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Neuer Besitzer René Benko: Karstadts letzte Chance

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Karstadt-Investor Benko: Retter oder Totengräber Fotos
DPA

Ein junger, vorbestrafter Selfmade-Millionär: Wie das Musterbild des Karstadt-Retters sieht René Benko nicht aus. Doch der österreichische Immobilien-Investor könnte den maroden Konzern sanieren - wenn er sich das leisten will.

Innsbruck - Hartnäckig ist René Benko: Seit Ende 2012 kämpft der österreichische Immobilieninvestor gegen eine Verurteilung wegen Korruption, am vergangenen Montag vor dem Obersten Gerichtshof des Landes - und verlor erneut, inzwischen in dritter Instanz.

Gewonnen hat Benko dagegen den Poker um die angeschlagene Einzelhandelskette Karstadt. Ab kommender Woche übernimmt Benko alle 83 Warenhäuser vom bisherigen Investor Nicolas Berggruen - und zahlt laut SPIEGEL-Informationen keinen Cent dafür.

Bislang gehörten der Holding des Österreichers bereits die Filetstücke von Karstadt, die profitablen Sporthäuser und drei Einkaufspaläste wie das KaDeWe in Berlin. Den einstigen Heiland Berggruen, der Karstadt vier Jahre lang ohne Konzept kleinsparte, setzt Benko endgültig vor die Tür.

"Ein Musterfall für Korruption"

Wie ein Ausbund an Seriösität wirkt auch Karstadts neuer Chef auf den ersten Blick nicht: Mit 17 schmiss Benko die Schule und machte sich als Immobilienentwickler selbstständig. 20 Jahre später ist er einer der reichsten Österreicher: Die Immobilien seiner Signa-Holding, meist Häuser in hervorragender Innenstadtlage, sind mehr als fünf Milliarden Euro wert.

Die Vorstrafe handelte sich Benko ein, weil er 2009 versucht haben soll, in einem Steuerverfahren von Signa in Italien zu intervenieren. Dem kroatischen Ex-Premier Ivo Sanader bot er angeblich 150.000 Euro, damit der seinen Kontakt zu Italiens damaligen Premier Silvio Berlusconi nutzt. "Ein Musterfall für Korruption", nannte die Richterin der ersten Instanz Benkos Verhalten.

Was will so einer mit Karstadt?

"Benko geht es um die Immobilien. Er ist bestimmt nicht daran interessiert, langfristig ein Warenhaus zu betreiben", sagt Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Aktuell sei Karstadt ausgeblutet: Zu langsam reagiere der Vollsortimenter auf hippe Konkurrenten wie Zara oder Primark, zu weit sei er im Online-Handel zurückgefallen, zu abgenutzt seien Karstadts Verkaufsflächen.

Für eine Runderneuerung der veralteten Häuser, für eine Online-Strategie, die die Bestellung im Internet mit dem Kaufhaus-Erlebnis verbindet, müsste Benko einen Milliardenbetrag investieren. An so einer langwierigen und teuren Sanierung der Kaufhäuser dürfte Benko nach Heinemanns Ansicht aber wenig Interesse haben.

Die Alternative wäre "Karstadt langsam einzuschläfern", sagt der Handelsexperte. Benko könnte die Karstadt-Filialen zu Einkaufszentren umbauen und an fremde Aussteller vermieten. Erfahrung hat der Investor damit bereits, seit er das marode Traditionshaus "Tyrol" in seiner Heimatstadt Innsbruck zum erfolgreichen Shopping-Center umbaute. Heinemann schätzt aber, dass nur rund die Hälfte der bisherigen 83 Filialen dafür geeignet sein könnten. Der Rest stünde vor der Schließung. Und auch das würde Hunderte Millionen kosten.

Benko kann Investoren anlocken

Der Vorsitzende des Karstadt-Betriebsrats, Hellmut Patzelt, gibt sich etwas zuversichtlicher: Mit dem richtigen Konzept "kann und wird Karstadt eine Zukunft haben", sagt der Gewerkschafter. Das neue Management müsse nun aber über Zahlen und Pläne informieren. "Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass unsere Leute nicht unter die Räder kommen."

Benko gilt als kühler Rechner - aber auch als Langfristinvestor: Für die 300 Millionen Euro, die er vor einem Jahr für die Sport- und Premiumhäuser bezahlte, musste ihm Berggruen vertraglich zusichern, dass das Geld in die Sanierung des Restkonzerns fließt. Für das Investitionsprogramm, das Karstadt so dringend braucht, wäre Benko der richtige Mann: Der Österreicher gilt als exzellent vernetzt und kann Investoren anlocken - für seinen ersten Karstadt-Deal holte er den israelischen Diamanten-Milliardär Beny Steinmetz ins Boot.

