Ökologische Landwirtschaft Bauer sucht Aktionär

Ein Biolandwirt aus Schleswig-Holstein expandiert - ganz ohne Hilfe von Banken: Mit originellen Ideen wie einer Kuhaktie oder einer Hof-Flatrate finanziert er seinen Hof und schafft Arbeitsplätze.

SPIEGEL ONLINE

Von Julian Trauthig


Kattendorf - Bauer Mathias von Mirbach hätte nicht gedacht, dass er einmal Post von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bekommen würde. Bislang hatte sein ökologischer Hof in Schleswig-Holstein wenig mit der Finanzbranche zu tun. Gemächlich geht es im 900-Einwohner-Ort Kattendorf zu, der etwa eine Autostunde nördlich von Hamburg entfernt liegt. Anstrengend ist es oft, stressig eher selten. Hier streunen die Katzen durchs Heu, die Hühner suchen auf dem Boden nach Körnern.

Dann lag eines Morgens ein Brief der BaFin im Briefkasten des 50-Jährigen. Ob mit der sogenannten Kuhaktie seines Kattendorfer Hofs alles in Ordnung sei, und ob er nicht etwas zu melden hätte, wollte die Aufsichtsbehörde wissen.

Dass die Frankfurter und Bonner Beamten, die sich sonst um Banken und Versicherungen kümmern, auf den Landwirt aufmerksam wurden, hat eine kuriose Vorgeschichte: Vor vier Jahren wollte ein junger Kollege in den Betrieb einsteigen, der Mirbach und seinem Geschäftspartner Klaus Tenthoff gehört. Er brachte Kühe mit auf den Hof, Mirbach schlachtete einige seiner eigenen Tiere. Aber nach zwei Jahren entschied sich der Kollege dann doch gegen den Einstieg. Mirbach wollte die Kühe behalten, der Kollege verlangte Geld. Über Nacht brauchte Mirbach 20.000 Euro. An einen Bankkredit war nicht zu denken: Der Hof ist gepachtet, finanzielle Rücklagen gab es keine. So entstand aus der Not die Idee der Kuhaktie. Für 500 Euro pro Aktie sollten Kunden Anteile an der Kuhherde kaufen können. Als Rendite sollten 2,5 Prozent in bar oder fünf Prozent in Naturalien aus dem Hofladen ausgezahlt werden.

Hof-Flatrate für 150 Euro im Monat

So absurd die Idee erst einmal klang, sie funktionierte: 60 Hofliebhaber kauften zum Teil mehrere Kuhaktien. 60 Kalbaktien, für 100 Euro das Stück, fanden zusätzlich Abnehmer. Insgesamt erhielt der Hof 75.000 Euro. Damit konnte Mirbach die Kühe seines Kollegen kaufen, einen neuen Stall bauen, die Fressgitter verbessern und neue Gatter kaufen.

Das Geld ist auch der Grund, warum Jagrata Drews auf dem Kattendorfer Hof mit einer grünen Plastikkiste herumläuft und sich Gemüse zusammensucht. Als Großaktionärin besitzen sie und ihre Familie 40 Aktien, sie haben insgesamt 20.000 Euro in den Hof investiert. "Wir wollten unser Geld ethisch korrekt anlegen und hätten uns sonst für eine Ethikbank entschieden", sagt sie. Doch die Kuhaktie gefiel ihr besser: Ihre Rendite kann sie auch außerhalb der Öffnungszeiten des Hofladens abholen, 1000 Euro in Naturalien sind es pro Jahr. Wie fast alle Anleger ist sie langjährige Kundin des Hofladens. "Wo bekomme ich sonst für eine ethische Anlage fünf Prozent?", fragt sie.

Die Kuhaktie ist kein Wertpapier nach dem Aktienrecht, sondern ein Genussschein. Die Käufer bekommen ein Dokument, das sie als Inhaber auszeichnet, und einen jährlichen Bericht, den Mirbach verfasst. "Darin erzähle ich den Menschen, was in ihrer Herde das Jahr über passiert", sagt er.

