Neue Atom-Debatte: Amerika sorgt sich um seine Uralt-Reaktoren

Von , New York

Fukushima ist überall. Auch in den USA steht die geplante Renaissance der Kernkraft nach den Reaktorunfällen in Japan wieder in Frage. Präsident Obama, ein Atomkraft-Freund, sieht sich mit Forderungen nach einer radikalen Energiewende konfrontiert.

Nach Japan: Obamas Atomfalle Fotos
REUTERS

Die Lobby der US-Atomindustrie wirbt auf ihrer Website mit dem Foto einer putzigen Schildkröte im Gras. "Kernkraft ist Amerikas wichtigste Quelle für saubere, CO2-freie Elektrizität und produziert keine Treibhausgase oder Luftschadstoffe", steht stolz darunter. "Die Industrie ist der Umwelt und dem Schutz der Tierwelt und ihrer Lebensräume verpflichtet."

Die Atomlobby - das ist in den USA das Nuclear Energy Institute (NEI). Doch seit dem Nuklear-Drama von Japan verbreitet das NEI noch eine andere, in all ihrer Nüchternheit düstere Botschaft auf ihrer Website: "Das NEI verfolgt die Entwicklungen in Japans Nuklearanlagen." Ein Mausklick führt zu betont undramatischen Meldungen der dortigen Kraftwerkspannen, flankiert von einem Bild des schwerbeschädigten AKW Fukushima.

Die Fotos symbolisieren das Vorher und Nachher der US-Kernkraftbranche. In den vergangenen Jahren hatte die Atomindustrie ein Comeback erlebt, während die Anti-Atom-Bewegung nur noch als sentimentale Erinnerung existierte. Und selbst wenn es noch keine klaren Erkenntnisse über das Ausmaß der Reaktorunfälle in Japan gibt: Auch in den USA hat eine neue Atomdebatte begonnen - und sie bringt Präsident Barack Obama, einen erklärten Atomkraft-Freund, in energiepolitische Erklärungsnot.

Das ganze Wochenende über berichteten die US-Nachrichtensender rund um die Uhr aus Japan. Experten erwogen die Gefahren fürs US-Festland, ob durch eine Strahlenwolke von jenseits des Pazifik oder durch eigene AKW. Kommentatoren erinnerten plötzlich wieder an 1979, als es im AKW Three Mile Island in Pennsylvania zur Kernschmelze kam - der größte Atomunfall in der Geschichte der USA, sieben Jahre vor Tschernobyl.

Die Angst geht um. "Dies ist offenkundig ein schwerer Rückschlag für die sogenannte nukleare Renaissance", sagt Peter A. Bradford, ein früheres Mitglied der US-Atomaufsichtsbehörde NRC. "Der Anblick eines AKW, das vor aller Augen im Fernsehen explodiert, ist schon etwas Neues." Bradford prophezeit "erhöhte Skepsis" der US-Bevölkerung und neuen "Widerstand gegen Atomkraftwerke".

Der demokratische Kongressabgeordnete Ed Markey verlangt bereits eine energiepolitische Wende: "Diese Katastrophe offenbart die Anfälligkeit von AKW wie die potentiellen Konsequenzen von Strahlenfreisetzung durch Erdbeben."

Obama in der Zwickmühle

Greenpeace USA sieht sich in alten Warnungen bestätigt: "Atomkraft ist weder sicher noch sauber." Eine Kernschmelze könnte in den USA Zehntausende töten oder verletzten und "weite Regionen unbewohnbar machen". Seit Jahren sickere immer wieder radioaktiver Abfall aus US-Kraftwerken in den Boden und verseuche das Wasser.

Der parteiunabhängige Senator Joe Lieberman, einer der führenden US-Energiepolitiker, sagt, 23 US-Reaktoren seien nach ähnlichen Plänen gebaut wie Fukushima. "Ich will den Bau von Atomkraftwerken zwar nicht generell stoppen", erklärte er im TV-Network CBS. "Aber wir sollten schnell auf die Bremse treten, bis wir verstanden haben, was in Japan passiert ist."

Das Weiße Haus gibt sich zunächst abwartend. "Der Präsident findet, dass wir unseren Energiebedarf decken müssen, indem wir uns auf ein vielfältiges Sortiment aus Energiequellen verlassen, darunter erneuerbare Energien wie Wind und Solar, Naturgas, saubere Kohle und Atomkraft", erklärte ein Obama-Sprecher. "Atomenergie in den USA muss sicher und verantwortlich genutzt werden."

