Russisches Öl für China Pumpen für die neue Weltordnung

Acht Flugstunden östlich von Moskau liegt Russlands modernstes Ölfeld "Große Kraft". Der Rohstoff fließt von hier fast nur nach China, dem neuen Partner der Kreml-Herrscher. Die Pipeline Richtung Westen liegt praktisch brach.

SPIEGEL ONLINE

Aus Igarka am Polarkreis berichtet


Wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, leuchtet das Eis am Polarkreis rot vom Feuer der riesigen Fackeltürme. Sie verbrennen überschüssiges Gas, das bei der Ölförderung in Sibirien entsteht. Die Flammen lassen die Schatten der Bohrtürme tanzen. Wankor heißt dieses Ölfeld in Russlands hohem Norden, in der Sprache der Rentier-Hirten bedeutet das "große Kraft".

Die große Kraft schlummert im Permafrost-Boden. Fast 900 Millionen Tonnen Erdöl will der Staatskonzern Rosneft aus dem sogenannten Wankor-Cluster pumpen. Dafür hat der Ölriese insgesamt fünf Milliarden Dollar investiert. Es ist das größte Ölfeld, das Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Betrieb genommen hat. Die mehr als 3000 Menschen ringen dem Boden hier unter schwersten Bedingungen seinen schwarzen Schatz ab. Im Winter sinkt die Außentemperatur auf minus 50 Grad Celsius. Im Sommer setzen Mückenschwärme den Arbeitern zu.

Maximal 30 Tage sind die Männer in Wankor im Einsatz, dann gibt es 30 Tage Heimaturlaub. Alexej Matwejew, 29, ist einer der Ölarbeiter. Er sagt, er nehme die Strapazen gern in Kauf: "Für jeden Ölmann ist Wankor ein Privileg", sagt er. Modernere Anlagen gebe es nirgends in Russland.

Fotostrecke

7  Bilder
Wankor-Cluster: Sibiriens gigantische Ölreserven
In Ostsibirien lässt sich aber auch eine Verschiebung der globalen Gewichte beobachten. Russland hat über Jahre den größten Anteil seines Öls an den Westen geliefert. Das ändert sich nun. Europa will unabhängig werden von Energie aus dem Osten. China hingegen avanciert zum "strategischen Partner" und zum wichtigen Importeur russischen Öls. Die Ausfuhren nach Europa gingen im vergangenen Jahr zurück, die in die Volksrepublik dagegen stiegen um 36 Prozent.

Das meiste Öl für die Chinesen stammt aus Wankor. In der Taiga gibt es zwar auch eine Pipeline, die Richtung Westen führt. Die Leitung liegt aber praktisch brach, drei Viertel der Fördermenge gehen nach Osten.

Insgesamt verkauft der staatliche Rosneft-Konzern zwar noch deutlich mehr Öl nach Westen als an China. Doch Firmenchef Igor Setschin - ein enger Mitstreiter von Präsident Wladimir Putin - treibt die Neuausrichtung gen Asien voran.

Putin hat das Ölgeschäft mit Asien zur Chefsache erklärt

Russland drängt mit Macht auf den chinesischen Markt - nicht nur aus wirtschaftlichem Kalkül. Der Kreml sieht das Bündnis mit China als geopolitisches Projekt, um ein Gegengewicht zum Westen zu bilden, insbesondere zu den USA. Die westlichen Sanktionen haben die Führung in Moskau darin noch bestärkt, Rosneft-Chef Setschin sieht darin "eine Art Krieg", wie er dem SPIEGEL sagte. Die niedrigen Ölpreise hält Setschin für vom Westen "manipuliert".

Moskau und Peking haben einen gigantischen Ölpakt geschlossen. In den kommenden 25 Jahren zahlt China Russland 270 Milliarden Dollar, im Gegenzug verpflichtet sich Rosneft zur Lieferung von 300.000 Barrel Öl pro Tag - das entspricht rund 90 Prozent der Fördermenge von Wankor. 200.000 weitere Barrel Öl sollen für zehn Jahre an die chinesische Sinpec Gruppe gehen, für 85 Milliarden Dollar. Der Kreml hat das Ölgeschäft mit Asien zur Chefsache erklärt. Zum Förderbeginn in Wankor reiste Wladimir Putin persönlich nach Ostsibirien.

Zugleich wächst aber auch Russlands Abhängigkeit vom großen Nachbarn im Osten, der am Verhandlungstisch deutlich selbstbewusster auftritt als die kleineren Partner aus Europa - schon allein deshalb, weil er sich seiner enormen Marktmacht bewusst ist.

Russland bestreitet 46 Prozent seines Staatshaushalts allein mit Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Mit anderen Worten: Das Land ist darauf angewiesen, potente Käufer zu finden, um Renten und Beamtengehälter zahlen zu können.

Rosneft ist wegen der Sanktionen weitgehend von westlichen Krediten abgeschnitten. Der Ölkonzern braucht dringend Geld für die Erkundung neuer Ölfelder und die Entwicklung von ebenso kostspieligen wie prestigeträchtigen Bohrprojekten vor Russlands Küste. Nachdem Rosneft vor zwei Jahren den mächtigen russischen Konkurrenten TNK-BP übernommen hatte, beliefen sich die Konzernschulden auf 55 Milliarden Dollar. Branchenexperte Michail Krutichin spricht von "Größenwahn", der sich rächen werde.

Um an Geld zu kommen, hat der Kreml den Verkauf von zehn Prozent des Ölfelds Wankor angeschoben - natürlich an die Chinesen. Eigentlich waren die Reserven als "strategisch" eingestuft worden. Sie sollten in russischer Hand bleiben. Bei einem Treffen mit dem chinesischen Vize-Premier Zhang Gaoli verkündete Putin dann aber, dass es "für unsere chinesischen Freunde keine Einschränkungen gibt".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 160 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Airkraft 12.05.2015
1. Das nennt sich...
Das nennt sich wohl Marktwirtschaft ;-)
stahlfahrer 12.05.2015
2. Putin hält die Welt im Gleichgewicht
...was bleibt ihm anderes übrig als dem US Hegemon die kalte Schulter zu zeigen und sich alternative Märkte zu suchen ?? Hoffentlich lässt er sich das Öl nicht in Dollar bezahlen...ich denke da gibt's bessere Währungen! Die Amis trifft das dort wo es ihnen meisten weh tut, bei Ihrer Währung...es wird Zeit, dass sich die Welt wieder ins Gleichgewicht dreht ! Hoffen wir, dass es nicht im Chaos endet...!
demokroete 12.05.2015
3. Wir haetten natuerlich an dem Kuchen teilhaben koennen
aber Frau Merkel war der Beweis ihrer Willfaehrigkeit gegenueber Washington und das korrupte Regime in Kiev natuerlich wichtiger, als der deutsche Mittelstand und das Wohlergehen der deutschen Arbeiter !
laermgegner 12.05.2015
4. Fein gemacht
und in Brandenburg wird eine Probebohrung nach der nächsten abgeteuft - natürlich von Britten und Franzosen . Unabhängig unnd Fracking steht vor der Tür - Einfach Klasse !
zeisig 12.05.2015
5. Putin handelt.
Nachdem der Westen geglaubt hat, Putin wie einen Schuljungen behandeln zu können, bekommen wir jetzt langsam aber sicher die Quittung. Russland wird und muß sich umorientieren. Diese sogenannte westliche Allianz hat Rußland respektlos behandelt und wir als Deutsche haben auf Jahrzehnte hinaus gute Nachbarschaft verspielt. Ich finde es einfach schade.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.