"News of the World" Warum Murdoch sein Skandalblatt opfert

Wegen einer Spitzelaffäre wird die britische Zeitung "News of the World" geschlossen. Doch warum ist der skandalerprobte Verleger Rupert Murdoch plötzlich eingeknickt? Der Verdacht liegt nahe, dass er das traditionsreiche Blatt für einen weitaus lukrativeren Fernseh-Deal geopfert hat.

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Medienunternehmer Murdoch: Kurzen Prozess gemacht
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Medienunternehmer Murdoch: Kurzen Prozess gemacht


London/Hamburg - Rupert Murdoch hat kurzen Prozess gemacht - mit einer Zeitung, der er sein Imperium verdankt. Nach 168 Jahren soll an diesem Sonntag die letzte Ausgabe des Boulevardblatts "News of the World" erscheinen. Anlass für die Schließung ist ein Spitzelskandal, der Großbritannien und die Londoner Politik erschüttert hat.

Der Zeitung wird unter anderem vorgeworfen, die Mailbox-Nachrichten von Prominenten abgehört und die Handys von Entführungsopfern und Angehörigen von Anschlagsopfern gehackt zu haben.

Nicht nur für die britische Presselandschaft, auch für Murdoch selbst ist die Schließung ein einschneidendes Ereignis. Der australischstämmige Unternehmer hatte die Sonntagszeitung 1968 gekauft und damit den Grundstein für sein Medienimperium auf der britischen Insel gelegt. Später folgten Blätter wie "Sun" und "Times" sowie Anteile am Fernseh-Netzwerk British Sky Broadcasting Chart zeigen (BSkyB).

Der Skandal drohte einen TV-Deal zu gefährden

Genau dieses Netzwerk könnte der eigentliche Grund dafür sein, dass "News of the World" nun so schnell und hastig dichtgemacht wird. Denn der Skandal um das Boulevardblatt drohte einen weitaus wichtigeren Deal des Medienunternehmers zu gefährden: Seit Monaten steht Murdoch in Verhandlungen über die Komplettübernahme von BSkyB, an dem seine Firma News Corp. derzeit nur 39 Prozent hält. Für den Kauf der restlichen Anteile hatte Murdoch im vergangenen Jahr 12,3 Milliarden Pfund (13,6 Milliarden Euro) geboten.

Die Übernahmepläne hatten einen Aufschrei in der britischen Medienbranche und der Politik ausgelöst. Mehrere Verlage, darunter der "Guardian" und der "Daily Telegraph" protestierten öffentlich und drohten rechtliche Schritte an, weil sie fürchten, die Murdoch-Holding News Corp. werde durch eine Komplettübernahme seine ohnehin dominante Stellung in der britischen Medienlandschaft noch weiter ausbauen.

BSkyB ist der größte Pay-TV-Anbieter in Großbritannien. Anders als hierzulande, wo die BSkyB-Tochter "Sky Deutschland Chart zeigen" um Abonnenten kämpfen muss, ist das Bezahlfernsehen in Großbritannien sehr erfolgreich und deckt einen großen Teil des Fernsehmarktes ab.

Angesichts dieser Bedeutung mischte sich auch die Politik in die Übernahmepläne ein. Die konservativ-liberale Regierung um Premierminister David Cameron schlug sich auf Murdochs Seite - Wirtschaftsminister Vince Cable, der gegen die Übernahmepläne war, entzog der Premierminister kurzerhand die Zuständigkeit für den Fall. Ende Juni stimmte die Regierung einem Kompromissvorschlag zu, der für Murdoch ziemlich vorteilhaft wäre: Er darf demnach BSkyB komplett übernehmen, muss allerdings den ohnehin defizitären Nachrichtenkanal "Sky News" aus dem Netzwerk ausgliedern und darf seinen Anteil hieran nicht über 39 Prozent erhöhen.

Mäßig profitabler Sündenbock

Am Freitag wollte die Regierung den Deal eigentlich endgültig durchwinken, doch in den vergangenen Tagen drohte der hochkochende Skandal um "News of the World" die Zustimmung zu gefährden. Um seine Entschlossenheit zu beweisen, zog Murdoch offenbar die Notbremse - und opferte seine älteste britische Zeitung für einen hochprofitablen Fernsehsender.

"Ich schätze, 'News of the World' macht einen Umsatz um die 50 Millionen Pfund. Aber BSkyB macht acht Milliarden Pfund Umsatz, und eine Milliarde Gewinn", sagt Alex DeGroote, Medienexperte bei der Brokerfirma Panmure Gordon. "Man braucht einen öffentlichen Sündenbock und nimmt einen zwar einflussreichen, aber nur mäßig profitablen Unternehmensteil."

