Familiäre Schweinemast NRW-Agrarministerin wird Tierquälerei vorgeworfen

Tierschützer äußern scharfe Kritik an Nordrhein-Westfalens neuer Landwirtschaftsministerin Christina Schulze Föcking. TV-Bilder zeigen einen Schweinemastbetrieb ihrer Familie, in dem schlimme Zustände herrschen sollen.

Ferkel (Symbolfoto)
DPA

Ferkel (Symbolfoto)


Die frisch gekürte nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Christina Schulze Föcking (CDU) ist nach einem Fernsehbericht über fragwürdige Haltungsbedingungen im familiären Schweinemastbetrieb politisch schwer unter Druck geraten.

"Stern TV" hatte am Mittwochabend von der Tierschutzorganisation Tierretter.de bereitgestellte Bilder ausgestrahlt, die Bilder vom Schweinemastbetrieb der Familie zeigten. Aufnahmen zeigten Schweine mit angefressenen und entzündeten Schwänzen sowie mit Bisswunden. Außerdem sollen auf dem Hof die Nippeltränken nachts abgestellt worden sein, sodass die Tiere nicht wie vorgeschrieben jederzeit Zugang zu frischem Wasser hatten. Schulze Föcking war erst vor zwei Wochen zur Landwirtschaftsministerin ernannt worden.

Christina Schulze Föcking (CDU)
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Christina Schulze Föcking (CDU)

Die Grünen forderten eine unverzügliche Sitzung des Landwirtschaftsausschusses. "Als Landwirtschaftsministerin kann Frau Schulze Föcking nicht mehr glaubwürdig auftreten, als Tierschutzministerin ist sie völlig fehl am Platz", sagte Arndt Klocke, der Grünen-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag.

Ehemann hat alleinige Betriebsleitung übernommen

Dem Bericht zufolge war Schulze Föcking bis zu ihrem Amtsantritt zu 50 Prozent an dem Hof beteiligt - und damit auch in der fraglichen Zeit, in der die Filmaufnahmen gemacht worden sind. Die Ministerin verwies in einer Mitteilung auf eine umfassende Stellungnahme aus dem von ihrem Mann geleiteten Betrieb. Frank Schulze Föcking räumt darin "in einem kurzen Zeitraum (...) außergewöhnliche Krankheitsverläufe" ein.

Es habe beispielsweise Ferkellieferungen im März gegeben. Diese Tiere seien deutlich verhaltensauffälliger gewesen und hatten ein deutlich größeres Aggressionspotenzial als bei vorherigen Lieferungen. "Am 1.6. wurden erstmalig vereinzelte Tiere mit Bissspuren registriert." Der Betrieb habe aber sofort eine veterinärmedizinische Behandlung der Tiere veranlasst - "in einzelnen Fällen" seien Tiere notgetötet worden. Bei den Tränken habe die Amtstierärztin keine Auffälligkeiten festgestellt.

In seiner Antwort ging der der Betriebschef auch auf die gemachten Aufnahmen durch Tierretter.de ein. Die Aufnahmen waren von den Tierschützern heimlich gemacht worden - nach Angaben des Vereins zwischen Anfang März und Mitte Juni. "Vorsorglich weisen wir daraufhin, dass wir solche Recherchemethoden ausdrücklich missbilligen, die die Privatsphäre verletzen", schrieb Frank Schulze Föcking. Eine Einwilligung in die Verbreitung der Aufnahmen werde ausdrücklich nicht erteilt.

In der Sendung sagte der zuständige Kreisveterinär, die Bilder deckten sich nicht mit den bisherigen Erkenntnissen aus dem Betrieb. Allerdings habe es zwischen April 2014 und Juli 2017 keine tierschutzrechtlichen Überprüfungen in den Betrieben der Familie gegeben. Laut Westdeutschem Rundfunk gab es bei einer Routineuntersuchung durch das Kreisveterinäramt am 7. Juli keine Beanstandungen des Betriebs.

Kritik am Aushebeln des Tierschutz-Verbandsklagerechts

Besonders unter Beschuss gerät Nordrhein-Westfalens Politik, weil sie das seit Jahren geltende Verbandsklagerecht bei Tierschutzbelangen abschaffen will - obwohl andere Bundesländer es für den Schutz von Tieren gerade einführen. Das Recht ermöglicht es Verbänden, den Tierschutz rechtlich durchzusetzen.

Die CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag hatte im Januar in einem Gesetzentwurf erklärt, das Verbandsklagerecht und die Mitwirkungsrechte für Tierschutzvereine hätten das Staatsziel verfehlt, den Tierschutz nachhaltig zu stärken. Es werde genutzt, "um Vorhaben zu verzögern oder zu verhindern". Dagegen gehen Tierschutzorganisationen nun auf die Barrikaden.

kig/dpa/AFP



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nenene 13.07.2017
1.
Bildmaterial ist immer schnell erstellt und kann nur eine Momentaufnahme darstellen. Ich glaube schon lange keinen TV Bildern mehr, da die Schnitte so gelegt werden können, das alles anders als gut aussieht. Fotos sind auch nicht mehr aussagekräftig genug. Hauptsache die Presse hat was zu berichten! So einen Schweinemastbetrieb mal ein Jahr lang begleiten, und dann darüber berichten! Da wird sich schon einem Menge relativieren! Lohnt sich dann aber nicht!
lesheinen 13.07.2017
2. Hauptsache, der Gewinn stimmt
Ich kenne den TV-Beitrag nicht. Wenn aber die Ministerin für die Missstände in den Stallungen mitverantwortlich war, hat man den Bock zum Gärtner gemacht. Natürlich wird sie nicht zurücktreten. Rücktritte sind - soweit mir erinnerlich - bei CDU/CSU-Ministern nur äußerst selten erfolgt. Da fällt mir nur Herr Guttenberg ein, dessen Vergehen - copy and paste - mir im Vergleich zu Tierquälerei eher wie eine Lappalie vorkommt.
pommbaer84 13.07.2017
3. Die Frau ist von der CDU. Was haben die erwartet?
Gewinnmaximierung und liberaler Markt wiegen schwerer als das Tierwohl. Wenigstens hat sie einen Bezug zur Branche. Andere Minister bekommen wieder nur zugesicherte Lorbeeren aufgesetzt ohne von ihrem Ressort auch nur die geringste Ahnung zu haben. Die Fachebene die bereits vorher da war darf es ausbaden, da Entscheidungen erstmal nur politisch gefällt werden, um die Projekte von SPD und Grünen auszuradieren. Das kennt man von Löwen, die ein Rudel übernehmen. Da werden als erstes die Jungen des vorherigen Anführers getötet.
steve121 13.07.2017
4. Nun ja
...sollten sich diese Vorwürfe nachweislich bestätigen, hat die Gute nichts in dem Ministerium zu suchen und sollte schleunigst zurücktreten, ohne finanzielle Ansprüche aus diesem Amt, da sie dann allem Anschein nach das Amt nicht im Interesse der Allgemeinheit vertreten hat.
spiegelonline-leser 13.07.2017
5. arme Sau
In der Massentierhaltung geht es um Profitgier, nicht um Tierwohl. Damit die Deutschen ihr Billigschnitzel mampfen können, müssen Tiere unter schlechten Bedingungen gemästet werden, anders geht es nicht. Ob nun der Stallbesitzer eine Firma der eine notleidente CDU-Dame ist, die sich kein glückliches Schwein leisten kann, spielt letztendlich keine Rolle.
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