Von Stefan Kaiser
Hamburg - Vielleicht war er auch einfach froh über ein bisschen Abwechslung. Seit Tagen tingelt Josef Ackermann durch die Finanzprovinz: erst Berlin, dann Seoul, dann Passau, jetzt Hamburg. Immer wieder muss der Deutsche-Bank-Chef Hände schütteln, immer wieder muss er das Gleiche erzählen: wie wichtig ein starkes Europa doch sei, wie ernst die Lage der Euro-Zone. Und dann auch noch die lästigen Fragen zu seinem baldigen Abgang bei der Bank - da kann schon mal Sehnsucht aufkommen nach etwas Neuem, etwas ganz anderem.
Das Neue trifft Ackermann am Dienstagabend um 18.12 Uhr: Gerade hat er seinen Vortrag vor der "Versammlung eines ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg" begonnen. Es geht um Moral und Verantwortung, der Deutsche-Bank-Chef erklärt den rund 400 Zuhörern, wie viel Gutes sein Unternehmen so tut in der Welt und wie wenig die undankbare deutsche Öffentlichkeit das honoriert.
Plötzlich Schreie: "Ackermann ist einer der skrupellosesten Bankmanager der Welt", skandieren rund 15 Vertreter der bankenkritischen Occupy-Bewegung, die sich in der Zuschauermenge verteilt haben. "Er möchte uns eine Moralpredigt über Verantwortung halten. Das ist zynisch." Dann kommen acht junge Aktivisten auf die Bühne, zwei von ihnen tragen Masken mit dem grinsenden Konterfei des britischen Verschwörers Guy Fawkes, die zu einem Symbol der bankenkritischen Bewegung geworden sind.
Im Saal herrscht helle Aufregung. Nervös rennen Menschen hin und her. So recht weiß keiner, wie man mit den Aktivisten umgehen soll.
"Ich bin mutiger als ihr alle zusammen"
Ackermann bleibt erstaunlich gelassen. Gerne werde er mit ihnen diskutieren, bietet er den Protestierenden an. Nur die Masken sollten sie doch bitte absetzen. "So viel Mut muss man schon aufbringen, dass man sein Gesicht zeigt", sagt der Banker. Der junge Mann mit der Maske sieht das anders. "Ich bin mutiger als ihr alle zusammen", ruft er.
"Wir sind 99 Prozent", lautet einer der zentralen Slogans der weltweiten Occupy-Bewegung - er soll ausdrücken, dass eine kleine Minderheit aus Finanzwirtschaft und Geldadel den großen Rest der Bevölkerung dominiert. Heute Abend sind die Größenverhältnisse etwas anders: Unter einem Pfeifkonzert der rund 400 Zuschauer ziehen die acht Aktivisten wieder von der Bühne ab. "So ein Gesocks", schimpft ein Herr im dunkelblauen Anzug. Eine Frau schüttelt den Kopf: "Oh Gott, oh Gott."
Ackermann fährt scheinbar ungerührt fort mit seiner Rede. Erst als er nochmals unterbrochen wird, verliert er kurz die Beherrschung. "Ihr könnt etwas sagen, wenn ihr dazu aufgerufen seid", blafft er die Protestierenden an. "Wenn es Substanz hat, gehen wir darauf ein, und wenn es Quatsch ist, sagen wir es euch." Das klingt ein bisschen nach der Arroganz, die Bankengegner ihm und seinen Kollegen vorwerfen. Doch schon Sekunden später hat Ackermann sich wieder unter Kontrolle.
Ob Deutschlands oberster Bankmanager versteht, was die Protestierenden umtreibt? Als sie eine Erklärung mit altbekannter Kritik vorlesen dürfen, geht Ackermann kaum darauf ein. "Diffuse Anwürfe ohne Substanz" seien das. Den Vorwurf, den Umweltschutz zu vernachlässigen, kontert er mit dem seltsamen Hinweis, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon habe ihn jüngst "als Visionär bezeichnet".
Trotzdem strahlt Ackermann am Ende über seine seltsame Begegnung mit dem unbekannten Protestwesen. "In Rhetorikseminaren wird einem immer gesagt, wie man auf solche Situationen reagieren soll", sagt der scheidende Bankchef. "Ich bin jetzt 64 Jahre alt und habe es nie praktisch ausprobieren dürfen. Ich bin froh, dass ich das jetzt üben konnte."
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