Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ökostrom aus dem Norden: Mega-Windpark erzürnt Lapplands Ureinwohner

Von Daniela Schröder

Ein Unternehmer aus Bayern errichtet in Nordschweden den größten Windpark Europas: Mehr als tausend Anlagen sollen in den Wäldern gebaut werden - mit einer Leistung von vier Atomkraftwerken. Doch es regt sich Widerstand gegen das Mammutprojekt, Lapplands Ureinwohner fürchten um ihre Rentierherden.

Strom aus dem Norden: Windkraft in Schweden Fotos

Im Winter liegt meterhoch Schnee, im Sommer scheint die Mitternachtssonne, die Wälder sind dicht und weit. Tourismus und Holzindustrie gehen gut, sonst gibt es nicht viel in Schwedisch-Lappland. Doch bald wird in der endlos wirkenden Natur ein neuer Wirtschaftszweig entstehen: Nicht weit entfernt vom Polarkreis errichtet ein Unternehmer aus Bayern riesige Windräder. Es soll der bisher größte Windenergiepark Europas werden.

In Wolfgang Kropps Geschäftsplan stehen gigantische Zahlen. Auf 450 Quadratkilometern - eine Fläche halb so groß wie Berlin - will er 1101 Windkraftanlagen aufstellen. Zusammen werden sie über eine installierte Leistung von bis zu 4000 Megawatt verfügen. Das entspricht der Kapazität von vier Atomkraftwerken. Acht bis zwölf Milliarden Kilowattstunden Strom soll der schwedische Windpark pro Jahr erzeugen, damit ließen sich zwei Millionen Haushalte im Land versorgen.

Insgesamt sieben Milliarden Euro kalkuliert Kropp für sein Mammutprojekt. Bisher hat er vor allem Investoren aus Deutschland gewonnen, doch auch die schwedische SEB-Bank Chart zeigen will einsteigen. "Es wird bei der Finanzierung Stück für Stück vorangehen, wir werden immer internationaler", sagt Kropp. Den offiziellen Baubeginn plant er für 2013, nach acht bis zehn Jahren soll der Windpark komplett sein. Zwei Pilotanlagen laufen seit Dezember 2008, Ende des Jahres sollen sich schon ein Dutzend Windräder drehen. Gebaut wurden sie vom ostfriesischen Windradhersteller Enercon, der mit 25 Prozent an dem Projekt in Lappland beteiligt ist.

Im März gab die schwedische Regierung grünes Licht für Kropps Plan. Das Ja galt als reine Formsache, denn der Windpark nahe der Hafenstadt Pitea passt gut in das Energiekonzept des Landes: Er soll gut die Hälfte der gesamten grünen Energie liefern, die Schweden im Jahr 2020 verbrauchen wird. Noch produziert das Land den meisten Strom in Atommeilern und Wasserkraftwerken. Beim Thema Windenergie ist das größte skandinavische Land ein Entwicklungsgebiet. Zwischen Trelleborg im Süden und der nördlichsten Stadt Kiruna drehten sich Ende des vergangenen Jahres nur knapp 1600 Windräder. In Deutschland waren es fast 26.000.

Lokalpolitiker hoffen auf neue Arbeitsplätze

Dabei hat Schweden die besten Voraussetzungen für Windkraft. Und das nicht nur in Lappland, die windreichen Gebiete liegen eher im Süden. Allerdings wohnen dort die meisten Menschen. "Der Süden ist auch außerhalb der Städte zersiedelt, überall stehen Ferienhäuser und Bauernhöfe", sagt Kropp. 1996 war der ehemalige Siemens-Ingenieur nach Schweden gegangen, zuvor hatte er zehn Jahre lang Windparkprojekte in Deutschland aufgezogen. Als ein Freund immer wieder von der Weite des skandinavischen Landes schwärmte, wurde Kropp hellhörig.

Svevind, Wind für Schweden, nannte er seine Firma. Aber über eine Handvoll Windräder im Süden kam Kropp nicht hinaus - die Schweden wollen sich ihre idyllische Landschaft nicht verschandeln lassen, entsprechend stark ist der Widerstand gegen hohe Anlagen. Kropp studierte gründlich Landkarten, dann machte er sich auf in den Norden. In Lappland fand er schließlich den perfekten Standort für ein Großprojekt: die kaum besiedelten Wälder von Markbygden. "Der Wind bläst dort so stark wie an der deutschen Nordseeküste."

