Ölförderung in Libyen Wie Deutschland mit Gaddafi Geschäfte macht

Die arabische Revolte hat längst auf Libyen übergegriffen. Für Menschenrechtler ein Zeichen des Aufbruchs, die Ölmärkte dagegen reagieren beunruhigt. Auch deutsche Unternehmen verdienen gut an dem Rohstoff - und am Prunkgehabe des Diktators Gaddafi.

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Wintershall-Anlage in Libyen: Zwei Milliarden investiert
Wintershall

Wintershall-Anlage in Libyen: Zwei Milliarden investiert


Hamburg - In einem Hochhaus in Kassel werden Nachrichten aus Libyen derzeit besonders aufmerksam verfolgt. "Wir beobachten die aktuelle Situation vor Ort sehr sorgfältig", sagt ein Sprecher des Unternehmens Wintershall, das in Libyen in großem Stil Erdöl und Erdgas fördert. "Wenn sich die Lage ändern würde, wären wir vorbereitet."

Als Muammar al-Gaddafi 1969 in Libyen die Macht ergriff, war Wintershall dort bereits mehr als zehn Jahre im Geschäft. Seit einigen Tagen sieht es so aus, als könnte die Tochter des Chemiekonzerns BASF Chart zeigen Gaddafis jahrzehntelange Herrschaft auch noch überdauern. Noch hat die arabische Revolte nur auf Teile Libyens übergegriffen - Hunderte Kilometer von den Wintershall-Produktionsstätten entfernt, wie das Unternehmen betont. Doch seit dem Sturz der Machthaber in Tunis und Kairo scheint auch ein Machtwechsel in Libyen nicht mehr ganz ausgeschlossen.

Was Demokraten freut, sorgt an den Ölmärkten derzeit für Nervosität. Die Angst vor möglichen Lieferausfällen trieb den Preis für die Nordsee-Sorte Brent zeitweise auf den höchsten Stand seit September 2008. Zwar sind vor allem die US-Lager derzeit noch reichlich gefüllt. Doch auf die gesamte Region Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten entfällt mehr als ein Drittel der weltweiten Ölproduktion.

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Ölmarkt: Wie Deutschland mit Gaddafi Geschäfte macht
Für Deutschland ist Libyen nicht nur als drittwichtigster Lieferant von Erdöl attraktiv. Wie das Beispiel von Wintershall zeigt, profitieren deutsche Unternehmen auch von der Förderung. Mehr als zwei Milliarden Dollar hat allein Wintershall im Land investiert. Acht Ölfelder betreibt das Unternehmen im Moment, derzeit wird im Süden des Landes nach weiteren Vorkommen gesucht.

Lukrativer Prunk zum Jubiläum

"Das ist schon was für Profis", umschreibt Felix Neugart vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) die Investitionsbedingungen in Libyen. Wie andere arabische Staaten ist das Land von Korruption und Vetternwirtschaft geprägt. Deshalb überlebten lange nur Großkonzerne mit finanziellem Durchhaltevermögen.

Seit 2004 ein 18-jähriges EU-Embargo gegen Libyen aufgehoben wurde, verdienen aber auch deutsche Mittelständler verstärkt am ölfinanzierten Prunk von Gaddafi. Der ließ etwa zum 40-jährigen Revolutionsjubiläum vor zwei Jahren in der Hauptstadt Tripolis zahlreiche neue Prachtbauten errichten - auch mit Hilfe deutscher Bauunternehmen. "Da gingen die Exporte sehr stark nach oben", berichtet Neugart. Innerhalb eines Jahres stiegen die Ausfuhren nach Libyen um mehr als 50 Prozent.

Zwar umwarben deutsche Politiker Gaddafi nicht so schamlos wie Italiens Premier Silvio Berlusconi, der den Diktator mit Umarmung empfing und in Rom zelten ließ. Doch auch sie setzten sich bei regelmäßigen Wirtschaftstreffen eifrig für deutsche Unternehmen ein. So weihte Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) wenige Tage nach dem Ende des Embargos eine Bohrstelle von Wintershall ein. Zuletzt eröffnete der damalige Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) 2009 in Tripolis das elfte deutsch-libysche Wirtschaftsforum, an dem mehr als 100 deutsche Unternehmen teilnahmen.