Obama steckt in der Zwickmühle - seine Energiepolitik baut ganz elementar auf die Atomkraft. "Es ist nicht möglich, eine auf existierender Technologie fußende Lösung der Klimafrage zu finden, ohne sich maßgeblich auf Atomkraft zu verlassen", sagt Jason Grumet, Präsident des überparteilichen Policy Centers und Klimaberater Obamas im Wahlkampf 2008, in der "New York Times". Aber auch er gibt zu: "Die Sicherheit der Atomkraft wird hoch oben auf der Liste der Fragen für die kommenden Monate stehen."

Die 104 Kernreaktoren in 31 US-Bundesstaaten (35 Siedewasserreaktoren, 69 Druckwasserreaktoren) decken 20 Prozent des nationalen Strombedarfs. Alle sind regelrechte Dinosaurier, sie stammen von 1974 oder früher. Drei Top-Konzerne teilen sich die Branche: General Electric Chart zeigen, Hitachi Chart zeigen und Westinghouse.

Gefälligkeiten an die Atombranche

Eine Atomdebatte hat es in den USA natürlich schon einmal gegeben. Nach Three Mile Island sagten die Kraftwerksbauer 14 Aufträge für neue Anlagen ab. Der Grund: die "immensen" psychologischen Effekte des Unglücks, so die internationale Atomenergiebehörde IAEA in einem Bericht.

"Die Argumente, die zu Zeiten von Three Mile Island galten, gelten auch heute noch", sagt nun der Atomphysiker Tom Cochran vom Natural Resources Defense Council dem Wirtschaftsdienst Bloomberg.

Das Unglück von Three Mile Island war nicht das einzige in der US-Geschichte. Zwar gilt die US-Atombranche als vergleichsweise sicher. Doch immer wieder kommt es auch hier zu Störfällen, durch Naturgewalten oder technische Pannen, die in der Öffentlichkeit freilich meist unbeachtet bleiben.

1998 führte ein Tornado zu einem Stromausfall im AKW Davis-Besse in Ohio, 1992 machte der Hurricane "Andrew" das AKW Turkey Point bei Miami fünf Tage lang betriebsunfähig, in beiden Fällen sprangen Dieselgeneratoren ein. 1986 musste das AKW Pilgrim in Massachusetts wegen anhaltender Materialprobleme die Notbremse ziehen. Und erst im Februar dieses Jahres sickerte radioaktiver Schwerwasserstoff aus dem AKW Yankee in Vermont ins Grundwasser.

Milliarden für neue Reaktoren

Das AKW Yankee gilt bei Umweltschützern als besonderer Problemfall. Die NRC hat dem 1972 in Betrieb genommenen Modell von General Electric, das sich im Besitz des Energiekonzerns Entergy befindet, gerade erst die Lizenz verlängert. "Das Abnicken dieses alten und lecken Atomreaktors", sagt Greenpeace-Atomexperte Jim Riccio, sei "eine Gefälligkeit" der Regierung an die Atomlobby.

Doch selbst die neuen Modelle sind umstritten. Der Abgeordnete Ed Markey bezog sich in einem Brief an die NRC auch auf ein Reaktordesign namens AP1000, das von Westinghouse gebaut wird. Dieses sei nicht erdbebensicher: Unter schwerer Belastung könnte der Bau "wie ein Wasserglas" zerspringen. Das hatte auch die "New York Times" schon berichtet: Die NRC habe AP1000 trotzdem freigegeben.

Kein Wunder: Die US-Regierungen unter George W. Bush und Barack Obama haben die Atomenergie kräftig forciert, als einheimische, vermeintlich umweltfreundliche Alternative zu fossilen Brennstoffen. Das begann 2002 mit Bushs "Nuclear Power 2010 Program", das die Entwicklung und den Bau neuer Reaktoren verankerte, und dem Energy Policy Act von 2005 mit seinen Anreizen und Subventionen für die Industrie.

62 Prozent befürworten Atomkraft

Obama führte diese Politik fort und schmiedete dazu eine - wenn auch fragile - Koalition aus Demokraten, Republikanern und Umweltschützern. Die Atomkraft war der einzige Punkt, bei dem sich die Rivalen in der Energiepolitik halbwegs einig waren. Obama versprach Milliarden Dollar an Regierungsgeldern für den Bau neuer Reaktoren.

Auch die Meinungsumfragen waren seit Three Miles Island und Tschernobyl immer weiter zugunsten der Atombranche gekippt. 1988 waren nur 30 Prozent der Amerikaner für den Bau neuer AKW. Im vergangenen Jahr waren es 52 Prozent - und 62 Prozent befürworteten Atomkraft generell. Freilich wollten weiter nur rund 35 Prozent im Umkreis von 80 Kilometern um einen Reaktor leben.

