Mögliche Kreditausfälle Landesbanken-Desaster gefährdet den Aufschwung

Die BayernLB verliert Milliarden, die WestLB gründet Deutschlands erste Bad Bank, die LBBW wird von der EU zusammengestutzt: Die Krise der Landesbanken hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Experten warnen vor einer verheerenden Kreditklemme - und sehen den Aufschwung ernsthaft bedroht.

BayernLB-Logo: Gravierende strukturelle Umbrüche
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BayernLB-Logo: Gravierende strukturelle Umbrüche

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Hamburg - Zu Beginn dieser Woche zeigt sich das Elend der Landesbanken mit geballter Wucht: Am Montag musste die BayernLB ihre sieche österreichische Tochter Hypo Group Alpe Adria in einer Hauruck-Aktion verstaatlichen lassen, um ein neue Pleitewelle im Bankensektor abzuwenden. Jetzt sitzt das Institut auf neuen Verlusten in Höhe von 3,7 Milliarden Euro und muss den Rücktritt seines Vorstandsvorsitzenden Michael Kemmer verkraften.

Ebenfalls am Montag startete die WestLB Deutschlands erste Bad Bank. Insgesamt 85 Milliarden Euro an faulen Krediten lagert das Geldhaus vorläufig aus seiner Bilanz aus.

Am Dienstag nun verdonnerte die EU die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zu gravierenden Umstrukturierungen. Das krisengeschüttelte Geldhaus müsse sich auf sein Geschäft in der Region Stuttgart konzentrieren und das riskante Investmentgeschäft aufgeben, entschied die Kommission. Die Bilanzsumme soll im Vergleich zu Ende 2008 um 40 Prozent sinken. Im Gegenzug erhält die LBBW milliardenschwere Hilfen.

Die Entwicklungen sind nur die neusten Erschütterungen eines verheerenden Bebens, das die Landesbanken seit Ausbruch der Finanzkrise durchrüttelt (siehe Fotostrecke). Einst galten die Häuser als zuverlässiger Partner der Sparkassen, als Kreditgeber des deutschen Mittelstands.

Heute sind nur noch ein Schatten ihrer selbst.

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Landesbanken-Probleme: Razzien, Bilanzkürzungen, Milliardenverluste
"Da kann man sich nur die Haare raufen"

In den Landesbanken-Bilanzen reißen immer neue Milliardenlöcher auf, Rating-Agenturen wie Standard & Poor's stufen ihre Kreditwürdigkeit herunter. Die HSH Nordbank spaltet sich auf EU-Geheiß auf, halbiert die Bilanzsumme ihrer Kernbank. Bei der LBBW starteten 240 Ermittler vor knapp einer Woche eine Großrazzia. Der Verdacht: schwere Untreue. "Manche Verwerfungen sind so groß, da kann man sich nur die Haare raufen", sagt Hans Peter Burghof, Bankenexperte an der Universität Hohenheim.

Noch schlimmer ist die Gefahr, die von den Instituten ausgeht: "Man sollte die Wirkung der Landesbanken auf die deutsche Wirtschaft nicht unterschätzen", sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor an der TU Darmstadt. "Sie tragen gut 20 Prozent der Mittelstandskredite." Sobald sich im kommenden Jahr der Aufschwung verstärke, werde die Nachfrage nach Krediten enorm wachsen. "Ist dann ein Fünftel des Finanzierungsmarkts gelähmt, wird das Wirtschaftswachstum gleich wieder abgewürgt."

Auch Burghof sieht diese Gefahr. "Die Dresdner Bank, ebenfalls ein großer Kreditgeber des Mittelstands, leidet unter einer dünnen Kapitaldecke. Die Deutsche Bank wählt ihre Kreditkunden oft sehr selektiv aus. Viele mittelständische Unternehmen haben nur bei den Landesbanken eine reelle Chance auf Darlehen", sagt er. Dafür aber bräuchten Geldhäuser wie die BayernLB, die LBBW oder die WestLB dringend frisches Eigenkapital. Und dieses könne nur von den Besitzern der Institute kommen: den Ländern und damit dem Steuerzahler. "Die Kreditfähigkeit der Landesbanken hängt damit von vielen politischen Unwägbarkeiten ab", sagt Burghof.

Stockende Restrukturierung

Unabhängig davon, wie lange und wie stark der Staat sie stützt: Als zuverlässiger Kreditgeber können viele der Landesbanken erst wieder agieren, wenn sie sich strategisch neu ausrichten. Einschneidende Veränderungen sind nötig - und einige davon werden ausgerechnet durch die Krise begünstigt.

Zu einer ersten richtigen Maßnahme drängt die EU-Kommission gerade jene Banken, die nur mit Hilfe von Staatsmilliarden überleben können. Sie zwingt die Institute dazu, ihre Finanzgeschäfte wieder auf ein gesundes Maß zurückzufahren. Seit 2005 hatten viele Landesbanken ihre Finanzmarkt-Aktivitäten deutlich ausgeweitet. Sie sogen sich mit Kapital voll, investierten dieses in Geschäfte, von denen sie oft genug zu wenig Ahnung hatten - und verloren letztlich Milliarden. "Die Chancen stehen gut, dass diese Zockerphase beendet ist", sagt Burghof.

