Nobelpreisträger Yunus: "Jeder hat das Recht auf einen Kredit"

Mit Mikrokrediten hat er die Finanzwelt in Entwicklungsländern revolutioniert - jetzt will Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus sein Konzept auch auf Industriestaaten übertragen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagt er, wie Arbeits- und Obdachlose in Deutschland davon profitieren könnten.

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Bettler in der Hamburger Innenstadt: "Jeder sollte das Recht auf einen Kredit haben"

SPIEGEL ONLINE: Herr Yunus, mit der Grameen-Bank vergeben Sie Mikrokredite in Entwicklungsländern. Brauchen wir in Deutschland ein ähnliches Programm?

Yunus: Auf jeden Fall. Auch in Deutschland gibt es viele Menschen, die vom Bankensystem ausgeschlossen werden. Arbeitslose zum Beispiel. Banker halten sie für ein großes Risiko. Dabei bräuchten gerade sie Kredite.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Deutsche Arbeitslose bekommen staatliche Unterstützung.

Yunus: Das ist in reichen Ländern wie Deutschland der übliche Weg. Aber mit dem Arbeitslosengeld besteht kein Anreiz, neues Einkommen zu generieren. Im nächsten Monat kommt ja das nächste Gehalt. Das raubt den Menschen die Initiative. Man könnte Arbeitslosen doch auch Mikrokredite geben. Dann könnten sie ihr eigenes Unternehmen gründen. Fähige Menschen sollten nicht vor dem Fernseher sitzen, wie Zombies, ohne etwas zu tun zu haben. Ihr Potential und ihre Fähigkeiten bleiben ungenutzt. Ihre Kreativität wird verschwendet.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie jedem Arbeitslosen einen Kredit geben?

Yunus: Jeder Mensch sollte das Recht auf einen Kredit haben. Man könnte doch sagen, ich schenke dir entweder 100 Euro oder ich gebe dir einen Kredit von 500 Euro. Das ist besser, als das Geld einfach so zu verteilen. Wenn nur die Hälfte der Menschen das Geld zurückzahlt, dann ist das schon ein Erfolg. Und wenn die Kreditnehmer erfolgreich sind, spornt das auch andere an. Der Stolz kommt zurück.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt bereits viele Möglichkeiten für Arbeitslose, etwa Gründungszuschüsse vom Staat. Und Kleinstkredite werden bereits von der Kreditanstalt für Wiederaufbau vergeben. Warum brauchen wir trotzdem weitere Mikrokredite in Deutschland?

Yunus: Staatliche Programme haben meist ein strenges, bürokratisches Prozedere, von dem nicht abgewichen wird. Manche schlagen daraus Kapital und umgehen diese Regeln. Nicht weil sie die Kredite brauchen, sondern weil sie das System austricksen können. Andere kommen nicht zum Zuge, weil sie nicht in ein bestimmtes Raster passen. Der Staat ist, wenn er Kredite vergibt, auch nicht unbedingt an Nachhaltigkeit interessiert. Schließlich ist das Geld steuerfinanziert.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Mikrokredite sollten eher von privaten Instituten vergeben werden?

Yunus: Ich möchte nicht das Wort "privat" benutzen. Das heißt, dass man Geld verdienen möchte. Ich ziehe Mikrokredite als Social Business auf. Social Business bedeutet, dass man mit einem Unternehmen ein bestimmtes soziales Problem angehen möchte. Gewinne werden wieder in das Social Business investiert. Es muss aber auch kostendeckend sein. Deshalb verlangen wir auch Zinsen.

SPIEGEL ONLINE: Die ziemlich hoch sind. Die Grameen Bank verlangt teilweise 20 Prozent.

Yunus: Natürlich sind niedrige Zinsen gut. Aber wenn ein Institut sich selbst tragen muss, dann kann man keinen Zins verlangen, von dem das Institut nicht nachhaltig existieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Entwicklungsländern auch Programme mit Bettlern angeschoben. Da nehmen Sie gar keine Zinsen. Werden solche Kredite zurückgezahlt?

Yunus: Ja, die Rückzahlungsraten sind sogar sehr hoch. Wir nehmen keine Zinsen, weil wir keinen Druck ausüben wollen. Die Bettler sollen ganz entspannt sein.

