Mittal-Stahlwerk in Florange Frankreichs Regierung droht mit Verstaatlichung

Wenn es um Arbeitsplätze geht, kennt Frankreichs Regierung kein Pardon: Sollte der Stahlkonzern ArcelorMittal seinen Standort im Nordosten des Landes wie geplant schließen, will Paris das Werk verstaatlichen. Der Unternehmer Mittal sei in Frankreich unerwünscht.

Standort Florange: "Denkbare Hypothese" einer vorübergehenden Nationalisierung
AP

Standort Florange: "Denkbare Hypothese" einer vorübergehenden Nationalisierung


Es geht um den Zusammenstoß von wirtschaftlichen und politischen Interessen, den Wettstreit großer Egos und um Tausende Arbeitsplätze: Der Kampf um den Erhalt des Stahlwerks ArcelorMittal in Florange, im Nordosten Frankreichs, ist zum Schauplatz eines symbolischen Showdowns geworden - zwischen dem Stahl-Weltmarktführer ArcelorMittal Chart zeigen und der Regierung von Präsident François Hollande.

Auf dem Spiel stehen nicht nur Wahlversprechen des Sozialisten, sondern die Zukunft der Region an der Grenze zu Luxemburg und Deutschland. Es ist ein mit Tradition beladener Standort der französischen Schwerindustrie. Bei der Rettung von mehr als 3000 Arbeitsplätzen - Zulieferer eingeschlossen - geht es auch um einen patriotischen Einsatz für das chronisch klamme Lothringen, wo einst der Stahl für den Bau des Eiffelturms produziert wurde. Für den Erhalt der Produktion "Made in France" droht die Regierung daher mit vorübergehender Verstaatlichung der Hochöfen von Florange.

Machtprobe mit der Regierung

Hier hatte Mittal Steel, ein Konzern mit einem Jahresumsatz von 73 Milliarden Euro und weltweit 260.000 Beschäftigten, vor sechs Jahren die französische Firma Arcelor erworben. Mit der Fusion wollte sich Unternehmenschef Lakshmi Mittal in Europa einen weiteren absatznahen Standort sichern. Die Übernahme war schon damals auf den Widerstand von Präsident Nicolas Sarkozy gestoßen, der dahinter ein "feindliches rein finanzielles Angebot", witterte.

Der Konzern konnte sich dennoch einkaufen, auch mit dem Hinweis, dass die Arbeitsplätze von Hayange erhalten blieben - das war allerdings vor der Krise. Schon zwei Jahre später waren die Versprechen gebrochen: Mit Überkapazitäten von 70 Millionen Tonnen Stahl allein in Europa und unter einem enormen Schuldendruck von 17 Milliarden Euro beschloss das Unternehmen, sieben seiner 25 Schmelzöfen zu schließen.

Es traf auch Florange, wo die zwei Öfen bald heruntergefahren wurden. Prompt geriet der Kampf um den Standort zum Tauziehen zwischen Gewerkschaften, Opposition und der damals rechten Regierung. "Wir sind zu den nötigen Investitionen bereit", gelobte Sarkozy damals, die 500 Millionen Euro wurden aber nicht gezahlt. Und trotz einer Untersuchung, die im Sommer 2012 den Hochöfen bescheinigte, sie seien "lebensfähig, verlässlich und rentabel", beschloss ArcelorMittal am 1. Oktober Florange zu schließen.

"Wir wollen Mittal nicht mehr in Frankreich"

Seither ist der Interessenkonflikt zwischen dem fünftreichsten Mann der Welt, Lakshmi Mittal, und der französischen Regierung zur Machtprobe geworden. Zwar konnte Industrieminister Arnaud Montebourg einen zweimonatigen Aufschub aushandeln, um die Hochöfen samt Kokerei und Stahlwerk internationalen Interessenten anzubieten. Doch ArcelorMittal weigerte sich, jenseits der Herstellung von Rohstahl auch die hoch-lukrativen Walzstraße mit abzugeben, wo Spezialstähle für Europas Autoindustrie gefertigt werden - zu den Kunden zählen VW, Mercedes und BMW.

