Nachhaltigkeitsampel fürs Handy Scannen für eine bessere Welt

Eine neue Handy-Software gibt Verbrauchern den zweiten Blick auf Produkte: Was steckt im Essen, wie gehen die Hersteller mit ihren Mitarbeitern um, wie umweltschädlich ist die Ware? Die Erfinder der App wollen allerdings nicht als Gutmenschen gelten - sondern mit ihrer Idee Kasse machen.

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checkitmobile

Berlin - Benjamin Thym stieß auf viel Skepsis, als er seine Idee verkündete. Den gutbezahlten Job als Unternehmensberater aufgeben? Und stattdessen im Alter von 27 Jahren eine Firma gründen, die kostenlose Software fürs Handy anbietet?

"Meine Familie hat mich für verrückt erklärt", sagt er und grinst. 2007 war das. Seine Mutter habe erst verstanden, was er plante, als er ihr nach einem Jahr auf dem Handy zeigen konnte, wie seine Idee funktioniert.

2007 hat der Berliner mit zwei Freunden das Start-up barcoo gegründet - erst komplett eigenfinanziert, später mit einem Gründerstipendium der EU. Die Idee der Jungunternehmer: Verbraucher sollen erfahren, ob ein Produkt unter fairen Bedingungen hergestellt wurde, indem sie per Handy dessen Strichcode scannen. Angezeigt werden dann Preis, Inhaltsstoffe und seit dieser Woche auch, ob sich das Unternehmen sozial verantwortlich verhält (Corporate Social Responsibility) - also wie gut es mit Mitarbeitern umgeht und wie stark es die Umwelt belastet.

Die Software kann kostenlos in Apples App Store, Googles Android Market und auf der Seite www.barcoo.mobi heruntergeladen werden. Sie bündelt Informationen von Rankings, Firmenangaben und Nutzerbewertungen, in Zusammenarbeit mit dem Forschungsprojekt WeGreen der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. So wird bei der Corporate Social Responsibility die Position in insgesamt 18 Studien angezeigt, mit den Signalfarben grün, gelb oder rot - eine Nachhaltigkeitsampel soll das sein.

Kein Firmenbashing

Es gehe bei der Nachhaltigkeitsampel nicht darum, einzelnen Unternehmen zu schaden und sie als verantwortungslos zu brandmarken. Es gehe um Transparenz und darum, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, sagt Thym. Darum stört es ihn auch nicht, dass die Ampel bei manchen Firmen widersprüchlich ausfällt - und sowohl negative als auch positive Bewertungen zeigt.

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Startup barcoo: Nachhaltigkeit via Handy
Nach Angaben von barcoo haben bisher mehr als 500.000 Menschen die Anwendung heruntergeladen, nicht zuletzt wegen der Lebensmittelampel, die ebenfalls in dem Programm integriert ist. Sie zeigt auf dem Handy, was Verbraucherschützer und Ärzte seit langem auf Verpackungen fordern: rot, gelb und grün gekennzeichnete Informationen unter anderem zu Fett-, Salz- und Zuckergehalt eines Produkts.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch sieht barcoo deshalb durchaus mit Wohlwollen, genau wie das Konkurrenzprogramm Codecheck, das die gleiche Funktion hat. "Da wird deutlich, dass die Ampel ein geeignetes Instrument zur Kennzeichnung von Lebensmitteln ist", sagt Sprecher Martin Rücker. Allerdings könne die Software nicht die endgültige Lösung sein. Das sieht Thym ähnlich: "Die Lebensmittelampel gehört auf die Verpackung." Aber solange das nicht geschehe, könne man sich durch die Software informieren.

"Ich wollte einfach immer ein Start-up gründen"

"Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei vielen Konsumenten auseinander - 40 Prozent nennen sich selbst laut Studien kritisch, aber nur vier Prozent halten sich im Laden auch daran", sagt Thym. Er und sein Co-Geschäftsführer Tarik Tokic, 31, der vom mobilen Preisvergleichsportal woabi kommt, haben in diesem Widerspruch ihre Marktlücke entdeckt.

Sie sehen sich nicht als Ideologen, auch nicht als Weltverbesserer. Thym hat Wirtschaftsinformatik studiert und danach als Unternehmensberater für Deloitte und die Boston-Consulting-Tochter Platinion gearbeitet. Hat ihn sein schlechtes Gewissen im alten Job dazu gebracht, eine Software für das Gute auf den Markt zu bringen? "So war es wirklich nicht. Ich wollte einfach immer ein Start-up gründen", sagt der 29-Jährige.

