Großmarkt Pokrowskaja Das Schwarze Loch von Moskau

Nach dem Mord an einem Russen richtet sich der Zorn der Moskauer auch gegen den gigantischen Großmarkt Pokrowskaja. Vor allem Menschen aus Zentralasien und dem Kaukasus handeln dort mit Obst und Gemüse. Das Gelände gilt als Mafia-Hochburg. Jetzt machen Behörden den Markt vorerst dicht.

AP

Von , Moskau


Als die Kameras des russischen Fernsehens aufziehen vor den Toren des "Frucht- und Gemüsemarkts Pokrowskaja", schicken die wahren Herrscher des weitläufigen Großmarkts die Verkäuferinnen vor. Während Männer in dunkle Geländewagen steigen, um die Szene aus sicherer Distanz zu verfolgen, reden Frauen auf die Reporter ein. Es geht um Tomaten aus dem Süden Russlands und um Weintrauben aus Moldawien.

Seit Tagen halten die Behörden den Großmarkt geschlossen. Larissa, die Frau eines Bauern aus Astrachan, wollte die Ernte in Moskau verkaufen. "13 Tonnen Paprika habe ich im Lastwagen liegen", sagt sie. "Die Ware vergammelt seit diesem verdammten Sonntag."

An diesem "verdammten Sonntag" war eine aufgebrachte Menge vor die Pokrowskaja gezogen, darunter wütende Anwohner des angrenzenden Wohnviertels Birjuljowo-West sowie aggressive Rechtsextreme aus anderen Vierteln. Auslöser war der Tod eines jungen Mannes: Jegor Scherbakow war in der Nähe des Großmarkts niedergestochen worden.

Zeugen beschrieben den mutmaßlichen Täter als "Nicht-Russen". Für viele schien klar, dass der Mörder im Umfeld des Großmarkts zu suchen sei: In Moskau kontrollieren Männer aus dem Kaukasus und Zentralasien seit zwei Jahrzehnten den Handel mit Obst und Gemüse. Die Pokrowskaja ist der größte der Moskauer Umschlagplätze. 35 Hektar ist das Areal groß und verfügt über 1600 Lkw-Stellplätze. 40 bis 50 Prozent aller Moskauer Gemüselieferungen werden hier abgewickelt. Jahresumsatz: neun Milliarden Dollar.

Kampf um die Kontrolle des Großmarkts

Es ist ein lohnendes Geschäft. In Moskau sind Obst und Gemüse im Schnitt deutlich teurer als in Deutschland. Ein Grund dafür dürften die Aufschläge sein, die kriminelle Mittelsmänner verlangen. Pro Tonne müssen Händler rund 100.000 Rubel an die Mafia zahlen, umgerechnet 2300 Euro. Doch so hoch die Gewinne, so hoch ist auch das Risiko: Seit 2007 sollen rund 20 Mafia-Morde im Zusammenhang mit dem Kampf um die Kontrolle des Großmarkts stehen.

Aus Furcht vor dem Volkszorn rückten nach den Unruhen Hundertschaften der Polizei zu einer Razzia auf dem Großmarkt aus, unterstützt von gepanzerten Fahrzeugen. 1200 Migranten wurden vorläufig verhaftet, bei Durchsuchungen fanden die Ermittler einige Messer und Schreckschusswaffen. Das Gesundheitsamt schloss den Markt, erst für einen "Reinigungs-Tag", dann für fünf.

Larissa, die Verkäuferinnen am Tor regt das auf. "Wir verurteilen den Mord wie alle anderen", sagt sie. "Aber wieso müssen wir für eine Tat büßen, die nichts mit dem Großmarkt zu tun hatte?". Die ersten Ermittlungsergebnisse bestätigen das. Innenminister Wladimir Kolokolzew ließ sich einen Verdächtigen vorführen, das Fernsehen berichtete live. Bei dem mutmaßlichen Mörder handelt es sich um einen Mann aus Aserbaidschan, der als Taxifahrer gearbeitet hatte. Er ist geständig, gibt aber an, aus Notwehr gehandelt zu haben. Die Festnahme zeige, dass "die Polizei in der Lage ist, jede Aufgabe zu erfüllen, die das Volk stellt", sagte Kolokolzew.

Ungleich schwieriger als die Verhaftung eines Einzeltäters wird für die Behörden aber die Neuregelung des Großhandels, die sich viele Russen wünschen. Die Machtverhältnisse in dem Sektor sind unübersichtlich. Offiziell gehört der Großmarkt Pokrowskaja zwei Geschäftsleuten aus Dagestan, Aliaschab Gadschiew und Igor Isajew. Für einige Überraschung sorgte in Moskau die Meldung, dass es sich dabei trotz der unterschiedlichen Nachnamen um Brüder handelt. Isajew hatte seinen Namen ändern lassen, weil der alte in Datenbanken der Polizei auftauchte, wie die russische Ausgabe von "Forbes" berichtet. Nach den Unruhen hüllen sich beide Inhaber in Schweigen.

In der Öffentlichkeit deutlich präsenter ist dafür der sogenannte "Ehrenpräsident" des Marktes: Magomed Tolbojew ist ein berühmter Mann. Er trägt den Titel "Held Russlands", war einst Testpilot des sowjetischen Space-Shuttle-Konkurrenten "Buran" und gilt in Moskau als gut vernetzt. Im letzten Wahlkampf war er einer von 500 "Vertrauensleuten", offiziell ernannten Wahlkampfhelfern, die Wladimir Putin unterstützen durften.