Das nächste Forum ist schon angesetzt, Ende Juni im Berliner Hotel "Crowne Plaza". Noch muss das Wirtschaftsministerium die Planung absegnen, Koordinatorin Katrin Laskowski aber ist zuversichtlich. Dass ein Wirtschaftstreffen angesichts der jüngsten Proteste gegen Gaddafi unpassend wäre, glaubt sie nicht. Im Gegenteil, sagt Laskowski. "Das ist die Situation, den Libyern zu zeigen: Wir sind bei euch."

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Niamey 19.02.2011
1. Geschäfte mit Gaddafi
Zitat von sysopDie arabische Revolte hat längst auf Libyen übergegriffen. Für Menschenrechtler ein Zeichen des Aufbruchs, die Ölmärkte dagegen reagieren beunruhigt. Auch deutsche Unternehmen verdienen gut an dem Rohstoff - und am Prunkgehabe des Diktators Gaddafi. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,746507,00.html
Klar, dass jemand mit finanziellen Interessen in Lybien es passend findet jetzt ein deutsch - lybisches Wirtschaftsforum abzuhalten und denen zu zeigen, wir sind bei Euch! Stellt sich nur die Frage bei wem genau und wer bei denen ist! Ich will ja nicht hetzen, aber gebt der Demokratiebewegung wenigstens Waffen damit sie nicht wehrlos niedergemetzelt werden und sich verteidigen können, anstatt sich darüber aufzuregen, dass auf die Demonstranten geschossen wird ;-)
heinrichp 19.02.2011
2. hoch lebe die scheinheilige Moral!
Zitat von sysopDie arabische Revolte hat längst auf Libyen übergegriffen. Für Menschenrechtler ein Zeichen des Aufbruchs, die Ölmärkte dagegen reagieren beunruhigt. Auch deutsche Unternehmen verdienen gut an dem Rohstoff - und am Prunkgehabe des Diktators Gaddafi. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,746507,00.html
Mit dem Teufel lässt es sich gute Geschäfte machen das haben selbst die demokratischen Länder verstanden, hoch lebe die scheinheilige Moral!
mitbestimmender wähler 19.02.2011
3. Andere anschwärzen und selber in der Top Liga dreckeln
Das bestechen von Diktaktoren Familien ist ethnisch weit bedenklicher als etwa legale Dienstleistungen für Steueroptimierung (Schweiz, Luxemburg, Niederlande, Hong Kong, Monaco und die Inseln). Leider werden dutzende solche Kriminelle Familien auf der Welt unterstützt vom Staate Deuschland oder durch vorgeschobene Industrien. Das scheint die Liga zu sein die Deutschland sehr gut beherrscht und kriminelle Strukturen unterstützen wie die letzten Jahren. Und meist wird die Industrie vorgeschoben auf druck des Staates Schweinerei !
glücklicher südtiroler 19.02.2011
4. Westliche Staaten - Lybien...
Zitat von sysopDie arabische Revolte hat längst auf Libyen übergegriffen. Für Menschenrechtler ein Zeichen des Aufbruchs, die Ölmärkte dagegen reagieren beunruhigt. Auch deutsche Unternehmen verdienen gut an dem Rohstoff - und am Prunkgehabe des Diktators Gaddafi. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,746507,00.html
Aus dem Artikel... "Zwar umwarben deutsche Politiker Gaddafi nicht so schamlos wie Italiens Premier Silvio Berlusconi, der den Diktator mit Umarmung empfing und in Rom zelten ließ. Doch auch sie setzten sich bei regelmäßigen Wirtschaftstreffen eifrig für deutsche Unternehmen ein." Die Deutschen sind etwas diskreter als die Italiener vorgegangen; die Effekte sind aber letztendlich die Gleichen. Einen eklatanten Unterschied gibt es aber schon. Da Lybien eine frühere Italienische Kolonie war und sich während der Kolonialzeit Italenische Armee und Sicherheitskräfte mannigfaltigster Verbrechen haben zu schulden kommen lassen, ist die Beziehung zwischen Italen und Lybien ähnlich Deutschland-Polen eine Besondere... Das wird auch durch diesen Vertrag ausgedrückt: "Il trattato Italia-Libia di amicizia, partenariato e cooperazione" (Freundschaft, Partnerschaft und Kooperation) http://www.iai.it/pdf/Oss_Transatlantico/108.pdf Abgesehen von den ganzen Erklärungen über eine Entschuldigung und "Reparationszahlungen" Italiens an