Dabei ist die Kuhaktie nur eine der vielen Ideen Mirbachs. Vor elf Jahren hat er die Hof-Flatrate erfunden: Die Kunden zahlen jeden Monat einen Festbetrag von 150 Euro - und können sich dafür eine bestimmte Menge an Wurst und Fleisch, Milch, Käse, Gemüse, Kartoffeln und Brot im Hofladen oder an den Marktständen nehmen. 200 Mitglieder hat die Wirtschaftsgemeinschaft mittlerweile. Mirbach ist so von den Preisen der Molkereien und Schlachtereien unabhängig. Bis auf eine ökologische Bäckerei beliefert er keine externen Unternehmen, seine Waren verkauft er nur in seinem Hofladen oder auf Märkten. "Wir rechnen intern mit einem Milchpreis von 55 bis 60 Cent pro Liter", sagt er. Zum Vergleich: Gewöhnliche Landwirte erhalten rund 20 Cent pro Liter. "Ich finde, Menschen können für gute Lebensmittel auch einen höheren Preis bezahlen", sagt Mirbach. In seinem Hofladen verkauft er den Liter Milch für 1,25 Euro - und die Kunden zahlen den Preis gerne. "Warum sollen wir schlechter leben als unsere Kunden?"

Unabhängig von Wochenmärkten werden

Sein Konzept funktioniert: Mirbachs Hof hat zehn Mitarbeiter, in Erntezeiten können es mit Aushilfen und Halbtagskräften bis zu 20 werden - für einen 150-Hektar-Hof ist das recht viel. Immerhin habe er Arbeitsplätze in der Region geschaffen, sagt er.

In den nächsten Jahren möchte Mirbach auch von den Wochenmärkten unabgängig werden und nur noch von der Hof-Flatrate-Wirtschaftsgemeinschaft leben. Dazu versucht er immer wieder, seine Produktion an die Wünsche der Kunden anzupassen. Aktuell plant er, in seinem Hofladen mehr Rindfleisch anzubieten. Am wichtigsten für ihn ist: "Man muss im Kopf beweglich bleiben und immer nach neuen Ideen suchen."

Durch Medienberichte über Mirbachs Idee wurde die BaFin auf den Bauernhof aufmerksam und schrieb den Brief. Doch schnell war das Missverständnis geklärt. Nach Wertpapierprospektgesetz Paragraf 3 ist ein Genussschein von der Prospektpflicht ausgenommen, wenn der Gesamtverkaufspreis innerhalb von zwölf Monaten nicht über 100.000 Euro liegt. Das Geschäft mit der Kuhaktie geht also weiter.



