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Nach Rettungsaktion: EZB dämpft Hoffnungen auf Krisenende

Die Euphorie über die weltweite Rettungsaktion der wichtigsten Notenbanken ist schon nach einem Tag wieder verpufft. Die Europäische Zentralbank will nach eigener Aussage nicht auf Dauer zur Krisenlösung einspringen. Und das Misstrauen der Banken untereinander wächst.

Börse in Frankfurt: Enttäuschung nach dem Jubel Zur Großansicht
REUTERS

Börse in Frankfurt: Enttäuschung nach dem Jubel

Brüssel - Der Jubel an der Börse war groß, als die Meldung am Mittwochmittag um 14 Uhr über die Nachrichtenagenturen lief: In einer gemeinsamen Aktion wollen die größten Notenbanken der Welt frisches Geld in die Finanzmärkte pumpen und vor allem europäische Banken mit günstigen Dollar-Krediten versorgen, an die sie sonst derzeit nur schwer rankommen.

Als Reaktion auf die Meldung sprang der Deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen um fünf Prozent nach oben - und Finanzexperten jubilierten, dies sei das erhoffte Zeichen, dass die Notenbanken als Retter in der Schuldenkrise einspringen werden.

Nicht mal einen Tag später dämpfte ausgerechnet der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, die aufgekommenen Hoffnungen. Die Krisenmaßnahmen der EZB "können nur begrenzt" durchgeführt werden, sagte Draghi am Donnerstagmorgen in einer Rede vor dem Europäischen Parlament.

Gemeint haben dürfte er damit vor allem die Aufkäufe von Anleihen aus europäischen Krisenstaaten. Seit Mai 2010 hat die Notenbank bereits mehr als 200 Milliarden Euro ausgegeben, um Staatspapiere aus Griechenland, Portugal, Irland, Italien und Spanien vom Markt zu nehmen und so die Zinsen für diese Papiere zu drücken.

Mehrere Euro-Länder, aber auch die US-Regierung und wichtige Ökonomen, fordern, die EZB müsse diese Käufe unbegrenzt ausweiten. Auch an den Finanzmärkten hoffen die Anleger auf einen solchen Weg aus der Krise.

Die Banken bunkern mehr Geld bei der EZB

Draghi deutete vor dem Europaparlament erneut an, dass die EZB diese Hoffnungen nicht erfüllen wird. Die "außergewöhnlichen Maßnahmen" der Notenbank könnten nicht unbegrenzt fortgesetzt werden. Ihre Politik werde vielmehr weiter auf Preisstabilität abzielen, sagte der Italiener. Bei einem großangelegten Ankaufprogramm fürchten viele Experten dagegen steigende Inflationsgefahren.

Die Finanzmärkte reagierten enttäuscht auf Draghis Äußerungen. Statt der erwarteten Fortsetzung der Kursgewinne gaben die Aktienindizes leicht nach. Der Dax fiel zeitweise um ein Prozent, erholte sich im Tagesverlauf aber wieder etwas.

Grund für die Erholung war eine geglückte Auktion spanischer Staatsanleihen, mit der die Regierung in Madrid am Donnerstag 3,75 Milliarden Euro einnahm. Allerdings muss Spanien den Anlegern für die Papiere mit Laufzeiten bis 2015 so hohe Zinsen zahlen wie seit 14 Jahren nicht mehr. Die Rendite stieg auf knapp 5,2 Prozent. Bei einer ähnlichen Auktion im Oktober hatten sich die Investoren noch mit 3,7 Prozent zufriedengegeben.

Zwischen den Banken zeichnete sich allerdings keine Verbesserung der Lage ab. Im Gegenteil: Die Institute leihen sich gegenseitig offenbar immer weniger Geld. Abzulesen ist das an den Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB. Am Donnerstag stiegen die eintägigen Einlagen erstmals seit Sommer 2010 über die Marke von 300 Milliarden Euro, wie die EZB in Frankfurt mitteilte. Mit 304 Milliarden Euro markierten sie den höchsten Stand seit Ende Juni 2010. Der Rekordwert liegt bei rund 384 Milliarden Euro. Er wurde Anfang Juni 2010 erreicht.

