Berlin - Ein fast sieben Jahre zurückliegender Mordfall könnte den Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé in Schwierigkeiten bringen: Menschenrechtler werfen dem Unternehmen vor, für den Tod des kolumbianischen Gewerkschafters Luciano Romero mit verantwortlich zu sein. Nestlé habe Schutzmaßnahmen für den Mann unterlassen, erklärten die Menschenrechtsorganisation ECCHR und die kolumbianische Gewerkschaft Sinaltrainal. Sie haben gemeinsam bei der Staatsanwaltschaft im schweizerischen Zug Strafanzeige gegen Nestlé und Manager des Konzerns eingereicht.
In dem Fall geht es nicht nur um den brutalen Mord an einem Menschen - das Verfahren könnte Signalwirkung dafür haben, inwiefern weltweit tätige Konzerne für Missstände und kriminelle Umtriebe in Konfliktregionen zur Verantwortung gezogen werden können. Die Menschenrechtler wollen erreichen, dass erstmals ein Schweizer Unternehmen für im Ausland begangenes Unrecht in der Schweiz haftbar gemacht werden könnte.
Der Gewerkschafter Luciano Romero wurde am 10. September 2005 in Valledupar im Nordosten Kolumbiens von Paramilitärs mit 50 Messerstichen ermordet. Er hatte jahrelang für die kolumbianische Nestlé-Tochter Cicolac in einer Milchpulverfabrik gearbeitet und war Mitglied im örtlichen Vorstand der Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal, berichtete die "tageszeitung". 2002 sei er im Zusammenhang mit einem Arbeitskonflikt bei Cicolac entlassen worden.
Befeuerten Manager die Wut auf den Gewerkschafter?
In Kolumbien seien Gewerkschafter und andere soziale Gruppen systematischer Verfolgung ausgesetzt, schreibt ECCHR in einer Mitteilung. Laut der Organisation hatte Romero vor seiner Ermordung Todesdrohungen erhalten. Zuvor habe ihn das lokale Nestlé-Management beschuldigt, einer Guerilla anzugehören. Ein Ex-Kommandant von Paramilitärs habe zudem ausgesagt, die Firma Cicolac habe Geld an seine Einheiten gezahlt, berichteten die Menschenrechtler. Nestlé bestreitet das.
Der Vorwurf von ECCHR und Sinaltrainal: Die Nestlé-Führung habe zwar vom Fehlverhalten ihrer Vertreter in Kolumbien und von der Bedrohung der Gewerkschafter vor Ort gewusst, sei aber nicht dagegen vorgegangen. Deshalb werfen die Menschenrechtler dem Konzern und einigen Managern vor, den Mord an dem Gewerkschafter fahrlässig nicht verhindert zu haben. Auch ein kolumbianischer Richter ordnete im Fall Romero eine Untersuchung an, ob Cicolac-Verantwortliche zu dem Mord angestiftet haben.
Nestlé erklärte gegenüber der "Süddeutschen Zeitung", der Konzern lehne jede Form von Gewalt ab. Die Details der Strafanzeige seien noch nicht bekannt. Laut ECCHR umfasst die Anzeige rund hundert Seiten, durch eigene Untersuchungen habe man Ermittlungsansätze geliefert. "Ob die Ermittlungen letztlich in einer Anklage münden, hängt von der Qualität der Ermittlungen und von der Bewertung der Staatsanwaltschaft ab", teilten die Menschenrechtler mit.
Firmen sollen ihr Verhalten in Konfliktgebieten überdenken
ECCHR wurde 2007 von Menschenrechtsanwälten gegründet. Die Organisation will anhand von Präzedenzfällen die Verantwortlichkeit bei Menschenrechtsverletzungen genauer klären.
Unabhängig vom Ausgang des Romero-Verfahrens gehe es darum, "dass durch die Prüfung unternehmerischen Verhaltens an strafrechtlichen Maßstäben auch die menschenrechtlichen Standards für Unternehmen in Regionen bewaffneten Konflikts und begrenzter Staatlichkeit für die Zukunft weiterentwickelt werden", erklärte ECCHR. Die strafrechtliche Aufarbeitung des Mordes an Romero könne so über den Einzelfall hinaus vielen multinationalen Unternehmen, die in Konfliktgebieten operieren, eine wichtige Hilfestellung für ihr Risikomanagement sein.
mmq
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