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Neuer Gaskrieg mit Russland: Kiews riskanter Milliarden-Poker

Von , Moskau

Gasspeicher in der Ukraine: "Signifikante Risiken" für Kunden in Europa Zur Großansicht
REUTERS

Gasspeicher in der Ukraine: "Signifikante Risiken" für Kunden in Europa

Jetzt sind die Gashähne wieder zu: Moskau und Kiew fechten den dritten Gaskrieg seit 2006 aus. Die Regierung in der Ukraine gibt sich kompromisslos, weil sie Amerika und die EU an ihrer Seite glaubt.

Die Kriegserklärung kam trocken daher. Vom "Übergang zum System der Vorauskasse" war die Rede im Statement des russischen Gasriesen Gazprom. Konzern-Sprecher Sergej Kuprijanow brachte es dann etwas später für alle verständlich auf den Punkt: Die Ukraine "zahlt nichts, dementsprechend werden wir auch nichts liefern".

Nach Meldungen ukrainischer Nachrichtenagenturen hat Russland die Gaslieferungen an den krisengeschüttelten Nachbarn bereits eingestellt. Am Montag war ein Gazprom-Ultimatum abgelaufen. Nächtliche Vermittlungsversuche von EU-Energiekommissar Günther Oettinger brachten keinen Durchbruch. Beide Seiten bezichtigten sich gegenseitig der Erpressung. Kiew habe sich "nicht konstruktiv" in den Verhandlungen gezeigt, das werde sich "extrem negativ auf die Wirtschaft der Ukraine auswirken", warnte Russlands Premierminister Dmitrij Medwedew.

Damit steuern Kiew und Moskau auf den dritten Gaskrieg zu, ähnliche Konflikte hatte es bereits 2006 und 2009 gegeben, damals wurden auch Mitgliedstaaten der EU in Mitleidenschaft gezogen. Gazprom-Chef Alexej Miller warnt schon vor "signifikanten Risiken" für Gaslieferungen an Kunden in Europa.

Doch welche Folgen haben die Europäer jetzt im Einzelnen zu befürchten. SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen:

Woran sind die Verhandlungen gescheitert?

Vor allem am Preis, aber nicht nur. Unter Präsident Wiktor Janukowitsch hatte die Ukraine zuletzt 268 Dollar pro tausend Kubikmeter Erdgas bezahlt. Nach dessen Sturz erhöhte Gazprom in zwei Stufen auf 485 Dollar, mehr zahlt kaum ein Land in Europa.

EU-Kommissar Oettinger hatte über Wochen nach Lösungen gesucht. Ein Kompromiss sah 385 Dollar pro Tausend Kubikmeter für ein Jahr vor, das entspricht in etwa dem Preis, den auch Deutschland zahlt (379 Dollar). Die Ukraine lehnte das als zu teuer ab. Kiew störte sich auch daran, dass die russische Regierung den Rabatt per Beschluss festlegen sollte, die Rede war von "politischer Preisbildung".

Gasleitungen: Die Lieferwege für russisches Gas nach Europa Oettinger schlug dann 326 Dollar vor. Die Ukrainer stimmten zu, aber Gazprom nicht. Ungelöst ist auch die Frage der ausstehenden Schulden der Ukraine. Gazprom beziffert sie auf 4,5 Milliarden Dollar, ein Drittel davon stammt aus den Monaten November und Dezember 2013, zwei Drittel liefen nach russischer Ansicht nach der Preiserhöhung im April und Mai auf.

Entscheidend für das Scheitern der Verhandlungen aber dürften die politischen Gräben sein, die sich seit dem Sturz der Regierung Janukowitsch zwischen Russland und der Ukraine gebildet haben.

Warum sind Gasverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine so brisant?

Die Atmosphäre ist seit der Maidan-Revolution vergiftet. Mit der Krim hat die Ukraine auch Gasfelder in der Schwarzmeerregion verloren, die Verluste würde Kiew Moskau am liebsten in Rechnung stellen. Präsident Wladimir Putin hat den ukrainischen Verhandlungsführer vor einem Millionenpublikum im TV als korrupt und käuflich geschmäht. Kiews Energieminister Jurij Prodan habe einen "vielsagenden Namen", so Putin. Prodan bedeutet auf Russisch "verkauft".

Für die Ukraine ist der Gaspreis eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens. Das Land steht vor dem Bankrott, rund 14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes muss Kiew für Gasimporte berappen. Umgerechnet auf 1000 Dollar Wirtschaftsleistung verbraucht die Ukraine mehr Energie als jedes andere Land in Europa, das liegt vor allem an alten Maschinen und horrender Energieverschwendung.

