Not auf dem Jobmarkt Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus

Schlosser im Instandsetzungswerk der Bahn: Droht der Wirtschaft eine Abwärtsspirale?
dapd

Schlosser im Instandsetzungswerk der Bahn: Droht der Wirtschaft eine Abwärtsspirale?

2. Teil: "Das Konzept des Forderns und Förderns hat sich bewährt"


Mit Rechentricks ist der robuste Arbeitsmarkt nicht zu erklären. Denn Monat für Monat weist die Bundesagentur auch die Unterbeschäftigung aus. Dabei werden auch die Menschen mitgezählt, die in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder Weiterbildung stecken oder krankgemeldet sind und deshalb in der Arbeitslosenquote nicht auftauchen. Im August lag die Zahl bei gut 4,2 Millionen Menschen - fast sieben Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Und dies, obwohl die Bundesagentur den Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente in der Krise sogar zurückgefahren hat. Selbst die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist in der Krise gesunken.

"Die Erholung auf dem Arbeitsmarkt beruht auf dem kräftigen Aufschwung und strukturellen Effekten", sagt Sabine Klinger, Arbeitsmarktexpertin des Nürnberger IAB.

Vor allem aber haben die Hartz-Reformen den verkrusteten Arbeitsmarkt aufgebrochen. "Das Konzept des Forderns und Förderns hat sich bewährt", sagt der Sachverständige Franz. In den vergangenen Jahren hat sich die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt verstärkt, Arbeitslose sind eher bereit, auch ungeliebte Jobs anzunehmen. Von 2005 bis 2008 sank die verfestigte Arbeitslosigkeit, die unabhängig von der Konjunkturentwicklung ist, um zwei Prozentpunkte. Franz ist davon überzeugt, dass während der Krise "die inflationsstabile Arbeitslosigkeit weiter gesunken ist, wenn auch in geringerem Tempo".

Wirtschaftsminister Brüderle spricht vom "Aufschwung XL"

Die Ausgangslage für einen weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit ist gut: In diesem Jahr wird das Wirtschaftswachstum voraussichtlich über drei Prozent liegen. Nicht zuletzt weil der Arbeitsmarkt flexibler geworden ist, sank die Schwelle, bei der Wirtschaftswachstum sich auch in Beschäftigung niederschlägt. Waren früher deutlich über zwei Prozent Wachstum dafür nötig, lag die Schwelle in den vergangenen Jahren unterhalb von 1,5 Prozent. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle spricht gar von "Aufschwung XL", "Boom" und "Vollbeschäftigung".

Mit ein Grund für die Entwicklung ist auch der demografische Wandel: Die Bevölkerungszahl sinkt und damit auch die Zahl derer, die auf den Arbeitsmarkt drängen.

Seit 2006 kippt die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, es verlassen mittlerweile mehr Menschen den Arbeitsmarkt in Richtung Rente, als junge nachrücken. Natürlich entlastet dies den Arbeitsmarkt. Noch kompensieren im Westen Zuwanderung und die steigende Erwerbstätigenquote den Rückgang, im Osten Deutschlands allerdings sind die demografischen Effekte bereits spürbar. 2010 sinkt deshalb das Erwerbspersonenpotential nach Berechnungen des IAB um 90.000 Menschen.

Doch dies ist nur ein fader Vorgeschmack auf das, was noch kommt - und zwar sehr bald.

Die Zahlen sind dramatisch: Ab 2015, wenn die ersten geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, wird das Arbeitskräfteangebot im Laufe der Jahre drastisch sinken. Eine IAB-Studie zum Arbeitsmarkt bis 2025 geht davon aus, dass bis dahin das Erwerbspersonenpotential um sieben Millionen Menschen sinken wird. Im Durchschnitt heißt das Jahr für Jahr 390.000 Personen weniger.

Schon heute ist der Fachkräftemangel in vielen Betrieben Realität, vor allem das Fehlen junger Arbeitskräfte bereitet den Personalchefs Sorge. Langfristig wird dies jedoch zu einem Großproblem: Nach und nach wird sich der Bevölkerungsrückgang in allen Bereichen des Arbeitsmarkts bemerkbar machen.

Ohne Zuwanderung keine Vollbeschäftigung

Mit Sicherheit wird in Deutschland die Unterbeschäftigung sinken, doch wenn es nicht gelingt, die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen, droht ein Teufelskreis: Unbesetzte Stellen bedeuten weniger Wachstum und Innovation. Weniger Wachstum bedeutet weniger Arbeitsangebot. Das führt zu geringeren Steuereinnahmen, weniger Infrastrukturinvestition und weniger Geld in den Sozialkassen bei einer älter werdenden Bevölkerung. Am Ende könnte eine schrumpfende Gesellschaft ohne Vollbeschäftigung stehen.

Um die Zahl der Erwerbstätigen im Jahr 2025 auf dem heutigen Stand zu halten, müssen gleich mehrere Dinge geschehen:

  • Zum einen muss die Zahl der arbeitenden Frauen steigen - und sie müssen mehr arbeiten. Heute ist ein Drittel der Frauen in Teilzeit beschäftigt. Künftig werden mehr Frauen auch in Vollzeitjobs benötigt.
  • Ebenso werden die Menschen länger arbeiten müssen, als sie es heute tun. Tatsächlich ist die Wende bereits eingetreten. Mittlerweile arbeiten fast die Hälfte der Männer auch jenseits der 60 weiter.
  • Auch das Bildungsversagen kann sich der Staat nicht weiter erlauben. An der Qualifizierung der Menschen, die heute ohne Abschluss sind, führt kein Weg vorbei.
  • Das alles reicht jedoch nicht aus: Ohne Zuwanderung, es klingt paradox, ist langfristig Vollbeschäftigung nicht zu erreichen. De facto allerdings ist Deutschland, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, seit Beginn des Jahrtausends kein Zuwanderungsland mehr. Mittlerweile wandern hierzulande mehr Menschen aus als ein - eine fatale Entwicklung.