Forum - Milchpreise - was sind Sie bereit zu zahlen?
insgesamt 1182 Beiträge
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kathrin_erlenbacher, 05.05.2009
1. welchen Preis ?
Zitat von sysopDie Preise für Milch sind weiter unter Druck. Der Preis, den die Bauern erzielen, sinkt weiter, der Verbraucher zahlt weniger, aber wie sieht die Zukunft aus? Welchen wären Sie bereit für frische Milch zu zahlen?
Meine Weigerung - kürzlich in einem Supermarkt - den angegebnen Preis, welcher auf der Packung ausgewiesen war, zu zahlen, kommentierte die freundliche Dame an der Kasse mit einem sonderbaren Lächeln und einer Handbewegung, die der gemeine Mitteleuropäer wohl für 'Vogel zeigen' verwendet. Ich schlußfolgere daraus, dass es völlig belanglos ist was ich bereit bin zu zahlen.
Orix 05.05.2009
2. Warum gibt es zu viel Milch ?
Zitat von sysopDie Preise für Milch sind weiter unter Druck. Der Preis, den die Bauern erzielen, sinkt weiter, der Verbraucher zahlt weniger, aber wie sieht die Zukunft aus? Welchen wären Sie bereit für frische Milch zu zahlen?
Gibt es vielleicht zu viele Milchkühe und damit zu viel produzierte Milch ? Dann sollten die Bauern ihre Produktion umstellen oder wird die Produktion staatlich gestützt ? Seit Jahren jammern die Milchbauern(alle Bauern jammern, mal zu nass, mal zu trocken,zu viel Wind, zu späte Sonne und und und) über zu niedrige Preise aber dass kann der Markt doch regeln, Angebot und Nachfrage. Ich komme nicht aus der Landwirtschaft( bin aber auf dem Dorf groß geworden)aber die Agrarpolitik ist mir schon sehr lange Zeit ein Rätzel, da werden mit Massen an Geld die unterschiedlichsten Projekte gestützt deren Sinn sicher zweifelhaft ist. Ich persönlich freue mich immer über niedrige Preise.
Karkur 05.05.2009
3. Es ist eine Schande, wie die Primärproduzenten geknechtet werden!
Zitat von sysopDie Preise für Milch sind weiter unter Druck. Der Preis, den die Bauern erzielen, sinkt weiter, der Verbraucher zahlt weniger, aber wie sieht die Zukunft aus? Welchen wären Sie bereit für frische Milch zu zahlen?
Sehr geehrte Damen und Herren! Rinderzucht und Milchwirtschaft haben über Jahrhunderte Europa geprägt, sind Teil unserer Kultur und dt. Bauern hatten bisher einen führenden Platz in der Zucht und in der Vielfalt sowie Qualität bei Milch und den daraus hergestellten Produkten. Gerade die derzeit akute Gefahr einer Grippepandemie zeigt, welche Irrwege mit industrieähnlicher Massentierhaltung beschritten werden. Rinder, insbesondere Milchkühe, sind nicht so schnell wieder in Leistungsherden aufzubauen, wenn die Milchproduktion erst mal aufgegeben wurde, ist ein Neuanfang bei veränderter Marktlage nicht leicht möglich. Bei den derzeitigen Kostenstrukturen benötigen Bauern je nach Hoflage ca. 40 - 45 Cent/l Milch bei ca. 3,8 % Fett um mit ausreichendem Ergebnis rentabel Milch zu erzeugen. Dieser Erzeugerpreis muss ihnen zugestanden werden. Desweiteren muss verboten werden, dass in der EU Kunstkäse produziert und eingesetzt wird. Hier wird künstlich der Echtkäsebedarf und damit der Rohmilchmarkt erheblich gestört und der Verbraucher schamlos betrogen! Angesichts der Bedeutung der Milch für eine gesunde Ernährung muss die Schulmilchversorgung wieder Pflicht, der Trinkmilchverzehr durch besseres Marketing auf ca. 0,5 bis 1,0 l / pro Kopf erhöht werden und man sollte in der Gastronomie auch grundsätzlich Milch im Angebot haben. Zugleich muss man sich fragen, warum Molkereien und Handel an der Milch verdienen müssen, der Bauer jedoch ins Minus und in den Ruin geführt wird! Wenn die Gewinne in der Erzeugerkette vernünftig bei allen Beteiligten ankommen, wäre ich gern bereit, für einen Liter qualitativ hochwertige Trinkmilch zwischen 80 Cent bis 1,0 Euro zu bezahlen! Mit freundlichen Grüssen Abu Karim
StefanKomarek 05.05.2009
4. Eigene Verantwortung