Die Ukraine nimmt zehn Prozent aller russischen Gasexporte ab. Hinter Deutschland, der Türkei und Italien ist das Land Gazproms bedeutendster Kunde. Die Ukraine ist darüber hinaus das wichtigste Transitland - knapp 60 Prozent der russischen Erdgas-Exporte nach Europa laufen über ihr Territorium.

Was hat es mit den russischen Rabatten auf sich?

Russland beteuert seit Jahren, Gas nicht zu politischen Zwecken einzusetzen. Dem inzwischen gestürzten ukrainischen Präsidenten Janukowitsch aber gewährte Moskau mehrfach Rabatte, und zwar als Gegenleistung für politisches Entgegenkommen. Den ersten Nachlass gab es für die Verlängerung des Pachtvertrags der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim, den zweiten als Dank für den Verzicht auf das EU-Assoziierungsabkommen im November 2013.

Die neue, russlandkritische Maidan-Regierung pocht nun ebenfalls auf Preisnachlässe. Nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim fühlt sie sich im Recht. Außerdem wähnt sie mit der EU und den USA starke Partner an ihrer Seite, die Russland zu einem Einlenken zwingen sollen.

Welche Auswirkungen hat der Gaskrieg für Europa?

Auch wenn viele Politiker die Unabhängigkeit von Moskaus Gas predigen: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Der Anteil von Gazprom-Lieferungen am europäischen Gasverbrauch ist auf 30 Prozent im Jahr 2013 gewachsen, 2012 waren es 26 Prozent. Rund die Hälfte des Exports in die EU fließt durch ukrainische Leitungen.

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Gas aus der Tiefe: Unkonventionelle Vorkommen
Lücken in der Versorgung sind mittelfristig dennoch nicht zu befürchten. Gazprom hat versprochen, Lieferverpflichtungen gegenüber EU-Staaten zu erfüllen. Deutschland wird zudem über die Nordstream-Pipeline in der Ostsee versorgt, sie umgeht die Ukraine. Das Bundeswirtschaftsministerium weist daraufhin, dass die Pipeline derzeit nur zu zwei Dritteln ausgelastet sei. "Engpässe könnten so unter anderem über die Nordstream-Pipeline über zusätzliche russische Mengen ausgeglichen werden", sagte eine Sprecherin.

Hinzu kommt der geringe Verbrauch im Sommer. Der letzte Gaskrieg dagegen war im Winter 2009 ausgetragen worden. Die Ukraine zapfte damals für Kunden in Europa bestimmtes Gas aus Transitleitungen ab. In der Folge blieben damals viele Wohnungen in Südeuropa kalt.

Europas Gasspeicher sind zudem gut gefüllt. Die Reservoire in Deutschland fassen bis zu 23 Milliarden Kubikmetern und sollen zu drei Vierteln voll sein. Auch die Ukraine hat Vorräte von 12 bis 14 Milliarden Kubikmetern gebunkert. "Die nächsten Wochen werden kein Problem", sagt Oettinger. Je nachdem wie sich die Ukraine weiter verhalte "hätten wir aber bei einem kalten Winter ein Problem".

Wie geht es weiter?