Umweltverbände protestierten kaum, der Industriewald gilt als wenig schützenswert. Mit den wenigen Grundstücksbesitzern wurde Kropp schnell einig. "In Deutschland müssten für eine solche Fläche vermutlich 10.000 Eigentümer ihr Okay geben. Hier gehören 95 Prozent des Gebietes zwei Besitzern." Für sie stelle der Windpark lediglich eine weitere Einnahmequelle dar, und unter den hochhängenden Rotoren der Anlagen sollen sich auch künftig Bäume fällen lassen. Lokalpolitiker sehen in Kropps Projekt daher die Chance, in der strukturschwachen Region eine neue Industrie hochzuziehen und Arbeitsplätze zu schaffen.

Lapplands Ureinwohner sind gegen den Windpark

Doch nicht alle sind glücklich über den ambitionierten Plan. Widerstand kommt von Lapplands Ureinwohnern. Die Sami fürchten, dass der Windpark ihre Rentierherden stört, die während der Wintermonate in dem Gebiet grasen. Vor allem aber wollen die Sami nicht länger hinnehmen, wie der industrialisierte Süden ihr Land ausbeutet. Die Papierindustrie verwertet bereits die Wälder, Wasserkraftwerke beherrschen die Flüsse, Eisenerzminen plündern den Boden. "Nun kommen auch noch die Windturbinen", sagte jüngst ein Vertreter von Svevind. "Doch so ist das nun mal mit der wirtschaftlichen Entwicklung."

Den ersten Vorschlag Svevinds für eine Entschädigung von jährlich fünf Millionen Kronen (523.000 Euro) haben die Sami abgelehnt. Der Windpark bedroht unsere traditionelle Lebensweise, argumentieren sie. Doch der schwedische Staat gibt den Sami nicht das Recht auf eigenes Land. Nun haben sie bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine Klage gegen die deutsche KfW Ipex-Bank eingereicht, die den Windpark mitfinanziert. Wenn sich die Bank an dem Projekt beteiligt, argumentieren die Sami, verletze die KfW ihre eigenen Menschenrechtsstandards.

Gegen den Willen der schwedischen Regierung aber wird wohl niemand ankommen. Denn der offizielle Energiekurs steht fest, und in die Pilotanlage für Kropps Windpark hat Stockholm bereits elf Millionen Euro gesteckt. Die windreiche Provinz Pitea soll sich sogar zu einem Zentrum der erneuerbaren Energien entwickeln.

Noch sind die wenigen Stromleitungen das Haupthindernis für Windprojekte im Norden. Deshalb will Kropp die Energie aus seinem Windpark zunächst in die Trassen der Wasserkraftwerke einspeisen. Doch künftig will die Regierung massiv in neue Leitungen investieren, heißt es bei der staatlichen Energiebehörde. Schwedens dürres Stromnetz soll dichter werden - außerdem soll es mit Nachbarnetzen in Finnland und Litauen verknüpft werden.

Kropp jedenfalls denkt längst über Grenzen hinaus: Ob Schweden, Norwegen oder Finnland - der Norden Skandinaviens mit seinen langen Küsten habe unschlagbar gute Windverhältnisse und kaum Bewohner. "Windkraft aus Skandinavien", sagt er, "die könnte bald auch Deutschland mit Energie versorgen."

