Gefährlicher Öl-Boom Amerikas rollende Zeitbomben

Amerika fördert so viel Öl wie nie. Doch der Boom hat eine tödliche Kehrseite: Immer mehr Rohöl wird auf dem Schienenweg transportiert - viele Güterzüge verunglücken.

REUTERS

Von , New York


Es wird ein bewusst stilles Gedenken. Zwei Messen in der St.-Agnes-Kirche wollen sie feiern, eine ab Mitternacht, um den Zeitpunkt des Infernos zu markieren, eine weitere dann am Morgen. Am Abend soll es schließlich einen Schweigemarsch durch die Innenstadt geben.

Beziehungsweise durch das, was davon übrig ist.

Vor einem Jahr, am 6. Juli 2013, wurde der pittoreske Kern der kanadischen Kleinstadt Lac-Mégantic so gut wie ausradiert, als sich ein unbeaufsichtigter Güterzug selbstständig machte und mitten im Ort entgleiste. 63 Tankwaggons mit Rohöl explodierten, 47 Menschen kamen ums Leben - allein 30 im Musi-Café, einer populären Kneipe. Fünf Leichen wurden nie gefunden.

Bis heute bleibt die Unglücksfläche eine unbewohnbare "rote Zone". Die Häuser sind zwar abgerissen, die Schuttberge zu Schotter einplaniert. Doch es wird noch lange dauern, bis das ölverseuchte Areal dekontaminiert ist.

Katastrophen wie die von Lac-Mégantic könnte es jederzeit wieder geben - überall in Nordamerika. Denn immer mehr solcher Rohöl-Güterzüge rasen durch die USA und Kanada - und immer öfters verunglücken sie. Zum ersten Jahrestag von Lac-Mégantic wird es deshalb nicht nur schweigende Andacht geben: Mehrere Aktivistengruppen, darunter der Sierra Club, planen Proteste auf dem ganzen Kontinent.

Rumpelnde Todesgefahr

"Nordamerikas Ölindustrie ist außer Kontrolle", klagt Lorne Stockman, der Forschungschef der US-Bürgerinitiative Oil Change International, über die Öltransporte, die er "Bombenzüge" nennt. "Die öffentliche Sicherheit steht neben den Industrieprofiten nur an zweiter Stelle."

Oft rumpeln die Züge durch die Nacht. Die Todesgefahr droht dabei allenthalben - im dichtbesiedelten Osten, im Mittleren Westen, in Kalifornien. Schuld ist Nordamerikas jüngster Ölboom: Die USA produzieren so viel Rohöl wie nie zuvor. Da das Pipeline-Netz den Mengen nicht mehr gewachsen ist und neue Leitungen wie die Keystone XL lange auf sich warten lassen, weichen die Öltransporteure kurzerhand auf die Schiene aus.

Allein im vergangenen Jahr bewegten US-Güterzüge fast eine Million Barrel Rohöl pro Tag - 70-mal so viel wie 2005. Das entspricht mehr als 130 Zügen mit je rund 100 Waggons. Die meisten dieser Karawanen schafften Schieferöl aus North Dakota - das als besonders explosiv gilt - in die Raffinerien und Ausfuhrhäfen an den Küsten.

Diese Rekorde haben eine Kehrseite. Von den mehr als 94.000 Tankwaggons im Einsatz entsprechen nicht mal 15 Prozent den aktuellen Sicherheitsvorkehrungen. Die Folge: Fast jeden Monat verunglückt ein Ölzug. Allein seit Lac-Mégantic gab es mindestens neun Unfälle.

  • Im November entgleisten 20 Waggons eines Rohöltransports aus North Dakota im US-Südstaat Alabama. Elf Waggons explodierten.
  • Im Dezember kollidierte ein Ölzug mit einem entgleisten Getreidetransport in North Dakota. 18 Waggons explodierten, 150.000 Liter Rohöl liefen aus, 1400 Anwohner mussten fliehen.
  • Im Februar entgleisten 21 Waggons eines Zugs aus Chicago im Ort Vandergrift in Pennsylvania. 15.000 Liter Rohöl liefen aus.
  • Im Mai entgleiste ein Zug im historischen Ort Lynchburg in Virginia. 114.000 Liter Öl flossen in den James River und gingen in Flammen auf. 350 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden.

Insgesamt liefen 2013 nach Angaben des Verkehrsministeriums in Washington bei US-Zugunglücken rund 4,4 Millionen Liter Rohöl aus - mehr als in vier Jahrzehnten zuvor.

