Wegbrechende Einnahmen Ölpreis-Verfall würgt Russlands Wirtschaft ab

Der Absturz des Ölpreises kostet Russland Milliarden und gefährdet die ambitionierten Pläne des Kreml. Moskauer Hardliner vermuten gar eine gezielte "Spezialoperation" der Amerikaner, um Russland zu schwächen.

Von , Moskau

Russische Raffinerie: 44 Prozent des Staatsbudgets sind Einnahmen aus dem Rohölgeschäft
REUTERS

Russische Raffinerie: 44 Prozent des Staatsbudgets sind Einnahmen aus dem Rohölgeschäft


Der Ölpreis sinkt, der Rubel gerät unter Druck, Moskaus Staatshaushalt kommt ins Schlingern: Für die älteren Herren im Kreml muss es sich anfühlen wie ein Déjà-vu.

Nikolai Patruschew etwa, 63 Jahre alt und Chef des mächtigen Sicherheitsrats, hat das Ende der Sowjetunion als KGB-Offizier erlebt. In einem Interview erklärte er jüngst, was er für die Ursache des Zusammenbruchs des Kommunismus hält: Die CIA habe die sowjetische Wirtschaft damals als Schwachpunkt ausgemacht - genauer gesagt, die "hohe Abhängigkeit des Staatshaushalts der UdSSR vom Energieträger-Export".

Wiederholt sich die Geschichte? Der Ölpreis stürzt seit Wochen auf immer neue Tiefststände. Die Opec - angeführt von Saudi-Arabien - widersetzt sich russischen Bitten, die Fördermenge zu drosseln, um die Preise zu stabilisieren.

Die russische Wirtschaft wird in einen Abwärtsstrudel gerissen:

  • Der Rubel hat binnen eines Jahres rund 50 Prozent seines Werts verloren.
  • Die Wirtschaft steht am Rande einer Rezession.
  • Die Devisenreserven sind um rund 60 Milliarden Dollar geschrumpft.
  • Finanzminister Anton Siluanow beziffert die Verluste durch den niedrigeren Ölpreis bereits auf 90 bis 100 Milliarden Dollar.
  • Hinzu kämen weitere 40 Milliarden Miese, verursacht durch die Sanktionen.

Bisher spielte Geld keine Rolle

Moskaus Hardliner, geprägt durch die Sowjetunion und deren Feindbilder, mögen an einen Zufall nicht glauben. Sie haben Angst vor einem Wirtschaftskrieg, den die Amerikaner zusammen mit ihren Verbündeten aus Saudi-Arabien an der Ölpumpe führen könnten.

Was am Ölmarkt gerade passiere habe nichts mit marktwirtschaftlichen Schwankungen zu tun, schreibt etwa Alexander Prochanow, Herausgeber der imperialistisch gesinnten Zeitung "Sawtra". Beim Niedergang des Ölpreises handele es sich viel mehr um eine "Spezialoperation", um Russland zu schwächen.

Solch schrille Wortmeldungen zeigen, wie ernst die Lage für die Regierung in Moskau ist. Der aktuelle Staatshaushalt wurde ausgehend von einem Ölpreis von 104 Dollar pro Barrel kalkuliert. Gazprom-Neft, die Öltochter des russischen Gasriesen, rechnete noch im Mai mit 111,50 Dollar.

Derzeit kostet ein 159-Liter-Fass der Ölsorte Brent aber nur gut 71 Dollar. Die meisten Analysten rechnen auch 2015 mit einem Preis weit unter 100 Dollar, einige sogar mit gerade einmal 60 Dollar. Im kommenden Jahr droht Russland deshalb ein Haushaltsdefizit von bis zu 2,5 Prozent, prognostiziert der Moskauer Analyst Chris Weafer.

Ob Rentenerhöhungen, Olympische Winterspiele, das 500-Milliarden-Dollar-Rüstungsprogramm oder die kostspielige Annexion der Krim: Geld spielte in den vergangenen Jahren bei den ambitionierten Plänen des Kreml kaum eine Rolle. Doch der Verfall des Ölpreises - sofern er von Dauer ist - wird den finanziellen Spielraum Russlands einschränken. Anders als weithin angenommen, hängt Moskau viel stärker vom Ölexport ab als von Gasgeschäften. Rund 44 Prozent des Staatsbudgets sind Einnahmen aus Rohölgeschäften.

Russland fehlen die Technologien

Vor dem Opec-Gipfel warb Russland bei den arabischen Förderländern für eine Reduktion der Fördermenge, jedoch ohne Erfolg. Energieminister Alexander Nowak brachte eine Senkung der Fördermenge ins Gespräch, die Moskau im Alleingang umsetzen könnte. Der Effekt aber wäre gering. Russland ist zwar nach Amerika und Saudi-Arabien der drittgrößte Ölproduzent, sein Marktanteil aber ist zu klein, um langfristig die Preise nach oben zu treiben.

