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Neue US-Immobilienkrise: Ökonomen bangen um deutsche Banken

Von , Frankfurt am Main

In den USA droht die nächste große Kreditkrise, diesmal bei Gewerbeimmobilien. Deutsche Ökonomen bekommen es mit der Angst zu tun: Denn auch hiesige Banken und Anleger sind in den gefährlichen Markt verstrickt.

Wankender Fonds: Deutsche Besitztümer von Morgan Stanley Fotos
dapd

Die Lust am Zocken ist den Bürgern in den USA gründlich vergangen. Das bekam jüngst auch die Deutsche Bank Chart zeigen zu spüren.

Die Geschäfte in der Spielerstadt Las Vegas laufen seit der Finanzkrise unterirdisch schlecht. Und Deutschlands größtes Geldhaus gilt als einer der drei großen Player bei der Finanzierung von Bauprojekten vor Ort. Auf das Cosmopolitan Casino, das den Frankfurtern seit der Pleite des Bauherrn gehört, musste die Bank vergangenes Jahr 500 Millionen Euro abschreiben. Das ebenfalls im Konzernbesitz befindliche Fünf-Sterne-Hotel Ritz-Carlton Lake Las Vegas wird im Mai geschlossen.

Auch sonst hatte Deutschlands größtes Geldhaus in den USA zu kämpfen. Schon im Dezember 2009 musste die Bank den Fonds "Rreef America Reit III" mit frischen Krediten retten, der vor allem in Gewerbeimmobilien investiert hatte, kurz vor der Pleite stand, und an dem die Deutsche Bank mit zehn Prozent beteiligt ist.

Sind das die Vorboten einer neuen Krise?

Fest steht: Die Situation auf dem US-Gewerbeimmobilienmarkt ist desaströs, Shopping-Center, Hotels, Büros und Fabrikhallen stehen wegen der miesen Wirtschaftslage leer, Preise und Mieten sind in den Keller gefallen. Der Rreef America ist nicht der einzige Fonds, der deshalb in heftige Probleme geriet. Auch der "Whitehall International" verlor 2009 mit 1,8 Milliarden Euro fast seinen gesamten Wert. Dem "Morgan Stanley Real Estate Fund VI" droht ein Wertverlust von 8,8 Milliarden auf 3,4 Milliarden Dollar.

Und das ist womöglich nur der Anfang: Nach Berechnungen des US-Kongresses schwebt fast jede Dritte der rund 8100 Banken des Landes in Gefahr, von platzenden Darlehen für Gewerbeimmobilien in den Abgrund gerissen zu werden. Das Fatale daran: Diese nächste Welle der Finanzkrise könnte sich auch in Deutschland "ausbreiten wie ein Flächenbrand", warnt Klaus Fleischer, Professor an der Fachhochschule München.

Ausufernder Derivatemarkt

Bislang sind die Auswirkungen der neuen Krise in Deutschland scheinbar gering. Deutlich werden die Probleme der US-Fonds vor allem deshalb, weil etwa das berühmte Sony-Center in Berlin nun an einen koreanischen Pensionsfonds verkauft wird, wie die "Welt" berichtet. Bislang gehört das Gebäude, ebenso wie der Sitz der Europäischen Zentralbank oder das Kranzler Eck in Berlin, dem wankenden Morgan-Stanley-Fonds.

Doch schon bald könnten die Probleme größer werden.

Nach Schätzungen der Ratingagentur Fitch haben deutsche Banken rund 450 Milliarden Euro an gewerblichen Immobilienkrediten vergeben, rund 40 Prozent davon im Ausland. Etwa 38 Milliarden Euro befänden sich in den USA, heißt es bei Fitch, 29 Milliarden Euro in Großbritannien, wo der Markt ebenfalls als höchst riskant gilt. Ähnliche Zahlen nennt der Verband Deutscher Pfandbriefbanken.

Die Krisenbank Hypo Real Estate hatte jüngst rund sechs Milliarden Euro an offenen Krediten im US-Immobilienmarkt, bei der Commerzbank-Tochter Eurohypo waren es fünf Milliarden, die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) ist mit etwa acht Milliarden Euro dabei.

Wirklich gefährlich sind die Finanzgeschäfte rund um die Immobilien

Dabei ist das gar nicht das Schlimmste. Denn die größte Gefahr sehen Brancheninsider und Ökonomen weniger in diesem direkten Engagement deutscher Institute. Claus-Jürgen Cohausz, Vorstand der West-LB-Tochter Westdeutsche Immobilienbank (Westimmo), sagt zum Beispiel über die gewerblichen Kredite seines Hauses: "Die Ausfallquote liegt unter dem Durchschnitt."

Wirklich dramatisch könnte es vielmehr an anderer Stelle werden: Ähnlich wie schon bei der Krise auf dem US-Häusermarkt geht die größte Gefahr von den weitreichenden Finanzgeschäften aus, die rund um die gewerblichen Immobilien entstanden sind.

Oft etwa haben Fonds mithilfe riesiger Kredite in den Markt investiert. Nach dem Auslaufen der oft nur wenige Jahre laufenden Verträge, müssen die Darlehen refinanziert werden: "Bis 2017 stehen eine Billion Dollar zur Umfinanzierung an", schätzt Cohausz. In den USA ist sogar von 1,4 Billionen Dollar in den kommenden Jahren die Rede. Doch neue Geldgeber dürften angesichts der rasant gefallenen Preise auf dem Markt nur schwer zu finden sein.

Sollte es deshalb bei weiteren Fonds zu gravierenden Problemen kommen, wären möglicherweise auch Privatbanken, Landesbanken oder Pensionsfonds in vielen andern Ländern der Welt betroffen, die Anteile halten.

