Angeblicher Boykott von Nestlé "Edeka lässt die Muskeln spielen"

Der größte deutsche Lebensmittelhändler legt sich mit Nestlé an, will angeblich den Verkauf von 160 Produkten stoppen. Der Handelsexperte Martin Fassnacht erklärt, ob Edeka damit erfolgreich sein kann.

DPA

Ein Interview von Dominik Reintjes


Machtkampf auf dem Lebensmittelmarkt: Der deutsche Händler Edeka will offenbar den größten Produzenten der Welt, Nestlé, mit einem Boykott zu niedrigeren Preisen zwingen.

Laut "Lebensmittel Zeitung" will die deutsche Handelskette einige Produkte des Schweizer Weltkonzerns nicht mehr nachbestellen und somit den Verkauf dieser Produkte stoppen. Grund dafür sei, dass Nestlé anderen Händlern die hauseigenen Produkte zu günstigeren Preisen anbiete als dem europäischen Einkaufsverbund Agecore, zu dem Edeka gehört. Bestätigt hat Edeka den Schritt bisher allerdings nicht.

Zur Person
  • Julia Berlin WHU
    Martin Fassnacht ist seit 2003 Professor für Betriebswirtschaftslehre an der WHU - Otto Beisheim School of Management in Vallendar. Seine Forschungsschwerpunkte sind Preismanagement und Handels- sowie Luxusgütermarketing.

Was ein möglicher Nestlé-Boykott für die Edeka-Kunden bedeuten würde und ob Edeka sich damit tatsächlich günstigere Einkaufspreise erkämpfen könnte, erklärt der Handelsexperte Martin Fassnacht.

SPIEGEL ONLINE: Edeka bestellt offenbar seit einigen Tagen keine Produkte vom Lebensmittelhändler Nestlé nach. Ein normaler Vorgang im deutschen Lebensmittelhandel?

Martin Fassnacht: Ungewöhnlich ist ein solcher Schritt nicht: Anfang 2014 führte Lidl einen ähnlichen Preiskampf mit dem Getränkehersteller Coca-Cola. Dass Edeka nun aber mehr als 160 Nestlé-Produkte boykottiert, erreicht eine ganz andere Dimension. Hier übt der größte deutsche Lebensmittelhändler immensen Druck auf den größten Lebensmittelproduzenten der Welt aus.

SPIEGEL ONLINE: Warum geht Edeka mit einer solchen Härte gegen Nestlé vor?

Fassnacht: Edeka lässt gegenüber Nestlé die Muskeln spielen. Eine ziemlich extreme Verhandlungstaktik, die eine Folge der hohen Wettbewerbsintensität im deutschen Lebensmittelhandel ist. Wenn Nestlé nun nachgibt und mit Edeka in Preisverhandlungen tritt, dann war die harte Strategie die richtige aus Sicht der Edeka-Gruppe.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt der Boykott Edekas Kunden?

Fassnacht: Den deutschen Verbrauchern nützt der Boykott der Nestlé-Produkte, wenn überhaupt, nur kurzfristig: Sollten bestimmte Produkte im Rahmen eines Ausverkaufs zu Niedrigstpreisen angeboten werden, freut das die Kunden. Allerdings schadet der Boykott kurzfristig Nestlé und Edeka selbst. Deshalb werden sie mit Sicherheit in Verhandlungen treten, um sich wahrscheinlich auf etwas bessere Konditionen zu einigen, zu denen Edeka die Nestlé-Produkte beziehen kann. Hier würde auch die Freude der Edeka-Kunden enden.

SPIEGEL ONLINE: Kann Nestlé gegen den Boykott der eigenen Produkte rechtlich vorgehen?

Fassnacht: Edeka kann frei entscheiden, welche Produkte in den Regalen der Märkte stehen. Daher ist der Boykott kartellrechtlich wahrscheinlich kein Problem. Selbstverständlich hat sich Edeka an geltende Verträge zu halten. Wenn Nestlé anderen Händlern tatsächlich Produkte zu günstigeren Preisen anbietet, dann ist Edekas Wunsch nach günstigeren Preisen nachvollziehbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie können eskalierende Preiskämpfe in Deutschland verhindert werden?

Fassnacht: Verhindern kann diese Preiskämpfe auch in Zukunft niemand. Es ist schlimm, dass es überhaupt zu einem so drastischen Schritt wie einem Boykott kommen musste. Durch wirklich praktizierte Partnerschaften zwischen Händlern und Herstellern könnte man einer solchen Eskalation ein Stück weit vorbeugen, solche Partnerschaften gibt es in der deutschen Konsumgüterlandschaft viel zu wenig.



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