Öko-Bruderkrieg Windkraft-Lobbyisten lästern über teuren Solarstrom

In der Ökobranche brodelt es: Weil der gigantische Solar-Boom die Strompreise in die Höhe treibt, fürchten Windkraft-Lobbyisten um das gute Image der gesamten erneuerbaren Energien. Bisher hielten beide Seiten treu zueinander - nun droht ein Bruderkrieg.

Von Peter Koch

Windräder bei Freiburg: An Land wird der Platz für neue Windräder langsam knapp
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Windräder bei Freiburg: An Land wird der Platz für neue Windräder langsam knapp


Hamburg - Deutschlands Ökobranche hat eine Vision: Bis 2050 soll das Land zu hundert Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden - sei es aus Biomasse, Solar-, Wasser- oder Windkraft. Doch das gemeinsame Ziel ist gefährdet. Denn neuerdings gehen die Lobbyisten der Windbranche auf Konfrontationskurs zur Photovoltaik, also der Stromgewinnung aus Sonnenlicht.

Hintergrund sind die hohen Kosten der Solarstromerzeugung in Deutschland. Weil immer mehr Solaranlagen ans Netz gehen, steigen die Strompreise für die Verbraucher. Die Sorge der Windkraftfirmen: Die Kostenexplosion könnte eines Tages der gesamten Erneuerbare-Energien-Branche angelastet werden.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat der Bundesverband Windenergie (BWE) nun den Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) ultimativ aufgefordert zu erklären, wie die ausufernden Kosten für die Solarförderung begrenzt werden können. Sollte der BSW nicht bald Vorschläge präsentieren, so sagen prominente Windkraft-Lobbyisten hinter vorgehaltener Hand, werde sich die Windbranche von der Photovoltaik öffentlich distanzieren - und damit die Koalition der erneuerbaren Energien sprengen. Das wäre ein Triumph für die vier großen Energiekonzerne E.on, RWE, Vattenfall und EnBW, welche die Regenerativenergien seit jeher als unwirtschaftlich brandmarken.

Die Verbraucher müssen wohl 85 Euro mehr zahlen

Der Groll der Windmüller kommt nicht von ungefähr: Nach jüngsten Prognosen aus der Branche werden sich die Kosten für erneuerbare Energien 2011 um sieben Milliarden Euro auf bis zu 15 Milliarden Euro dramatisch erhöhen. Laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wird diese Summe den Verbrauchern in Rechnung gestellt - sie bezahlen den Betrag schlichtweg mit ihrer Stromrechnung. Und so dürfte sich die sogenannte EEG-Umlage von zwei auf vier Cent pro Kilowattstunde (kWh) verdoppeln. Bisher kostete die Öko-Umlage einen Durchschnittsverbraucher inklusive Mehrwertsteuer rund 85 Euro. Im kommenden Jahr steigt die Belastung wohl auf 170 Euro.

Und auf die Stromkunden kommen weitere immense Belastungen zu: Denn um die wachsenden Mengen an Ökostrom zu transportieren, müssen die Netze ausgebaut werden. "Allein das kostet bis 2020 rund 40 Milliarden Euro", sagt der Energieexperte Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Die Photovoltaik gilt dabei als größter Kostentreiber. Die Nachfrage nach Solaranlagen boomt, weil der Bund sie großzügig fördert. Für jede Kilowattstunde Sonnenstrom bekommen die Betreiber eine feste Vergütung, die deutlich über dem handelsüblichen Strompreis liegt. Im Schnitt sind es etwa 31 Cent, garantiert für die kommenden 20 Jahre. Experten schätzen daher, dass der Solarzubau dieses Jahr um rund 6000 Megawatt auf 10.000 Megawatt hochschnellen könnte. Die Übertragungsnetzbetreiber hatten für 2009 und 2010 nur einen Zubau von jeweils 2200 Megawatt erwartet.

Das heißt: Auch schon die für dieses Jahr berechnete Öko-Umlage von zwei Cent pro Kilowattstunde ist viel zu niedrig angesetzt. Das Bundesumweltministerium schätzt deshalb, dass Stromkunden für 2010 bis zu 0,5 Cent pro Kilowattstunde nachzahlen müssen.

Die Windenergie gerät in die Kritik

Es droht darum eine heftige gesellschaftliche Diskussion. Als größte regenerative Energie in Deutschland dürfte auch die Windkraft in die Kritik geraten. Dabei ist sie für die Kostenexplosion gar nicht verantwortlich. Solaranlagen speisen deutlich weniger Strom ein als Windräder, verursachen aber mindestens die Hälfte der gesamten Ökostromkosten. Diese Fehlentwicklung hätte, so wettert nun die Windlobby, längst durch eine angepasste Förderung korrigiert werden können, doch habe die Solarbranche stets auf hohe Zuschüsse gedrängt.

