Öl, Rubel, Dollar, Griechenland Gefährlicher Krisen-Mix bedroht die Finanzmärkte

An den Finanzmärkten herrscht kurz vor Weihnachten helle Aufregung. Ölpreis und Rubelkurs stürzen ab, die USA treiben den Dollar nach oben, und in Griechenland drohen neue Turbulenzen. Ist das die Mischung für die nächste große Krise?

Russische Rubel: Der Wechselkurs war zeitweise im freien Fall
REUTERS

Russische Rubel: Der Wechselkurs war zeitweise im freien Fall

Von


Hamburg - Angst, Panik, Crash - an den Finanzmärkten machen seit dieser Woche wieder Begriffe die Runde, die dort schon lange niemand mehr gehört hatte. An einem einzigen Tag verlor der russische Rubel bis zu 20 Prozent seines Wertes. Ähnlich schlimm erging es dem Moskauer Aktienmarkt. Selbst in Ländern wie Indien, Brasilien oder der Türkei waren die Erschütterungen zu spüren - auch dort brachen die Wechselkurse ein.

Weltweit geht die Angst vor einer neuen großen Krise um. Was, wenn sich die russische Malaise auf andere Staaten ausbreitet? Was, wenn der Ölpreis weiter so dramatisch sinkt und der Dollar weiter so steigt? Was, wenn in Griechenland die Falschen an die Macht kommen? Es ist eine gefährliche Kombination verschiedener Krisen, die die Finanzwelt in diesen und den kommenden Wochen in Atem hält.

"Die Investoren sind komplett verunsichert", sagt Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank und heute Chef des Flossbach von Storch Research Institutes. "Sie wollen aus allem raus, was irgendwie mit Risiko behaftet zu sein scheint. Die Gefahr einer größeren Krise ist da."

Andere Experten sind zurückhaltender. "Wir haben einige Zutaten, die zu größeren Verwerfungen an den Finanzmärkten führen könnten", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Diesen Entwicklungen stünden aber auch positive Faktoren gegenüber, wie die stabile Wirtschaft in den USA und in Deutschland oder die weltweit niedrigen Zinsen. "Die Wahrscheinlichkeit größerer Verwerfungen ist gestiegen", sagt Bielmeier, "aber sie liegt immer noch weit unter 50 Prozent."

Viele Anleger gehen jedenfalls schon mal in Deckung. Sie ziehen ihr Geld aus riskanten Anlagen ab und stecken es in amerikanische oder deutsche Staatsanleihen. Für Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind gerade mal noch rund 0,6 Prozent Zinsen pro Jahr fällig (siehe Grafik). Vor einem halben Jahr waren es noch mehr als doppelt so viel. Dass Anleger ihr Geld quasi zum Nulltarif beim sicheren Schuldner Bundesrepublik parken, ist ein klares Krisensignal.

Wie schlimm es wirklich kommt, hängt vor allem davon ab, wie sich die vier großen Krisenfaktoren entwickeln werden, auf die Finanzmarktteilnehmer derzeit schauen:

AP/dpa

Der Ölpreis schockt die Märkte

Der Ölpreisschock stand am Anfang der aktuellen Turbulenzen. Im vergangenen halben Jahr hat sich der Preis für Rohöl fast halbiert (siehe Grafik) - ein Einbruch, wie es ihn zuletzt in der Weltwirtschaftskrise 2008 gegeben hat. Ölimporteure wie Deutschland profitieren, weil sie den wichtigen Rohstoff billiger einkaufen können. Exporteure dagegen leiden - vor allem diejenigen, die stark von ihren Rohstoffvorkommen abhängig sind. Dazu zählt Russland, aber auch Länder wie Iran oder Venezuela sind gefährdet.

Sollte der Ölpreis noch weiter fallen, drohen auch Kettenreaktionen auf anderen Märkten: Ölfirmen könnten ihre Schulden nicht mehr bedienen und Investoren könnten ihr Geld aus anderen Anlagen abziehen, um ihre Verluste im Ölgeschäft zu begleichen.

DPA

Russlands Rubel-Drama

Der sinkende Ölpreis hat Russland besonders hart getroffen. Hinzu kamen die Sanktionen der EU und der USA. Beides zusammen hat das Vertrauen der Investoren in die russische Wirtschaft erschüttert: Sie zogen massenhaft Kapital aus dem Land ab. Entsprechend heftig war der Absturz des Rubels (siehe Grafik). Die Notenbank in Moskau kämpft gegen die Krise, indem sie mit ihren Devisenreserven Rubel aufkauft. Damit stabilisiert sie die Währung kurzfristig. Ob sie den Verfall dauerhaft stoppen kann, ist fraglich. Die russischen Devisenvorräte sind zwar groß, aber nicht unbegrenzt. An den Finanzmärkten wird bereits spekuliert, die Notenbank müsse auch Teile ihrer Goldreserven antasten, um den Rubel zu stabilisieren.

Ob russische Unternehmen, die sich in ausländischen Währungen verschuldet haben, oder europäische Firmen und Banken, die in Russland aktiv sind - sie alle gehören zu den Verlierern der russischen Krise. Zudem drohen Ansteckungsgefahren für andere Schwellenländer wie die Türkei, Brasilien oder Indien. "Die ganzen aufstrebenden Märkte geraten plötzlich in Verruf", sagt Ökonom Mayer. Investoren zögen ihr Geld dort ab. Abzulesen war das in dieser Woche schon an den Wechselkursen der betroffenen Länder.