SPIEGEL ONLINE: Und woher kommt dann die Motivation, das Geld zurückzuzahlen?

Yunus: Wenn die Bettler uns den Kredit zurückzahlen, dann bekommen sie einen neuen mit den gleichen Konditionen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Würde das auch mit Obdachlosen in Deutschland funktionieren?

Yunus: Wir sollten es versuchen. Es wäre eine neue Situation, und ich kann natürlich nicht vorhersehen, ob es funktioniert. Ich würde auch nicht gleich allen Bettlern einen Kredit geben, sondern es erstmal an einer Person ausprobieren. Wenn es klappt, dann kann man dem nächsten einen Kredit geben. Wenn einer den Anfang macht, dann ziehen andere nach. In Bangladesch und in vielen anderen Ländern hat das funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Kriterien setzen Sie an, um den Ärmsten der Armen Kredite zu geben?

Yunus: Wir versuchen erst einmal zu verstehen, warum jemand zum Bettler geworden ist. Meist gab es einen Wendepunkt in seinem Leben. Es ist einfach zu sagen, dass Bettler nicht arbeiten wollen. Aber möglicherweise stimmt das gar nicht. Dann diskutieren wir mit ihnen zusammen, was sie tun könnten, und wir geben das Geld dafür. Wir machen zusammen einen Businessplan.

SPIEGEL ONLINE: Hat denn jeder Bettler eine Geschäftsidee?

Yunus: Der menschliche Geist ist grenzenlos kreativ. Wenn man nicht aufhört nachzudenken, findet man eine Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Die Idee der Mikrokredite funktioniert auch deshalb so gut, weil die Gemeinschaft auf den Kreditnehmer moralischen Druck ausübt. Die deutsche Kultur ist aber sehr individualistisch, oft leben Menschen anonym. Funktionieren Mikrokredite hier trotzdem?

Yunus: Schauen Sie sich das Beispiel New York an. Die Einwohner wissen meist nicht, wer nebenan wohnt. Wenn jemand stirbt, merken sie es oft gar nicht. Aber es funktioniert auch da. Durch die Programme bringen wir die Menschen zusammen und sie haben plötzlich Freunde. Und so ist dann auch der Druck der Gemeinschaft da.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie schon mal auf ein Land gestoßen, in dem Mikrokredite nicht funktioniert haben?

Yunus: Nein, denn Menschen brauchen Geld. Wir haben eine Welt um uns herum, in der Geld wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Ländern der Welt gibt es Filialen der Grameen Bank, die Sie 1983 gegründet haben. Wann eröffnen Sie eine Filiale in Deutschland?

Yunus: Ich werde oft gefragt, warum wir noch keine Filiale in Deutschland haben. Aber ich werde nicht aus Bangladesch kommen und sagen: Ich will bei Euch Mikrokredite einführen. Da müsste schon jemand zu mir kommen und sagen: Hey, kannst Du uns dabei helfen?

SPIEGEL ONLINE: Und es hat Sie noch niemand gefragt?

Yunus: Es gab mal ein paar Leute, die eine Art ökologische Mikrokredite-Bank in Deutschland gründen wollten und mich um Hilfe baten. Aber sie haben irgendwann das Interesse verloren und hatten andere Sachen im Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Viele Unternehmen sind im Social Business aktiv. Eine Idee, die auch von Ihnen stammt. BASF zum Beispiel verkauft Moskitonetze, die sich auch arme Menschen leisten können. Danone verkauft für wenig Geld einen vitaminreichen Joghurt, oder Veolia macht mit erschwinglichem Trinkwasser Social Business. Welches Unternehmen werden Sie als nächstes von Social Business überzeugen?

Yunus: Ich überzeuge niemanden. Ich warte, bis die Leute zu mir kommen. Sie müssen es gar nicht mit mir machen. Sie können es auch selbst. Ich möchte nicht meine Bank erweitern, sondern die Idee verbreiten.

SPIEGEL ONLINE: Adidas hat kürzlich angekündigt, als Social Business aktiv zu werden. Sind Sie zu Adidas gegangen, oder hat das Unternehmen Sie um Rat gefragt?