Immerhin waren nicht alle vom Pro-Atom-Kurs begeistert. Investorenlegende Warren Buffett weigert sich grundsätzlich, in Atomkonzerne zu investieren. Die Rating-Agentur Moody nannte neue Atom-Investitionen eine "Pferdewette". Und die Citigroup hielt die Risiken der Branche für so groß, "dass sie selbst den größten Energiekonzern in die Knie zwingen könnten".

Die Atomindustrie gibt sich dennoch gelassen. "Seit fünf Jahren sagen wir, dass sich die Renaissance der Atomkraft langsam entwickeln wird", sagt NEI-Vizepräsident Richard Myers im "San Francisco Chronicle". "Wir haben vier bis acht neue Atomreaktoren bis 2020 erwartet, und das glauben wir auch weiter."

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Forum - Nach der nuklearen Katastrophe von Japan: Was wird aus der Atomenergie?
insgesamt 16042 Beiträge
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1. Atomkraft
hdwinkel 12.03.2011
Zitat von sysopDie durch die das schwere Erdbeben verursachten Atomunfälle in Japan rücken die Sicherheitsfrage auch in Deutschland wieder in den Fokus der Debatte: Wie katastrophensicher sind Atomkraftwerke? Müssen wir die Debatte um die Atomkraft wieder neu aufnehmen?
Ja sicher. Die Entscheidung darüber, wie mit Hochrisiko-Technologien umzugehen ist dürfen wir nicht denen überlassen die daran verdienen, da wir alle die Folgen zu tragen haben.
2.
frantic 12.03.2011
Also dürfen wir das auch nicht der Politik überlassen!
3. Teppich
_miky 12.03.2011
...bleiben. Ich hoffe, dass es den Japanischen Ing. gelingt, etwas Wasser mit Borsäure in den Reaktorsicherheitsbehälter zu pumpen. Dann wäre Alles wieder gut. Eine Tschernobyl-Hysterie ist unsinnig, da dort Graphit (C) kochte, die Jap. Kochen mit Wasser.
4. Ja, wir ....
Koana 12.03.2011
weren sicherlich eine Debatte sehen, hören und über sie lesen. Nein, die Dinge werden sich nicht ändern, weil wir uns nicht ändern wollen. Ich bin seit meiner Schulzeit gegen Atomkraft, ich versuche aber auch seit ich einen eigenen Haushalt führe, Energie zu sparen wo immer es geht. Wenn wir alle konsequnet die unnütze Verschwendung - d.h. Energieverbrauch ohne jeden Nutzen (also wir müssen noch nicht zurück in die Höhlen liebe AKW-Befürworter) von heute auf morgen einstellen würden. Deutschland bräuchte ca. 20% weniger Energiewandlung. Solange wir den Verbrauch nicht senken, werden weltweit AKW´s immer weiter laufen, weiter gebaut und ab und an - weiter kollabieren - sicher, es gibt Menschen die daruch reich und reicher werden - doch - letztenendes liegt es in unserer Hand. Die Japaner zahlen gerade einen sehr hohen Preis, wir hatten bei Tschernobyl im Übrigen auch nicht alle Glück - die Krebsrate im Süd-Osten Deutschlands ist seither teilweise signifikant höher (was man allerdings auf ander Umstände zurückführt - ....).
5.
RalfGer 12.03.2011
Ich habe immer wegen meiner Sicherheitsbedenken die entsprechende Partei gewählt. Schade, dass erst wieder so etwas passieren muss. Natürlich wird jetzt die Diskussion weitergehen.
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2004 Seebeben vor Sumatra , Stärke 9,1
1952 Kamtschatka, Stärke 9,0
2010 vor Maule, Chile , Stärke 8,8
1906 vor Ecuador, Stärke 8,8
Todesopfer bei Beben
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Opfer
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , nach offizieller Schätzung 222.570 Tote
1920 China, Haiyuan , 200.000 Tote
1923 Japan, Kanto, 142.800 Tote
1948 Turkmenistan, Ashgabat, 110.000 Tote
Historische Beben
1556 China, Shaanxi , 830.000 Tote
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Tote
1138 Syrien, Aleppo, 230.000 Tote
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , Stärke 7,0, 222.570 Tote
856 Iran, Damghan, 200.000 Tote

Quelle: U.S. Geological Survey
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