Ohne politische Entscheidungen wird allerdings nichts davon passieren. Die IAB-Forscherin Sabine Klinger warnt davor, sich auf dem Arbeitsmarkt allein auf die heilende Wirkung der demografischen Entwicklung zu verlassen: "Es gibt keine ökonomische Zwangsläufigkeit, die zur Vollbeschäftigung führt."



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snurdlebug 19.09.2010
1. Zuwanderungswahn
Zitat von sysopDeutschlands Arbeitsmarkt entwickelt sich prächtig, bald sind wohl weniger als drei Millionen Menschen ohne Job. Doch was gut klingt, bereitet Ökonomen große Sorge: Dem Land droht ein Fachkräftemangel, der durch das Altern der Gesellschaft noch verstärkt wird. Der Ausweg: mehr Zuwanderung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,717919,00.html
Warum muss in Deutschland für das Ausland mit Ausländern produziert werden? Denn der unnötige Export ist doch verantwortlich für den "Facharbeitermangel" und kommt nur den Gewinnen der Firmen zu gute. Wer braucht denn diesen Export bzw. Handelsüberschuss? Lasst doch die Bevölkerung schrumpfen und die Wirtschaft gleichermassen!
Uncle_Sam 19.09.2010
2. Quatsch
So ein Qatsch, als ob Deutschland die Fachkräfte ausgehen. Wäre dem tatsächlich so, dann müssten auch die Löhne massiv steigen. Die stagnieren aber schon seit Jahren und viele Firmen versuchen Fachkräfte als Zeitarbeiter einzustellen, kein Wunder, dass sie so keine bekommen. Ich verstehe nicht warum SpOn immer wieder dieses Märchen aufgreift.
rempfi, 19.09.2010
3. Lügen, Lügen nichts als Lügen
So, so, dem Land gehen also die Arbeitskräfte aus, daß ich mich nicht kaputtlache. Dasselbe nachgeschreibe wie allüberall.... Ich verweise hierauf: http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Monatsbericht-Arbeits-Ausbildungsmarkt-Deutschland/Monatsberichte/Generische-Publikationen/Monatsbericht-201008.pdf Wer bei den Statistischen Auswertungen lesen kann, ist KLAR IM VORTEIL (am Ende des Berichtes). Und erst wenn der letzte der Arbeitswilligen ein vernünftiges Gehalt, einen vernünftigen Lohn bezieht, der seiner Ausbildung entspricht, nicht mehr in Leiharbeit oder Zeitarbeit beschäftigt ist, ist ein solcher Bericht gerechtfertigt. Einfach nur noch lachhaft, was in diesem Land an Lügen erzählt wird. Und wer mir ferner erzählt, bei steigender Alterung sei es nicht möglich, diejenigen die wollen, geistig fit zu halten und mit alternativen Möglichkeiten, was die Zeit betrifft, zu der gearbeitet wird, dazu zu bewegen zu arbeiten, der erzählt gewaltigen Mist. Erst wenn der letzte Zeitarbeiter oder Leiharbeiter zu vernünftigen Löhnen und Gehältern beschäftigt wird, hat irgendein Statistiker das Recht so einen Mist zu erzählen. Erst wenn der letzte ohne Ausbildung, der aber eine Ausbildung machen möchte diese samt Arbeitsplatz hat, ist eine solche Aussage berechtigt. Erst und einzig dann, wenn die Wirtschaft hergeht und die Arbeitskräfte umschult und ausbildet, um den sog. "Fachkräftemangel" zu stoppen, und zwar zu EIGENEN Kosten, dann hat diese das Recht das Maul aufzureissen. Vorher heisst es, Maul halten und etwas tun, und nicht darüber zu klagen, daß man keine Arbeitskräfte haben, wenn man berücksichtigt daß wir insgesamt (incl. der H4-Bzieher) 9,4 Mio. Menschen ohne Arbeit haben. Punkt aus Basta.
RubyRhod 19.09.2010
4. Propaganda
Ich lese mir diesen Artikel lieber nicht durch. Diese Anti-Sarazin-Artikel gehen mir auf die Nerven. Fachkräftemangel gleicht man sicherlich nicht durch ungebildete oder sich nicht bilden wollende Ausländer aus. Und welcher Ausländer hat bitte einen guten Abschluss und will dann extra nach Deutschland? Das wäre doch schon reichlich dumm.
kfbekar, 19.09.2010
5. Anstatt:
Anstatt immer gleich nach mehr Zuwanderer zu schreien sollte es bessere Förderung für junge "gebildete" Familien geben. Kinder bekommen ist eine sehr teure Angelegenheit zum einen und zum anderen verliert ein Elternteil an Arbeitsmarktwert wenn es dann längere Zeit zu hause bleiben musste. Daher weniger Einwanderer mehr Kinder von gebildeten Familien. Ich bin selbst in diesem Alter und habe auch viele Freunde die in dem gleichen Alter sind. Die aus der Realschule haben fast alle schon Kinder die Freunde von der Hochschule da hat noch niemand ein Kind bei gleichem Alter. Wenn hier viel in Richtung Förderung und gesellschaftlicher Akzeptanz passieren würde dann würden auch mehr jungen (teils studierte) Paare Kinder haben und das wäre das wichtigste für Deutschland.
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