"Schwarzes Loch"

Tolbojew repräsentiert die Pokrowskaja nach außen. Die wahre Markt-Macht aber stellen die Paten der Mafia. Im vergangenen Jahr flog eine Bande auf, die Händler von der Pokrowskaja entführte und erst gegen Lösegeld wieder freiließ. Moskauer Medien nennen den Großmarkt deshalb auch "Schwarzes Loch".

Seit Jahren tragen Verbrechersyndikate einen blutigen Kampf um die Kontrolle über die Pokrowskaja aus. 2007 trafen in einem Moskauer Café acht Kugeln Raguf Rustamow, der damals die Pokrowskaja kontrollierte. Rustamow überlebte zwar und floh nach Aserbaidschan, wurde dann aber in Baku von Killern erschossen.

Auch die neuen Herren des Großmarkts hatten Neider. 2011 versuchte ein gewisser Ilgar Dschabrailow, sie aus dem Geschäft zu drängen. Dschabrailow war ein Mann des einflussreichen Moskauer Mafia-Bosses Aslan Usojan, genannt "Onkel Hassan". Aus der Übernahme aber wurde nichts: Dschabrailow kam im April 2012 bei einem Attentat ums Leben. Anfang 2013 dann erschoss ein Scharfschütze im Zentrum von Moskau "Onkel Hassan".

Moskaus Behörden schienen sich dennoch kaum für das Treiben auf dem Markt zu interessieren: Jahrelang schrieben die Anwohner Eingaben, ohne Erfolg. Ihnen wurde beschieden, es handele sich bei dem Großmarkt eben um "ein strategisch wichtiges Objekt der Lebensmittelversorgung". Bis zum vergangenen Sonntag. Seitdem überbieten sich Moskaus Ämter mit Beanstandungen. Von "groben Verletzungen der Einwanderungs- und Arbeitsgesetze" spricht das Ermittlungskomitee, und die Gesundheitsbehörde von Arbeitern, die "ohne Gesundheitspass" mit Lebensmitteln arbeiteten.

Am Mittwoch wurde die Sperrung des Markts auf 90 Tage verlängert, erwogen wird eine Verlegung aus dem Stadtgebiet heraus. Neben einem Geländewagen steht ein Mann mit Sonnenbrille, der sich als Nadir vorstellt. Und wenn die Pokrowskaja gar nicht mehr öffnet? "Dann gibt es Krieg", sagt der Mann.

Der Autor auf Facebook

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gröfurz 17.10.2013
1. Der Anfang
"Und wenn die Pokrowskaja gar nicht mehr öffnet? "Dann gibt es Krieg", sagt der Mann." Der Bürgerkrieg ist in Russland doch bereits im vollen Gange. Ereignisse wie vom vergangenen Samstag finden alle paar Wochen irgendwo im russischen Riesenreich statt. Erst in diesem Sommer war die gesamte Kreisstadt Pugatschow auf den Beinen und forderte die "Deportation der Tschetschenen". Straßen waren blockiert, die Armee rückte mit Panzerfahrzeugen an. Russland steuert sukzessive ins Chaos und in den erneuten Staatszerfall. Die Ausschreitungen um den Moskauer Großmarkt, Pugatschow, Kondopoga, Manegenplatz u.a. waren nur der Anfang der kommenden "Krise weltpolitischen Ausmaßes zwischen Smolensk und Wladiwostok"(Scholl-Latour). Russland wird enden wie die Sowjetunion geendet ist.
kernkraft 17.10.2013
2. Geld regiert die Welt!
Es ist erbärmlich was in dieser Welt so alltäglich ist! Es wundert mich allerdings auch nich im geringsten, dass die Einwohner eigeninitiative ergreifen, wenn Staat dem Treiben nur zusieht, ohne etwas dagegen zu unternehmen.
steevieb 18.10.2013
3. hmmm
2300 Euro pro Tonne Schmiergeld für die Mafia? das wären 2,30 pro kilo was ich stark bezweifeln möchte
Bernd.Brincken 18.10.2013
4. Medien Perspektive
Mag alles richtig sein, was der Autor berichtet. Und es macht auch Sinn, dass ausländische Medien wie der Spiegel darüber berichten. Allerdings muss man auch Fragen, warum aus Russland ein solches Übergewicht von negativ-Berichten kommt. Für jeden Besucher von Moskau, und auch anderen Städten des Landes, ist seit einigen Jahren ein deutlicher Aufschwung sichtbar, über den man in kleinen und großen Geschichten ebenso berichten könnte, wie das bei USA, Europa und auch China immer wieder geschieht. In dem Kontext wäre dann auch Kritik aus dem Westen an Problemfällen glaubwürdiger.
nigulka.1980 22.10.2013
5. optional
Die Festnahme von Orhan Zeynalov wurde mit massenhaften Verletzungen bestanden. Der gesamte Prozess wird als ein Spektakel entwickelt. Solche in Russland war noch nicht. Offenbar wurden in den Kreml neue Techniken verwertet. Die Russische Medien, die Nähe zu der Regierung sind, haben alles getan, um den Konflikt anzuheizen und die Menschen auf die Straße zubringen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.