NYSE US-Börsianer stemmen sich gegen deutsche Übernahme

Die Deutsche Börse bangt um ihre Megafusion mit der New York Stock Exchange. Denn der US-Konkurrent Nasdaq kontert mit einem höheren Gebot - und stellt die Machtverhältnisse auf den Kopf. Früher galt die Technologiebörse nur als Aufwärmparkett, nun will sie zur Nummer eins der Wall Street werden. 

NYSE an der Wall Street: Jubel über Nasdaq-Angebot verstummte schnell
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NYSE an der Wall Street: Jubel über Nasdaq-Angebot verstummte schnell

Von , New York


Als die New York Stock Exchange und die Deutsche Börse im Februar ihre Fusionspläne verkündeten, juxte die Wall Street sofort über den Namen einer solchen deutsch-amerikanischen Superbörse. Big Börse? The Haus? Big Apple Strudel? Stocks 'n' Schnitzels?

Hinter dem Jux steckte jedoch durchaus bitterer Ernst. Kritiker warnten, eine Ehe mit den Frankfurtern könnte den traditionsreichen Börsenplatz New York gefährden. "Die NYSE ist ein Symbol nationalen Prestiges", sagte der demokratische Senator Chuck Schumer. "Diese Marke darf nicht leiden." Manche sprachen sogar von einer "Übernahme". "R.I.P. New York Stock Exchange", titelte das Geldmagazin "Forbes".

Geht es nach der größten NYSE-Rivalin, der New Yorker Tech-Börse Nasdaq OMX Chart zeigen, dann wird es weder zum Kniefall vor dem Ausland kommen noch zu garstigen Wortungetümen. Das Gegengebot, das die Nasdaq jetzt im Verbund mit der US-Rohstoffbörse IntercontinentalExchange (ICE) für die NYSE vorgelegt hat, übertrumpft das Gebot der Deutschen Börse Chart zeigen nicht nur um fast 20 Prozent. Mehr noch: Es würde die neue Megabörse ganz in den USA belassen - ein klassischer Heimvorteil.

Doch der anfängliche Jubel der Deutschland-Feinde über die jüngste Wendung ist am Wochenende schnell wieder verstummt. Der Heimvorteil, so stellt sich heraus, wird von einem anderen Aspekt wieder aufgewogen - den Bedenken gegen ein massives US-Börsenmonopol: NYSE Chart zeigen und Nasdaq haben nämlich einen kombinierten Marktanteil von 50 Prozent.

Also steht plötzlich alles wieder in den Sternen. Mit ihrem feindlichen Gegenangebot haben Nasdaq und die erst 2000 gegründete ICE den sorgfältig inszenierten Fahrplan der Börsenfusion außer Kraft gesetzt. Nun steht die NYSE-Spitze vor schweren Entscheidungen: Deutschland oder USA? Fusion oder Ausverkauf? Globale Expansion oder nationale Konsolidierung? Freund oder Feind? Und auch das wird nicht das letzte Wort sein - das haben die Anteilseigner der NYSE.

Wochenlange Verhandlungen

Hinter dem Vorstoß von Nasdaq und ICE steckt mehr als reine Rechnerei. Rund 11,3 Milliarden Dollar an Aussteuer wollen sie für die heißbegehrte NYSE auf den Tisch legen - 42,50 Dollar pro NYSE-Aktie. Die Deutsche Börse hatte 35,29 Dollar geboten. Die möglichen Kostenersparnisse beziffert die Nasdaq auf fast 800 Millionen Dollar, fast doppelt so viel wie beim Zusammengang mit Frankfurt - allein das ist eine attraktive Aussicht.

Nach der Übernahme würde die NYSE aber aufgespalten werden. Die Nasdaq würde das historische "Big Board" übernehmen und damit die zwei größten US-Börsen verschmelzen, unter Beibehalt beider Handelsparketts, an der Wall Street und am Times Square. Die NYSE-Derivativentochter Liffe ginge an die ICE. Mindestens ein Datenzentrum soll geschlossen werden, welches, blieb zunächst offen.