"Jetzt bleibt den Solarfirmen nur noch kurze Zeit, um die Einheit der erneuerbaren Energien aufrechtzuerhalten. Dann werden wir uns klar positionieren", droht ein prominenter Windkraft-Vertreter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Hinter der Kritik an der Photovoltaik verbirgt sich aber wohl noch etwas anderes: Die Windmüller fürchten, dass ihr Strom von dem stark wachsenden Angebot an Solarstrom verdrängt werden könnte. In Norddeutschland ist das schon heute gängige Praxis: Bei einem Überangebot im Netz werden Windmühlen abgeschaltet, nicht aber Solaranlagen.

Allerdings wäre ein Alleingang für die Windbranche mit großen Risiken verbunden. Zwar berufen sich die Windmüller zurecht darauf, dass ihre Turbinen an Land den günstigsten Ökostrom erzeugen - bei modernen Anlagen an guten Standorten sind es nur rund fünf Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Selbst die besten Solarmodule produzieren eine Kilowattstunde für mindestens 20 Cent. Doch eine zerstrittene Ökoenergien-Branche, die laut über Kosten diskutiert, würde den Energieriesen eine Steilvorlage liefern: Abgeschriebene Atomkraftwerke produzieren Strom schon für weniger als zwei Cent pro Kilowattstunde - selbst die effizienteste Windturbine kann da nicht mithalten.

Auch könnten der Windlobby schnell die Argumente gegen die Photovoltaik ausgehen. Denn an Land wird der Platz für neue Windräder langsam knapp, weshalb die Branche immer stärker auf das Meer setzt. Das ist jedoch wegen den hohen Bau- und Infrastrukturkosten kostspielig: Offshore-Windstrom wird laut EEG deutlich höher vergütet als Onshore-Strom. Damit wird auch die Windenergie den Stromverbraucher künftig teuer zu stehen kommen.



Forum - Können Wind, Wasser und Sonne ganz Deutschland mit Energie versorgen?
insgesamt 8937 Beiträge
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Seite 1
bammy 18.09.2010
1.
Zitat von sysopErneuerbare Energien sollen Vorrang haben, so das erklärte Ziel der deutschen Politik. Bis 2050 soll das hehre Öko-Ziel erreicht sein. Aber um welchen Preis? Und wie realistisch ist die Planung? Können Wind, Wasser und Sonne wirklich ganz Deutschland mit Energie versorgen?
Na bis dahin gehen noch 40 Jahre ins Land. Aber irgendwann, muß es machbar sein. Die Konzentration sollte erst mal in neue Netze und Speichtechnologienn gehen.
Richardfburton1 18.09.2010
2.
Klar gerne, wahrscheinlich zahlen wir dann alle mehr für den Strom als für die Miete.
Sebastian Hauk 18.09.2010
3.
Hallo, laut wikipedia stammt 2009 der Stromverbrauch in Schleswig Holstein zu fast 40% aus der Windenergie. http://de.wikipedia.org/wiki/Windenergie Es ist also möglich.
mr future 18.09.2010
4. Wenn Schwarmstrom und Smartgrid erst hinzu kommen!
Zitat von sysopErneuerbare Energien sollen Vorrang haben, so das erklärte Ziel der deutschen Politik. Bis 2050 soll das hehre Öko-Ziel erreicht sein. Aber um welchen Preis? Und wie realistisch ist die Planung? Können Wind, Wasser und Sonne wirklich ganz Deutschland mit Energie versorgen?
Wenn die Zuwächse bei Wind, Sonne und Bio-Energie nur halbswegs durchgehalten werden sind wir schon 2025 da! Das wird eine dynamische Ablösung wie von der Schallplatte zur CD oder vom IBM-Zentralrechner zum PC. Bisher sehe ich nur Vorteile: die marktwirtschaftsfeindlichen Oligopole werden in einer gewaltfreien Revolution zurückgedrängt und die Erzeugungskapazitäten gehen in Bürgerhand über. Damit haben wir unser grösstes Problem gelöst: die Zähmung des nicht-nachhaltigen Zinseszins-getriebenen Kapitalismus. Die externalisierten Vorteile überwiegen bei weitem; man muss sie nur richtig herausarbeiten und darstellen. Welchen Preis hat die Zukunft? Ging nicht 2009 General Motors Pleite und damit ein Stück Amerika? War es nicht 2010 als das Treibhaus die Klimaanlagen im ICE überfordert hat? Wer auf Dinosaurier setzt hat keine Zukunft. re future
augu 18.09.2010
5. ......
Zitat von sysopErneuerbare Energien sollen Vorrang haben, so das erklärte Ziel der deutschen Politik. Bis 2050 soll das hehre Öko-Ziel erreicht sein. Aber um welchen Preis? Und wie realistisch ist die Planung? Können Wind, Wasser und Sonne wirklich ganz Deutschland mit Energie versorgen?
Billige und überall verfügbare Energie war früher ein Menschheitstraum. Jetzt streben wir nach ökologisch erzeugter Energie und die Kosten scheinen zweitrangig zu sein. Sind wir wirklich so geläutert ?
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