Thym und Tokic möchten mit barcoo Geld verdienen. Zum einen durch Werbung - zum anderen durch ein paar Cent Beteiligung, wenn ein gescanntes Produkt im Online-Shop bestellt wird.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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Wintermute 29.03.2010
1. Toll, dass D-Land mehr als mäkeln und sich fürchten kann...
Ich glaube, dass Mobiltelefone mit schnellen Internetzugängen den Schlüssel zum nächsten wirklich großen Ding darstellen: Allen Formen von "augmented reality", wozu man im weitesten Sinn auch diesen Service von barcoo zählen darf. Kamera und Mikro erfassen Personen, Barcodes, Gebäude, Cover, Musikstücke, liefern die Daten bei einem Server ab - und der sagt dem Anwender binnen Sekunden, was er da gerade sieht/hört/kaufen will. Die Möglichkeiten sind atemberaubend: "alleswissende" Nachschlagewerke, mobile Tools für Forschung, natürlich auch Kontaktanbahnung, privat wie geschäftlich, Produktinformationen, Echtzeit-Übersetzung von Texten, Networking, Spiele, etc. etc. Über all das könnte man sich unterhalten. Das Einzige, was die Politik und die in Deutschland traditionell technophoben Meinungsführer aber zustande kriegen, ist lautes Krakeelen darüber, dass Google uns jetzt alle versklavt. Weil das Unternehmen Straßen fotografiert (was ich gelegentlich auch tue). Was da alles passieren kann! Und dann auch noch Wave und Buzz! Oder Google Goggles, das ähnliche Features wie barcoo bietet. Erkennt Kunstwerke und Bücher; da steckt sicher wieder so ein Datenkrakenplan dahinter! Denn: Musik saugen wollen sie da draußen alle gerne; aber online kooperieren und davon profitieren, dass nicht jeder in einer mentalen Burka herumläuft? Mein Gott; der Untergang des Abendlandes! Traurig - und eines Hightech-Landes unwürdig. Um so schöner, dass barcoo hier mit einer App Kontrapunkte setzt, die den Aspekt des "ethischen Einkaufens" mit einer schicken Softwarelösung verbindet. Hut ab, Jungs - und ich wünsche Euch viel Glück und Durchhaltevermögen im Land der Bedenkenträger. Aber wenn Ihr auch unternehmerisch fit seid, sind die Tickets Richtung Silicon Valley wahrscheinlich sowieso schon gebucht. Man wird nicht groß in einem Land, in der beinahe jedem zuerst mal allerkleinste Motive unterstellt werden.
oberst klein 29.03.2010
2. was soll das ?
ich finde die Geschäftsidee dämlich. Zitat Thym und Tokic möchten mit barcoo Geld verdienen. Zum einen durch Werbung - zum anderen durch ein paar Cent Beteiligung, wenn ein gescanntes Produkt im Online-Shop bestellt wird. Zitat Ende Warum sollte ich ein Produkt, das physisch vor mir steht, mit einem Telefon fotografieren und das Produkt dann mit einem nahezu unbrauchbaren Browser auf dem telefon im Internet bestellen ? Warum gehen Thym und Tokic nicht arbeiten ?
Ursprung 29.03.2010
3. Moegen sie bitte enorm verdienen!
Genau das ist, sofern nicht noch Wenns und Abers durchsickern: den Heuchlern und Verderbern von Nahrungsmittelprodukten mit den Giften Zucker, Fett und Salz, den Ausbeutern von Natur und Menschen in armen Produktionlaendern ist weder ueber die Politik, noch ueber die Gesetze beizukommen. Diese Firmen kaufen die Politiker ueber ihre Lobbis, verbiegen die Gesetze, bevor sie rechtskraeftig werden, bewegen sich in den Luecken globaler rechtsfreier Raeume. Diesen miesen Gewinnlern auf Kosten der Gesundheit, Natur und wuerdigen Arbeitsleben von Millionen ist nur mit Marktmacht beizukommen, nichts anderes wird fruchten. Mit der Scan-Idee fuer Nachhaltigkeit und rudimentaere Lebensmittelqualitaet ueber das Massenphaenomeen Mobiltelefon scheint da jemand eine Konzeptidee gefunden zu haben, die endlich manche geschaeftliche Verderber der Menschen und Erde erstmalig bei den cojones packt. Hoffentlich verdienen die Macher dieser Idee richtig viel Geld damit.
kuchenbob, 29.03.2010
4. .
Tolle Idee, wirklich. Funktioniert das auch mit Symbian S60 5th?
KayWest1978 29.03.2010
5. Mobil Shoppen
Super finde ich auch die Funktion, direkt aus Barcoo eine Produkt mobil zu bestellen. Ist super praktisch, wenn man z.B. gerade bei M***-Markt steht, einen Preisvergleich macht und das Produkt in einem Online-Shop deutlich günstiger findet. http://blog.discount24.de/v2/2010/03/discount24-produkte-jetzt-auch-uber-barcoo-mobil-bestellbar/
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