Vormarsch auf Gesundheitsmarkt Wie nett, Nestlé achtet jetzt auf Ihre Ernährung

Von Kalorienbomben hat Nestlé angeblich genug. Der Schweizer Lebensmittelkonzern setzt künftig auf gesundmachende Nahrungsmittel. Ein Milliardenmarkt.

Kundin am Supermarktregal
DPA

Kundin am Supermarktregal

Von


Wie ein Schreckgespenst erscheint Nestlé manchen Menschen. Hinter mehr als 2000 Marken im Supermarktregal steckt der Schweizer Konsumgüterkonzern. Sein Geschäftserfolg und die schiere Größe mit Produkten von Nescafé über Kitkat bis zum Katzenfutter Felix machen das Unternehmen zur Reizfigur. Nun dehnt sich der Konzern noch weiter aus - gewissermaßen bis zum Joghurt mit Beipackzettel.

Nestlé Chart zeigen , das Produkte voll Fett und Zucker reich gemacht haben, soll nun genau das Gegenteil einen satten Ergebnisschub verschaffen: Nahrungsmittel, die gesünder machen.

Der Schweizer Konzern braucht einen Kick für sein Geschäft. Die bisherigen Produkte sichern nicht mehr das nötige Wachstum. Das fünfte Mal in Folge wird Nestlé dieses Jahr aus jetziger Sicht erneut niedrigere Umsatzzuwächse verbuchen. Der Konzern verliere - Zukäufe ausgeklammert - seit zehn Jahren Marktanteile, kritisiert Bernstein-Analyst Andrew Wood.

Nestlé nutzt die Chance für einen Strategiewandel. Denn mittlerweile sind Wissenschaftler dabei zu entschlüsseln, wie Lebensmittel auf den Körper wirken - und so gerät angesichts weltweit steigender Kosten für Gesundheitssysteme ein neuer Milliardenmarkt in greifbare Nähe. Der Konzern betritt dafür ein riskantes, weil unerforschtes Terrain, in das er viel Kapital investieren muss - und das auch für Verbraucher Gefahren birgt.

Mahlzeit gegen Alzheimer

Der Konzern will nun Lebensmittel personalisieren und mit passenden Mikronährstoffen anreichern. Biomarker sollen identifizieren, welchen Menschen was für Inhaltsstoffe bekommen. Die Gesundheitssparte des Schweizer Konzerns, Nestlé Health Science, schreibt bereits rund zwei Milliarden Euro Umsatz, etwa mit Spezialernährung für Kranke oder Allergiker.

Seinen Traum für die Zukunft hat Ex-Konzernchef und Chefaufseher Peter Brabeck-Letmathe im Buch "Ernährung für ein besseres Leben" wie ein Vermächtnis vor seinem Abgang im nächsten Frühjahr niedergeschrieben: Nestlé werde in Zukunft "immer spezifischere Ernährungsstrategien" erarbeiten. Selbst Krankheiten will Brabeck so heilen helfen: Alzheimer, Depressionen, Diabetes, Herz-Kreislauf-Probleme, Übergewicht. "Die neuen Nahrungsmittel werden sich gegen die großen Volkskrankheiten richten", sagt er.

Nestlé-Chefaufseher Peter Brabeck-Letmathe
REUTERS

Nestlé-Chefaufseher Peter Brabeck-Letmathe

Brabecks Vision: ein Nährstoffcocktail als Kapsel, so wie Nespresso heute Kaffee anbietet, oder das Essen vom hauseigenen 3D-Drucker passend zum gesundheitlichen Bedarf des Benutzers. "Das hört sich zwar noch wie Science-Fiction an, wird aber schon innerhalb der nächsten zehn Jahre Realität werden", glaubt Brabeck.

Vom Dickmacherkonzern zum Gesundheitsapostel - Nestlé muss eine Volte schlagen, um das nötige Vertrauen für diesen Schwenk zu gewinnen. Kritiker stellen den Großkonzern immer wieder an den Pranger: wegen seines Geschäfts mit Wasser in Trockengebieten, Kinderarbeit auf Kakaoplantagen, genmanipuliertem Mais. Auch den Vorwurf von Umweltschützern, Palmöl in Nestlés Schokoriegeln verstärke die Urwaldzerstörung, schüttelt der Konzern trotz des heute nachhaltigen Anbaus nicht ab. Die Kritik setzt Brabeck zu. "Die Tonalität, die ich höre, ist stets: Alles was wir machen, ist schlecht", sagt der 72-Jährige.

Vom Hassobjekt zum Heilsbringer?

Brabeck markiert nicht den Geläuterten. Es steckt knallhartes Kalkül hinter seinen Ideen. Der Gesundheitsmarkt verspreche ein wachstumsstarkes Geschäft, sagt er. Nestlé erreicht Gewinnmargen von 15 Prozent, Pharmakonzerne schaffen doppelt so viel. Sei es einst nur darum gegangen, die Menschen mit der nötigen Kalorienzahl zu versorgen, stehe heute die Qualität der Nahrung im Vordergrund, sagt Nestlés Chefkontrolleur. "Hinsichtlich der Ernährung stehen wir heute vor einem 'Reset'."

