Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Schon die Kriterien, nach denen die Banken auf die Probe gestellt wurden, waren in der EU extrem umstritten. "Das Ergebnis der Diskussion war ein politischer Kompromiss", resümiert Merck-Finck-Analyst Konrad Becker. Die schlussendlich entworfenen Stressszenarien wurden von Bankern wie von Beobachtern harsch kritisiert. Bankexperte Wolfgang Gerke findet den Test "zu zahm".
Auch Udo Steffens, Präsident der Frankfurt School of Finance & Management, glaubt nicht, dass die Ergebnisse besonders aufschlussreich sind: "Kein Staat kann sich erlauben, dass ein Großteil seiner Banken diesen Stresstest nicht besteht", sagt er trocken. Dementsprechend sei er konzipiert.
Außerdem ist bislang noch völlig unklar, welche Daten eigentlich veröffentlicht werden sollen. Wegen der individuellen Gestaltung der Tests könnten die Ergebnisse schwer vergleichbar sein. Und ohne die Offenlegung der genauen Berechnungsmethoden seien sie ebenfalls wenig wert, sagt Analyst Becker.
In den betroffenen Banken weiß man derweil nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll - so zumindest fasst die "Börsenzeitung" ihre Gespräche mit Spitzenbankern zusammen. Schon die Frage, nach welchen Kriterien eigentlich die Note "Bestanden" am Ende von der Bankenaufsicht CEBS vergeben wird, ist demnach völlig unklar.
Zwar wird von Insidern in den vergangenen Tagen immer wieder die magische Grenze von sechs Prozent genannt: Darunter dürfe die Kernkapitalquote auch bei dem schlimmsten der drei Belastungsszenarien nicht rutschen. Nur: Eine verbindliche Größe ist das laut "Börsenzeitung" nicht.
Warnung vor Stresstest-Hype
Im Gegenteil: Das Blatt zitiert aus einem Schreiben der BaFin an die Banken, das geradezu aberwitzig erscheint. Darin werden die Institute gebeten, eine "Einschätzung" abzugeben, "welche Kernkapitalquote Ihr Haus auch im adversen Szenario des EU-Stresstests (...) mindestens noch ausweisen müsste, um die erwünschte Marktberuhigung erreichen zu können". So sollen die Banken also selbst beurteilen, ob ihre finanzielle Ausstattung reicht oder nicht.
An den Märkten allerdings dürfte die stoisch kommunizierte Marke von sechs Prozent mittlerweile die allgemein akzeptierte Benchmark sein - und auch das ist Experten zufolge ein Problem. Der Kölner Bankenprofessor Thomas Hartmann-Wendels warnte kürzlich vor dem "Hype", der um die Stresstests entstanden sei. Sie seien schließlich nur einer von vielen Indikatoren, "um zu sehen, wie stabil eine Bank ist". Auch Analyst Becker warnt: Es bestehe die Gefahr, dass die Daten "zu systematisch" interpretiert würden.
Trotzdem kann Becker dem Test auch Positives abgewinnen. Solche Belastungsproben könnten in der sonst so geheimnisumwitterten Branche für mehr Transparenz sorgen - und am Ende auch für mehr Einheitlichkeit bei der Bilanzierung. Allerdings nur dann, wenn der aktuelle Test nicht der letzte seiner Art sei. "Meine große Hoffnung ist, dass es zu einer Institutionalisierung des Prozesses kommt", sagt Becker.
Sollte man alle ein bis zwei Jahre einen neuen Probedurchlauf starten, würde auch ein weiteres Problem gelöst: Dieses Mal nämlich wird lediglich eine Krise nachgespielt, die den jüngsten Ereignissen in Europa nachempfunden wurde. Im Kern geht es um ein Szenario, in dem Länder in Finanzschwierigkeiten geraten. Die Aussagekraft ist dementsprechend begrenzt. Neue Tests aber könnten andere Gefahren simulieren, sagt Becker. Etwa einen Crash am Rohstoffmarkt oder einen Zusammenbruch des Immobilienmarkts in China. So würde das Wissen um die Stabilität der Institute Schritt für Schritt erweitert.
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