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 92 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die Schweden ...
mexi42 09.08.2010
Zitat von sysopEin Unternehmer aus Bayern errichtet in Nordschweden den größten Windpark Europas: mehr als 1000 Anlagen sollen in den Wäldern gebaut werden - mit einer Leistung von vier Atomkraftwerken. Doch es regt sich Widerstand gegen das Mammutprojekt, Lapplands Ureinwohner fürchten um ihre Rentierherden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,703398,00.html
sollten nicht vergessen, dass sie die gleiche Leistung, die investiert wurde, als Reserve vorhalten müssen - und zwar schnell startend.
2. lappland
promedico 09.08.2010
Ich habe es hier in Deutschland nie verstanden, dass Organisationen wie z. B. der BUND plötzlich einverstanden sind mit derart grässlich zugespargelten Landschaften. Für mich auch hier eine Schande bei einem oft mickrigen Ergebnis - naja, ist eben angeblich"...öko..."
3. bescheuerter vergleich
darkangel_ger 09.08.2010
Zitat von sysopEin Unternehmer aus Bayern errichtet in Nordschweden den größten Windpark Europas: mehr als 1000 Anlagen sollen in den Wäldern gebaut werden - mit einer Leistung von vier Atomkraftwerken. Doch es regt sich Widerstand gegen das Mammutprojekt, Lapplands Ureinwohner fürchten um ihre Rentierherden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,703398,00.html
hört endlich mit diesem bescheuerten vergleich "mit einer leistung von soundsoviel atomkraftwerken" auf ! es geht doch in erster linie darum, aus dem kohlestrom auszusteigen. ein kohlekraftwerk hat vielleicht auch ne leistung von 1000 MW. und die windmühlen müssen sich erstmal alle tag und nacht drehen, um auf ihre volle leistung zu kommen...
4. Mal wieder die Spiegel-typische Desinformation
Hajojunge 09.08.2010
Da werden mal eben 4000 MW Windkraft mit der Kapazität von 4 Atomkraftwerken, gern auch Atommeiler genannt, gleichgesetzt. Es sind zwar rein rechnerisch erstmal nur drei Kernkraftwerke (ca. 1350 MW netto pro Block). Im Gegensatz zur Windkraft liefern sie jedoch ihre volle Leistung ca. 8000 Stunden im Jahr fast um die Uhr, die Windräder, abhängig von meteorologischen Zufällen und Standort günstigstenfalls vielleicht 2000 Stunden im Jahr. Allein schon der Zeitfaktor beweist, daß nur ein einziges KKW ersetzt wird, bezogen auf die elektrische Erzeugung. Dieser Etikettenschwindel mit der unterschlagenen Ausnutzungsdauer der vollen Leistung leiden alle Erneuerbaren, was zu ihrer völligen Überschätzung und irrsinnigen Übersubventionierung geführt hat. Immer wieder werden elektrische Leistung und elektrische Erzeugung bzw. Arbeit (Zeit x Leistung) durcheinandergewürfelt. Kein Wunder in unserer so technikgläubigen und zugleich technik- und naturwissenschaftsfeindlichen Gesellschaft, die von Lehrern, Juristen und BWL-lern dominiert wird. Zum Atommeiler: Diese Bezeichnung stammt noch aus der Zeit, als die Reaktoren der Fermi-Bauweise tatsächlich mit aufgeschichteten Grafitblöcken moderiert wurden. Sie wurden ausschließlich zur Produktion von Bombensprengstoff eingesetzt. Genau dieser Bauweise und Zielsetzung entsprachen auch die Tschernobyl-Reaktoren, nur daß man bei Ihnen die gewaltige Abwärme auch noch zur Stromerzeugung nutzte. Wer unsere heutigen Reaktoren noch als Meiler bezeichnet, schürt diffuse Ängste und hat noch nicht einmal verstanden, dass sie mit den Urtypen rein gar nichts gemain haben. Gegen den Standort im hohen Norden sprechen die hohen Netzverluste, die nur mit teurer Übertragungstechnik (HGÜ) gemindert werden können. In jedem Falle müssen für die installierte Windleistung breite Schneisen für die Freileitungstrassen in Richtung Süden geschlagen werden. Da haben die Schweden wohl gepennt.
5. Ohhh
HerrDerSchatten, 09.08.2010
Woher nehmen sich eigentlich einige Menschen immer das recht, ihre traditionelle Lebensweise mit Händen und Klauen zu verteidigen? Wäre ihre traditionelle Lebensweise ein wenig erfolgreicher gewesen, hätten sie auch mehr zu sagen. Genauso nervig ist es allerdings, dass in D. ständig wichtige Gemeinwohlprojekte hinter den Partikularinteressen von Häuslebauern zurückfallen - hier wäre es wünschenswert, dass nicht jeder Seppel eine Klage einreichen kann. Manche Infrastrukturprojekte müssen halt einfach sein, egal was die Bewohner sagen - EEntschädigungszahlung ist ok, Blockade nicht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Windenergie
Im vergangenen Jahr gingen in Deutschland etwa 950 neue Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von fast zwei Gigawatt ans Netz. Das entspricht der Kapazität von zwei Atomkraftwerken. Weltweit ist Deutschland gleichauf mit China und hinter den USA die Nummer Zwei bei der Nutzung der Windenergie; dahinter folgen Spanien und Indien. Trotz Finanzkrise war 2009 ein hervorragendes Jahr für die globale Windbranche, denn die installierte Gesamtleistung stieg um fast ein Drittel auf 158 Gigawatt. Den größten Zubau verzeichneten China (plus 13 Gigawatt) und die USA (plus 10 Gigawatt).

Detaillierte Angaben zur weltweiten Nutzung von Windenergie (pdf)
Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

Fotostrecke
Grafiken: Windenergie in Deutschland


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: