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Frachter meiden Suezkanal: Billiges Öl macht 6500-Kilometer-Umweg um Afrika attraktiv

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DPA

Containerschiffe auf dem Suezkanal (Archivbild)

Der niedrige Ölpreis verändert die globalen Schifffahrtswege: Frachter umfahren plötzlich wieder ganz Afrika, um die hohen Gebühren für Suez- und Panamakanal zu sparen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Absturz des Ölpreises hat Folgen für die internationale Containerschifffahrt - und für die Umwelt. In den vergangenen Monaten haben mehr als hundert Frachter ihre Route geändert. Die Reeder wählten eine Passage, die zuletzt in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts beliebt war: Sie fuhren um die Spitze von Südafrika herum, statt den Suezkanal oder den Panamakanal zu nutzen.

Die Reeder verhalten sich so, als wären die beiden berühmten Kanäle nie gebaut worden. Der Suezkanal war am 17. November 1869 eröffnet worden, der Panamakanal wurde am 12. Juli 1920 offiziell für den Schiffsverkehr freigegeben. Die zusätzlichen Entfernungen, die die Containerschiffe auf sich nehmen, sind beträchtlich: Von Singapur nach Rotterdam um Südafrika herum sind es beispielsweise gut 6500 Kilometer mehr als durch den Suezkanal.

Lukrativer Umweg

Mögliche Routen von Containerschiffen zwischen Asien, Europa und Nordamerika

  Route Suezkanal
  Route Kap der guten Hoffnung

Die Routenänderungen sind in zwei Marktanalysen des Branchendiensts SeaIntel vermerkt, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Die auf die Containerschifffahrt spezialisierte Firma hatte die Papiere bereits im Februar erstellt und in einem kostenpflichtigen Newsletter veröffentlicht. Doch erst jetzt erregen sie, unter anderem durch einen Bericht der BBC, Aufmerksamkeit.

  • Den Analysen zufolge änderten zwischen Ende Oktober und Mitte Februar insgesamt 115 Containerfrachter ihre Route.
  • 112 der Schiffe pendelten zwischen Asien und Nordamerika, die übrigen drei zwischen Asien und Nordeuropa.
  • 78 der Frachter vermieden es, wie üblich durch den Suezkanal zu fahren.
  • Die übrigen 37 Schiffe mieden den Panamakanal in Mittelamerika; statt durch den Pazifik fuhren sie über den Atlantik nach Asien - ebenfalls um Südafrika herum.
  • Seit Mitte Februar ist die Zahl der Kursänderungen noch einmal gestiegen. Weitere Schiffe würden den Suez- und den Panamakanal inzwischen meiden, teilte SeaIntel auf Nachfrage mit, andere hätten dies demnächst vor.

Lukrativer Umweg

Mögliche Routen von Containerschiffen zwischen Asien und Nordamerika

  Route Panamakanal
  Route Kap der guten Hoffnung

Dass so viele Reeder ihre Routen ändern, liegt am niedrigen Ölpreis. Im Sommer 2014 hatte ein Barrel Öl (159 Liter) noch knapp 115 Dollar gekostet, zuletzt waren es gut 40 Dollar. In der Folge ist auch der Preis für Schiffsdiesel um fast zwei Drittel eingebrochen: Im Mai 2015 kostete die Tonne gut 400 Dollar, derzeit sind es noch rund 150 Dollar. Schiffsdiesel wird hauptsächlich aus besonders günstigem Schweröl und Diesel gefertigt.

Durch den Preissturz beim Schiffsdiesel ist es für viele Reeder mittlerweile günstiger, das Kap der Guten Hoffnung zu umfahren und sich die teuren Durchfahrtsgebühren für die Kanäle zu sparen. Laut SeaIntel müssen beispielsweise Containerfrachter, die auf der Route Nordamerika-Asien den Suezkanal passieren, im Schnitt 465.000 Dollar berappen. Eine Passage durch den Panamakanal koste rund 320.000 Dollar.

Aufs Jahr hochgerechnet kämen bis zu 19 Millionen Dollar Ersparnis zusammen, wenn man stets auf der deutlich längeren Südafrikaroute unterwegs sei, heißt es in der Analyse des Branchendiensts. Pro Schiff wohlgemerkt. Für die finanziell angeschlagenen Reedereien sei das viel Geld.

SeaIntel betont, dass die Reeder bislang nur auf den Rückfahrten ihrer Schiffe längere Seewege in Kauf nehmen. "Auf diesen sind viele Container leer oder mit Altmetall oder Altpapier gefüllt", sagt der Schifffahrtanalyst Kasper Hansen von SeaIntel. "Die Schiffe fahren dann normalerweise langsamer als auf der Hinfahrt, wenn sie Computer, iPads oder neue Kleiderkollektionen geladen haben."

Das bedeutet: Die Schiffe können so stark beschleunigt werden, dass sie die Rückfahrt trotz der größeren Distanz ohne Zeitverlust schaffen. Dass der Spritverbrauch dadurch zusätzlich steigt, sei aufgrund der niedrigen Preise für Schiffsdiesel nicht relevant.

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DER SPIEGEL

Auch auf der Hinfahrt könnte sich die längere Route lohnen. Ein Dutzend Firmen könnte jährlich pro Schiff weitere 19 Millionen Dollar sparen, wenn es die Fahrzeit jeder Passage um 3,5 Tage verlängert, schreibt SeaIntel.