Auch andere Experten sehen die Lage kritisch: "Ein möglicher Zusammenbruch der russischen Wirtschaft steht als Gefahr im Raum", sagt Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener Ifo-Instituts. "Auch wenn manche Hardliner im Westen dann ihre Hoffnungen erfüllt sehen, wäre das problematisch für die politische und wirtschaftliche Stabilität Europas."

AFP

Die Fed stärkt den Dollar

So schwach die Währungen der Schwellenländer, so stark ist derzeit der Dollar. Selbst gegenüber dem Euro hat er in den vergangenen sechs Monaten fast zehn Prozent an Wert gewonnen. Experten erwarten, dass der Trend sich 2015 fortsetzen wird.

Hintergrund ist die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Fed. Während Europa noch in der Krise steckt, wächst die Wirtschaft dort bereits wieder kräftig. Deshalb will Fed-Chefin Janet Yellen die bisher bei nahe null liegenden Leitzinsen ab dem kommenden Jahr wieder langsam anheben - was Anlagen in Dollar attraktiver macht. Am Mittwochabend deutete Yellen an, dass die Zinswende ab dem Frühjahr 2015 kommen könnte.

Dass die Zinsen in den USA steigen, ist eigentlich nur eine Normalisierung. Für die Schwellenländer ist es aber keine gute Nachricht: Sie haben sich häufig zu bisher niedrigen Zinsen in Dollar verschuldet. Gewinnt der Dollar nun an Wert, steigt ihre Schuldenlast in heimischer Währung. Das Risiko von Staats- und Unternehmenspleiten steigt.

AP

Griechenland spielt mit dem Feuer

Zum Jahresende könnte auch die Eurozone die Finanzmärkte wieder erschüttern - und der Grund dafür ist mal wieder Griechenland. Dort soll eigentlich nur ein neuer Staatspräsident gewählt werden, Ministerpräsident Antonis Samaras hat dafür den ehemaligen EU-Kommissar Stavros Dimas vorgeschlagen. Doch die Sache ist gefährlich: Im ersten Wahlgang ist Dimas am Mittwochabend im Parlament krachend gescheitert, zwei weitere Abstimmungen sind bereits angesetzt.

Sollte es auch im dritten Versuch am 29. Dezember nichts werden, müssten laut Verfassung Parlamentswahlen abgehalten werden - und bei denen sprechen Umfragen der linken Syriza-Partei unter Oppositionschef Alexis Tsipras große Chancen zu. Sie lehnt die Rettungspolitik von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab - und dürfte die laufenden Verhandlungen über weitere Hilfen für Griechenland sprengen.

Ökonomen sind alarmiert: "Wenn der neue Staatspräsident auch im dritten Wahlgang nicht gewählt wird, wird es zu einer Krise um die griechischen Staatspapiere auf den Kapitalmärkten kommen", sagt Ifo-Chef Sinn. Die Märkte seien von der Vorstellung beunruhigt, dass ein möglicher Wahlsieger Tsipras "exzessive Forderungen" stelle, Griechenland einen Teil seiner Schulden zu erlassen.

Schon jetzt muss Griechenland wieder deutlich höhere Zinsen als noch vor einigen Wochen zahlen, wenn das Land sich Geld an den Finanzmärkten leihen will. Wenn es schlecht läuft, dürfte das nur ein Vorgeschmack auf eine neue Runde der Eurokrise sein.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 135 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spmc-129372683232763 18.12.2014
1. Man kann davon ausgehen,
daß die Eu Griechenland-wie schon so oft ein Angebot machen wird daß seine Eliten nicht ablehnen können!! M.a. W.: Alles wird gut!! Denn: "Wir retten den € auf jeden Fall"!( Merkel)
bikerrolf 18.12.2014
2. Weiter so
mit dem Putin-Bashing. Unsere Politiker haben ihre Gehälter sicher, die Arbeitsplätze in der exportabhängigen sind es nicht. Und die Ukraine-Oligarchen freuen sich schon auf die nächsten EU-Milliarden.
ch.weichberger 18.12.2014
3. wenn man erschuetterungen
absichtlich herbeifuehrt...kann es passieren das man erdbeben ausloest...das gilt insbesondere fuer finanzmaerkte
avlberntorf 18.12.2014
4.
Dieser Bericht macht den Anschein, als sei er von Merkel & Co. diktiert worden, mit dem Ziel, bald wieder auf Steuerzahlerkosten Milliarden an "Anleger" und Banken zu verschleudern, damit diese bloß keine Verlust hinnehmen. Anleger sind zumeist Zocker und Spieler und Verluste an Börsen sind ein Naturgesetz, welches für natürlichen Auslese auf dem Zockermarkt sorgt. Was soll daran schlimm sein, wenn geldgierige Zocker, Hedgefonts, Anleger und wirtschaftliche Versagen zu Grunde gehen?
weltbetrachter 18.12.2014
5. Korken knallen für 2015
Das Jahr 2015 wird in die Geschichte eingehen. Als Anfang vom Ende des EURO und der EU so wie wir sie heute kennen. 2017 kommt die Abrechnung mit unserer Regierung. EURO- und Soli-Lüge wird der Regierungskoalition als Betonklotz auf die Füße fallen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.