Grund genug für Branchengrößen wie Severstal (Russland) oder Ascometal (Frankreich), ihr Engagement zu überdenken. Montebourg platzte daraufhin der Kragen. "Die Lügen von Mittal seit 2006 sind niederschmetternd", sagte er am Montag dem Wirtschaftsblatt "Les Echos". Bei einer Firmenbesichtigung am selben Tag legte er wütend nach. "Wir wollen Mittal nicht mehr in Frankreich." Und dann sprach er von einer "vorübergehenden öffentlichen Kontrolle" der ArcelorMittal Besitztümer am Standort Florange. Im Klartext: Verstaatlichung.

Der Rückgriff auf die Interventionspolitik der achtziger Jahre, als der sozialistische Präsident François Mitterrand eine Reihe von potenten Großunternehmen verstaatlichte, überraschte sogar Kabinettskollegen. Montebourg korrigierte seinen Ausfall - aber nur geringfügig: "Ich bin nur gegen die Methoden von Mittal in Frankreich, Methoden wie die Nicht-Einhaltung von Verpflichtungen, Erpressung und Drohungen."

Unverhohlene Drohung von Mittal

Im Umfeld des Unternehmers zeigte man sich "außerordentlich schockiert". Der Konzern reagierte jedoch mit Härte. Der Verkauf des gesamten Standorts "würde den gesamten Rest der Aktivitäten von ArcelorMittal in Frankreich gefährden, wo die Gruppe insgesamt 20.000 Menschen beschäftigt", lautete das Statement, das als unverhohlene Drohung formuliert war.

Allerdings dürfte das ein Bluff sein, denn in anderen Standorten wie Dünkirchen hat Mittal Steel seit 2009 in Hochöfen und Walzstraßen investiert. Grund genug für Präsident Hollande, sich bei dem Machtkampf mit dem Stahlunternehmer Lakshmi Mittal hinter seinen temperamentvollen Minister Montebourg zu stellen, trotz der möglichen Kosten für die Staatskasse. "Unser einziges Ziel besteht darin, die Arbeitsplätze am Standort Florange zu sichern", zitiert "Libération" einen Berater. "Wenn wir dabei eine vorübergehende Verstaatlichung vornehmen müssen, bis ein Käufer gefunden ist, dann ist das denkbar."

Und eine Möglichkeit, die nicht einmal konservative Abgeordnete abschreckt. Rund 40 Parlamentarier aller Parteien übten sich im patriotischen Schulterschluss und unterstützen die Forderung nach einer zeitweiligen Verstaatlichung.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ketzer2000 27.11.2012
1. Einfach Kante zeigen
... und verstaatlichen. Ohne Druck wird man da nichts bewirken können.
soznet1 27.11.2012
2. Mutig
Zitat von sysopAPWenn es um Arbeitsplätze geht, kennt Frankreichs Regierung kein Pardon: Sollte der Stahlkonzern ArcelorMittal seinen Standort im Nordosten des Landes wie geplant schließen, will Paris das Werk verstaatlichen. Der Unternehmer Mittal sei in Frankreich unerwünscht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/mittal-steel-florange-hollande-droht-mit-zeitweiliger-verstaatlichung-a-869602.html
loncaros 27.11.2012
3.
Enteignung der Superreichen ist der einzige Weg, ohne kompletten Neuanfang aus diesem Loch zu kommen.
paperbag 27.11.2012
4.
Zitat von sysopAPWenn es um Arbeitsplätze geht, kennt Frankreichs Regierung kein Pardon: Sollte der Stahlkonzern ArcelorMittal seinen Standort im Nordosten des Landes wie geplant schließen, will Paris das Werk verstaatlichen. Der Unternehmer Mittal sei in Frankreich unerwünscht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/mittal-steel-florange-hollande-droht-mit-zeitweiliger-verstaatlichung-a-869602.html
LOL Nun bereut es ArcelorMittal sicherlich in Frankreich investiert zu haben. Hätten Sie doch mal lieber ein paar mehr Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen. Man kann der Schwarz-Gelben Regierung zwar viel vorwerfen, aber Investoren werden wenigstens nicht vor den Kopf gestoßen.
Bourgeois2000 27.11.2012
5. Und was soll mit dem Stahl passieren, den keiner braucht?
Wie wäre es mit einer Stahlabgabe auf alle Bürger, die nicht mindestens 1 kg pro Tag kaufen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.