Von Markus Dettmer
Mit Rechentricks ist der robuste Arbeitsmarkt nicht zu erklären. Denn Monat für Monat weist die Bundesagentur auch die Unterbeschäftigung aus. Dabei werden auch die Menschen mitgezählt, die in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder Weiterbildung stecken oder krankgemeldet sind und deshalb in der Arbeitslosenquote nicht auftauchen. Im August lag die Zahl bei gut 4,2 Millionen Menschen - fast sieben Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Und dies, obwohl die Bundesagentur den Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente in der Krise sogar zurückgefahren hat. Selbst die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist in der Krise gesunken.
"Die Erholung auf dem Arbeitsmarkt beruht auf dem kräftigen Aufschwung und strukturellen Effekten", sagt Sabine Klinger, Arbeitsmarktexpertin des Nürnberger IAB.
Vor allem aber haben die Hartz-Reformen den verkrusteten Arbeitsmarkt aufgebrochen. "Das Konzept des Forderns und Förderns hat sich bewährt", sagt der Sachverständige Franz. In den vergangenen Jahren hat sich die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt verstärkt, Arbeitslose sind eher bereit, auch ungeliebte Jobs anzunehmen. Von 2005 bis 2008 sank die verfestigte Arbeitslosigkeit, die unabhängig von der Konjunkturentwicklung ist, um zwei Prozentpunkte. Franz ist davon überzeugt, dass während der Krise "die inflationsstabile Arbeitslosigkeit weiter gesunken ist, wenn auch in geringerem Tempo".
Wirtschaftsminister Brüderle spricht vom "Aufschwung XL"
Die Ausgangslage für einen weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit ist gut: In diesem Jahr wird das Wirtschaftswachstum voraussichtlich über drei Prozent liegen. Nicht zuletzt weil der Arbeitsmarkt flexibler geworden ist, sank die Schwelle, bei der Wirtschaftswachstum sich auch in Beschäftigung niederschlägt. Waren früher deutlich über zwei Prozent Wachstum dafür nötig, lag die Schwelle in den vergangenen Jahren unterhalb von 1,5 Prozent. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle spricht gar von "Aufschwung XL", "Boom" und "Vollbeschäftigung".
Mit ein Grund für die Entwicklung ist auch der demografische Wandel: Die Bevölkerungszahl sinkt und damit auch die Zahl derer, die auf den Arbeitsmarkt drängen.
Seit 2006 kippt die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, es verlassen mittlerweile mehr Menschen den Arbeitsmarkt in Richtung Rente, als junge nachrücken. Natürlich entlastet dies den Arbeitsmarkt. Noch kompensieren im Westen Zuwanderung und die steigende Erwerbstätigenquote den Rückgang, im Osten Deutschlands allerdings sind die demografischen Effekte bereits spürbar. 2010 sinkt deshalb das Erwerbspersonenpotential nach Berechnungen des IAB um 90.000 Menschen.
Doch dies ist nur ein fader Vorgeschmack auf das, was noch kommt - und zwar sehr bald.
Die Zahlen sind dramatisch: Ab 2015, wenn die ersten geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, wird das Arbeitskräfteangebot im Laufe der Jahre drastisch sinken. Eine IAB-Studie zum Arbeitsmarkt bis 2025 geht davon aus, dass bis dahin das Erwerbspersonenpotential um sieben Millionen Menschen sinken wird. Im Durchschnitt heißt das Jahr für Jahr 390.000 Personen weniger.
Schon heute ist der Fachkräftemangel in vielen Betrieben Realität, vor allem das Fehlen junger Arbeitskräfte bereitet den Personalchefs Sorge. Langfristig wird dies jedoch zu einem Großproblem: Nach und nach wird sich der Bevölkerungsrückgang in allen Bereichen des Arbeitsmarkts bemerkbar machen.
Ohne Zuwanderung keine Vollbeschäftigung
Mit Sicherheit wird in Deutschland die Unterbeschäftigung sinken, doch wenn es nicht gelingt, die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen, droht ein Teufelskreis: Unbesetzte Stellen bedeuten weniger Wachstum und Innovation. Weniger Wachstum bedeutet weniger Arbeitsangebot. Das führt zu geringeren Steuereinnahmen, weniger Infrastrukturinvestition und weniger Geld in den Sozialkassen bei einer älter werdenden Bevölkerung. Am Ende könnte eine schrumpfende Gesellschaft ohne Vollbeschäftigung stehen.
Um die Zahl der Erwerbstätigen im Jahr 2025 auf dem heutigen Stand zu halten, müssen gleich mehrere Dinge geschehen:
Ohne politische Entscheidungen wird allerdings nichts davon passieren. Die IAB-Forscherin Sabine Klinger warnt davor, sich auf dem Arbeitsmarkt allein auf die heilende Wirkung der demografischen Entwicklung zu verlassen: "Es gibt keine ökonomische Zwangsläufigkeit, die zur Vollbeschäftigung führt."
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