Die längeren Fahrzeiten hätten noch einen weiteren Vorteil: Die Containerschiffbranche leide seit Jahren unter Überkapazitäten. Wenn manche Frachter künftig länger unterwegs seien, könne das dazu beitragen, das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wiederherzustellen, schreibt SeaIntel.

Einen Teil ihrer Ersparnisse könnten die Firmen als Rabatte an die Spediteure weiterreichen, um ihnen die Zeitverzögerung schmackhaft zu machen. Noch sei allerdings nicht klar, ob die Spediteure da mitmachen würden.

Kap der Guten Hoffnung Zur Großansicht
Corbis

Kap der Guten Hoffnung

Die längeren Routen bieten also gleich mehrere ökonomische Vorteile. Ökologisch ist es hingegen bedenklich, dass immer mehr Schiffe weit größere Strecken zurücklegen, als sie müssten. Schiffsdiesel gilt als einer der schmutzigsten Treibstoffe überhaupt. Er enthält massenhaft Schadstoffe wie Ruß oder Schwefel. Auch der Kohlendioxidausstoß steigt.

Laut SeaIntel werden auf der Route USA-Asien 5100 Tonnen mehr CO2 emittiert, wenn das Schiff statt durch den Panamakanal um Südafrika herumfährt. Auf der Strecke Asien-Europa steigt der CO2-Ausstoß sogar um 6800 Tonnen, wenn die Fahrt durch den Suezkanal vermieden wird.

Letztlich könnte die Umweltbelastung sogar noch stärker steigen. Denn nach Angaben der Energy Information Administration, der offiziellen Energiestatistikbehörde der USA, beginnen die ersten Öltanker aus dem Nahen Osten und Indien ebenfalls, den Suezkanal zu meiden und Kurs auf das Kap der Guten Hoffnung zu nehmen.

Statt 15 bis 20 Tage sind die schweren Tanker dann bis zu 40 Tage unterwegs - doch das scheint ihnen nicht viel auszumachen. Denn am Ölmarkt herrscht derzeit ohnehin ein Überangebot. Wer die flüssige Fracht länger an Bord hat als normalerweise, bekommt für sie oft einen besseren Preis.


Zusammengefasst : Mehr als hundert Containerschiffe haben sich in den vergangenen Monaten die teure Durchfahrt durch den Suezkanal gespart und waren stattdessen auf einer deutlich längeren Route um Südafrika herum unterwegs. Erste Öltanker scheinen dasselbe zu tun. Hauptgrund ist der spottbillige Schiffsdiesel, der Tausende Kilometer Umweg plötzlich lukrativ macht. Was sich ökonomisch rechnet, ist ökologisch gesehen bedenklich.

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insgesamt 67 Beiträge
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1. ...und wo ist hier Angebot und Nachfrage?
prisma-4d 09.03.2016
...weil das Angebot gleich bleibt, nur die Wartezeiten vor den Kanälen wird kürzer. Denn die wurden im ganzen Artikel nicht erwähnt... warum nicht? Haben die Redakteure keine Lust nachzudenken und das Internet zu befragen? Denn dann sähe die Rechnung plötzlich ganz anders aus. Und möglicherweise sind die Kosten für die Kanalpassagen aus Monopolgründen auch überzogen... und sind wegen der möglichen Spritersparnis auch so hoch. Also runter mit den Gebühren, dann klappt es auch mit der Umwelt... oder ist das wirklich nur uns wichtig und der Rest der Welt schert sich nicht darum?
2. Ungewöhnlich?
aurichter 09.03.2016
Nein ganz und gar nicht. Die Margen sind, genau wie im Speditionsbereich, nicht gerade üppig im Verhältnis zu den teilweise exorbitanten Warenpreisen. Wer schaut wie z.B. Speditionen die Maut umgehen, der muss sich bei den Ölpreisen darüber nicht wundern. Jeder muss sehen wo er bleibt und Umwelt spielt doch gerade im Frachtverkehr absolut keine Rolle. Was B&W, MAN, Caterpillar etc an Motoren anbieteten dürfen und satt verkaufen ist Umwelttechnisch ein Witz. Ausser Turbolader sind diese Monster auf dem Stand der Jahrhundertwende - aber 19tes wohlgemerkt.
3. Da fahren...
trader_07 09.03.2016
Da fahren große Frachtschiffe, die zu den größten Umweltverschmutzern auf diesem Planeten gehören mal eben 6500 km mehr und in Europa regt man sich auf, wenn das eine oder andere Auto ein paar Gramm zu viel CO2 ausstößt. Einfach nur lächerlich...
4. 15-20 oder 40 Tage macht nichts aus?
Jacek G 09.03.2016
Die Personalkosten sind dann trotzdem vorhanden, ebenso gibt es sehr viel Ware, die Terminware ist. Für einen Spediteur wie mich, klingt das sehr naiv und wenig logisch, was da geschrieben wird. Ich hab auch noch nie von LKW gehört, die extra langsamer fahren, um Sprit zu sparen. Mautfreie Straßen, um Kosten zu sparen: Ja! Aber extra doppelt so lange zu fahren, um Sprit zu sparen klingt vollkommen unlogisch.
5.
seeman84 09.03.2016
Dass so viele Reeder die Suez-Passage vermeiden liegt auch daran, Piratengebiet nicht passieren zu müssen.
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