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Morgan Stanley: US-Großbank gerät in den Krisensog

Von , New York

Europas Bankenkrise erfasst die USA - und die Wall-Street-Größe Morgan Stanley trifft es besonders hart. Analysten ziehen schon Vergleiche zur Lehman-Pleite 2008. Der Chef des US-Instituts sieht sich nun sogar genötigt, seine Mitarbeiter mit einer internen Mail zu beschwichtigen.

Zentrale von Morgan Stanley in Manhattan: Die Euro-Krise kommt Zur Großansicht
AP

Zentrale von Morgan Stanley in Manhattan: Die Euro-Krise kommt

Das interne Memo ist "an alle Mitarbeiter" gerichtet und kommt von ganz oben. Sprich: vom Vorstandsvorsitzenden höchstpersönlich. "Eine Nachricht von James Gorman", steht in der Betreffzeile der E-Mail.

Gorman leitet den US-Finanzkonzern Morgan Stanley (MS) Chart zeigen. In jüngster Zeit, schreibt er an seine 63.000 Angestellten, habe es enorme "Verwirrung und Falschinformationen" über das Unternehmen gegeben. Gorman riet seinem Team, nicht darauf zu reagieren und "sich weiter auf euren Job zu konzentrieren".

Das Memo, am Montag verschickt und tags darauf an die Presse lanciert, ist ein außergewöhnlicher Schritt: Der Chef spielt Gerüchte herunter, denen er aber gleichzeitig neue Nahrung gibt, indem er sie eines Memos für würdig erklärt. Eine klassische Zwickmühle also: Schweigt er, könnte das Problem ausufern. Redet er, wird das Problem real.

Real sind jedenfalls schon die Schlagzeilen. "Ist Morgan Stanley das nächste Lehman?", fragt Paul La Monica, Finanzkolumnist für CNN/Money. "Angst um Morgan Stanley wird akut", meldet die "New York Times". "Die Situation bei Morgan", orakelt selbst das zurückhaltende "Wall Street Journal", "könnte fatal werden."

Doppelte Last drückt auf das Haus

Was ist los bei Morgan Stanley? Das Wall-Street-Haus mit dem weltgrößten Brokergeschäft ächzt, wie der Rest der US-Finanzbranche, unter einer doppelten Last - der andauernden Flaute daheim sowie der Euro-Krise jenseits des Atlantiks, in die die US-Banken über globale Milliardendeals mit verstrickt sind. Morgan Stanley scheint es dabei am schwersten zu haben: Der Aktienkurs sinkt rapide, die Kreditwürdigkeit leidet.

Und nun also das nächste Ereignis einer potentiell fatalen Kettenreaktion, die so ähnlich auch schon Lehman Brothers vor drei Jahren zum Verhängnis wurde - wachsende Negativ-Spekulationen in den Medien und den Märkten.

Im Zuge der damaligen Finanzkrise erhielt Morgan Stanley mit zehn Milliarden Dollar mehr Notgeld von der US-Regierung als sonst ein Wall-Street-Haus. Hinzu kam eine Neun-Milliarden-Dollar-Finanzspritze der japanischen Mitsubishi Group, bis heute der größte Morgan-Anteilseigner. Prestige und Einfluss der Firma mit Sitz unweit des Times Squares haben sich dennoch nie wieder vollends erholt.

Enge Verflechtungen mit Frankreichs Banken

Jetzt treibt die Pessimisten vor allem Morgan Stanleys finanzielle Verflechtungen mit den labilen Banken Frankreichs um. Ende 2010 bezifferte MS diese Positionen auf rund 39 Milliarden Dollar - weit mehr als sein Engagement bei anderen Euro-Banken, etwa in Deutschland (8,9 Milliarden Dollar) oder Italien (1,6 Milliarden Dollar).

