Von Markus Dettmer
Hamburg - In der Politik gibt es Rituale, die sind verlässlich wie der Ablauf des "Dinner for one" von Butler James und Miss Sophie an Silvester. Nur wiederholen sie sich häufiger.
An einem festgesetzten Wochentag der letzten Woche eines jeden Monats sitzt Frank-Jürgen Weise um Punkt zehn Uhr in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Zunächst verkündet der Behördenchef die aktuelle Arbeitslosenzahl, um anschließend eine profunde Analyse der Entwicklung zu geben.
Binnen einer Stunde tritt daraufhin Ursula von der Leyen hinter das Stehpult im Presseraum des Berliner Bundesarbeitsministeriums. Vor der himmelblauen Stellwand spricht die Ministerin dann von guten Zahlen und hoffnungsvollen Zeichen.
Auch am 30. September wird sich dieses Schauspiel wiederholen. Die Botschaft der beiden ist schon heute klar: Alles ist gut, und vielleicht wird sogar alles besser.
Im Jahr eins nach der schwersten Wirtschaftskrise seit Generationen ist derzeit nur die Frage offen: Sinkt die Arbeitslosenzahl im September oder erst im Oktober unter die Drei-Millionen-Marke?
Es folgt das Ritual der Deutung und Kommentierung: Jobwunder oder Strohfeuer? Sind die guten Zahlen Folge des Aufschwungs, demografischer Entwicklung oder statistischer Trickserei?
"Der Trend zeigt nach oben"
Doch die Deutschen erleben derzeit auf dem Arbeitsmarkt weder ein Wunder noch trügerische Scheinerfolge. Sie sehen die Ergebnisse von einem guten Jahrzehnt moderner Tarifpolitik und moderater Lohnabschlüsse, eines international wettbewerbsfähigen Industriestandortes und schmerzhafter, aber erfolgreicher Hartz-Reformen der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder. Zugleich steht das Land jedoch angesichts des demografischen Wandels und sinkender Bevölkerungszahlen vor neuen Herausforderungen am Arbeitsmarkt, die bereits erreichte Erfolge gefährden.
Wenn die USA vor einer weiteren tiefen Rezession verschont bleiben und eine zweite Finanzmarktkrise entfällt, wird sich die Lage weiter verbessern. "Sollte so etwas nicht passieren, schätze ich die weitere Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt optimistisch ein", sagt Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Auch Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), glaubt, dass sich "die positive Entwicklung bis ins kommende Jahr fortsetzen wird". Hilmar Schneider, Chef des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA): "Der Trend zeigt weiter nach oben."
Die internen Einschätzungen der Bundesagentur weisen in die gleiche Richtung. Wenn die Behörde die monatlichen Arbeitslosenzahlen ermittelt, fragt sie auch nach den Erwartungen der eigenen Mitarbeiter für die nahe Zukunft. Von den 178 Arbeitsagenturen in Deutschland rechneten im August nur noch drei "in den nächsten Monaten mit einer schlechteren Entwicklung der Arbeitslosigkeit als saisonal üblich", heißt es in einem Papier. Lediglich eine Arbeitsagentur "erwartet mehr Entlassungen als im Vorjahr".
Wette auf die Zeit gewonnen
Die Experten des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gehen davon aus, dass 2011 im Jahresschnitt weniger als drei Millionen Menschen arbeitslos sein werden. Es wäre der niedrigste Stand seit 1992.
Dabei ist bereits die bisherige Entwicklung erstaunlich: Im vergangenen Jahr verlor Deutschland fünf Prozent seiner Wirtschaftskraft. Doch der Arbeitsmarkt hat schon wieder Vorkrisenniveau erreicht.
Im vergangenen Monat gab es knapp 3,19 Millionen Jobsuchende, das ist der niedrigste August-Stand seit 18 Jahren. Die Menge der geleisteten Arbeitsstunden steigt derzeit ebenso wie die Nachfrage nach Arbeitskräften. 40,3 Millionen Menschen stehen in Lohn, damit liegt die Zahl fast auf dem Rekordstand von Ende 2008.
Und auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, also ohne Minijobber und Selbständige, ist nach Hochrechnungen der Bundesagentur im Juni bereits um 93.000 Stellen höher als vor der Krise. Rettete im vergangenen Jahr vor allem der Anstieg der Teilzeitjobs die Statistik, steigt mittlerweile auch die Vollzeitbeschäftigung.
Damit haben die Unternehmen allem Anschein nach ihre Wette auf die Zeit gewonnen. Im Mai 2009 schickten sie fast 1,5 Millionen Mitarbeiter, vor allem Fachkräfte, in Kurzarbeit, um sie nicht entlassen zu müssen. Im Juni 2010 waren es noch gut 400.000. Die anderen kehrten in der Regel in die Vollzeitarbeit zurück.
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