Die Russen brauchen die Einnahmen, um Renten und Gehälter zu bezahlen. Und anders als die Saudi-Araber können sie viele Ölquellen nicht kurzfristig stilllegen, um die Förderung später wieder aufzunehmen. Dafür "fehlen uns die Technologien", sagt Minister Nowak.

Russlands Präsident Wladimir Putin gibt sich demonstrativ gelassen. Russland verkaufe Öl in Dollar, bezahle seine Staatsausgaben aber in Rubel. Da der Rubel fast parallel gegen den Dollar an Wert verliert, "sinken die Einnahmen nicht, sondern steigen".

Ganz so einfach ist es nicht. Der Rubelverfall kann die wegbrechenden Öleinnahmen nur zu einem Teil kompensieren. Er führt zudem zu Verwerfungen der russischen Wirtschaft. Die Preise steigen bereits jetzt, weil Russland viele Waren aus dem Ausland importiert, Löhne und Gehälter verlieren rapide an Wert. Mit jedem Stück, das der Rubel-Kurs fällt, können sich die Russen - und ihr Staat - also immer weniger leisten.

Hauptgrund für den Preisverfall beim Öl ist ein Anstieg der Fördermenge. Seit Jahresbeginn ist das Angebot von 91,9 Millionen Barrel pro Tag auf 93,3 Millionen Barrel gestiegen. Die Nachfrage liegt laut Internationaler Energie-Agentur dagegen nur bei rund 93,1 Millionen Barrel.

Die alte Gleichung, dass Kriege und Krisen den Ölpreis in die Höhe treiben, scheint nur auf den ersten Blick nicht mehr zu gelten. Tatsächlich hat der Konflikt in Syrien kaum einen Einfluss, weil das Land wenig Öl exportiert. Die Fördermengen im Irak bleiben bislang stabil, die Terrororganisation IS wirft offenbar große Mengen Rohöl zu Dumpingpreisen auf den Markt.

Wichtigster Preissenker aber sind die USA: Während die Weltwirtschaft langsamer wächst, schlägt die dortige Ölschwemme voll durch. Seit 2009 haben die USA ihre tägliche Produktion von acht Millionen auf 11,7 Millionen Barrel erhöht. 2015 sollen es sogar 12,6 Millionen sein.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 139 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
crazy_swayze 28.11.2014
1.
Sehr gut, die Suche nach Alternativen wie dem Fracking hinterlässt bei der OPEC schön Panik, und daraus resultieren nur Vorteile. Einfach immer mal wieder mit dem Fracking oder ähnlichen Methoden wedeln, wenn die Ölscheichs mal wieder zu dreist abkassieren wollen. Soll mir nur recht sein.
ghm20 28.11.2014
2. Wer ist schuld? Cui bono?
Immer schön, wenn man den Schuldigen unter seinen Feinden findet. Denn dann stellt niemand die unbequemen Fragen. Beispielsweise, warum die sprudelnden Öl- und Gaseinnahmen von 2003 bis 2013 in Bürokratie und Bestechung verschwunden sind. Und noch eins für die "Russlandversteher": Wenn es so leicht wäre, die globale Nachfrage und das globale Angebot von Öl zu steuern, warum hat es dann nicht einmal die einst-so-mächtige OPEC gestern geschafft, die Fördermenge signifikant zugunsten höherer Preise für ihre Mitgliedsstaaten zu senken?
Eutighofer 28.11.2014
3. Russland: Chinas Tankstelle - mehr nicht
Putins Ego-Trip führt nicht dazu, dass Technologie nach Russland kommt. Da Putin den Westen als "Feind" betrachtet und abschottet, droht Russland ein Schicksal: Chinas Tankstelle .
freespeech1 28.11.2014
4.
Immer weniger Bürger in Deutschland glauben, dass die Sanktionspolitik der EU sinnvoll ist, zumal auch die Wirtschaft der EU darunter sehr leidet. Jetzt wird also die Botschaft verbreitet, die Sanktionen würden Russland zum Zusammenbruch bringen. Durchhalteparolen der Saktionisten. Warten wir mal ab, wann Putin die Rückgabe der Krim anbietet.
ediart 28.11.2014
5. Globalplayerspiel
Durchaus vorstellbar, dass die USA da den Hebel ansetzen über einen Dialog mit ihren Verbündeten den Saudis. Dem Iran geht es dabei auch nicht besonders gut so zu sagen indirekte Sanktionen vor allem sich wieder Machtpolitisch neu auf zu stellen. In diesen Zusammenhang ist ein Freihandelsabkommen mit den USA unbedingt abzulehnen, weil dieses den imperialen Interessen der USA entgegenkommen wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.