Die eintägigen Einlagen der Banken bei der EZB gelten als Indikator für das Misstrauen der Institute untereinander. Normalerweise refinanzieren sich die Geschäftsbanken nur ungern über Nacht bei der Notenbank, da die Konditionen für sie ungünstig sind. Der direkte Handel zwischen den Banken ist aber - ähnlich wie in der Finanzkrise 2008 - erneut ins Stocken geraten. Genau darauf zielte die konzertierte Aktion der Notenbanken vom Mittwoch ab.

Draghi sagte, die Zentralbank sei sich der "andauernden Schwierigkeiten der Banken" bewusst. Er malte zudem ein düsteres Bild der Konjunktur in der Euro-Zone. Die Risiken hätten sich zuletzt wieder erhöht.

stk/dpa/Reuters

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Kann mir das mal Jemand erklären?
Johnny-C 01.12.2011
Ist nicht gerade die schier endlos wirkende Geldmenge verursacht durch Interbankenkredite ein Treiber von 2008 gewesen?
2. Nun........
Klaus.G 01.12.2011
was hab ich gestern hier gepostet. Märkte mit Geld fluten heitzt die Inflation an und verpufft schon am nächsten Tag. Und der DAX fällt auch schon wieder. Jeder der ein bischen Hirn hat konnte diese sinnlose Verzweiflungstat vorhersehen, positiver Effekt gleich Null...
3. Amerikanische Konzepte
twellb 01.12.2011
Jetzt haben sich FED und Wall Street und Rating Agenturen durchgesetzt: wieder wird die Geldmenge erhöht - die einzige Möglichkeit für die Amerikaner, den Greenback im Geschäft zu halten, war ein zwölfmonatiger Krieg gegen den Euro. Die Geldmärkte haben den Kuchen gefressen und lernen Stück für Stück, die Geldmenge für eine potentielle Unendlichkeit zu halten, die sich nicht in Kaufkraftverlusten widerspiegeln wird. Und die europäische Politik verharrt, statt endlich einmal identitätsstiftende Ordnungsfunktion auszuüben. Man läßt sich von GR und I vorführen und läßt sich einreden, der Euro gehe zuschanden, wenn man die Schwachköpfe in die euroferne Wüste schickt. Was, können die Iren jetzt fragen, nützt uns denn die knallharte Krisenbewältigung, wenn wirtschaftliche Analphabeten besser behandelt werden? Ich als Immobilienbesiitzer freue mich unbändig: meine Kredite werden durch die absehbare Kaufkraftverminderung real nichts mehr kosten und die Immobilienpreise werden durch die Decke gehen - Halleluja - aber wenn sowohl der Grundfreibetrag, das Existenzminimum als auch die Zinsen für Öffentliche schulden um 5 vH steigen, dann Gute Nacht, Frau Kanzlerin.
4. zu Befehl, Herr Obama
diwoccs 01.12.2011
Zitat von sysopDie Euphorie über die weltweite Rettungsaktion der wichtigsten Notenbanken ist schon nach einem Tag wieder verpufft. Die Europäische Zentralbank will nach eigener Aussage nicht auf Dauer zur Krisenlösung einspringen.*Und das Misstrauen der Banken untereinander wächst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,801042,00.html
Wenn die US Regierung das fordert, muss Europa natürlich stramm stehen und sofort dem Befehl folgen ? Ich nehme ungern Ratschläge von Versagern an, die ihre eigenen Probleme nicht im Griff haben.
5. wie gehabt
semaphil 01.12.2011
Zitat von sysopDie Euphorie über die weltweite Rettungsaktion der wichtigsten Notenbanken ist schon nach einem Tag wieder verpufft. Die Europäische Zentralbank will nach eigener Aussage nicht auf Dauer zur Krisenlösung einspringen.*Und das Misstrauen der Banken untereinander wächst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,801042,00.html
Dazu gibt es nichts weiter zu sagen
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.

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