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Neues Buch über Rohstoffhandel: Blutsauger der Dritten Welt

Von Michael Soukup, Zürich

Ein neues Buch enthüllt, dass die Schweiz eine Drehscheibe des internationalen Rohstoffhandels ist. Demnach maximieren die global agierenden Konzerne mit raffinierten Tricks ihre Gewinne. Die Förderländer leiden unter dem kapitalistischen Monopoly - und bleiben arm.

Rohstoffhändler Glencore: Die Herren über die Bodenschätze Fotos
Katanga

Ivan Glasenberg ist ein Rich-Boy. Nicht nur, weil er dank des Börsengangs des Rohstoffgiganten Glencore zu einem der reichsten Schweizer aufgestiegen ist. Rich-Boys werden Rohstoffhändler genannt, die ihr Handwerk beim vielleicht mächtigsten und berüchtigtsten Händler des 20. Jahrhunderts gelernt haben: Marc Rich.

Vielleicht erinnert sich der Chef von Glencore in diesen Tagen schmerzlich an die Worte seines früheren Lehrmeisters: "Es ist viel praktischer, kein börsennotiertes Unternehmen zu sein. Dann müssen Sie keine Informationen geben", sagte Marc Rich Ende vergangenen Jahres in einem Zeitungsinterview.

Seit dem Börsengang im vergangenen Mai steht Glencore im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit - und bietet damit viel mehr Angriffsfläche für Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Anfang der Woche erschien das Buch "Rohstoff - das gefährlichste Geschäft der Schweiz". Herausgeberin ist die Erklärung von Bern (EvB), eine NGO, die Glencore seit Jahren hartnäckig kritisiert. Im Unterschied zur Rich-Biografie "King of Oil" ist dieses Buch nicht autorisiert.

"Bekannt ist über diese verschwiegene Branche, die hier in der Schweiz etwa gleich viel zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt wie der Maschinenbau, so gut wie gar nichts", schreibt die EvB. Meist beschränkt sich die mediale Berichterstattung auf die gigantischen Umsätze der Rohstoffbranche. So befinden sich unter den zehn umsatzstärksten Schweizer Firmen gleich vier Rohstoffhändler: Glencore (Platz 1), Trafigura (3), Xstrata (7) und Mercuria (8). Mit 145 Milliarden Dollar setzte Glencore im vergangenen Jahr deutlich mehr um als die Schweizer Vorzeigefirmen Nestlé und Novartis.

Der Vorwurf: Eine profitable Kupfermiene soll Verluste schreiben

"Rohstoffhändler sind die Blutsauger der Dritten Welt", sagte einst der Schweizer Grünen-Politiker Josef Lang. Glencores Börsengang zeigt, dass der "Rohstofffluch" auch lange nach dem Ende der europäischen Kolonialherrschaft weiterhin wirkt: Rohstoffreiche Länder sind und bleiben arm, während Rohstoffhändler aus der industrialisierten Welt sehr reich werden.

Glencore handelt mit Metallen, Energie- und Agrarprodukten. Metalle und Erze gehören zu den lukrativsten Geschäftsfeldern des Unternehmens. Die Marktanteile etwa bei Zink, Kupfer und Blei am weltweiten Handelsvolumen liegen bei bis zu 60 Prozent.

Die Kupfergewinnung zeigt beispielhaft die Ausbeutung Afrikas auf. In Sambia, im Süden Afrikas, befindet sich nach EvB-Angaben die größte Kupferhütte des Kontinents, seit 2000 ist sie im Besitz Glencores. Obwohl die Mopani Kupfermine zu den profitabelsten der Region zählt, soll sie nach Angaben von EvB seit Jahren Verluste schreiben: "Unternehmen wie Glencore verbuchen die Gewinne in extra dafür in Steuerparadiesen angesiedelten Filialen." Sie hätten die besten Anwälte und die besten Buchhalter der Welt, schreiben die Autoren. Und weiter: "Sie machen, was sie wollen."

Bereits in den sechziger Jahren wurde der einstige Finanzchef der Standard Oil Company (heute Exxon) gefragt, wo der Ölkonzern seine Profite mache. Jack Bennets Antwort: "Die Profite werden genau hier gemacht - im Büro des Finanzchefs. Wo genau, entscheide ich."

Glencore und weitere Rohstoffhändler haben seitdem das komplexe Spiel mit konzerninternen Verrechnungspreisen offensichtlich perfektioniert - so wie andere transnationale Konzerne auch. Die Buchautoren verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass laut einem Diskussionspapier des Deutschen Instititus für Entwicklungspolitik 40 bis 60 Prozent des Welthandels nicht zwischen verschiedenen Unternehmen abgewickelt werden, sondern zwischen den Tochtergesellschaften einer Firmengruppe.