Ob das Manöver erfolgreich war, ist ungewiss. Kulturminister Jeremy Hunt vertagte die Entscheidung über die BSkyB-Übernahme am Freitag auf unbestimmte Zeit. Es seien mehr als 100.000 Beschwerden gegen den Deal eingegangen, sagte Hunt am Freitag. Man werde nun einige Zeit brauchen, um einen Beschluss zu fassen. Dabei sollen alle Aspekte berücksichtigt werden, "auch die Frage, ob die angekündigte Schließung von 'News of the World' irgendwelche Auswirkungen auf die Medienvielfalt" habe.

Beobachter gehen allerdings davon aus, dass die Komplettübernahme nach Ablauf einer gewissen Schamfrist trotzdem durchgewunken werden könnte. Premierminister Cameron deutete am Freitag bereits an, dass beide Themen voneinander getrennt betrachtet werden müssten. Eine Sichtweise, die Rupert Murdoch gefallen dürfte.

Mit Material von Reuters und dpa

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
ErekoseSK 08.07.2011
1. kein Titel
Zitat von sysopWegen einer Spitzelaffäre wird die britische Zeitung "News of the World" geschlossen. Doch warum ist der skandalerprobte Verleger Rupert Murdoch plötzlich eingeknickt? Der Verdacht liegt nahe, dass er das traditionsreiche Blatt*für einen weitaus lukrativeren Fernseh-Deal geopfert hat. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,773251,00.html
Taktisch klug. Er eingesehen, dass der Versuch, das Blatt zu retten, mehr negative als positive Folgen hat.
juharms, 08.07.2011
2. Die Frage
ist doch, ob es endlich Auswirkungen auf die Dominanz einzelner Medienkonzerne hat und diese beschnitten werden. Die Reduzierung auf wenige Oligarchen ist in allen westlichen Demokratien ein Problem für die Demokratie an sich geworden. Liz Mohn, Springer und Merkel sind das Deutschland dominierende Trio. Über Italien brauchen wir gar nicht erst reden. Die USA werden ebenfalls von wenigen Konzernen dominiert. Erschreckend.
h0l0fernes 08.07.2011
3. Will jemand behaupten,
es zeuge von psychischer Gesundheit, wenn jemand, der seinen Kadaver nach seinem Tod zigfach mit 1000-Dollar-Scheinen ausstopfen lassen könnte, immer noch mehr und noch mehr Geld zusammenraffen will?
moisdemai 08.07.2011
4. Die Macht der Konzerne
Zitat von juharmsist doch, ob es endlich Auswirkungen auf die Dominanz einzelner Medienkonzerne hat und diese beschnitten werden. Die Reduzierung auf wenige Oligarchen ist in allen westlichen Demokratien ein Problem für die Demokratie an sich geworden. Liz Mohn, Springer und Merkel sind das Deutschland dominierende Trio. Über Italien brauchen wir gar nicht erst reden. Die USA werden ebenfalls von wenigen Konzernen dominiert. Erschreckend.
Ja, es ist erschreckend, denn woher bekommen die Wähler in der Demokratie eigentlich ihre Meinung her? Interessant die Rede von Günter Grass zum Thema Journalismus, die er letzten Samstag hielt: http://weisser-elefant.blogspot.com/2011/07/gunter-grass-rede-vom-1-juli-2011-vor.html
serottner 08.07.2011
5. Es könnte...
Zitat von h0l0ferneses zeuge von psychischer Gesundheit, wenn jemand, der seinen Kadaver nach seinem Tod zigfach mit 1000-Dollar-Scheinen ausstopfen lassen könnte, immer noch mehr und noch mehr Geld zusammenraffen will?
...sogar eine physische Krankheit mit den entsprechenden psychosomatischen Folgen sein, dergestalt, dass sich - übrigens nicht nur bei diesem hässlichen alten Zausel von Down Under - der Virus der Macht- und Geldgier eingenistet hat, dem es nur so richtig gut geht, wenn er saugen kann, egal wie es dem Rest der Gesellschaft geht. Ob die dabei verblödet oder verarmt, oder beides - sch...egal - Hauptsache der Virus vermehrt sich. Wieviel sich dieser Virus wohl noch verbreiten kann, ohne dass ein wirksames Gegenmittel gefunden wird?
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