Die hilflosen Kommunen schlagen Alarm. "Mit alltäglichen Notfällen kommen wir klar", berichtete Timothy Pellerin, ein Feuerwehrchef aus Maine, dessen Männer damals im nahen Lac-Mégantic mithalfen, im April vor dem Transportunterausschuss des US-Senats. "Aber für so ein Desaster sind wir nicht gewappnet."

Die Unruhe reicht vom einsamen Nordwesten der USA bis in den industriellen Nordosten. So rollt jeder vierte Ölzug aus North Dakota durch Albany, die Hauptstadt des Bundesstaats New York, deren Hafen am Hudson River einer der wichtigsten Öl-Umschlagplätze ist. "Wir sehen den Rohöltransport als eine der größten sich abzeichnenden Gefahren für die Umwelt New Yorks", sagt Vizeumweltminister Basil Seggos.

Um diesen Gefahren zu begegnen, bräuchten die Staaten zumindest mehr Informationen über die Öltransporte. Doch auch da hapert es. "Wir haben keine Ahnung, wann die Züge hier durchkommen", klagte jüngst Thomas Lakamp von der Feuerwehr Cincinnati im "Wall Street Journal". "Die Bahngesellschaften sind nicht verpflichtet, uns das mitzuteilen." Die Begründung für diese Geheimniskrämerei: Terrorangst.

Zumindest das soll sich nun ändern. Ab Juli müssen die US-Bahnen per Notfallverordnung des Verkehrsministeriums die Staaten entlang der Öl-Routen vorab informieren - damit diese sich wenigstens fürs Desaster rüsten können.

insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thomas.b 18.06.2014
1. optional
Die Gefahrenabwehr der Amerikaner konzentriert sich eben auf den "Terrorismus", da treten solch banale Katastrophen eben gern in den Hintergrund...
Atheist_Crusader 18.06.2014
2.
Zitat von sysopDPAAmerika fördert so viel Öl wie nie. Doch der Boom hat eine tödliche Kehrseite: Immer mehr Rohöl wird auf dem Schienenweg transportiert - viele Güterzüge verunglücken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/oel-boom-in-amerika-immer-mehr-zuege-verungluecken-a-975692.html
Die Ölindustrie hat damit nur am Rande zu tun. Schuld ist eher die verrottende Infrastruktur, die seit Jahrzehnten nicht mehr im großen Maßstab gewartet und erneuert wurde. Eine Zugfahrt über Langstrecke in den USA, und man wird die Deutsche Bahn auf Knien anbetteln, doch wieder ihre alten Züge, ewigen Verspätungen und miesen Winterdienst ertragen zu dürfen. Aber was die amerikanischen Ölzüge angeht, wird man da bestimmt eine kostensparende und zweckmäßige Lösung finden. Vielleicht Pipelines. So durch's eigene Land ist das ja vergleichsweise sicher, außerdem kann man als Ölmulti das bestimmt mit Steuergelder finanzieren lassen.
david-39 18.06.2014
3. Regulierung
Technische und ethische Überprüfung, besonders wenn diese von der Regierung in DC kommt, ist Teufelszeug. Genauso wie Steuern für Großunternehmen und Gesetze zum Schutz des Verbrauchers und der Umwelt. Die Oligarchen in den USA wollen nicht bei ihrem Tagesgeschäft gestört werden. Es wird Zeit, dass Europa einen eigenen Weg findet und sich von den USA emanzipiert und zwar moralisch, ökonomisch und militärisch. Da wir aber weder über die Finanz-manipulations-Industrie und Überwachungsindustrie verfügen und wichtige Reformen verschleppt werden (Frankreich, England) sind wir (Griechenland, Portugal, Spanien -> Frankreich) Manipulationen der US-Großbanken ausgesetzt.
zerozero123 18.06.2014
4. Gier frisst Hirn...
...trifft mal wieder komplett zu. Das die Bürger in den USA das immer mitmachen ist mir unverständlich. Aber was rede ich, der normale Deutsche ist auch zu dumm um irgendwas zu verstehen und wählt den eigenen Totengräber immer und immer wieder....
spmc-135322777912941 18.06.2014
5. Obama und seine linksgruenen Umweltschuetzer
Zitat von sysopDPAAmerika fördert so viel Öl wie nie. Doch der Boom hat eine tödliche Kehrseite: Immer mehr Rohöl wird auf dem Schienenweg transportiert - viele Güterzüge verunglücken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/oel-boom-in-amerika-immer-mehr-zuege-verungluecken-a-975692.html
verweigern den Bau einer Pipeline. Was hier der Spiegel berichtet ging mir schon im Februar nach dem grossen Unglueck in ND durch den Kopf.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.