Geretteter Versicherungsriese: Volkszorn verhindert AIG-Klage gegen US-Regierung

Von , New York

Undank ist der Welt Lohn: Während der Finanzkrise rettete Washington die weltgrößte Versicherung AIG mit 182 Milliarden Dollar Staatsgeldern vor der Pleite. Der Konzern erwog tatsächlich, die Regierung auf Schadensersatz zu verklagen - die Angst vor einem PR-Debakel hielt ihn jetzt ab.

AIG-Gebäude in New York: "Wir meinten es ernst" Zur Großansicht
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AIG-Gebäude in New York: "Wir meinten es ernst"

Seit Neujahr läuft die Werbekampagne. Die TV-Spots zeigen Szenen der Naturzerstörung - Tornados, Hurrikane, Überschwemmungen, flankiert von fröhlichen Mitarbeitern des US-Versicherungsgiganten AIG. "Danke, Amerika", flöten sie in die Kamera. "Danke für die Freiheit, eine bessere Zukunft zu sichern."

Die seltsame Selbstvermarktung soll das lädierte Image von AIG polieren. Die weltgrößte Versicherung hatte sich 2008 so tief in die Kreditkrise spekuliert, dass sie nur als Regierungsbündel überlebte, mit 182 Milliarden Dollar vom Staat gestützt. Im Dezember zahlte AIG Chart zeigen die letzte Rate zurück, befreite sich aus Washingtons Schwitzkasten und macht seither wieder munter Geschäfte mit dem möglichen Unheil anderer. Ergo das große "Thank you".

Doch selbst diese etwas anmaßende Dankbarkeit hat nun offenbar ihre Grenzen: AIG erwog, die US-Regierung auf 25 Milliarden Dollar Schadensersatz zu verklagen - eben wegen ihrer freundlichen Finanzhilfe.

Richtig gehört: Der Konzern, der die USA fast mit in den Abgrund gerissen hätte, überlegte, sich für die größte staatliche Firmenrettung in der Geschichte Amerikas zu revanchieren, indem er den Rettern den Stinkefinger zeigt und noch mehr Milliarden einfordert. Jener Konzern, der, allen sonnigen TV-Spots zum Trotz, bis heute als Synonym für die Machenschaften gilt, die die Wall Street 2008 fast ausradiert hätten.

Stundenlang beriet der AIG-Aufsichtsrat an diesem Mittwoch. Auf der Tagesordnung stand dabei eine einzige Frage: Klagen oder nicht? Eine Entscheidung soll eigentlich erst bis Ende Januar fallen.

Aber dank des öffentlichen Aufschreis sahen sich die Direktoren genötigt, noch am Mittwochabend schnell wieder einen Rückzieher zu machen. Man sehe von dem Schritt nun doch "in vollem Umfang" ab, erklärte Aufsichtsratschef Steve Miller.

So unverschämt das auch klingen mag: Der Versicherungskonzern behauptet, er habe gar keine Wahl gehabt, als diesen abstrusen Schritt wenigstens in Betracht zu ziehen. "Wir meinten es ernst, als wir dem amerikanischen Volk dankten", rechtfertigte sich Vorstandschef Robert Benmosche. "Gleichwohl hat der Aufsichtsrat treuhänderische und juristische Verpflichtungen gegenüber dem Unternehmen und seinen Anteilseignern."

"Ausbund an Chuzpe"

Doch das PR-Desaster war schon vorab perfekt. Der scheidende Finanzminister Timothy Geithner und Zentralbankchef Ben Bernanke, die beide für AIG gekämpft hatten, sollen "hoch empört" gewesen sein. Top-Präsidentenberater David Axelrod griff zu Twitter, um allein die Erwägung einer Klage als "Ausbund an Chuzpe" zu verurteilen.

Die "New York Times", die diese abenteuerliche Geschichte zuerst enthüllte, sprach von einer "dreisten Zurschaustellung des Undanks", die die Spannungen zwischen der Wall Street und Washington nur verschlimmern würde. "Dies ist eine Ohrfeige für den Steuerzahler und die Regierung", zitierte sie den Juraprofessor Frank Partnoy, vormals ein Wall-Street-Banker.

Die neue demokratische Star-Senatorin Elizabeth Warren warf AIG vor, "die Hand zu beißen, die sie gefüttert hat". Der Kongressabgeordnete Elijah Cummings, ebenfalls ein Demokrat, monierte eine "unglaublichen Beleidigung". Nur die Republikaner hielten sich auffallend bedeckt.

Auch im Internet hatte es einen regelrechten Shitstorm gegeben. "Ich habe Mistgabel und Fackel bereit, wo ist die nächste AIG-Filiale?", drohte der Blogger Eric Colleary auf Twitter. "Greenberg ist ein Schwein mit der Integrität einer Hyäne und dem Stil einer Giftkröte", schrieb ein anderer Twitter-Protestler. Der Komiker Andy Borowitz publizierte einen satirischen Brief, in dem AIG noch mehr Staatsstütze fordert, um die Kosten der Klage zu decken.

Wie konnte es so weit kommen? Hintergrund des Aufruhrs ist eine alte Vendetta des früheren AIG-Chefs Hank Greenberg gegen die US-Regierung und das heutige AIG-Management. In seinem neuen Buch "The AIG Story", das Ende Januar herauskommt, wettert Greenberg nach Informationen des Wirtschaftsdienstes Bloomberg über seine Nachfolger: AIG sei "von einem Kader aus Rechnungsprüfern, Anwälten, außenstehenden Direktoren und Regierungsbeamten übernommen und in Grund und Boden zerstört" worden.