Internationale Konzerne optimieren ihre Steuern

Und das soll laut EvB im Falle Glencores so gehen: Das Unternehmen besitzt über eine Finanztochter in der Steueroase Bermuda und ein Investmentvehikel auf den British Virgin Islands einen Mehrheitsanteil an der Mine. Hauptsitz Glencores ist allerdings die Schweiz. So kommt es, dass laut Uno-Handelsstatistik der Anteil der sambischen Exporte in die Schweiz an den gesamten Ausfuhren des Landes seit 2002 deutlich zugenommen hat: 2008 lag er bei rund 50 Prozent. Und das verdeutlicht sich besonders bei den schweizerischen Kupferimporten. EvB zitiert hier einen sambischen NGO-Aktivisten: Die Schweiz kaufe acht Mal mehr des Metalls ein als China und sei damit größter Kupferverbraucher der Welt.

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Glencore: Das weltweite Netz des Rohstoffgiganten

Freilich nur auf dem Papier. Laut EvB taucht Sambia in der Importstatistik der Eidgenössischen Zollverwaltung für Kupfer nirgendwo auf. Denn die Ware wird dem Käufer, zum Beispiel in China, direkt geliefert.

Die Buchautoren nennen eine Untersuchung der internationalen Buchprüfungsfirma Grant Thornton und der norwegischen Beratungsfirma Econ Pövry im Auftrag der sambischen Steuerbehörden, die Ende 2010 zum Schluss kam, dass Glencore in Sambia gezielt die Kosten aufblähe und intern keine Marktpreise verrechne. Statt Gewinnsteuern zu zahlen, schreibe Glencore in Sambia seit Jahren Verluste - obwohl der Kupferpreis dieses Jahr mit rund 10.000 Dollar pro Tonne so hoch wie noch nie war.

Gerichte müssen entscheiden

Die Brisanz der Steueroptimierung durch internationale Konzerne zeigt ein Vergleich mit der weltweiten Entwicklungshilfe: Diese betrug im vergangenen Jahr 129 Milliarden Dollar. Laut einer Schätzung des Finanzexperten Raymond W. Baker aus dem Jahr 2005 liegen die Verluste durch Steuerminimierung für die Entwicklungsländer bei 250 bis 350 Milliarden Dollar jährlich - nur durch verdeckte Zahlungen und fiktive Transaktionen.

Deshalb überrascht es kaum, dass in Sambia nicht einmal fünf Prozent der Gewinne aus Rohstoffexporten in die Staatskasse fließen, wie die Autoren erläutern. In Norwegen seien es dagegen 70 Prozent. Am Tag des Börsengangs entsprach das Aktienpaket von Glencore-Chef Glasenberg mit 8,2 Milliarden Franken mehr als der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts Sambias.

Glencore widerspricht vehement der Darstellung der NGO: "Wir haben öffentlich und wiederholt Vorwürfe in Bezug auf Mopanis Steuerzahlungen zurückgewiesen. Die gemachten Behauptungen basieren auf einem Entwurf eines vorläufigen Berichts, der vor einigen Monaten in Sambia in Umlauf gebracht wurde und den die sambische Finanzbehörde als 'vertraulichen, vorläufigen und unvollständigen Entwurf' beschrieb." Dieser enthalte grundlegende sachliche Fehler. Das gesamte Kupfer werde auf rein geschäftlicher Basis zu den geltenden Marktpreisen der London Metal Exchange verkauft, teilt das Unternehmen weiter mit.

Wer recht hat, werden andere entscheiden müssen. Im April 2011 reichten mehrere NGOs - darunter auch die "Erklärung von Bern" - eine Sammelbeschwerde wegen Verletzung der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen bei den nationalen OECD-Kontaktpunkten der Schweiz und Kanadas ein.

