Neue Telekom-Strategie Obermann verliert den Fokus

René Obermann startet die Ära der Mini-Revolutionen: Drei Jahre verbrachte er damit, die zerfaserte Telekom zu einen, jetzt will er sie in mehrere Richtungen gleichzeitig weiterentwickeln. Der Manager bläst zur breit angelegten Online-Offensive - mit fraglichen Erfolgsaussichten.

Telekom-Chef Obermann: Online-Offensive gegen bröckelndes Kerngeschäft
dpa

Telekom-Chef Obermann: Online-Offensive gegen bröckelndes Kerngeschäft

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Hamburg - René Obermann formuliert seine großen strategischen Überlegungen gerne als Dreiklang. 2007, als frischgekürter Vorstandschef der Telekom, präsentierte er ein Konzept mit dem Titel: "Fix, focus, grow" - reparieren, fokussieren, wachsen. Seine neue Vision, die der Manager am Mittwoch auf einer Investorentagung in Bonn vorstellte, trägt den Titel "Fix, transform, innovate" - reparieren, verändern, erneuern.

Damit trägt die langerwartete "Strategie 2.0" ihr Hauptproblem schon im Titel: Reparieren muss Obermann die Telekom immer noch - doch anders als 2007 fehlt ihm dieses Mal der Fokus.

Internet-Lösungen fürs Auto, Pay-TV, Internetshopping, schlaue Stromzähler - in allen möglichen Zukunftsmärkten soll der Konzern künftig mitmischen. Zu einem "Multiprodukt-Unternehmen" will Obermann die Telekom umbauen - und dem Konzern so neue Wachstumsstrategien eröffnen. "Unser Ziel ist, das weiterhin wichtige Geschäft mit schnellen Anschlüssen durch eine breite Palette von IT- und Internetdiensten zu erweitern. Damit werden wir langfristiges Wachstum sichern", sagte der Manager.

Eine Erweiterung der alten Geschäftskonzepte ist tatsächlich bitter nötig: Denn das Geldverdienen mit Telefonanschlüssen und der Übertragung von Gesprächen, bröckelt. Zusätzlich machen TV-Kabelnetzbetreiber der Telekom mit Niedrigtarifen und schnellen Internetanschlüssen Kunden abspenstig.

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Neue Telekom-Strategie: Ära der Mini-Projekte
Geschäfte in neuen Wachstumsfeldern wie dem mobilem Internet, der Breitband-Datenübertragung, dem Verkauf von Unterhaltungsinhalten und IT-Diensten sollen die Einbußen aus dem Kerngeschäft jetzt wettmachen. Spätestens in drei Jahren will Obermann Ergebnisse sehen: Bis 2015 soll der rosa Riese in den neuen Märkten knapp 30 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet haben - das wäre fast die Hälfte des gesamten Konzernumsatzes. Für die einzelnen Wachstumssparten nennt er recht konkrete Zahlen (siehe Fotostrecke oben).

Fragwürdige Erfolgschancen

Das klassische Geschäft mit den Netzen bietet solche Wachstumsperspektiven nicht mehr - Obermann hat also keine Wahl, in neue Märkte vorzustoßen. Dennoch ist die jetzt eingeschlagene Strategie riskant: Für ihn selbst, denn er bewirbt sich mit seinem Konzept um die Verlängerung seines Chefvertrags, der im kommenden Jahr ausläuft. Und für den Konzern: Denn der steht vor einer Kulturrevolution, die vielleicht noch größer ist als die ebenfalls von Obermann initiierte Abschaffung des Vier-Säulen-Modells. Seinerzeit führte Obermann mehrere gegeneinander konkurrierende Konzernbereiche zusammen - jetzt versucht er, das Unternehmen in zahllose Richtungen gleichzeitig zu erweitern.

Doch dass Obermann den Umsatz mit einer Klein-Klein-Offensive tatsächlich binnen fünf Jahren merklich steigern kann, ist fraglich: Denn der Konzern konkurriert in den einzelnen Wachstumsbereichen jeweils mit mächtigen Gegnern - deren Angebote denen der Telekom zum Teil deutlich überlegen sind.

So will der Konzern etwa sein Geschäft mit eigenen Internetangeboten deutlich erweitern und den Umsatz bis 2015 von derzeit 0,8 auf bis zu drei Milliarden Euro steigern. Wie er sich gegen Online-Giganten wie Apple Chart zeigen, Google Chart zeigen oder Microsoft Chart zeigen durchsetzen will, die mit dem Verkauf von Online-Inhalten jahrelange Erfahrung haben und im Netz wesentlich stärkere Marken positioniert haben als die Telekom, sagt Obermann nicht.

