer die wahrheit sagt (ueber Finanz gebaren) wird in den USA verklagt. Es kann doch nicht sein das eine rating Agentur auf missstaende hinweisst. Einfach lachhaft, wenn die Boersenaufsicht sich da mal nicht ins eigene Bein schiesst. Bei einer verhandlung muessen beweise auf den tisch, und da bin ich mir nicht sicher was die vorlegen wollen ausser gefakte zahlen.
4. Rating-Riesen
Hubert Rudnick, 17.06.2011
Zitat von sysopSie ist bei Banken gefürchtet - und legt sich nun mit den mächtigen Analysten an: Die US-Börsenaufsicht SEC erwägt laut einem Zeitungsbericht Betrugsklagen gegen die großen Rating-Agenturen. Ihre Fehlbewertungen hatten die Finanzkrise maßgeblich mitverursacht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,769070,00.html
Diese Rating Argenturen sind entweder nur Spekulanten und arbeiten für gewisse Kreise. Fachgerchte und ehrliche Arbeit können sie nicht abliefern, dass haben sie schon bewiesen. Das Bewerten bestimmter Wertpapiere scheint auch nur nach den Spielregeln einezelner Aufraggeber zu erfolgen, sie können sehr viel zum Untergang einzelner Firmen, aber auch Staaten beitragen. Ob sich das diese Leute auch bewußt sind, dass kann man bezweifeln, oder sie spielen dieses boshafte Spiel zu Gunsten Dritter. Wer überprüft eigentlich diese Ratingargenturen? Aber noch eines, Pleitegeier brauchen sich auch nicht beschweren, sie hätten es doch auch vorher schon wissen können, dass sie sehr Nahe am Abgrund wirtschaften. HR
5. Haben sie überhaupt verstanden um was es geht?
n.holgerson 17.06.2011
Zitat von Nonvaio01naja es war ja zu erwarten das man einen schuldigen findet. Wer die wahrheit sagt (ueber Finanz gebaren) wird in den USA verklagt. Es kann doch nicht sein das eine rating Agentur auf missstaende hinweisst. Einfach lachhaft, wenn die Boersenaufsicht sich da mal nicht ins eigene Bein schiesst. Bei einer verhandlung muessen beweise auf den tisch, und da bin ich mir nicht sicher was die vorlegen wollen ausser gefakte zahlen.
Offensichtlich scheinen sie das Thema nicht erfasst zu haben! Es geht nicht darum "die wahrheit sagt (ueber Finanz gebaren) wird in den USA verklagt"! Gerade das Gegenteil ist doch der Fall. Die Rating-Agenturen haben massiv versagt und absolute falsche Bewertungen abgeliefert... Wenn sie das Thema nicht erfassen, dann unterlassen sie doch einen Kommentar und unterlassen sie doch ihre haltlosen Unterstellungen. Der Diskussionspunkt ist doch, ob überhaupt eine Klagegrund vorliegt. Das die Agenturen falsche Zahlen geliefert haben, steht doch fest! Ihre Aussage "muessen beweise auf den tisch, und da bin ich mir nicht sicher was die vorlegen wollen ausser gefakte zahlen" ist doch wirklich Lachhaft. Das steht ja außer Frage! Haben sie in den letzten Jahren überhaupt mal eine Zeitung o.ä. gelesen? Wie gesagt, es ist nur fraglich, ob man aufgrund dieser falschen Angaben eine Klage einreichen kann. Wenn man z.B. nicht Vertragspartner war, was wäre dann der Klagegrund. Und auch bei Vertragspartner wäre doch immer die Frage, wie die entsprechenden Verträge (Haftungsausschluss) gestaltet sind...
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Die drei Rating-Riesen
Standard & Poor's
Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's . Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service , die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch Ratings
1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings . Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.

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Rating-Riesen: Die gefürchteten Drei
Rating
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall


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