Es ist ein gewagter Schritt, der eine der erbittertesten Gegnerschaften der Wall Street auf die Spitze treibt - die 40-jährige Konkurrenz zwischen NYSE und Nasdaq. Als die Nasdaq 1971 ihre ersten elektronischen Handel tätigte, hätte keiner gedacht, dass das Start-up-Unternehmen dem Platzhirsch NYSE einmal so forsch die Stirn bieten könnte. Vorbei die Zeiten, da die Nasdaq quasi das Aufwärmparkett für Börsenneulinge war, bevor die Firmen den Sprung an die "große" NYSE wagten.

So war es denn auch Robert Greifeld, seit 2003 Vorstandschef der Nasdaq, der den Deal persönlich vorantrieb, der einen Partner für seinen Schlag gegen die NYSE suchte, diesen im ICE-Kollegen Jeff Sprecher fand und dann in wochenlangen Verhandlungen die Konditionen austüftelte. Man habe im letzten Monat "eine enorme Menge Zeit miteinander verbracht", berichtete der Sprecher, "um das Unternehmen, das wir erwerben würden, zu verstehen".

Weniger Cash für Aktionäre

Vorsicht ist auch angesagt. Sowohl die Nasdaq wie auch die ICE haben zwar einige erfolgreiche Deals auf ihrem Konto. Doch haben sich beide auch schon schlagzeilenträchtige Missgriffe geleistet. Die Nasdaq scheiterte 2006 bei ihrem Übernahmeversuch der Londoner Börse. Die ICE zog 2007 beim Kampf um die weltälteste Terminbörse CBOT in Chicago den Kürzeren gegen die Chicago Mercantile Exchange (CME).

Wie es in diesem Fall weitergeht, folgt nun einem genauen Ablaufplan. Das Board der NYSE muss in den kommenden Wochen eine Reihe kniffliger Entschlüsse fassen, die im bisherigen Fusionsabkommen zwischen der NYSE und der Deutschen Börse im Detail vorgezeichnet sind.

So muss die NYSE die Deutsche Börse über Einzelheiten, Status und Fortgang des Nasdaq-Gebots auf dem Laufenden halten. Will das Board tatsächlich Verhandlungen mit der Nasdaq und der ICE aufnehmen, kann es deren Offerte als das "überlegene Angebot" qualifizieren - also eines, das "vorteilhafter ist für die Shareholder von NYSE Euronext".

Kommt es wirklich so weit, muss das NYSE-Board der Deutschen Börse fünf Tage geben, um das Nasdaq-Gebot zu kontern. Erst danach kann es den NYSE-Aktionären empfehlen, den Deal mit der Deutschen Börse abzulehnen.

Dabei ist der höhere Preis, den die Nasdaq bietet, nicht unbedingt entscheidend: Da es sich bei dem Zusammengang mit den Deutschen nicht um einen Verkauf handelt, ist der nackte Preis nebensächlich - eine Fusion könnte langfristig strategische Vorteile gegenüber einer Übernahme haben, auch wenn dabei am Anfang weniger Cash für die Aktionäre herausspringt.

"Ein starkes Warnsignal"

Sollten die Aktionäre jedoch für die Nasdaq stimmen, schuldet die NYSE der Deutschen Börse 250 Millionen Dollar Kündigungsgebühr.

Dazwischenfunken könnten auch noch die Kartellwächter: Der inländische Doppelpack NYSE-Nasdaq dürfte bei den US-Wettbewerbsbehörden auf größere Skepsis stoßen als eine transkontinentale Fusion mit der Deutschen Börse. Im US-Börsengeschäft hat die NYSE einen Marktanteil von 28 Prozent, die Nasdaq einen von 22 Prozent. "Das ist ein starkes Warnsignal", sagte der Kartellanwalt Stephen Axinn dem "Wall Street Journal".