Ein zweiter Berggruen will Benko auf keinen Fall werden, seit einigen Jahren bemüht sich der Selfmade-Millionär um ostentative Ernsthaftigkeit: Die Zeiten, in denen er in Neureichen-Manier mit Ferrari und Jacht protzte, liegen hinter ihm. Sein Privatleben hält er weitgehend privat, geschäftlich bemüht er sich um Gravitas: Im Beirat seiner Holding schart er erfahrene Wirtschaftsbosse wie Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Berater-Veteran Roland Berger oder den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer um sich.

Um Häuserschließungen und Stellenabbau wird Benko bei Karstadt kaum herumkommen, dazu hat sein Vorgänger die Sanierung zu lange verschleppt. Dass der Tiroler bei der Sanierung aber ähnlich planlos agiert wie Berggruen, sähe ihm nicht ähnlich. Außerdem: Wer zum aktuellen Zeitpunkt Karstadt übernimmt, ist wohl nicht zuallererst an einer raschen Rendite interessiert.

Und hartnäckig ist Benko ja.

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1. Und täglich grüßt das Murmeltier.
hermannheester 15.08.2014
Zitat von sysopDPAEin junger, vorbestrafter Selfmade-Millionär: Wie das Musterbild des Karstadt-Retters sieht René Benko nicht aus. Doch der österreichische Immobilien-Investor könnte den maroden Konzern sanieren - wenn er sich das leisten will. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/neuer-karstadt-eigner-rene-benko-der-vorbestrafte-immobilien-investor-a-986368.html
Das Murmeltier ist hier der Umstand, dass Karstadt-Mitarbeiter wieder und wieder mit neuen sozialen und finanziellen Einschnitten zu rechnen haben. Da wird Verzicht gefordert und vermutlich auch gewährt. Allerdings ist kaum damit zu rechnen, dass Karstadt in seiner heutigen Form überleben kann. Anders als der Kollege vom Kaufhof, der seine Häuser konzernintern abtreten und umwidmen konnte, indem aus den Kaufhäusern Elektro-Discounter werden und die Häuser trotzdem im Besitz der Metro bleiben konnten, ist hier die Jongliermasse längst verspielt. Das AUS ist also nur noch eine Frage der Zeit.
2. aha
pefete 15.08.2014
nachdem Herr Berggruen Karstadt ins Koma saniert hat, kommt jetzt der nächste Geier, ein Herr Benko, zapft das letzte Blut ab und Karstadt ist tot. Warum das ganze. Seit fair zu den Mitarbeitern und macht den laden dicht. Besser heute wie morgen.
3. Das ist aber wirklich merkwürdig.....
joG 15.08.2014
....das hier als Korruption zu bezeichnen: "Dem kroatischen Ex-Premier Ivo Sanader bot er angeblich 150.000 Euro, damit der seinen Kontakt zu Italiens damaligen Premier Silvio Berlusconi nutzt. "Ein Musterfall für Korruption", nannte die Richterin der ersten Instanz Benkos Verhalten." Da muss mahr dran sein an der Geschichte.
4.
OskarVernon 15.08.2014
Zitat von sysopDPAEin junger, vorbestrafter Selfmade-Millionär: Wie das Musterbild des Karstadt-Retters sieht René Benko nicht aus. Doch der österreichische Immobilien-Investor könnte den maroden Konzern sanieren - wenn er sich das leisten will. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/neuer-karstadt-eigner-rene-benko-der-vorbestrafte-immobilien-investor-a-986368.html
Es hat Karstadt schon in der Vergangenheit nicht gutgetan, neue "hippe" Zielgruppen erschließen zu wollen und darüber die alten zu vernachlässigen! Ich bin kein Handelsexperte mit akademischen Weihen, sondern einfach nur ein ehemaliger Stammkunde etwas reiferen Jahrgangs, der vorzugsweise offline einkauft, aber weder "hippe" Klamotten sucht noch mit "hipper" Musik zugedröhnt werden will - gewiss nicht der einzige: Wie wär's denn, uns als Zielgruppe wiederzuentdecken statt irgendwelchen Kids das Taschengeld aus selbiger ziehen zu wollen...?
5. Weiter träumen !
syssifus 15.08.2014
Zitat von sysopDPAEin junger, vorbestrafter Selfmade-Millionär: Wie das Musterbild des Karstadt-Retters sieht René Benko nicht aus. Doch der österreichische Immobilien-Investor könnte den maroden Konzern sanieren - wenn er sich das leisten will. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/neuer-karstadt-eigner-rene-benko-der-vorbestrafte-immobilien-investor-a-986368.html
Für symbolisch einen Euro, hat der Immobilieninvestor die 83 Kaufhäuser von Karstadt gekauft und wird höchstwahrscheinlich noch einen Reibach bei der Verwertung der Filetstücke machen.Das wird aber auch alles sein.
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