Hamburg - Er ist Kernstück der geplanten Energiewende: Der Ausbau der deutschen Stromnetze, durch den künftig Strom aus erneuerbaren Energien über das Land verteilt werden soll. Doch die geplanten Arbeiten kommen weiter nur im Schneckentempo voran. Die Fahrpläne für den Bau der vom Gesetzgeber als vorrangig bewerteten Leitungen habe teilweise erneut um ein oder gar zwei Jahre nach hinten korrigiert werden müssen, sagte der neue Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, am Freitag bei der Präsentation des Jahresberichts der Aufsichtsbehörde. "Für die Energiewende ist dies eine Besorgnis erregende Nachricht."
Nach Angaben der Netzagentur wurden bislang erst 214 von insgesamt 1834 Kilometern der von der Bundesregierung 2009 im Energieleitungsausbaugesetz als vorrangig beurteilten Neubautrassen fertig gestellt. Weniger als 100 Kilometer davon seien auch tatsächlich in Betrieb genommen worden. Die Planungen stammen noch aus der Zeit vor der Energiewende. Durch den nun geplanten massiven Ausbau der erneuerbaren Energien dürfte der tatsächliche Bedarf noch höher sein. Bis Anfang Juni wollen die Netzbetreiber einen Entwicklungsplan vorlegen. Daraus solle hervorgehen, wie viele Kilometer zusätzlich gebaut werden müssten, sagte Homann.
Homann warnte, die Gefahr von Stromausfällen sei nicht gebannt. "Die Situation ist angespannt." Zwar hätten im vergangenen Winter Blackouts vermieden werden können. Dennoch gebe es "keinen Anlass zur Entwarnung". Drei Mal hätten die Netzbetreiber auf die sogenannte Kaltreserve zurückgreifen müssen, um das Stromnetz stabil zu halten. Dabei handelt es sich um ältere Kraftwerke, die seit der Abschaltung von acht der 17 deutschen Atomkraftwerke 2011 für Engpässe bereitgehalten werden.
"Tempo hat seinen Preis!"
Homann kündigte an, die Netzagentur werde aus den gesammelten Erfahrungen Lehren für den kommenden Winter ziehen. Dazu werde der Vorschlag gehören, auf weitere Kraftwerksstilllegungen möglichst zu verzichten und alte Kraftwerke zumindest als Kaltreserve zu erhalten. So sei es in seinen Augen nicht sinnvoll, die alten Blöcke des Kohlekraftwerks in Datteln stillzulegen, solange das neue Kraftwerk noch nicht in Betrieb sei, sagte Homann.
Außerdem sei es wichtig, die Versorgung von systemrelevanten Gaskraftwerken zu sichern. Im vergangenen Winter waren ausgerechnet in der kritischsten Versorgungsphase mehrere solcher Kraftwerke wegen Gasmangel vom Netz genommen worden.
Keinen Hehl machte der Netzagentur-Chef daraus, dass durch den beschleunigten Ausbau des Stromnetzes die Netzkosten für die Stromverbraucher steigen werden. "Tempo hat seinen Preis!", sagte er.
dab/dapd/Reuters
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