Der wird dringend nötig: Süße oder fettige Produkte geraten an den Pranger. Analystin Alexia Howard von Bernstein Research warnte jüngst, die Bedenken in den USA gegenüber Zucker nähmen spürbar zu, der Verkauf von Schoko-Süßigkeiten schrumpfe. In England haben Supermärkte Zuckerzeug aus der Nähe der Kassen verbannt - der Absatz mit Süßwaren sank um acht Prozent. "Lebensmittelkonzerne müssen sich dem Wandel stellen", sagt Karin von Funck, Konsumgüterexpertin der Boston Consulting Group (BCG). Der Trend zu gesundmachenden Lebensmitteln - sogenannten Nutraceuticals - materialisiere sich jetzt.

Noch ist der Anteil von funktionellem Essen, Getränken, Zusätzen und Vitaminen am Lebensmittelmarkt mit acht Prozent klein. Aber während die Erlöse bislang jährlich um 3,5 Prozent wuchsen, sind es jetzt zehn Prozent. Dadurch haben Nutraceuticals laut BCG-Analysen global 340 Milliarden Dollar Umsatz erreicht. "Bis 2020 erwarten wir einen Anstieg auf weltweit fast 550 Milliarden Dollar Umsatzvolumen", sagt BCG-Beraterin von Funck.

Es könne bald möglich sein, Arzneimittel durch spezielle Nahrung zu ersetzen, sagt Pharmaexperte Thilo Kaltenbach. "Die Forschung steckt gerade noch in den Anfängen, wenn es darum geht zu erkennen, wie sich Ernährung auf die Gesundheit auswirkt", sagt der Roland-Berger-Berater. "Künftig werden gesundmachende Nahrungsmittel eine ganzheitliche Behandlung von Patienten besser ermöglichen."

Risiken und Nebenwirkungen

Besonders interessant wird das Gesundheitsgeschäft für Lebensmittelkonzerne, wenn hochspezialisierte, heilende Stoffe in herkömmliche Produkte integriert werden. Mit der gesundmachenden Pizza statt der Pille könnten sich die Konzerne den Massenmarkt erschließen.

Gerade dann wird es jedoch heikel: Wer soll beispielsweise verhindern, dass Kunden zu viele mit hochspezialisierten Gesundmachern angereicherte Joghurts essen - und sich so schaden statt nutzen? Pharmahersteller solle Nestlé nicht werden, betont Verwaltungsratschef Brabeck. Ein Beipackzettel etwa an einer Fertigsuppe, geschweige denn eine Beratung etwa vom Arzt oder Apotheker, wie ihn Arzneimittel brauchen, schrecken ihn ab.

Dennoch müssen sich Lebensmittelkonzerne wie Nestlé oder Danone gerade Pharmakonzernen als neuen Konkurrenten stellen, um dieses vielversprechende Geschäft abzugreifen. Denn diese versuchen ebenfalls, den neuen Gesundheitstrend bei Nahrung durch eigene Produkte zu nutzen. Derzeit forschen etwa Sanofi und Abbott daran.

Beim Kursschwenk helfen soll Nestlé der neue Konzernchef Ulf Schneider. Der 51-jährige Deutsche führt bisher den Medizintechnikkonzern Fresenius und löst kommendes Frühjahr Nestlé-Chef Paul Bulcke ab, der wiederum Brabeck als Chefaufseher folgt. Schneider soll Nestlés größtes Manko auf seinem neuen Weg ausgleichen. Der Konzern agiere jetzt auf Gebieten, auf denen Nestlé überhaupt keine Ahnung habe, gibt Brabeck zu. Das sei ein großes Risiko. Um sich die Fähigkeiten für das neue Gesundheitsgeschäft anzueignen, kaufte Nestlé zuletzt bereits kleinere Pharmafirmen.

Auch eine straffere Regulierung droht den Lebensmittelkonzernen. Radikal siebt schon jetzt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA als gesundmachend ausgeflaggte Lebensmittel aus: 2008 schon erhielt sie 4000 Anfragen für die Zulassung von derart beworbenen Produkten - bis 2012 erlaubte sie nur 222 in der EU. Joghurthersteller Danone zog seine Anträge sogar vorsorglich zurück, mit denen er eine gesundheitsfördernde Wirkung seiner Kassenschlager Actimel und Activia bestätigt haben wollte.

insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dborrmann 22.11.2016
1. Wenn sich Nestlé durchringen kann....
auf faire, biologische, regionale Produkte umzusteigen, dann wäre es was Gutes. Aber glaubt irgend jemand, dass die das machen? Die rühren lieber synthetisches B12 in ihren Brei und sagen: Vitamin-Brei, toll! Gut für die Nerven.
benmartin70 22.11.2016
2.
Nestle hat für mich was von Monsanto = Evil Corp
zoza97 22.11.2016
3. Gesunde Nahrungsmittel ?
Selbst wenn... es bleibt immer noch:Tierversuche, Regenwaldzerstörung, Kinderarbeit, illegale Preisabsprachen, Gentechnik, Wasserabpumpen in ländlichen Gemeinden, ...
eggie 22.11.2016
4.
Mal ein bisschen Werbung machen für einen Konzern, der weltweit zb die natürlichen Wasserquellen in Beschlag nimmt und behauptet, keiner habe Recht drauf - außer Nestlé. Das nenn ich echten Journalismus.
griaseich 22.11.2016
5. was für ein Blödsinn
um betreffend Gesundheit den maximalen Benefit zu erzielen einfach unbearbeitete Lebensmittel (die ohne Verpackung) einkaufen und konsumieren, der Brokoli und das Steak immer noch das Beste.....rafft halt leider der Verbaucher nicht
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.