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19. September 2010, 07:48 Uhr

Not auf dem Jobmarkt

Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus

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Deutschlands Arbeitsmarkt entwickelt sich prächtig, bald sind wohl weniger als drei Millionen Menschen ohne Job. Doch was gut klingt, bereitet Ökonomen große Sorge: Dem Land droht ein Fachkräftemangel, der durch das Altern der Gesellschaft noch verstärkt wird. Der Ausweg: mehr Zuwanderung.

Hamburg - In der Politik gibt es Rituale, die sind verlässlich wie der Ablauf des "Dinner for one" von Butler James und Miss Sophie an Silvester. Nur wiederholen sie sich häufiger.

An einem festgesetzten Wochentag der letzten Woche eines jeden Monats sitzt Frank-Jürgen Weise um Punkt zehn Uhr in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Zunächst verkündet der Behördenchef die aktuelle Arbeitslosenzahl, um anschließend eine profunde Analyse der Entwicklung zu geben.

Binnen einer Stunde tritt daraufhin Ursula von der Leyen hinter das Stehpult im Presseraum des Berliner Bundesarbeitsministeriums. Vor der himmelblauen Stellwand spricht die Ministerin dann von guten Zahlen und hoffnungsvollen Zeichen.

Auch am 30. September wird sich dieses Schauspiel wiederholen. Die Botschaft der beiden ist schon heute klar: Alles ist gut, und vielleicht wird sogar alles besser.

Im Jahr eins nach der schwersten Wirtschaftskrise seit Generationen ist derzeit nur die Frage offen: Sinkt die Arbeitslosenzahl im September oder erst im Oktober unter die Drei-Millionen-Marke?

Es folgt das Ritual der Deutung und Kommentierung: Jobwunder oder Strohfeuer? Sind die guten Zahlen Folge des Aufschwungs, demografischer Entwicklung oder statistischer Trickserei?

"Der Trend zeigt nach oben"

Doch die Deutschen erleben derzeit auf dem Arbeitsmarkt weder ein Wunder noch trügerische Scheinerfolge. Sie sehen die Ergebnisse von einem guten Jahrzehnt moderner Tarifpolitik und moderater Lohnabschlüsse, eines international wettbewerbsfähigen Industriestandortes und schmerzhafter, aber erfolgreicher Hartz-Reformen der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder. Zugleich steht das Land jedoch angesichts des demografischen Wandels und sinkender Bevölkerungszahlen vor neuen Herausforderungen am Arbeitsmarkt, die bereits erreichte Erfolge gefährden.

Wenn die USA vor einer weiteren tiefen Rezession verschont bleiben und eine zweite Finanzmarktkrise entfällt, wird sich die Lage weiter verbessern. "Sollte so etwas nicht passieren, schätze ich die weitere Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt optimistisch ein", sagt Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Auch Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), glaubt, dass sich "die positive Entwicklung bis ins kommende Jahr fortsetzen wird". Hilmar Schneider, Chef des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA): "Der Trend zeigt weiter nach oben."

Die internen Einschätzungen der Bundesagentur weisen in die gleiche Richtung. Wenn die Behörde die monatlichen Arbeitslosenzahlen ermittelt, fragt sie auch nach den Erwartungen der eigenen Mitarbeiter für die nahe Zukunft. Von den 178 Arbeitsagenturen in Deutschland rechneten im August nur noch drei "in den nächsten Monaten mit einer schlechteren Entwicklung der Arbeitslosigkeit als saisonal üblich", heißt es in einem Papier. Lediglich eine Arbeitsagentur "erwartet mehr Entlassungen als im Vorjahr".

Wette auf die Zeit gewonnen

Die Experten des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gehen davon aus, dass 2011 im Jahresschnitt weniger als drei Millionen Menschen arbeitslos sein werden. Es wäre der niedrigste Stand seit 1992.

Dabei ist bereits die bisherige Entwicklung erstaunlich: Im vergangenen Jahr verlor Deutschland fünf Prozent seiner Wirtschaftskraft. Doch der Arbeitsmarkt hat schon wieder Vorkrisenniveau erreicht.

Im vergangenen Monat gab es knapp 3,19 Millionen Jobsuchende, das ist der niedrigste August-Stand seit 18 Jahren. Die Menge der geleisteten Arbeitsstunden steigt derzeit ebenso wie die Nachfrage nach Arbeitskräften. 40,3 Millionen Menschen stehen in Lohn, damit liegt die Zahl fast auf dem Rekordstand von Ende 2008.

Und auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, also ohne Minijobber und Selbständige, ist nach Hochrechnungen der Bundesagentur im Juni bereits um 93.000 Stellen höher als vor der Krise. Rettete im vergangenen Jahr vor allem der Anstieg der Teilzeitjobs die Statistik, steigt mittlerweile auch die Vollzeitbeschäftigung.

Damit haben die Unternehmen allem Anschein nach ihre Wette auf die Zeit gewonnen. Im Mai 2009 schickten sie fast 1,5 Millionen Mitarbeiter, vor allem Fachkräfte, in Kurzarbeit, um sie nicht entlassen zu müssen. Im Juni 2010 waren es noch gut 400.000. Die anderen kehrten in der Regel in die Vollzeitarbeit zurück.