Eine Chance, den Vorsprung der Wettbewerber durch Übernahmen von Spezialfirmen schneller wettzumachen, hat der Manager nicht: Dazu fehlt ihm das Kapital. Um die Aktionäre bei Laune zu halten, hat der Telekom-Boss bis 2012 eine Mindestdividende von 70 Cent garantiert. Einen Großteil des Konzerngewinns braucht Obermann zudem für Investitionen in schnellere Daten-Netze. Allein in Deutschland will die Telekom bis 2012 gut vier Millionen Haushalte mit einem Glasfaseranschluss versorgen und für den Mobilfunkübertragungsstandard LTE mitbieten. Geschätzte Investitionen: rund zehn Milliarden Euro.

Wachstumsmotor mobiles Web

Große Hoffnungen setzt Obermann ins mobile Internet: Der Umsatz der Telekom mit mobilen Daten lag 2009 bei knapp vier Milliarden Euro. Bis 2012 soll er nun auf mehr als sechs Milliarden Euro steigen, bis 2015 gar auf mehr als zehn Milliarden. Angesichts der gewaltigen Wachstumsraten in der mobilen Datenübertragung liegt in diesem Markt tatsächlich ein großes Potential.

Voraussetzung für ein schnelles Umsatzwachstum ist allerdings ein Erfolg im amerikanischen Markt. Doch gerade dort rangiert die Telekom weit abgeschlagen hinter dem US-Unternehmen AT&T. Zahlreiche Kündigungen von US-Kunden waren ein Grund dafür, dass Obermann kürzlich die Gewinnprognose des Konzerns senken musste.

In den Vereinigten Staaten beginnt T-Mobile deshalb nun die "Netzoffensive USA": Bis Ende 2010 sollen rund 185 Millionen Einwohner mit der Hochgeschwindigkeitstechnologie HSPA+ erreicht werden. Zudem soll die Zahl der 3G-Smartphones im leistungsstarken Netz von T-Mobile USA auf rund acht Millionen verdoppelt werden.

Doch selbst wenn Obermann gegenüber der US-Konkurrenz an Boden gewinnt - in der Bilanz dürfte sich der Ausbau der mobilen Web-Sparte nicht so schnell positiv niederschlagen. Um das schwächelnde Auslandsgeschäft in Schwung zu bringen, sind zunächst einmal hohe Ausgaben nötig.

Gute Chancen bei intelligenten Netzdiensten

Bessere Wachstumschancen hat die Telekom im Bereich der intelligenten Netzdienste für Branchen wie Energie, Gesundheit, Medien und Automobil. Dazu gehören Anwendungen Dritter, die durch die Netze und Services der Telekom erst möglich werden, wie ärztliche Betreuung über Smartphones, Internet-Dienste für das Auto oder intelligente Stromzähler für Privatkunden, die jederzeit aktuelle Verbrauchsdaten anzeigen und die zeitnahe Verbrauchssteuerung und Einspeisung von Energie ermöglichen.

Diese Wachstumsmärkte sind allerdings erst in der Entstehensphase. Positiv daran ist, dass sich, anders als etwa bei den Unterhaltungsangeboten im Netz, noch keine Marktführer herausgebildet haben - und dass die Telekom ihre Macht als Netzbetreiber nutzen kann, die Nutzung der eigenen Dienste voranzutreiben.

Zudem hat die Telekom in diesem Bereich bereits Pilotprojekte gestartet. So testet der Konzern in einer Modellstadt in Ludwigshafen die Nutzung intelligenter Stromzähler, kooperiert mit dem Autozulieferer Continental bei der Entwicklung von Unterhaltungselektronik-Lösungen für Fahrzeuge und entwickelt einen Online-Kiosk, über den derzeit schon der SPIEGEL und die "Bild"-Zeitung vertrieben werden.

Andererseits ist die Nutzung solcher Zukunftsdienste bislang kaum verbreitet, bei den Kunden haben sich noch keine Nutzungsmuster herausgebildet, die Wünsche und Ängste der möglichen Zielgruppen sind noch nicht erforscht.

Strategisch mag es geschickt sein, dass die Telekom wichtige Zukunftsmärkte eng mitgestaltet - die unmittelbaren Umsatzverluste vermögen solche Manöver dagegen nicht zu stoppen. Das weiß auch Obermann selbst: Bis 2015 strebt die Telekom in diesem Bereich gerade mal eine Milliarde Euro Umsatz an.



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