Yunus: Die Leute von Adidas sind zu mir gekommen. Sie haben mich gefragt, was sie tun könnten. Und dann habe ich gesagt, sie sollten ein Ziel, eine Mission haben. Das könnte sein: Niemand auf der Welt sollte ohne Schuhe herumlaufen. Der Schuh muss natürlich auch erschwinglich sein, damit es ein Social Business ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es so wichtig, Schuhe zu tragen?

Yunus: Viele Menschen wissen nicht, wie sie sich vor Krankheiten schützen können. Viele Parasiten dringen durch die Füße in den Körper ein. Wenn alle Kinder Schuhe hätten, könnte man viele Krankheiten verhindern. Wenn Adidas mit der Idee erfolgreich ist, müssen auch die anderen nachziehen. Es entsteht eine neue Art von Wettbewerb. Der Wettbewerb, anderen Menschen zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Warum funktioniert Social Business?

Yunus: Es gibt zwei Dinge in uns. Den Egoismus und die Selbstlosigkeit. Der selbstlose Teil in uns ist genauso stark wie der egoistische. Wir lassen das nur noch nicht zu. Die meisten Unternehmen handeln egoistisch. Aber warum kann man nicht auf der Basis von Selbstlosigkeit ein Unternehmen aufbauen? Anderen zu helfen, ist ein wundervolles Glück. Wir wollen den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern vervollständigen. Egoismus und Selbstlosigkeit gehören gleichermaßen dazu.

Das Interview führte Friederike Ott

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Forum - Mikrokredite statt Arbeitslosenhilfe?
insgesamt 342 Beiträge
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1.
Stefanie Bach 26.11.2009
Zitat von sysopIn einem Interview schlägt der Friedensnobelpreisträger Yunus auch für Deutschland Mikrokredite für Arbeitslose vor, die vom Bankensystem ausgegrenzt werden. Eine gute Idee?
Neben der Finanzierung neuer Unternehmen und Unternehmenserweiterungen für eine begrenzte Zeit und mit einem definierten Betrag pro Arbeitsplatz, die auf neue Technologien oder innovative Dienstleistungen ausgerichtet sind und einer entschiedenen Bildungsoffensive wäre es sicherlich eine sehr gute Idee, mehr Selbständigkeit - auch unter Inkaufnahme von Risiken für den Staat - zu fördern: Soziales Konjunkturprogramm statt Not und Realitätsverlust (http://www.plantor.de/2009/soziales-konjunkturprogramm-statt-not-und-realitatsverlust/)
2. So ein Stuss
durch blick 26.11.2009
Zitat von sysopIn einem Interview schlägt der Friedensnobelpreisträger Yunus auch für Deutschland Mikrokredite für Arbeitslose vor, die vom Bankensystem ausgegrenzt werden. Eine gute Idee?
Damit man dem Arbeitslosen, der dumm genug ist sich darauf einzulassen, dann entgültig die Schlinge um den Hals legen kann. So etwas funktioniert in Entwicklungsländern aber nicht mehr in unseren hochentwickelten kapitalistischen Ländern.
3.
Hador 26.11.2009
Zitat von sysopIn einem Interview schlägt der Friedensnobelpreisträger Yunus auch für Deutschland Mikrokredite für Arbeitslose vor, die vom Bankensystem ausgegrenzt werden. Eine gute Idee?
Schwer zu sagen wenn man den Artikel nicht kennt und der hier nirgends verlinkt ist....
4. Auf Deutschland zugeschneidert - eine prima Idee
localpatriot 26.11.2009
Zitat von Stefanie BachNeben der Finanzierung neuer Unternehmen und Unternehmenserweiterungen für eine begrenzte Zeit und mit einem definierten Betrag pro Arbeitsplatz, die auf neue Technologien oder innovative Dienstleistungen ausgerichtet sind und einer entschiedenen Bildungsoffensive wäre es sicherlich eine sehr gute Idee, mehr Selbständigkeit - auch unter Inkaufnahme von Risiken für den Staat - zu fördern: Soziales Konjunkturprogramm statt Not und Realitätsverlust (http://www.plantor.de/2009/soziales-konjunkturprogramm-statt-not-und-realitatsverlust/)
Ein Deutsches oder Europaeisches Mikrokreditsystem wuerde anderst aussehen als das herkoemmliche Modell das Herr Yunus entwickelt hat. In Europa ist die Existenzgrundlage des Einzelnen durch Staatliche Sozialleistungen relativ gesichert, und dementsprechen muessten auch die Darlehen hoeher ausfallen und damit werden die Risiken steigen. Implizit im Thema ist die Einschraenkung der Sozialhilfe die den Arbeitslosen zu Unternehmerischer Iniziative zwingen wuerde, und das scheint mir zur Zeit etwas Utopisch. Ausserdem haben Mikrokredite nichts mit dem Staat zu tun. Sie beruhen auf dem unternehmerischen Geist und der Ehrlichkeit der Kreditnehmer. In einer hochregulierten Gesellschaft, in der jegliche geschaefltiche Aktivitaet sofort Verwaltungsaufwaende hervorruft, muesste der Staat erst mal zwei Augen zudruecken um die Idee tragbar zu machen. Fuer Kleinstunternehmer koennten Steuersachen, Genehmigungen usw etwas problematisch sein. Ein Mikrokreditsystem koennte Menschen sofort helfen die heute nicht vom sozialen Netz aufgefangen werden. Ein etwas grosszuegigeres Kleinkreditsystem koennte Unternehmerische Initiativen wecken. Deutschland hat bereits ein gut entwickeltes Kreditsystem fuer Kleinfirmen. Man muesste definieren wo dieses System die Kleinsten im Stich laesst und da mit neuen Initiativen ansetzen. Den Staat sollte man am aber besten weglassen. Staat und Iniziative sind eben schwer kompatibel.
5.
Gebetsmühle 26.11.2009
Zitat von sysopIn einem Interview schlägt der Friedensnobelpreisträger Yunus auch für Deutschland Mikrokredite für Arbeitslose vor, die vom Bankensystem ausgegrenzt werden. Eine gute Idee?
daran ist für banken nix zu verdienen und deshalb macht das keiner. was soll ein hartzi mit so was machen? sich ne bürste kaufen und schuhe putzen auf der straße, so wie der in indien? 99% solcher kredite würde nie zurückbezahlt
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Zur Person
Muhammad Yunus wurde 1940 in der Hafenstadt Chittagong in Bangladesch geboren. Er wuchs als drittes von insgesamt 14 Kindern einer wohlhabenden Familie auf, sein Vater war Juwelier und Goldschmied. Yunus studierte Wirtschaftswissenschaften in Bangladesch und in den USA. 2006 wurden er und die von ihm gegründete Grameen-Bank mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. "Früher musste ich schreien, damit mich wenige Menschen hören", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Jetzt reicht es, wenn ich flüstere, und die ganze Welt hört mir zu."

