Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Er sieht aus wie der perfekte Dandy, ein amerikanischer Geschäftsmann, wie aus dem Film. Dreitagebart, Strahlelächeln. Seine teuren Anzüge trägt Nicolas Berggruen lässig, ohne Krawatte. Sein Zuhause ist eine Suite im teuersten Hotel von Los Angeles. Die meiste Zeit ist der 48-Jährige sowieso mit dem Privatjet irgendwo in der Welt unterwegs. Kurzum: Die Welt des Sohns des verstorbenen Kunstsammlers Heinz Berggruen ist denkbar weit von der eines durchschnittlichen Karstadt-Kunden oder gar der der Belegschaft entfernt.
Trotzdem hat Berggruen den Gläubigerausschuss von Karstadt überzeugt. Er wird neuer Eigentümer der insolventen Kaufhauskette mit ihren 120 Häusern und den 25.000 Mitarbeitern. Darauf verständigte sich am Montagabend der Gläubigerausschuss am Konzern-Sitz in Essen, wie Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg mitteilte. Damit endet der zähe Bieterwettstreit mit einer Überraschung. Berggruen hat das Highstreet-Konsortium um Goldman Sachs, das lange als Favorit galt, und auch die Beteiligungsgesellschaft Triton aus dem Rennen geschlagen.
Die Frage ist nur, ob sich die Karstadt-Mitarbeiter darüber freuen sollten, oder nicht.
Auf den ersten Blick hat Berggruens Offerte ungeheuren Charme. Berggruen hat in jungen Jahren an der Wall Street eine Menge Geld gemacht, den entsprechenden Lebensstil gepflegt - und mittlerweile die Nase voll vom sinnfreien Jetsetter-Dasein. Sein erklärtes Ziel lautet, "im Leben einen Unterschied zu machen", wie Berggruen einem "Zeit"-Reporter erklärte. Neben Rendite jagt Berggruen sozialen Zielen hinterher. Zu seinem Firmen- und Immobilienimperium gehören deshalb nicht nur Hotels in Indien, Bürotürme in Shanghai, und der spanische Medienkonzern Grupo Prisa mit der Tageszeitung "El Paìs", sondern auch Reisfarmen in Kambodscha und eine Ethanolkraftstofffabrik in Oregon.
Nebenbei dürfte Berggruens Vermögen, das mittlerweile auf 1,8 Milliarden Dollar geschätzt wird, eine beruhigende Wirkung auf die Gläubiger des Unternehmens gehabt haben. Und auch auf die Arbeitnehmervertreter, die mit in dem Ausschuss sitzen. Denn für die Sanierung von Karstadt wird ein ganzer Batzen Geld nötig sein, so viel ist klar. Wenn Karstadt überhaupt eine Chance haben soll, muss Berggruen investieren. Und zwar richtig. Mit Einsparungen allein wird sich das marode Unternehmen kaum wieder auf Vordermann bringen lassen.
Denn Karstadt ist ein Sanierungsfall der allerschwersten Sorte. Viele Häuser wirken, als habe sich seit den 60er-Jahren nicht mehr allzuviel getan. Das Interieur sieht altbacken und vielerorts ziemlich schäbig aus, das Angebot reicht immer noch vom Hosenknopf bis zum Bügeleisen.
In ihren guten Zeiten waren die Warenhäuser damit das Schlaraffenland der Wohlstandsgesellschaft. Doch mittlerweile gibt es viel zu viele Produkte, um ein derartiges Allround-Sortiment noch attraktiv und preisgünstig zu gestalten. Und die Konkurrenz ist übermächtig geworden.
Gigantische Fachmärkte wie Saturn oder Mediamarkt jagen in der Unterhaltungselektronik und bei den Haushaltsgeräten die Kunden ab. Billig-Mode-Ketten wie H&M beherrschen den Textilbereich. Und wer beim Konsumieren auch noch ein bisschen Erlebnis will, geht in die glitzernden Einkaufstempel, die seit den neunziger Jahren überall aus dem Boden wachsen. Mit der riesigen Auswahl solcher gigantischen Shopping-Center, die ihre Flächen an Marken-Anbieter und Gastronomiebetriebe vermieten, können die verstaubten Warenhäuser nicht mithalten.
Hat Karstadt als Billigheimer Perspektive? Oder als Senioren-Paradies?
Für Karstadt muss man sich also etwas einfallen lassen. Was aber, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Das Sortiment müsse dringend ausgedünnt werden, raten Fachleute. Und Karstadt müsse sich auf bestimmte Zielgruppen konzentrieren. Aber auf welche? Soll Karstadt sich eher Richtung Billigheimer entwickeln? Oder sich doch lieber als Service-Paradies für die mittelständische Kundschaft ab 50 präsentieren?
Viele Einzelhandelsexperten bezweifeln, dass Karstadt überhaupt auf Dauer eine Zukunft hat. Erz-Konkurrent Kaufhof habe spätestens im zurückliegenden Karstadt-Albtraum-Jahr den Vorsprung ausgebaut, lautet das Argument - und zwei Warenhausketten brauche der Einzelhandel im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr.
Mittelfristig laufe es wohl zwangsläufig auf eine Fusion von Karstadt und Kaufhof hinaus, glaubt Andreas Kogge, Einzelhandelsexperte bei der Beratungsgesellschaft Jones Lang LaSalle. Eckhard Cordes, Chef des Kaufhaus-Mutterkonzerns Kaufhof, macht schon lange Werbung für eine "Deutsche Warenhaus AG", in der die besten Häuser beider Ketten zusammengeführt werden sollen. Kogge findet die Plänen des Metro-Mannes sinnvoll, auch wenn sie zahlreiche Schließungen bedeuten würden. "Man zerreibt sich mit zwei Konkurrenten und verpulvert zu viel Geld, um sich voneinander abzugrenzen."
Berggruen allerdings beschwört, er habe Großes vor mit Karstadt, wolle die "Kultmarke" retten und alle Standorte behalten. Wie er das genau schaffen will, erklärte er bislang allerdings nicht. "Glamouröser" solle Karstadt werden, lautete seine nebulöse Ansage in einem Interview mit manager-magazin.de. Fachmännische Hilfe will er sich beim Modekettenbetreiber BCBG Max Azria holen. Doch kann ein engagierter Kunstsammler und Investor im Gespann mit einem US-Designer tatsächlich die eigenwillige, deutsche Warenhauswelt wieder aufmöbeln?
"Vielleicht hat Berggruen ja das nötige Herzblut", hofft Einzelhandelsexperte Kogge. "Das ist nicht das Schlechteste".
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