SPIEGEL ONLINE: Herr Farren-Price, Sie kommen gerade aus Riad. In der Hauptstadt Saudi-Arabiens fand das International Energy Forum statt, ein Treffen der Weltenergiemächte. Wie war die Stimmung?
Farren-Price: Angespannt. Die meisten Entscheidungsträger außerhalb von Nordafrika und Nahost haben Angst vor einem Flächenbrand in Nahost. Dieser würde zu einer deutlichen Ölverknappung führen.
SPIEGEL ONLINE: Ist das Treffen zum Krisengipfel mutiert?
Farren-Price: Nein. Die meisten Vertreter der Region wirken überzeugt, dass die Unruhen bald abflauen werden. Sie haben aus ihrer Sicht länderspezifische Ursachen, die die Regierungen mit speziellen Zugeständnissen bekämpfen können.
SPIEGEL ONLINE: Die Ölproduktion in Libyen ist durch die Unruhen eingebrochen. Mitarbeiter von Energiekonzernen fliehen aus dem Land. Im ölreichen Osten des Landes haben Rebellen die Kontrolle über Förderstätten übernommen. Gehen die libyschen Exporte dauerhaft zurück?
Farren-Price : Die Produktion wurde heruntergefahren, die Häfen sind blockiert, und es ist möglich, dass Gefechte zwischen Rebellen und Gaddafis Söldnern um wichtige Förderstätten ausbrechen. Niemand kann sagen, wie lange die Unruhen anhalten.
SPIEGEL ONLINE: Derzeit ist keine Besserung in Sicht, und Saudi-Arabien scheint schon zu reagieren. Insidern zufolge hat das Königreich seine Förderung um 700.000 Barrel je Tag gesteigert - reicht das, um einen Versorgungsengpass zu vermeiden?
Farren-Price : Die Menge entspräche knapp den geschätzten Ausfällen durch Libyen. Es ist ein starkes Signal an den Markt: Saudi-Arabien ist bereit, mögliche Engpässe auszugleichen.
SPIEGEL ONLINE: Können die Saudis das überhaupt? Schließlich gibt es auch Unruhen in Algerien, Jemen, Bahrain und dem Oman. Wie lange reichen die Ölreserven der Scheichs, falls noch mehr Regime stürzen?
Farren-Price : Der Jemen produziert rund 260.000 Fass Öl pro Tag und exportiert 120.000 Fass. Bahrains Exporte sind minimal. Saudi-Arabien hat Reservekapazitäten von mehreren Millionen Barrel - und könnte Lieferengpässe aus diesen Ländern leicht ausgleichen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist, wenn die Regierung in Algerien fällt und es zu ähnlichen Gefechten kommt wie in Libyen?
Farren-Price : Bei Chaos in Algerien wären die Märkte in Aufruhr. Das Land produziert 1,35 Millionen Fass Öl pro Tag, den Großteil davon exportiert es. Zudem ist das Land ein wichtiger Gasexporteur. Eine Krise würde die Reservekapazitäten Saudi-Arabiens stark angreifen.
SPIEGEL ONLINE: Und der Oman?
Farren-Price : Der Oman produziert 860.000 Fass Öl pro Tag und exportiert rund 115.000 Fass. Unruhen in diesem Land würden für erhebliche Nervosität an den Märkten sorgen.
SPIEGEL ONLINE: Die aktuelle Panik beruht vor allem auf der Sorge, die Revolte könne auf Saudi-Arabien übergreifen. Was wäre, wenn?
Farren-Price : Eine Ölnot wäre dann wohl nicht abzuwenden.
SPIEGEL ONLINE: Wie bedroht ist das Regime von König Abdullah?
Farren-Price: Auf dem International Energy Forum zeigten sich Vertreter Saudi-Arabiens überzeugt, dass ihre Heimat nicht dieselben Probleme wie andere Staaten in der Region bekommt.
SPIEGEL ONLINE: Was spricht dafür?
Farren-Price: Libyen hatte 40 Jahre dasselbe Staatsoberhaupt, in Saudi-Arabien wechselte die Regierung im selben Zeitraum immerhin vier Mal. Zudem hat der König gerade den Wohlfahrtsstaat ausgeweitet. Doch eine Garantie, dass das reicht, gibt es nicht. Die Unruhen in Tunesien und Ägypten haben gezeigt, wie unberechenbar die Revolution ist.
Das Interview führte Stefan Schultz
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