Was ist ein Mikrokredit?
Mikrokredite sind ein Instrument der Wirtschaftshilfe. Dabei handelt es sich nicht um Spenden, sondern um eine Form der Finanzdienstleistung für Kleinstunternehmer in wirtschaftlich schwachen Regionen. Normalerweise stellen Banken der Bevölkerung dort keine Darlehen zur Verfügung, weil es an Sicherheiten fehlt und der Bearbeitungsaufwand angesichts der geringen Summen zu groß ist. Mikrokredite werden daher meist von spezialisierten Finanzdienstleistern und nichtstaatlichen Organisationen angeboten. Als Sicherheit dienen lokale Bürgen, die darüber wachen, dass das Geld entsprechend verwendet und zurückgezahlt wird.
Was ist Social Business?
Das Prinzip
Social Business ist ein Unternehmenskonzept, das auf den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zurückgeht. Im Unterschied zur herkömmlichen Wirtschaftsweise konzentriert sich Social Business auf die Lösung sozialer Probleme.
Die Rendite
Macht das Unternehmen Gewinne, bleiben sie größtenteils im Unternehmen. Investoren bekommen nur das Geld zurück, das sie investiert haben. Eine Dividende gibt es in der Regel nicht.
Beispiele
Bekannte Unternehmen, die im Social Business aktiv sind, sind unter anderem BASF, Danone oder Veolia. BASF verkauft gemeinsam mit Yunus' Grameen Bank erschwingliche Moskitonetze in Bangladesch. Danone gründete mit der Grameen Bank ein Joint Venture und verkauft einen Joghurt, der mit wichtigen Nährstoffen angereichert ist, für umgerechnet sechs Cent. Veolia versorgt die ärmsten Gebiete in Bangladesch mit Trinkwasser.