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1. Das....
mm01 24.09.2011
Zitat von sysopEin*neues Buch enthüllt, dass die*Schweiz*eine Drehscheibe des internationalen*Rohstoffhandels ist. Demnach*maximieren die global agierenden Konzerne mit raffinierten Tricks ihre Gewinne. Die Förderländer leiden unter dem*kapitalistischen Monopoly - und bleiben arm. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,787321,00.html
war ja bisher völlig unbekannt ;-)
2. "Miene" oder "Mine" ?
quibus48 24.09.2011
„Der Vorwurf: Eine profitable Kupfermiene soll Verluste schreiben“ Eine „Kupfermiene“ ?? Man macht dann sicher auch gute Mine zum bösen Spiel dieser Konzerne? „Internationale Konzerne optimieren ihre Steuern“ „Optimieren“ ? Ich denke eher, die „minimieren“ ihre Steuern…
3. Längst 'hüllenlos'
vepchi 24.09.2011
Zu "enthüllen" gibt es da eigentlich schon lange nichts mehr. Wer verfolgt hat, wie sich reiche Russen ihre Rohstoff-Drehscheiben in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren geschaffen haben, kann eigentlich nur noch einen Herrn Steinbrück bedauern, der da "Peanuts" hinterhergelaufen ist und immer noch hinterherlaufen möchte. Ein Parteifreund von ihm, der früher einmal deutscher Bundeskanzler war, sitzt da auch in einem Aufrichtsrat in Zug, wo über russische Gasströme nach Westeuropa entschieden wird...
4. Wo wohnt Ivan Glasenberg? -kwK-
WehrtEuch 24.09.2011
Zitat von sysopEin*neues Buch enthüllt, dass die*Schweiz*eine Drehscheibe des internationalen*Rohstoffhandels ist. Demnach*maximieren die global agierenden Konzerne mit raffinierten Tricks ihre Gewinne. Die Förderländer leiden unter dem*kapitalistischen Monopoly - und bleiben arm. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,787321,00.html
5. ...
bissig 24.09.2011
"Wir haben öffentlich und wiederholt Vorwürfe in Bezug auf Mopanis Steuerzahlungen zurückgewiesen" Soll ich daraus schliessen, dass der Rest stimmt. Dann ist das mit den Steuerzahlungen doch Peanuts gegen den Rest.
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Neue Technologien: Um diese Rohstoffe kämpfen die Firmen
Glencore geht an die Börse
Was sich hinter Glencore verbirgt
Glencore ist der weltgrößte Rohstoffhändler und hat seinen Sitz in der Schweiz. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 60.000 Mitarbeiter und kommt auf einen Jahresgewinn von 3,8 Milliarden Dollar. Gemessen an seinem Umsatz von 145 Milliarden Dollar in 2010 ist Glencore der größte Konzern der Schweiz - noch vor dem Lebensmittelriesen Nestle, dem Pharmakonzern Novartis und der Großbank UBS.

Das Unternehmen hat sich vor allem im Rohstoffhandel einen Namen gemacht, besitzt aber auch auf der ganzen Welt Bergwerke, Raffinerien, Eisenhütten und Weizensilos. Glencore ist zudem an mehreren börsennotierten Konzernen beteiligt.

Warum Glencore an die Börse will
Glencore will mit dem Geld Übernahmen von Konkurrenten finanzieren. Bisher halten etwa 500 führende Glencore-Manager alle Anteile an der Firma. Das Problem: Steigt einer der Teilhaber aus, wandert mit ihm auch das Kapital ab. Bei einem Generationswechsel im Management bekäme Glencore Finanzierungsschwierigkeiten.
Preisspanne und Handelsbeginn
Glencore-Aktien werden in einer Preisspanne von 480 und 580 Pence angeboten. Insgesamt bewertet sich der Rohstoffhändler dadurch im Schnitt mit 61 Milliarden Dollar - so viel wie die meisten Experten geschätzt hatten. Da das Unternehmen 15 bis 20 Prozent seiner Anteile über die Börse verkaufen will, kommt es zusammen mit seinen Partnern auf erwartete Einnahmen von umgerechnet elf Milliarden Dollar. Die Aktien sollen an der Börse von London am 19. Mai und von Hongkong ab dem 25. Mai gelistet werden.
Interessenten
Nach eigenen Angaben konnte Glencore schon wichtige Großinvestoren gewinnen, die knapp ein Drittel der zu verkaufenden Aktien übernehmen. Darunter soll auch ein Investor aus Abu Dhabi, IPIC Aabar, sein. Die Firma beteiligt sich mit 850 Millionen Dollar an dem Börsengang.
Konkurrenten
Zu den Konkurrenten von Glencore zählen White Plains, Noble, Shell, BP, BHP Billiton, Cargill, Louis Dreyfus Group, Vitol, Mercuria und Trafigura.

Fläche: 41.284 km²

Bevölkerung: 8,238 Mio.

Hauptstadt: Bern

Staatsoberhaupt: Bundespräsident im Jahr 2016: Johann Schneider-Ammann

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Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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