Denn eine Verschmelzung würde unter anderem wohl zu höheren Gebühren führen. "Eine kombinierte NYSE-Nasdaq-Einheit könnte auf dem Listingmarkt beträchtliche Preismacht haben", sagte der Finanzprofessor Lawrence Harris am Freitag vor dem Kartell-Unterausschuss des Repräsentantenhauses. "Auch könnte eine solche Konzentration die Innovation bei Listing-Normen reduzieren, was nicht im öffentlichen Interesse sein dürfte."

Die Nasdaq und die ICE sind sich der Hürden bewusst. "Wir erkennen an, dass unser Vorschlag in den USA größere Wettbewerbsprobleme schafft als der Vorschlag der Deutschen Börse", erklärten sie. "Wir sind aber zuversichtlich, dass diese Probleme zufriedenstellend ausgeräumt werden können."

Schon mischt sich der Kongress ein. Der Vorsitzende des Kartell-Unterausschusses, der Republikaner Bob Goodlatte, will die Chefs der NYSE, der Nasdaq und der ICE bald zu einer Anhörung bitten: Er wolle sicherstellen, dass der Nasdaq-Plan für die gelisteten Konzerne oder die Verbraucher nicht von Nachteil wäre.

Senator Schumer zeigte sich "besorgt, wie sich dieser Deal auf die Jobs in New York auswirkt" - Anspielung auf mögliche Stellenkürzungen nach einer Übernahme. Auch Charles Grassley, der als Top-Republikaner im Justizausschuss über den Deal zu urteilen hat, kündigte an, die Kartellbehörden würden das Nasdaq-Angebot "gründlich untersuchen, um den Wettbewerb in diesem Wirtschaftssektor zu schützen".

Sollten sich die Zweifel durchsetzen, könnte es am Ende also doch sein, dass es zu einer deutsch-amerikanischen Megabörse kommt. Noch hat Stocks 'n' Schnitzels eine Chance.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Braunschweiger77, 04.04.2011
1. Das Beispiel zeigt
daß andere Länder ihre Schlüsselunternehmen vor ausländischen Übernahmen schützen. In Deutschland ist dies leider anders.
maximillian64 04.04.2011
2. Emotionen der unbelehrbaren Banker unterschaetzt
Das Flaggschiff des amerikanischen Kapitalimus / Traums an den besiegten ehem. Feind zu ueberantworten ist auch den Freetradern um die Wallstreet zuviel des Guten. Emotional nicht machbar. Das Banker Fehler machen und sich davuer gut bezahlen lassen ist ja bekannt. Hier hat es noch eine Nationale und Politische Dimension. Vermutlich braucht es nochmal 10 Jahre und 1 Krise der unbelehrbaren Banker bis sich das (ggf. neue Unternehmen NASDAQ / NYSW) dann gleich an die Kommunisten in China prostituieren muss. C'est la vie ...
xXstrikerXx 04.04.2011
3. 250 Millionen für lau...
so what? 250 Millionen mal eben so verdienen. Da das rein auf den Gewinn geht, ist es schnell verdientes Geld.
NSUPRINZ2010 04.04.2011
4. Egal wer
Das sind doch alle samt Geldfixierte Zyniker ganz egal welcher Nationalität. Faschismus im Mantel des Kapitals. Der sog. Kapitalismus hat sich doch schon lange gewandelt in einen Geldfaschismus.
M@ESW, 04.04.2011
5. _
Zitat von Braunschweiger77daß andere Länder ihre Schlüsselunternehmen vor ausländischen Übernahmen schützen. In Deutschland ist dies leider anders.
In dem Fall müssten sie die Fusion begrüßen. Jede Wette das trotz theoretischer Mehrheit der deutschen Börse binnen 5 Jahren alles nach der Pfeiffe der US-Börse tanzen würde? Schon der Hauptsitz sollte ja direkt von Anfang an in die USA verlegt werden.
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