Anlagenotstand Negativzinsen bescheren Rentenversicherung Verluste

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank trifft die Gesetzliche Rentenversicherung hart. Sie muss für angelegte Gelder Strafzinsen zahlen, statt wie früher Zinsen zu bekommen. Es entstehen Verluste in Millionenhöhe.

Deutschen Rentenversicherung in Berlin
imago/Jürgen Heinrich

Deutschen Rentenversicherung in Berlin


Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) belastet zunehmend Sozialversicherungen und staatliche Fonds. Sie erwirtschaften nur noch Minirenditen auf ihre gehorteten Milliarden und müssen zum Teil sogar Strafzinsen auf ihr Kapital zahlen. Die Gesetzliche Rentenversicherung habe für 2017 erstmals sogenannte negative Vermögenserträge von 49 Millionen Euro ausweisen müssen, schreibt das "Handelsblatt". Für das laufende Jahr rechne man mit einem negativen Wert in ähnlicher Höhe, zitiert die Zeitung aus einem Papier von Wilfried Husmann, Finanzchef der Deutschen Rentenversicherung.

Mit viel billigem Geld versucht die EZB seit Jahren, die Konjunktur anzukurbeln und zugleich die Inflation anzuheizen. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise senkte die EZB ihren Leitzins immer weiter ab. Inzwischen liegt er seit Jahren bei null - und soll mindestens bis "über den Sommer 2019" auf dem aktuell niedrigen Niveau bleiben.

Von Nationalbanken wie der Bundesbank verlangt die EZB seit Ende 2014 sogar Strafzinsen, wenn diese Geld bei ihr parken. Die Währungshüter wollen Banken auf diese Weise dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln. Diese Strafzinsen treffen auch Rentenversicherungen, weil sie ihr Geld zum Teil bei der Bundesbank horten und diese die Negativzinsen an sie weitergibt.

Andere Sozialkassen haben dem Bericht zufolge ebenfalls Probleme. Betroffen sind auch die gesetzlichen Krankenkassen. "Allein im ersten Halbjahr sind in der AOK-Gemeinschaft sechs Millionen Euro an Negativzinsen angefallen. Gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum bedeutet dies eine Zunahme um rund 25 Prozent", sagte der Chef des Finanzmanagements beim Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), Andreas Grein, dem "Handelsblatt". Künftig werde es noch schlimmer, weil gute Konditionen einiger Banken bald auslaufen.

Die Lage habe sich für alle Kassen in den vergangenen Monaten weiter zugespitzt, bestätigte auch Thomas Thierhoff, der Geschäftsbereichsleiter Finanzen und Controlling bei der Techniker Krankenkasse. Die Kasse habe im vergangenen Jahr Negativzinsen in Höhe von drei Millionen Euro zahlen müssen.

Ähnlich dürftig sieht es bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) aus. Die Behörde legt die Beitragseinnahmen ausschließlich in Tagesgeldern oder kurzfristig kündbaren Termineinlagen an. Die im Durchschnitt erzielte Rendite ist von 0,174 Prozent im Jahr 2012 auf 0,01 Prozent im vergangenen Jahr gesunken.

Mehr zu Thema: Warum Sparer auf höhere Zinsen noch lange warten müssen

Video: Reicht die Rente zum Leben?

SPIEGEL TV

hej/dpa



insgesamt 133 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lynx999 30.07.2018
1. Jetzt in Betongold anlegen!
Wir brauchen dringend bezahlbaren Wohnraum! Zahlreiche junge Familien hausen in viel zu kleinen Wohnungen - schlichtweg weil die Preise in die Höhe geschossen sind. Niedrige Zinsen helfen da kaum. Warum nicht jetzt die Überschüsse in der Rentenkasse heran ziehen für Wohnungsbauförderung?! Das kann langfristige Erträge für die Rentenkasse sichern und zugleich akut drängende Probleme lösen. Schlimmer als Negativzinsen zu bezahlen ist es garantiert nicht.
zauberschlumpf 30.07.2018
2. Nicht nur ein Problem der Sozialversicherungen ...
Die Minizinsen auf Kapital + ggf. Strafzinsen, treffen die privaten Versicherer genauso hart. Imho vielleicht sogar härter, weil die ja auch als Wirtschaftsunternehmen einen knackigen Profit für ihre Gesellschafter und Anteilseigner erzielen müssen. Ganz gleich ob Lebensversicherung, private Rentenversicherung oder was auch immer. Man sollte also wegen des Artikels nicht zu der irrigen Annahme kommen, das Geld wäre bei der kapitalgedeckten privaten Altersvorsorge besser angelegt als bei der gesetzlichen Rentenversicherung. Auch dann nicht, wenn beide unter den Niedrigzinsen zu leiden haben.
ernale 30.07.2018
3. #Rentnerbashing
....kann ja nicht jetzt erst aufgefallen sein, dass auch die RV sein wird. Und mal wieder geht es zu Lasten der kleinen Sparer, der "kleinen" Steuerzahler und der Rentner...Minuszinsen auf Guthaben bei einer Sozialversicherung, die eh schon über Jahrzehnte geplündert wurde...wer die Zeche zahlt, ist doch klar...
herbert 30.07.2018
4. Die EZB kann keine Zinsen erhöhen sonst sind die Mittelmeerstaaten
Pleite. Diese Staaten mit dem gigantischen Schuldenmachen überleben nur mit Null Zinsen der EZB. Der Dumme ist der Deutsche, der Null Zinsen bekommt für sein Geld und immer ärmer wird. Wir wäre es, wenn die Rentenversicherung mal an Aktien satt verdient und ihre starre Denke aufgibt?
fatherted98 30.07.2018
5. Nicht nur...
...die Deutsche Rentenversicherung...auch alle privaten Vorsorgemaßnahmen sind von der 0% Zins Politik von Herrn Draghi betroffen....nur scheint das niemand in der Politik zu jucken. Jahrelang bekam man vorgekaut privat vorzusorgen....sogar die Harzer sollten noch in eine Riesterrente einzahlen...weil es ja nichts Besseres gibt.....nun stehen wir vor den Scherben einer Merkelschen Europa-Euro-Politik. Ergebnis: Millionenn Armutsrentner denen nach 45 Arbeitsjahren und dem Abzug von Steuern und Kranken/Pflegeversicherung noch nicht mal 1000 Euro bleiben....wahrscheinlich viel, viel weniger. Juckt aber keinen der Pensionsberechtigten Abgeordneten....wir werden sehen wie die Mehrheit der Rentner wählen wird, wenn denn die Rente ansteht....dann wird der Aufschrei groß sein....evtl. entzieht man ja dann den Rentnern das Wahlrecht....weil schon 70 und eh plem plem (Autofahren dürfen die dann ja auch nicht mehr)....man darf gespannt bleiben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.