Lybien(die Gelder werden in Infrastrukturen in Lybien investiert wo bevorzugt Italienische Firmen zum Zuge kommen) sind die ganzen gegenseitigen Investitionsmöglichkeiten interessant. Lybische Ölgelder werden in Italienische Firmen und Banken investiert.Italien ist hochverschuldet und braucht Märkte für seine Exportwirtschft und das lybische Geld für seinen Bankensektor. Lybien hingegen macht einen weiteren Schritt aus seiner früheren Isolation und ist mittlerweile ein anerkanntes Mitglied der Völkerfamilie; wie man so schön sagt. ;) Interessant dieser Artikel... http://temi.repubblica.it/limes/italia-libia-la-nuova-partnership-economica/4500 und: http://www.ilsole24ore.com/art/notizie/2010-08-31/gheddafi-accordi-difesa-080048.shtml?uuid=AYPfmKLC&fromSearch 1700 km Autobahnen der libyschen Küste entlang, Energie, und etwas brisanter Geschäfte im Verteidigungssektor... Heute ist Lybien im Umbruch und die Menschen haben genug von Geddafi's Innerer Gewaltherrschaft. Das Regime schlägt aber mit brutalster Härte zurück. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder die Iranische und Geddafi bleibt nach den Unruhen weiter an die Macht, oder die ägyptisch, tunesische: Das Militär entmachtet Geddafi und setzt sich selbst an die Spitze... Wir sind, momentan, zum zuschauen verurteilt... Viele Grüße aus Südtirol...
n0 by, 19.02.2011
5. Umverteilung
Zitat von sysopDie arabische Revolte hat längst auf Libyen übergegriffen. Für Menschenrechtler ein Zeichen des Aufbruchs, die Ölmärkte dagegen reagieren beunruhigt. Auch deutsche Unternehmen verdienen gut an dem Rohstoff - und am Prunkgehabe des Diktators Gaddafi. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,746507,00.html
Millionen Menschen sind von Prunk, Pracht und Protz ausgeschlossen in den ölfördernden Staaten. Ein kleptokratische Elite, zum Teil wie in Saudi Arabien im Greisenalter, hält wie Gaddafi seit Jahrzehnten die Menschen von gerechterer Teilhabe an Macht und Einfluss ab. Länder wie Pakistan und Ägypten, welche weniger reich an Bodenschätzen sind, exportieren ihre Arbeitskräfte in die Ölfördernden Nachbarstaaten. Die in Jahrzehnten verkrusteten Herrschaftsstrukturen haben Korrpution begünstigt, wie dies bei anderen langjährigen Potentaten schon von Italien oder selbst dem beschaulichen Bayern ruchbar wurde und wird. Die von der öffentlichen Teilhabe von Jahrzehnten gleichsam enteigneten Menschen erheben sich gegen ihre Mächtigen. Die Massen im Iran sind manipuliert und gleichgeschaltet, um als auch gegen feindlich empfundene Eliten der Ölnachbarn zu agitieren. Derweil versorgt die westliche Wertegemeinschaft die Eliten der ölfördernden Staaten mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten. Diese widersprechen häufig dazu noch den gepredikten Werten für die Bevölkerung dieser Lände. Doch die medial-digital vernetzten Sozialgemeinschaften berichten anschaulich von den ungeheuren Ungerechtigkeiten, den korrupten Lügenmachenschaften der Eliten. Es kommt zum Aufstand. Machthaber lassen auf ihre eigene Bevölkerung schießen. Wo sich Öl-Herrscher ihre Infrastruktur von Gastarbeitern aus Pakistan und Ägypten aufbauen lassen, da sind diese Gastarbeiter auch im Sicherheitsapparat. Fremde in Sprache und Anschauung solidarisieren sich schwerlich mit denen im Land, für die sie arbeiten oder auf die sie schießen sollen. In westlichen Wertegemeinschaften privatisieren die Eliten derweil zunehmend ungehemmter die Gewinne, während wir Steuerzahler die furchtbaren Finanzverluste solidarisch ausgleichen müssen. Während die Öl-Herrscher mit der Gewalt von Waffen, oft auch westlicher Produktion, ihr Volk vergewaltigen, verblenden hierzuland eher mediale Manipulationen die Massen. Mächtiger aller Länder teilen sich Gewinne. Die Lasten tragen die, welche durch Waffen- oder Mediengewalt ohnmächtig abgehängt sind.
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