"Das macht schon nervös"

Hinzu kommt: Rund um die Gewerbeimmobilienkredite ist ein ausufernder Markt mit Derivaten entstanden. Wie schon bei den Wohnhypotheken wurden auch die Darlehen für die Finanzierung von Kaufhäusern, Hotels und Wohnanlagen eifrig aufgestückelt, gebündelt, in komplizierte Wertpapiere neu verpackt und auf dem Markt verkauft. Der Handel mit diesen sogenannten Commercial Mortgage Backed Securities (CMBS) blühte in den vergangenen Jahren international. Allein das Neugeschäft in Europa betrug 2006 fast 80 Milliarden Euro pro Jahr.

Außerdem seien "alle langlaufenden Firmenkredite bei Banken mit Immobilien abgesichert, die möglicherweise viel an Wert verloren haben", sagt Dirk Schiereck, Professor an der TU Darmstadt. "Das macht schon nervös."

Doch wie groß ist das Risiko genau? Für Deutschland lässt sich das kaum beziffern. So offen wie Westimmo-Vorstand Cohausz spricht kaum ein deutscher Banker über das neue Problem der Branche, und Cohausz kann wohl auch nur deshalb so freimütig plaudern, weil die entsprechenden Risiken in seinen Büchern nach seiner Überzeugung schon wertberichtigt sind. Ansonsten heißt es bei deutschen Banken fast überall: kein Kommentar.

Wegen dieser Unsicherheit hat sich nun die Finanzaufsicht BaFin des Themas angenommen. Nach Angaben aus der Branche müssen die Geldinstitute derzeit allerlei unangenehme Fragen beantworten - auch wenn BaFin-Chef Jochen Sanio seine Sorge nach außen hin in vorsichtige Worte fasst. "Die besondere Aufmerksamkeit der Aufseher in aller Welt gilt zurzeit dem gewerblichen Realkredit. Die Objekte, die dabei als Sicherheiten dienen, haben mancherorts beängstigend an Wert verloren", erklärt der Oberaufseher SPIEGEL ONLINE.

"Es ist kein Speck mehr auf den Rippen"

Immerhin sind auch beschwichtigende Töne zu vernehmen. So wollen sich nicht alle Brancheninsider von der aufsteigenden Panik anstecken lassen. Reinhard Schmidt etwa, Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt, beruhigt: Die Welt habe aus den Folgen der Subprime-Krise auf dem US-Häusermarkt gelernt. "Was damals so irrsinnig überrascht hat, war das gewaltige Liquiditätsproblem, das sich auftat", sagt er. Der Geldmarkt trocknete wegen des Vertrauensverlustes unter den Banken erschreckend schnell aus. Erfahrung mit einer solchen Situation hatte niemand. Mittlerweile aber seien die Notenbanken vorbereitet auf derartige Szenarien, sagt Schmidt.

Viele seiner Kollegen allerdings halten dagegen. "Die Reaktionen mögen professioneller sein", sagt etwa Schiereck. Aber viele betroffene Banken und Investoren seien auch "sehr viel schlechter aufgestellt. Es ist ja kein Speck mehr auf den Rippen."

Ähnlich sieht das Bankenprofessor Klaus Fleischer aus München. Er fordert von den Banken der Welt eine "konzertierte Aktion", um das Problem in den Griff zu bekommen. Wackelnde Fonds müssten gestützt, Kredite im großen Stil refinanziert werden.

Fleischers Appell: "Wir brauchen jetzt Chefmanagement."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
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1. na und
dorfidiot 20.04.2010
Kein Thema da ruft klein Joe Ackermann mal eben bei Mutti Merkel an und verlangt mehr Taschengeld und schon geht die Zockerei munter weiter.
2. Die nächste Banken - Krise wird sehr bitter !
Monsieur Rainer 20.04.2010
Weil die Politiker aller Länder den ersten Banken - Crash nicht zum Anlass genommen haben, ernstzunehmende internationale Konsequenzen und Finanzmarkregeln einzuführen. Wie sollen die Staaten einen zweiten Banken - Crash verhindern? Die Haushaltslage ist bis zum zerreissen angespannt und der Bürger hat es satt, die Bänker nocheinmal zu stützen. Jetzt müssen die Banken mit ihrer selbstverschuldeten Gier fertig werden. Wir sollten sie nicht länger stützen und jeden Unsinn mit Steuergeldern abfedern, damit die Bänker sofort wieder weiter zocken wie gehabt !
3. ich fürchte
onkelmax 20.04.2010
...der dorfidiot ist gar kein Idiot, sondern könnte durchaus recht haben. Aber eines sieht man aus dem Artikel ganz deutlich....Banker haben NIX dazu gelernt. Langsam glaube ich, dass die "Goldfetischsten" wohl doch recht haben.
4. Ach...
prenzberger 20.04.2010
Die politische Totalblamage Westerwelles ruft man beim Spiegel doch eh zweimal die Woche aus, ganz egal was er macht und ob es erfolgreich ist.
5. xxxx
Mr. XXX 20.04.2010
Zitat von sysopIn den USA droht die nächste große Kreditkrise, diesmal bei Gewerbeimmobilien. Deutsche Ökonomen bekommen es mit der Angst zu tun. Denn auch hiesige Banken und Anleger sind in den gefährlichen Markt verstrickt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,689786,00.html
Kein Problem, ich übernehme alle Ausfälle von Privatbanken, deutschen Landesbanken, internationallen Hedge-Fonds und Groß-Privatinvestoren zzgl. versprochene 25%+ Renditerwartung. Hochachtungsvoll Ihr Deutscher Steuerbürger Ooops... Mündiger Staatsbürger meinte ich selbstverständlich.
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