Greenberg war bei AIG schon 2005 unehrenhaft rausgeflogen. Er hält sich jedoch bis heute an der Spitze der Finanzfirma Starr International des 1968 verstorbenen AIG-Gründers Cornelius Vander Starr. Ende 2011 verklagten Starr International und Greenberg die US-Regierung wegen "verfassungswidriger" Übernahme des Versicherungskonzerns, in deren Zuge der Staat mit 92 Prozent der Anteile Mehrheitseigner bei AIG geworden war.

Greenberg reichte zwei Klagen ein, eine in Washington und eine in New York. Das New Yorker Gericht lehnte die Klage ab, der Fall liegt dort seither bei der nächsten Instanz. Das Gericht in Washington ließ die Klage dagegen zu.

Wurden die Aktionäre benachteiligt?

Nach Ansicht Greenbergs hat die Art und Weise, wie Washington AIG vor dem Bankrott bewahrte, die Aktionäre benachteiligt. Starr International war zuvor der größte Anteilseigner gewesen. Die Regierung habe Wucherzinsen verlangt und die Gewinne an AIG-Klienten weitergereicht, darunter die Wall-Street-Bank Goldman Sachs Chart zeigen. "Die Regierung hat kein Recht, die Rechte der Aktionäre und Eigner mit Füßen zu treten", heißt es in der Klage.

Das Verfahren zieht sich seit mehr als einem Jahr hin. Greenberg will 16 Millionen Aktenseiten einsehen. Sein Staranwalt ist David Boies, der im Streit um den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl von 2000 Vizepräsident Al Gore vor dem Supreme Court vertrat.

Und wie wurde der AIG-Aufsichtsrat nun in die Sache verwickelt? Da Greenberg im Namen der Aktionäre klagt und bis heute neun Prozent an dem Unternehmen hält, war auch AIG selbst gesetzlich gezwungen, Stellung zu nehmen. Hätte das Unternehmen das nicht getan, hätte es seinerseits verklagt werden können, wegen Vernachlässigung seiner Pflicht.

Der Aufsichtsrat hatte drei Optionen: Er konnte sich der Klage anschließen, er konnte Greenberg eine Klage in seinem Namen verbieten - oder ihm das erlauben, ohne sich selbst anzuschließen. Er wählte Option 2: Man werde "diesen Forderungen weder selbst nachgehen noch Starr erlauben, ihnen im Namen von AIG nachzugehen". Welche Folgen das für Greenbergs Klagen hat, blieb vorerst offen.

Neben Vorstandschef Benmosche sitzen in dem Gremium elf weitere Männer sowie eine einsame Frau. Bei der handelt es sich ironischerweise um Suzanne Nora Johnson. Sie war bis 2007 Vizechefin bei Goldman Sachs - also jener Bank, die laut Ex-Chef-Greenberg angeblich von der AIG-Rettung profitierte. Im Juli 2008 kam Johnson in den Aufsichtsrat, zwei Monate später gab die US-Notenbank die ersten Gelder für AIG frei.

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1.
deepfritz 09.01.2013
Wann man einem Skorpion das Leben rettet bedeutet dies nicht dass er einen später nicht doch sticht!
2.
BlakesWort 09.01.2013
Finde ich super! Eventuell erkennen dann Staat und US-Amerikaner, was sie für derartige Unternehmen sind: Wirtstiere.
3. jetzt...
galahad610 09.01.2013
...bin ich wirklich gespannt....ich arbeite im finanzbusiness,und sowas(sinngemäß) habe ich kommen sehen,aber mir war nicht klar WIE dreist das werden würde! meine persönliche einschätzung: mögen die usa,die ich wirklcih überaus schätze,endlich wach werden und ihre gesetzgebung reformieren,allein die zulassung dieser klage-wennwohl auch rechtens,offenbart die teilweise absurdität der gesetze...schauen wir mal.. :-)
4.
zero-bond 09.01.2013
Zitat von galahad610...bin ich wirklich gespannt....ich arbeite im finanzbusiness,und sowas(sinngemäß) habe ich kommen sehen,aber mir war nicht klar WIE dreist das werden würde! meine persönliche einschätzung: mögen die usa,die ich wirklcih überaus schätze,endlich wach werden und ihre gesetzgebung reformieren,allein die zulassung dieser klage-wennwohl auch rechtens,offenbart die teilweise absurdität der gesetze...schauen wir mal.. :-)
So eine Klage wäre auch in Deutschland wohl zulässig, ein Rechtstaat muss das abkönnen. Wenn der Staat bei seinem Markteingriff gegen geltendes Recht verstoßen hat, ist die Klage juristisch vertretbar, wenngleich moralisch eher fragwürdig. Etwas ähnliches gab es vor kurzem im Fall Schlecker als entlassene Mitarbeiter auf Wiedereinstellung trotz Insolvenz geklagt haben oder auch im Rahmen der Enteignung/Verstaatlichung der HRE.
5.
Zorpheus 09.01.2013
Manche Firmen müssen wirklich mal verstehen, dass sie nicht nur die derzeitigen Aktionäre zufriedenstellen müssen. Glauben die wirklich, dass sich so ein Verhalten langfristig rechnet?
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