Um trotzdem noch gut zu verdienen, müssten die Landesbanken allerdings in ihren Kerngeschäftsfeldern wieder höhere Erlöse erzielen: bei der Finanzierung von Auslandsgeschäften etwa oder bei der Vergabe größerer Firmenkredite. Doch dazu ist eine bessere Zusammenarbeit mit den Sparkassen vonnöten. Denn diese haben in den vergangenen Jahren zusehends Aufgaben der Landesbanken mit übernommen - und Institute wie die WestLB erst in gefährliche Finanzgeschäfte gedrängt. "Sparkassen und Landesbanken müssen wieder stärker kooperieren", sagt Schiereck. Dafür aber müssten die Sparkassen einen klaren Nutzen aus dieser Zusammenarbeit ziehen - und der sei derzeit nicht erkennbar.

Schlechte Aussichten für eine große Strukturreform

Schon die nötige strategische Neuausrichtung der Landesbanken ist also schwierig - die noch viel wichtigere große Reform des Landesbankensektors halten Experten gar für völlig utopisch: Damit die Institute wieder konkurrenzfähig werden, müssten einige von ihnen komplett schließen.

Im Herbst 2008 wurden solche Konsolidierungen noch heiß diskutiert. Gerüchte gingen um, die BayernLB und die LBBW würden sich bald zur SüdLB zusammenschließen, und die WestLB würde bald aufgelöst. "Solche Allianzen hätten den Vorteil, dass die Landesbanken unabhängiger würden", sagt Schiereck. "Man würde sie den Fängen der Ministerpräsidenten entreißen. Erst dadurch könnten sie sich nach ökonomischen Gesichtspunkten professionalisieren."

Inzwischen aber seien solche Konsolidierungsphantasien vom Tisch, die Reform stockt, ehe sie überhaupt begonnen hat. "Die meisten Institute sind momentan alles andere als fusionsfähig", sagt Burghof. "Wer eine Landesbank kauft, läuft Gefahr, dass sie binnen Monaten pleite geht - oder dass gegen ihn wegen Untreue ermittelt wird, weil er für das marode Institut einen zu hohen Preis akzeptiert hat."

insgesamt 307 Beiträge
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Seite 1
H.Ehrenthal, 28.02.2009
1.
Zitat von sysopDie internationale Finanzkrise hat auch die deutschen Landesbanken erreicht, die zum Teil in heftige Turbulenzen geraten sind. Sollte man sie angesichts der Probleme besser schließen?
Schließen wie Tür absperren? Oder in den Konkurs schicken? ALLE Unternehmen in "D", die überschuldet ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können, sind insolvent! Fälle für den Konkursverwalter. Sinnlos, für jede Dönerbude einen eigenen Thread zu öffnen.
E. Rolle, 28.02.2009
2.
Zitat von sysopDie internationale Finanzkrise hat auch die deutschen Landesbanken erreicht, die zum Teil in heftige Turbulenzen geraten sind. Sollte man sie angesichts der Probleme besser schließen?
Andere Frage, ging in Deutschland irgend ein Mensch davon aus, dass diese Landesbanken nicht in die Schieflage geraten? Die ganze Welt ließ unkontrolliert den Casinobetrieb laufen und wegen der gut funktionierenden Nachrichtenlage über zweistellige Gewinnmöglichkeiten, wollten natürlich ALLE mitmachen. Rettet nun die Canzlerin Merkel die HRE, muss konsequent JEDE Bank in Deutschland gerettet werden. Die Canzlerin hat nicht genau erklärt, warum sie die HRE rettet, also kann die nicht geäusserte Logik dann auch für jede Bankklitsche in Deutschland gelten, ob öffentliche oder private Bank. Gleiches Recht für alle, oder gilt das jetzt nicht mehr?
Liberalitärer, 28.02.2009
3.
Zitat von sysopDie internationale Finanzkrise hat auch die deutschen Landesbanken erreicht, die zum Teil in heftige Turbulenzen geraten sind. Sollte man sie angesichts der Probleme besser schließen?
Abwickeln sofort, die Dinger sind nicht systemrelevant und fügen dem Finanzplatz Deutschland immensen Schaden zu, sei Jahren.
M. Moore, 28.02.2009
4.
Zitat von LiberalitärerAbwickeln sofort, die Dinger sind nicht systemrelevant und fügen dem Finanzplatz Deutschland immensen Schaden zu, sei Jahren.
So genommen sind keine Banken mehr systemrelevant, sie machen eh' alle was sie wollen und ordnen sich wegen der ihnen gegeben Liberalität in kein System mehr ein. Daher alle bis auf die Bundesbank schließen und abwickeln, die HRE und Commerzbank zuallererst.
Bernhard Fischer 28.02.2009
5. Shut down... wir bezahlen nicht die Krise....
Zitat von sysopDie internationale Finanzkrise hat auch die deutschen Landesbanken erreicht, die zum Teil in heftige Turbulenzen geraten sind. Sollte man sie angesichts der Probleme besser schließen?
Schließt besser die EZB, die könnte auf Milliardenforderungen aus ihren Refinanzierungsgeschäften mit Geschäftsbanken sitzen bleiben. Danach kann man weiter sehen.....
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