Österreichischer Bahnbetreiber Darum glaube ich an Nachtzüge in Deutschland

Die Deutsche Bahn streicht alle Nachtzüge - das Geschäft übernehmen die Österreichischen Bundesbahnen. Hier erklärt deren Chef Andreas Matthä, warum er so große Hoffnungen auf die deutschen Kunden setzt.

Nachtzug der ÖBB
ÖBB/Wegscheider

Nachtzug der ÖBB

Ein Interview von


Zur Person
  • ÖBB/Andreas Jakwerth
    Andreas Matthä, 54, ist seit Mai Chef der Österreichischen Bundesbahnen, nachdem sein Vorgänger Christian Kern Bundeskanzler von Österreich wurde. Ingenieur Matthä arbeitet seit 1982 bei den ÖBB in verschiedenen Positionen, unter anderem verantwortete er den Brückenbau und später das Controlling des Unternehmens.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Bahn sagt, für sie rechne sich der Nachtverkehr nicht. Die ÖBB übernimmt nun aber einen Teil der Strecken. Was können Sie besser als die Deutschen?

Matthä: Wir übernehmen etwa 40 Prozent der Strecken und haben alle Linien intensiv geprüft. Entscheidend ist für uns, Synergien zu unseren bestehenden Verbindungen zu generieren. Mit diesen Strecken werden unsere Kosten weniger stark steigen als die Umsatzzuwächse, die wir durch zusätzliche Fahrgäste haben werden. 17 Prozent unseres Umsatzes im Fernverkehr stammen schon heute aus dem Nachtverkehr. Daher hat dieses Nischengeschäft für uns einen höheren Stellenwert als für die Deutsche Bahn. Eine gute Kostenbasis ist im Nachtzugsegment entscheidend.

SPIEGEL ONLINE: Laut der Deutschen Bahn ist der Fuhrpark betagt und teilweise kaputt. Eine Erneuerung sei zu teuer. Nun übernimmt die ÖBB 42 Schlafwagen und 15 Liegewagen. Kaufen Sie Schrott?

Matthä: Nein. Die Schlafwagen, die wir kaufen, sind im Schnitt 13 bis 14 Jahre alt. Wir ersetzen damit bei uns Wagen, die schon 40 bis 60 Jahre alt sind. Wir bauen die Wagen in unseren Werkstätten um und sind froh, dass wir Waggons von der Deutschen Bahn erwerben konnten und investieren nun insgesamt 40 Millionen Euro in Kauf und Erneuerung.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen am 11. Dezember mit den für Sie neuen Strecken in Deutschland starten. Wird das nicht knapp, wenn Sie den deutschen Fuhrpark noch auf Vordermann bringen müssen?

Matthä: Wir übernehmen ja derzeit schon Wagen von der Deutschen Bahn. Ein paar Waggons werden wir vielleicht erst nach dem Stichtag umgerüstet haben, aber hier sind wir auf einem guten Weg.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es immer mehr schnelle ICE-Trassen, und auch das Fliegen ist heutzutage für viel mehr Leute erschwinglich. Warum sollte der Nachtverkehr da noch wachsen?

Matthä: Wir haben aktuell schon eine Millionen Reisende im Nachtverkehr und gehen von etwa 500.000 zusätzlichen Fahrgästen nach Markteinführung der neuen Strecken in Deutschland aus. Bis 2020 rechnen wir dann mit 1,8 Millionen zusätzlichen Fahrgästen. Es geht bei unserem Angebot nicht nur um den Nachtzug alleine, sondern auf vielen Strecken auch um die Möglichkeit, das Auto oder Motorrad auf der bequemen Bahnreise mitzunehmen. Wir glauben, dass der Autoreisezug gerade für Familien eine ideale Möglichkeit ist, entspannt in den Urlaub zu starten.

SPIEGEL ONLINE: Dann war die Deutsche Bahn also nicht wirklich clever, die Nachtzugverbindungen herzugeben?

Matthä: Es gibt unterschiedliche strategische Ansätze, was man mit dem zur Verfügung stehenden Netz macht. Für uns gibt es größere Möglichkeiten im Nachtreisezugverkehr, weil Wien geografisch doch etwas abseits der großen Metropolen Europas liegt. Ich schließe nicht aus, dass unser Nachtzugangebot in Deutschland in Zukunft auch noch größer wird, vorerst konzentrieren wir uns aber auf die Etablierung des neuen Angebots.

Streckennetz der ÖBB
ÖBB Heiderklausner

Streckennetz der ÖBB

SPIEGEL ONLINE: Warum übernehmen Sie nicht gleich alle Strecken der Deutschen Bahn? Die sehr stark frequentierte Route zwischen Zürich und Düsseldorf etwa geben Sie auf. Genauso wie die vom Rheinland nach Berlin.