Von Erich Kästner stammt der Satz: an jedem Unfug, der passiert, ist nicht nur der schuld, der ihn verursacht hat, sondern auch der, der in nicht verhindert (das fliegende Klassenzimmer). Es ist jetzt einfach, auf die Discounter einzuschlagen. Fassen wir uns mal lieber an die eigene Nase. Jeder, der Milch zum Dumpingpreis kauft, ist mit verantwortlich an der Situation. Es gibt auch heute noch Milch, die zu fairen Preisen angehoben wird, z.B. Bio-Milch in Reformläden oder selbst im Supermarkt. Aber auch die Bauern sind nicht unschuldig. Früher stellten die Bauern viele Produkte gleichzeitig her, sie hatten Felder mit Getreide und Gemüse und Schweine und Kühe und Geflügel. Heute konzentrieren viele Bauern sich auf einen einzigen Artikel: nur Schweine oder nur Milchkühe oder nur Getreide usw. Damit machen sie sich von den Schwankungen der einzelnen Märkte extrem abhängig. Zudem deutet die Preisentwicklung darauf hin, dass anscheinend mehr Milch produziert wird als nachgefragt wird. Mittelfristig hilft da wohl nur eine Verringerung der Produktionsmenge. Allerdings, eins muss uns Verbrauchern klar sein. Wenn die Lebensmittelpreise steigen (und damit verbunden hoffentlich auch die Qualität), wird deswegen unser Einkommen nicht ebenfalls angehoben werden. Das Mehr-Geld für Lebensmittel werden wir woanders wieder einsparen müssen.
Orix 05.05.2009
5.
Zitat von KarkurSehr geehrte Damen und Herren! Rinderzucht und Milchwirtschaft haben über Jahrhunderte Europa geprägt, sind Teil unserer Kultur und dt. Bauern hatten bisher einen führenden Platz in der Zucht und in der Vielfalt sowie Qualität bei Milch und den daraus hergestellten Produkten. Gerade die derzeit akute Gefahr einer Grippepandemie zeigt, welche Irrwege mit industrieähnlicher Massentierhaltung beschritten werden. Rinder, insbesondere Milchkühe, sind nicht so schnell wieder in Leistungsherden aufzubauen, wenn die Milchproduktion erst mal aufgegeben wurde, ist ein Neuanfang bei veränderter Marktlage nicht leicht möglich. Bei den derzeitigen Kostenstrukturen benötigen Bauern je nach Hoflage ca. 40 - 45 Cent/l Milch bei ca. 3,8 % Fett um mit ausreichendem Ergebnis rentabel Milch zu erzeugen. Dieser Erzeugerpreis muss ihnen zugestanden werden. Desweiteren muss verboten werden, dass in der EU Kunstkäse produziert und eingesetzt wird. Hier wird künstlich der Echtkäsebedarf und damit der Rohmilchmarkt erheblich gestört und der Verbraucher schamlos betrogen! Angesichts der Bedeutung der Milch für eine gesunde Ernährung muss die Schulmilchversorgung wieder Pflicht, der Trinkmilchverzehr durch besseres Marketing auf ca. 0,5 bis 1,0 l / pro Kopf erhöht werden und man sollte in der Gastronomie auch grundsätzlich Milch im Angebot haben. Zugleich muss man sich fragen, warum Molkereien und Handel an der Milch verdienen müssen, der Bauer jedoch ins Minus und in den Ruin geführt wird! Wenn die Gewinne in der Erzeugerkette vernünftig bei allen Beteiligten ankommen, wäre ich gern bereit, für einen Liter qualitativ hochwertige Trinkmilch zwischen 80 Cent bis 1,0 Euro zu bezahlen! Mit freundlichen Grüssen Abu Karim
Danke für ihre Sicht der Dinge ! Wenn ich Sie richtig verstehe, gibt es schon eine Überproduktion und es fehlt eine Strategie den Bedarf an Milch zu steigern. Besser, mit einer Kampanie " Milch ist gesund " oder ähnlich wäre den Bauern schon geholfen ? Dann sollte sich die Bauer Experten der Pharmaindustrie ausleihen, die Wissen wie man die Ware an den Mann (Frau) bringt. Trotzdem denke ich es hat auch was mit der Struktur der Produktion zu tun, riesige Rinderställe und die Spezialisierung nur auf Milch, das kann nicht gut sein. Die ganze Landwirtschaft ist mir zu sehr industriemäßig aus gerichtet mit Hühnerfabriken, Schweinefabriken u.s.w. Die gesunde Mischung fehlt.
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