Occupy-Aktion in Hamburg Herr Ackermann trifft auf den Protest

Josef Ackermann sollte in Hamburg über Moral in der Wirtschaft reden - da stürmen maskierte Occupy-Aktivisten die Bühne. Der Deutsche-Bank-Chef bleibt cool, sucht das Gespräch: Auf eine solche Gelegenheit warte er seit Jahren. Seine Gegner sind weniger schlagfertig.

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Hamburg - Vielleicht war er auch einfach froh über ein bisschen Abwechslung. Seit Tagen tingelt Josef Ackermann durch die Finanzprovinz: erst Berlin, dann Seoul, dann Passau, jetzt Hamburg. Immer wieder muss der Deutsche-Bank-Chef Hände schütteln, immer wieder muss er das Gleiche erzählen: wie wichtig ein starkes Europa doch sei, wie ernst die Lage der Euro-Zone. Und dann auch noch die lästigen Fragen zu seinem baldigen Abgang bei der Bank - da kann schon mal Sehnsucht aufkommen nach etwas Neuem, etwas ganz anderem.

Das Neue trifft Ackermann am Dienstagabend um 18.12 Uhr: Gerade hat er seinen Vortrag vor der "Versammlung eines ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg" begonnen. Es geht um Moral und Verantwortung, der Deutsche-Bank-Chef erklärt den rund 400 Zuhörern, wie viel Gutes sein Unternehmen so tut in der Welt und wie wenig die undankbare deutsche Öffentlichkeit das honoriert.

Plötzlich Schreie: "Ackermann ist einer der skrupellosesten Bankmanager der Welt", skandieren rund 15 Vertreter der bankenkritischen Occupy-Bewegung, die sich in der Zuschauermenge verteilt haben. "Er möchte uns eine Moralpredigt über Verantwortung halten. Das ist zynisch." Dann kommen acht junge Aktivisten auf die Bühne, zwei von ihnen tragen Masken mit dem grinsenden Konterfei des britischen Verschwörers Guy Fawkes, die zu einem Symbol der bankenkritischen Bewegung geworden sind.

Im Saal herrscht helle Aufregung. Nervös rennen Menschen hin und her. So recht weiß keiner, wie man mit den Aktivisten umgehen soll.

"Ich bin mutiger als ihr alle zusammen"

Ackermann bleibt erstaunlich gelassen. Gerne werde er mit ihnen diskutieren, bietet er den Protestierenden an. Nur die Masken sollten sie doch bitte absetzen. "So viel Mut muss man schon aufbringen, dass man sein Gesicht zeigt", sagt der Banker. Der junge Mann mit der Maske sieht das anders. "Ich bin mutiger als ihr alle zusammen", ruft er.

"Wir sind 99 Prozent", lautet einer der zentralen Slogans der weltweiten Occupy-Bewegung - er soll ausdrücken, dass eine kleine Minderheit aus Finanzwirtschaft und Geldadel den großen Rest der Bevölkerung dominiert. Heute Abend sind die Größenverhältnisse etwas anders: Unter einem Pfeifkonzert der rund 400 Zuschauer ziehen die acht Aktivisten wieder von der Bühne ab. "So ein Gesocks", schimpft ein Herr im dunkelblauen Anzug. Eine Frau schüttelt den Kopf: "Oh Gott, oh Gott."

Ackermann fährt scheinbar ungerührt fort mit seiner Rede. Erst als er nochmals unterbrochen wird, verliert er kurz die Beherrschung. "Ihr könnt etwas sagen, wenn ihr dazu aufgerufen seid", blafft er die Protestierenden an. "Wenn es Substanz hat, gehen wir darauf ein, und wenn es Quatsch ist, sagen wir es euch." Das klingt ein bisschen nach der Arroganz, die Bankengegner ihm und seinen Kollegen vorwerfen. Doch schon Sekunden später hat Ackermann sich wieder unter Kontrolle.

Ob Deutschlands oberster Bankmanager versteht, was die Protestierenden umtreibt? Als sie eine Erklärung mit altbekannter Kritik vorlesen dürfen, geht Ackermann kaum darauf ein. "Diffuse Anwürfe ohne Substanz" seien das. Den Vorwurf, den Umweltschutz zu vernachlässigen, kontert er mit dem seltsamen Hinweis, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon habe ihn jüngst "als Visionär bezeichnet".

Trotzdem strahlt Ackermann am Ende über seine seltsame Begegnung mit dem unbekannten Protestwesen. "In Rhetorikseminaren wird einem immer gesagt, wie man auf solche Situationen reagieren soll", sagt der scheidende Bankchef. "Ich bin jetzt 64 Jahre alt und habe es nie praktisch ausprobieren dürfen. Ich bin froh, dass ich das jetzt üben konnte."



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insgesamt 169 Beiträge
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Seite 1
texas_star 22.11.2011
1. 2ter post zum gleichen thema?
Zitat von sysopJosef Ackermann sollte in Hamburg über Moral in der Wirtschaft reden - da stürmen maskierte Occupy-Aktivisten die Bühne. Der Deutsche-Bank-Chef bleibt cool, sucht das Gespräch: Auf eine solche Gelegenheit warte er seit Jahren. Seine Gegner sind weniger schlagfertig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,799373,00.html
ich dachte wir haetten schon einen diskussionspost zu dem thema...
2wwk 22.11.2011
2. maskierte Aktivisten oder Clowns? die sollten nach Bruessel gehen
Zitat von sysopJosef Ackermann sollte in Hamburg über Moral in der Wirtschaft reden - da stürmen maskierte Occupy-Aktivisten die Bühne. Der Deutsche-Bank-Chef bleibt cool, sucht das Gespräch: Auf eine solche Gelegenheit warte er seit Jahren. Seine Gegner sind weniger schlagfertig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,799373,00.html
Ackermann haette den Clowns gleich ein paar leere DB Bueros anbieten koennen. Diese Obama WallStreet Aktivisten kommen zu spaet, die Finanzwelt ist sowieso im Umbruch, die Regierungen mit ihren Ramschpapieren (Bonds die den Sozialstaat finanzieren) haben die EU zerstoert! Wann ziehen die OWS Leute endlich nach Bruessel und protestieren bei der EU? da ist das Problem!
keulolo 22.11.2011
3. Wenig verwunderlich
Selbstgefällige Agitation: ja. Aggressivität: ja Argumente: nein Soviel zum Thema Occupy/Anonymus-Protest. Den ganzen Tag trommeln, auf "die da oben" schimpfen und hysterisch Umverteilung einfordern. Aber wenn´s drauf ankommt, nur Phrasen und Gestammel! Bleibt nur zu hoffen, dass sich auch Protestler mit mehr geistigem Unterbau Gehör verschaffen...
snoook 22.11.2011
4. 99% und doch nicht schlauer!
Die Idee war super - die Ausführung an Peinlichkeit nicht zu überbieten! Wenn nicht mehr darüber zu berichten ist und es nur ein paar nette Fotos gibt, dann ist das sehr dürftig. Fragen müsste man auch, was genau man nun Ackermann vorwerfen könnte, zumal er bald seinen Stuhl räumt??? Da habt Ihr Euch selbst blamiert!
Meckermann 22.11.2011
5. Ackermann
Ackermann ist sicher ein fähiger Bankmanager. Ihn zum politischen Themen oder gar zu ethischen zu befragen, hieße aber den Bock zum Gärtner zu machen. Man holt sich ja auch nicht beim Paten Rat zur Verbrechensbekämpfung.
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