Die Zahlen sind lange bekannt, haben aber durch die eskalierende Situation in Europa an neuer Prägnanz gewonnen. Zwar sollen Morgan Stanleys Frankreich-Außenstände inzwischen auf weniger als zwei Milliarden Dollar geschrumpft sein. Doch die Märkte zeigen sich beharrlich skeptisch - zumal Morgan Stanley ein Top-Akteur im globalen Derivaten-Roulette bleibt.

In den vergangenen drei Monaten sackte die MS-Aktie um mehr als 40 Prozent ab. Am vorigen Freitag brach der Kurs noch mal um 10,5 Prozent ein. Erst am Dienstag fing er sich wieder - eine Stunde vor Börsenschluss. Trotzdem hat Morgan Stanley in diesem Jahr mehr als die Hälfte seines Marktwerts verloren.

Auch auf dem Anleihenmarkt wird Morgan Stanleys Bonität mittlerweile als wackliger eingeschätzt als zum Beispiel die von - ausgerechnet - französischen oder italienischen Banken. Das zeigt sich an den Kosten der Absicherung von MS-Anleihen durch Credit Default Swaps (CDS): Anleger, die sich gegen eine Morgan-Pleite schützen wollen, müssen jährlich 643.000 Dollar pro zehn Millionen Dollar versicherter Kreditsumme hinblättern - so viel wie seit der Krise 2008 nicht mehr.

"Wir lagen falsch, Morgan-Stanley-Aktien zu empfehlen"

Eine andere "Verwirrung", die Bank-Chef Gorman offenbar mit seinem Memo aufklären will, betrifft den angeblichen Liquiditätsengpass des Konzerns. Investoren seien besorgt, "dass sich Morgan Stanley zu sehr auf kurzfristige Kredite stütze oder keine signifikanten Einlagen habe wie die großen Geschäftsbanken", schrieb die "New York Times" noch vorige Woche.

Gorman verweist als Gegenargument auf zwei kürzliche Berichte von Wall-Street-Analysten. In dem einen nennt Matthew Burnell von Wells Fargo das Frankreich-Risiko Morgan Stanleys "recht überschaubar": Dieses würde sich nur noch auf höchstens 1,4 Milliarden Dollar belaufen, sollte Morgan Stanley zum Quartalsende zusätzliche Absicherungsgeschäfte einrichten. Im zweiten Report sieht Howard Chen (Credit Suisse) selbst eine Euro-Pleite für Morgan Stanley als relativ "verdaubar".

Was Gorman verschweigt: Chen ist in seinem Bericht alles andere als optimistisch. Das zeigt schon der erste Satz: "Wir lagen falsch, MS-Aktien zu empfehlen."

Analyst Brad Hintz (Sanford), selbst vormals Schatzmeister bei Morgan Stanley, kam dagegen seinem Ex-Arbeitgeber zu Hilfe. In einem Bericht spielte er die Frankreich-Verbindungen herunter: Die Realität sei rosiger, als es die Zahlen vermuten ließen. "Mit denen scheint alles okay zu sein", fügte er in der "New York Times" hinzu: Morgan Stanley scheine keine Liquiditätsprobleme zu haben.

Großaktionär Mitsubishi Chart zeigen sprach Morgan Stanley am Montag demonstrativ sein Vertrauen aus. Auch ermunternde Nachrichten aus Europa halfen, den MS-Kurs zu stabilisieren. Doch auf solche äußeren Einflüsse allein wird sich die Firma nicht stützen können. Mehr Klarheit, so hoffen die Investoren, dürften die nächsten Quartalsergebnisse bringen, die übernächste Woche anstehen.

Bis dahin müssen sich Gorman & Co. allerdings weiter mit Gerüchten, Spekulationen und Kurskapriolen abfinden. Doch keine Sorge, schreibt Gorman in dem Memo: "In fragilen Märkten, in denen Furcht über gesunden Menschenverstand triumphiert, passiert so was nun einmal."

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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fakten zur Euro-Zone

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