"Nuklearer Holocaust": US-Banker witzelten über Schrottpapiere
"Shitbag", "nuklearer Holocaust" oder "Subprime-Kernschmelze": Solche Vorschläge kursierten, als Mitarbeiter der Investmentbank Morgan Stanley im Frühjahr 2007 einen Namen für ein hochriskantes Finanzprodukt suchten. Wussten die Banker, dass eine Krise nahte?
Hamburg - "Mike Tyson's Punch-Out!!" lautete der Titel eines Nintendo-Videospiels von 1987. Zwanzig Jahre später, im März 2007, wurde der Name wieder aufgegriffen: in einer internen Diskussion von Mitarbeitern der US-Investmentbank Morgan Stanley
, die über die Benennung eines ihrer hochkomplexen Finanzprodukte berieten. Weitere witzig gemeinte Vorschläge waren "Killer", "nuklearer Holocaust", "Shitbag" und "Subprime-Kernschmelze". Das geht aus internen E-Mails hervor, die die US-Rechercheseite ProPublica veröffentlicht hat.
Die Banker waren auf der Suche nach einem Namen für ein verschachteltes Paket hochriskanter Hypothekenkredite im Wert von einer halben Milliarde Dollar. Kurz nach dem zynischen Brainstorming gaben die Banker dem Produkt den nüchternen Namen "Stack 2006-1" und verkauften es an eine chinesische Bank. Als die Immobilienblase in den USA kurze Zeit später platzte, verlor das Paket fast seinen gesamten Wert.
Auch eine taiwanische Bank kaufte den Amerikanern einen Teil der toxischen Papiere ab. Sie klagt jetzt vor einem New Yorker Gericht gegen Morgan Stanley - weil sie sich nicht ausreichend über die Risiken informiert sah. Die E-Mails gehören zu den Beweisstücken des Verfahrens.
Die Nachrichten legen nahe: Die Mitarbeiter waren sich offenbar im Klaren darüber, was sie ihren Kunden da anboten. "Stack 2006-1" war voll von faulen Krediten. Ahnten die Banker also, dass der US-amerikanische Immobilienmarkt in eine extreme Schieflage zu geraten drohte? Rechneten sie mit einer "Subprime-Kernschmelze", wie einer der Vorschläge lautete?
Großbanken vor Gericht
Morgan Stanley weist diesen Verdacht zurück: Zwar enthalte die fragliche E-Mail "unangemessene Sprache und den schlechten Versuch, witzig zu sein", doch sei ihr Verfasser nur dafür zuständig gewesen, Transaktionen zu dokumentieren. "Es gehörte nicht zu seinen Aufgaben oder Fähigkeiten, den Zustand der Märkte oder die Qualität des angesprochenen Geschäfts zu bewerten."
Seit vergangenem Herbst müssen sich mehrere Großbanken vor Gericht für ihre Verfehlungen vor der Finanzkrise verantworten. Die amerikanische Regulierungsbehörde National Credit Union Administration hat gegen Institute wie JP Morgan
, Goldman Sachs
, Credit Suisse
oder UBS
Verfahren eingeleitet. Sie sollen ihre Kunden beim Verkauf von Paketen gebündelter Hypothekenkredite getäuscht haben.
Die einstmals toxischen Papiere, die auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 von der US-Notenbank Fed übernommen wurden, werden mittlerweile wieder gehandelt: Investoren können mit einzelnen Bestandteilen der strukturierten Produkte inzwischen wieder gute Geschäfte machen. Im Mai vergangenen Jahres kaufte die Deutsche Bank
ein solches Paket im Nennwert von 7,5 Milliarden Dollar. Zu den unterlegenen Bietern gehörte auch Morgan Stanley.
nwi
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