EU-Kommissar Oettinger will noch im Juni die Verhandlungen wieder aufnehmen. Möglich ist aber auch, dass am Ende Gerichte entscheiden: Denn Gazprom hat eine Klage bei einem internationalen Schiedsgericht in Stockholm eingereicht. Kurz darauf reichte auch der ukrainische Konzern Naftogaz eine Klage gegen "zu hohe Preise" ein. Nach Einschätzung des deutschen Gasexperten Roland Götz aber hat "rechtlich wohl Russland die besseren Karten".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 104 Beiträge
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1. Also bitte, ....
StörMeinung 16.06.2014
Zitat von sysopREUTERSJetzt sind die Gashähne wieder zu: Moskau und Kiew fechten den dritten Gaskrieg seit 2006 aus. Die Regierung in der Ukraine gibt sich kompromisslos, weil sie Amerika und die EU an ihrer Seite glaubt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/neuer-gaskrieg-mit-russland-kiews-riskanter-milliarden-poker-a-975488.html
Der war gut, mit einem neuen Oligarchen-Präsidenten ... bitte den Maidan nicht übermäßig beleidigen, die drohen nämlich schon mit dem dem nächsten Putsch. http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-06/ukraine-klitschko-kiew-maidan http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-klitschko-fordert-demonstranten-zum-verlassen-des-maidan-auf-a-971863.html
2. Roland Götz hat Recht!
kp229 16.06.2014
Wenn ich monatelang meine Rechnungen beim örtlichen Gasversorger nicht bezahle, stellt der auch die Lieferung ein - ohne dass die EU mir dann helfen wird!
3.
PIR-Anja 16.06.2014
Ich hoffe, Oettinger hat nicht versucht, auf Englisch zu vermitteln.
4. lange Rede, kurzer Sinn
sysiphus-neu 16.06.2014
Die ukrainische Regierung weigert sich, für empfangenes Gas zu bezahlen. Sie weigert sich außerdem, einen mit 385$ auf 1000m³ im europäischen Durchschnitt liegenden Preis zu akzeptieren. Zu Versorgungsproblemen in der EU kommt es nur dann, wenn die Ukraine das Transitgas klaut - also bei ukrainischem Diebstahl an europäischem Eigentum. An dieser Stelle nochmal der Dank an Altkanzler Schröder für die weitsichtige Entscheidung mit Nordstream, die Deutschlands Energiesicherheit vor solchen zahlungsunwilligen Wegelagerern schützt.
5. Die EU ist unfähig, unfähig, unfähig
mistermister 16.06.2014
sich vom russischen Gas zu emanzipieren. Zuerst sagt man den Bau einer Pipeline, die russisches Gebiet gänzlich meidet, wieder ab und dann sind die völlig überbezahlten Politiker in der GESAMTEN EU nicht in der Lage eine Lösung für die Abhängigkeit von Rohstoffen aus unzuverlässigen Staaten zu sorgen. Mittlerweile wünsche ich mir, dass die EU scheitert, denn für die wirklich großen Probleme bietet sie wahrlich überhaupt keine Lösungen.
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Unkonventionelle Gasförderung
In Deutschland gibt es einen Run auf neue Erdgasquellen. Durch spezielle Bohrmethoden lässt sich der wertvolle Rohstoff selbst dann bergen, wenn er in kleinen, abgeschotteten Zwischenräumen verstreut ist. SPIEGEL ONLINE zeigt Chancen und Risiken des Booms im Überblick.
Weltweite Vorräte
Die Internationale Energieagentur schätzt, dass weltweit rund 921 Billionen Kubikmeter unkonventionellen Gases im Erdreich verborgen sind - fünfmal so viel wie in konventionellen Vorkommen. Andere Expertern gehen von noch größeren Mengen aus. Bislang gibt es für viele Länder aber nur Schätzungen über prinzipiell vorhandene Mengen (in-situ Mengen). Wie viel davon tatsächlich technisch (Ressourcen) und wirtschaftlich (Reserven) gefördert werden kann, ist noch nicht bekannt.
Die Reservoirs
Im Gegensatz zu konventionellen Vorkommen befindet sich unkonventionelle nicht in durchlässigen Gesteinsschichten, sondern in kleinsten Poren und Bruchzonen im Gestein. Die größten Vorkommen sind in Schiefergestein eingeschlossen. Aber auch in Tonschichten und Tundraböden finden sich Vorräte.
Die Fördermethode
Steuerbare Bohrer dringen nicht nur tief ins Erdreich vor, sondern wühlen sich auch horizontal ins Gestein. So kann die gashaltige Gesteinsschicht über eine Strecke von mehreren Kilometern durchbohrt werden. Damit das Gas entweichen kann, wird das Gestein durch eine Mischung aus Wasser, Chemikalien und Quarzkügelchen in Tausende Stückchen gesprengt. Die Sprengungen bezeichnet man als "hydraulic fracturing" oder "fracing" (sprich: "Fräcking"). Fracing wird sehr selten auch bei konventionellen Bohrungen eingesetzt - bei unkonventionellen ist es Standard.
Die Chemikalien
Der Anteil der eingesetzten Chemikalien an der Gesamtflüssigkeit beträgt nach Angaben der Industrie gut ein Prozent. Angesichts der Tatsache, dass beim Fracing einer Bohrung teils mehrere Millionen Liter Wasser eingesetzt werden, ist das allerdings immer noch eine Menge. Über die genaue Zusammensetzung der Chemikalien gibt die Industrie nur sehr zögernd Auskunft.
Folgen der Technologie
In den USA hat der Abbau von unkonventionellem Erdgas bereits in großem Stil begonnen und den Energiemarkt so umgekrempelt, dass der Rohstoffexperte und Pulitzerpreis-Gewinner Daniel Yergin von einer "American Gas Revolution" spricht.
Folgen für die Umwelt
In den USA gibt es Beschwerden von Anwohnern, die sagen, ihre Lebensbedingungen hätten sich verschlechtert - unmittelbar, nachdem in Nähe ihrer Wohnungen Fracing-Bohrungen vorgenommen wurden. US-Behörden haben zudem Luft- und Grundwasserverschmutzungen nachgewiesen. Inwieweit es sich um Einzelfälle handelt oder um ein flächendeckendes Problem - und inwieweit all die aufgetretenen Umweltschäden tatsächlich mit der unkonventionellen Gasförderung zusammenhängen, ist kaum untersucht. Die US-Regierung hat es bislang versäumt, die Umweltrisiken genau zu untersuchen.ssu



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