"Das Konzept des Forderns und Förderns hat sich bewährt"

Mit Rechentricks ist der robuste Arbeitsmarkt nicht zu erklären. Denn Monat für Monat weist die Bundesagentur auch die Unterbeschäftigung aus. Dabei werden auch die Menschen mitgezählt, die in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder Weiterbildung stecken oder krankgemeldet sind und deshalb in der Arbeitslosenquote nicht auftauchen. Im August lag die Zahl bei gut 4,2 Millionen Menschen - fast sieben Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Und dies, obwohl die Bundesagentur den Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente in der Krise sogar zurückgefahren hat. Selbst die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist in der Krise gesunken.

"Die Erholung auf dem Arbeitsmarkt beruht auf dem kräftigen Aufschwung und strukturellen Effekten", sagt Sabine Klinger, Arbeitsmarktexpertin des Nürnberger IAB.

Vor allem aber haben die Hartz-Reformen den verkrusteten Arbeitsmarkt aufgebrochen. "Das Konzept des Forderns und Förderns hat sich bewährt", sagt der Sachverständige Franz. In den vergangenen Jahren hat sich die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt verstärkt, Arbeitslose sind eher bereit, auch ungeliebte Jobs anzunehmen. Von 2005 bis 2008 sank die verfestigte Arbeitslosigkeit, die unabhängig von der Konjunkturentwicklung ist, um zwei Prozentpunkte. Franz ist davon überzeugt, dass während der Krise "die inflationsstabile Arbeitslosigkeit weiter gesunken ist, wenn auch in geringerem Tempo".

Wirtschaftsminister Brüderle spricht vom "Aufschwung XL"

Die Ausgangslage für einen weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit ist gut: In diesem Jahr wird das Wirtschaftswachstum voraussichtlich über drei Prozent liegen. Nicht zuletzt weil der Arbeitsmarkt flexibler geworden ist, sank die Schwelle, bei der Wirtschaftswachstum sich auch in Beschäftigung niederschlägt. Waren früher deutlich über zwei Prozent Wachstum dafür nötig, lag die Schwelle in den vergangenen Jahren unterhalb von 1,5 Prozent. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle spricht gar von "Aufschwung XL", "Boom" und "Vollbeschäftigung".

Mit ein Grund für die Entwicklung ist auch der demografische Wandel: Die Bevölkerungszahl sinkt und damit auch die Zahl derer, die auf den Arbeitsmarkt drängen.

Seit 2006 kippt die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, es verlassen mittlerweile mehr Menschen den Arbeitsmarkt in Richtung Rente, als junge nachrücken. Natürlich entlastet dies den Arbeitsmarkt. Noch kompensieren im Westen Zuwanderung und die steigende Erwerbstätigenquote den Rückgang, im Osten Deutschlands allerdings sind die demografischen Effekte bereits spürbar. 2010 sinkt deshalb das Erwerbspersonenpotential nach Berechnungen des IAB um 90.000 Menschen.

Doch dies ist nur ein fader Vorgeschmack auf das, was noch kommt - und zwar sehr bald.

Die Zahlen sind dramatisch: Ab 2015, wenn die ersten geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, wird das Arbeitskräfteangebot im Laufe der Jahre drastisch sinken. Eine IAB-Studie zum Arbeitsmarkt bis 2025 geht davon aus, dass bis dahin das Erwerbspersonenpotential um sieben Millionen Menschen sinken wird. Im Durchschnitt heißt das Jahr für Jahr 390.000 Personen weniger.

Schon heute ist der Fachkräftemangel in vielen Betrieben Realität, vor allem das Fehlen junger Arbeitskräfte bereitet den Personalchefs Sorge. Langfristig wird dies jedoch zu einem Großproblem: Nach und nach wird sich der Bevölkerungsrückgang in allen Bereichen des Arbeitsmarkts bemerkbar machen.

Ohne Zuwanderung keine Vollbeschäftigung

Mit Sicherheit wird in Deutschland die Unterbeschäftigung sinken, doch wenn es nicht gelingt, die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen, droht ein Teufelskreis: Unbesetzte Stellen bedeuten weniger Wachstum und Innovation. Weniger Wachstum bedeutet weniger Arbeitsangebot. Das führt zu geringeren Steuereinnahmen, weniger Infrastrukturinvestition und weniger Geld in den Sozialkassen bei einer älter werdenden Bevölkerung. Am Ende könnte eine schrumpfende Gesellschaft ohne Vollbeschäftigung stehen.

Um die Zahl der Erwerbstätigen im Jahr 2025 auf dem heutigen Stand zu halten, müssen gleich mehrere Dinge geschehen:

Ohne politische Entscheidungen wird allerdings nichts davon passieren. Die IAB-Forscherin Sabine Klinger warnt davor, sich auf dem Arbeitsmarkt allein auf die heilende Wirkung der demografischen Entwicklung zu verlassen: "Es gibt keine ökonomische Zwangsläufigkeit, die zur Vollbeschäftigung führt."

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