Matthä: Wir haben in den Analysen gesehen, dass es eine sehr gute Nachfrage für die Strecke von Zürich nach Hamburg sowie zwischen Zürich und Berlin gibt. Das ergänzt sich wunderbar mit unserem Programm, weil wir in der ersten Nacht von Wien nach Zürich fahren und dann weiter von Zürich nach Berlin und wieder zurück. So bleibt die Kostenseite für uns im Rahmen, können wir Synergien nutzen. Auch wir würden in eine wirtschaftlich schwierige Situation kommen, wenn wir alle Strecken übernommen hätten. Mit unserem selektiven Zugang schaffen wir eine Win-win Situation: Für uns ist eine wirtschaftlich gute Basis für die Nachtzüge wichtig, die Kunden können ein stabiles Angebot nutzen und weiterhin am nächsten Morgen ausgeschlafen am Reiseziel ankommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Bahn will nach dem Ende der eigenen Nachtzüge nun auf normale ICs und ICEs im Nachtverkehr setzen, die ausschließlich Sitzwagen führen. Ist das harte Konkurrenz für Sie?

Matthä: Diese Angebote überschneiden sich nicht mit unserem Nightjets. Es gibt sicher ein preissensibles Publikum, das lieber IC fährt. Die Fahrt im Bett eines Nightjet-Liege- oder Schlafwagens bietet ein anderes Komfortniveau.

SPIEGEL ONLINE: Mit einem Thema könnten Sie es sich sehr schnell bei den deutschen Bahnfahrern verscherzen: Sie wollen nur für ein Jahr die deutsche BahnCard anerkennen, dabei ist die eine Art deutsches Nationalheiligtum. Was passiert dann?

Matthä: Wir werden uns das gemeinsam mit den deutschen Kollegen ansehen, weil es dabei ja um die Wechselseitigkeit von Transferzahlungen geht. Die Zufriedenheit unserer Kunden ist uns sehr wichtig, daher werden wir zumindest im ersten Jahr die DB-BahnCard voll anerkennen, obwohl es ein ÖBB-Zug ist, der auf komplett eigenes wirtschaftliches Risiko im deutschen Netz unterwegs ist. Jedenfalls aber wird es in den Nightjets auch in Zukunft preisgünstige Angebote wie etwa die Sparschiene geben.



insgesamt 52 Beiträge
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twofingersloth 30.10.2016
1. ÖBB herzlich willkommen !
Ich hoffe auf eine Bereicherung der Dienstleistungskultur auf der Schiene. Ich finde unsere Bahn ist weitaus besser als Ihr Ruf und hier ist wahrlich noch Luft nach oben. Angesicht des Streik Chaos am deutschen Himmel freue ich mich über jede Alternative im Fernreiseverkehr. Macht weiter so !!!
reflexxion 30.10.2016
2. DB - Ade! - ÖBB Klasse, vielen Dank!
Es freut mich wenn unsinnige Pläne der DB AG durchkreuzt werden. Dieser selbstgerechte Laden stinkt mir als Bahnfreund gewaltig. Echten Service gibt es da schon lang nicht mehr und alles ist nur auf Gewinnmaximierung ausgelegt (der Berliner Politik sei dank dafür!). Ich hoffe unse´re Nachbarn haben Erfolg mit den Zügen, auch Nischenprodukte können Kassenschlager werden.
leafs 30.10.2016
3. Ber - mun
Leider fällt München - Berlin komplett weg, aber trotzdem gut, dass die ÖBB ein paar Strecken übernimmt. Mir bleibt dann nur die Hoffnung bzw. das Warten auf die ab Ende 2017 angekündigte zwei Stunden kürzere Fahrzeit am Tag und bis dahin etwas bahnfahr-reifere Kinder ;-)
Tony 30.10.2016
4. Ich weiß nicht so recht...
...Ob sich das wirklich rentiert. Zumindest mitten in der Woche. Ich fahre in der Woche morgens um kurz nach 07:00 mit dem Nahverkehrszug von Koblenz ab und fast immer sehe ich den Auto-Nachtzug der ÖBB dort halten. Im Schnitt sind da so 2 Autos drauf, die Sitzabteile komplett leer. Wirklich, habe da noch nie eine oder mehrere Personen sitzen gesehen. Einmal ist aus einem Liegewagen eine Familie ausgestiegen, das war es soweit in einem Zeitraum von 2 Wochen. In der Ferienzeit mag das Geschäft wohl besser laufen aber so ? Kostet halt viel Geld so einen Zug, leer und mit Personal durch die Pampa zu schicken.
-wanderlust- 30.10.2016
5. Sehr schön
Traurig, dass es so weit kommen musste, aber Dank den Österreichern. Meinetwegen dürften sie gleich die ganze DB übernehmen, offenbar leiten die ÖBB Leute, die noch was vom Konzept Eisenbahn im eigenen Land halten und nicht größenwahnsinnig Projekte in Saudi-Arabien und weiß Gott wo finanzieren. Die DB ist irgendwie auch nicht willens, da was zu ändern.
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