Neue Iran-Sanktionen Der Ölpreis steigt, der Schock bleibt zunächst aus

Nach den US-Sanktionen gegen Iran fürchten Anleger einen Preisschock am Ölmarkt. Dabei spricht sehr viel gegen solche Turbulenzen.

Raffinerie südlich von Teheran
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Raffinerie südlich von Teheran

Eine Analyse von


Nach dem Ausstieg der USA aus dem Iran-Abkommen sind die Ölpreise auf den höchsten Stand seit 2014 gestiegen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am Mittwoch zeitweise mehr als 75 Dollar, ein Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) mehr als 70 Dollar.

Viele stellen sich nun die Frage, ob das erst der Anfang ist. Ob wieder Zeiten anbrechen, in denen Preise von mehr als 100 Dollar pro Barrel der Normalzustand sind, so wie es ab 2008 schon einmal für mehrere Jahre der Fall war. Und ob die noch immer stark vom Öl abhängige Weltwirtschaft darunter ähnlich stark leiden wird wie damals.

Nach allem, was bislang bekannt ist, ist dieses Szenario zu pessimistisch. Die aktuellen Turbulenzen an den Märkten dürften eher die Folge der aktuellen Verunsicherung sein. Einer Aufruhr, die sich bald wieder legen wird. Die Fakten.


Wie groß ist die Lücke, die neue Iran-Sanktionen reißen?


Ölbohrinsel im Persischen Golf
REUTERS

Ölbohrinsel im Persischen Golf

Die Beschränkungen auf iranische Ölexporte treten am 4. November in Kraft. Ihre Wirkung dürfte dann weniger wuchtig sein als in den Jahren 2011 und 2012, als zum letzten Mal Sanktionen gegen Iran verhängt wurden. Seinerzeit brachen Irans Ölexporte in der Spitze um 1,4 Millionen Barrel pro Tag ein. Dieses Mal dürfte es anders sein.

Derzeit produziert Iran rund 3,8 Millionen Barrel Öl pro Tag. Davon werden, je nach Monat, zwischen 2,5 und 2,7 Millionen Barrel exportiert. Das würde, je nach Prognosen, zwischen 2,5 und 3 Prozent der globalen Nachfrage Ende 2018 entsprechen.

Die iranischen Exporte werden aber nicht komplett ausfallen. Schließlich sind die neuen Sanktionen ein Alleingang des US-Präsidenten. Die USA selbst aber importieren schon jetzt praktisch kein iranisches Öl. Und Irans wichtigste Abnehmerländer sind formell nicht an die neuen US-Vorgaben gebunden.

Die US-Regierung kann versuchen, sie indirekt zu einer Teilnahme zu bewegen. Doch ihr Einfluss ist begrenzt.

Nach Angaben des Energiedienstes Platts gingen im April rund 1,6 Millionen Barrel der täglichen iranischen Ölexporte nach China, Indien und in die Türkei - in Länder, die sich um die US-Sanktionen wahrscheinlich nicht scheren werden.

Weitere rund 250.000 Barrel gingen nach Südkorea. Auch dieses Land hat während der letzten Sanktionsrunde weiter iranisches Öl importiert. "Auch jetzt dürften die Südkoreaner den Iranern als Abnehmer erhalten bleiben", sagt Steffen Bukold vom Hamburger Branchendienst Energycomment. "Es sei denn, der Regierung in Seoul entstehen dadurch Nachteile bei der Annäherung an Nordkorea." Die USA spielen bei dem politischen Versöhnungsprozess der beiden Länder eine wichtige Rolle.

Wahrscheinlicher ist, dass sich Iran für die rund 500.000 Barrel Öl pro Tag, die in die EU gehen, neue Abnehmer suchen muss. Unternehmen aus Frankreich, Spanien oder Italien machen in den USA teils sehr viele Geschäfte. Entsprechend gut können die USA diese Staaten unter Druck setzen, sich an den Sanktionen zu beteiligen.

Ein paar Absatzmärkte dürften Iran also tatsächlich wegbrechen. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass auch die iranischen Exporte um dieselbe Menge einbrechen. Iran kann schließlich versuchen, sein Öl in andere Staaten zu verkaufen.

"In der vergangenen Sanktionsrunde ist genau das passiert", sagt Ölexperte Bukold. "Iran musste teils nur ein paar Dollar pro Barrel mit dem Preis heruntergehen, um neue Abnehmer zu finden."


Lässt sich die Versorgungslücke schließen?


Schieferölförderung in North Dakota
Getty Images

Schieferölförderung in North Dakota

Die Versorgungslücke, die die neuen Iran-Sanktionen reißen, dürfte unter einem Prozent der globalen Nachfrage liegen. Das klingt mickrig, könnte aber je nach Stärke der Nachfrage genug sein, um den Ölpreisen Auftrieb zu geben. Um das zu verhindern, sollte die Lücke geschlossen werden. Tatsächlich gibt es mindestens drei Länder, die dies können.

Da ist zunächst Saudi-Arabien, neben Russland und den USA einer der drei größten Ölproduzenten der Welt. Nach eigenen Angaben könnte Saudi-Arabien seine Ölproduktion um rund zwei Millionen Barrel pro Tag steigern. Das Regime in Riad hat bereits angekündigt, seine Förderung auszuweiten, falls der Rohstoff zu knapp werden und der Ölpreis zu stark steigen sollte.

Als Krisenfeuerwehr taugen die Saudis dennoch nicht. Denn zunächst einmal bedeuten steigende Ölpreise für sie steigende Einnahmen. Experten erwarten, dass die Scheichs ihre Förderung erst ausweiten, wenn die Ölpreise dauerhaft so hoch sind, dass sie das globale Wirtschaftswachstum abzuwürgen drohen. Denn dann würde die Nachfrage nach Öl sinken - was auch für Saudi-Arabien schlecht ist.

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Ganz anders stellt sich die Situation in Libyen dar. Das nordafrikanische Krisenland hat es trotz ungelöster politischer Konflikte geschafft, seine Ölexporte zuletzt wieder deutlich zu erhöhen. Anfang 2018 lagen die Exporte in manchen Monaten schon bei mehr als einer Million Barrel pro Tag.

Libyens Ölproduktion, die nach dem Sturz des Diktators Muammar Gaddafi im Jahr 2011 und dem folgenden Bürgerkrieg eingebrochen war, erholt sich allmählich. Das spült frisches Geld in das verheerte Land. Entsprechend eifrig mühen sich seine neuen Machthaber, die Exporte weiter zu erhöhen.

Auch die USA setzen viel daran, ihre Ölproduktion weiter zu steigern. Nach Angaben der nationalen Energiebehörde EIA soll die tägliche Förderung bis 2019 um rund 2,5 Millionen Barrel auf dann 11,9 Millionen Barrel wachsen.

Alle drei Länder dürften ihre Ölexporte in den kommenden Monaten und Jahren ausweiten. Denn es gilt nicht nur, die möglichen Ausfälle des Iran zu kompensieren, sondern auch die globale Nachfrage zu decken, die Jahr für Jahr um gut eine Million Barrel pro Tag steigt.


Belasten die Iran-Sanktionen den Ölmarkt noch auf andere Weise?


Öltanker nahe Singapur
REUTERS

Öltanker nahe Singapur

Neben der leicht sinkenden Ölproduktion gibt es noch einen weiteren Faktor, der den globalen Ölmarkt belastet: So schließen die US-Sanktionen auch einen Boykott bestimmter Versicherungspolicen ein. Bei der letzten Sanktionsrunde gegen Iran war vor allem dies ein schwerer Schlag für die Ölindustrie.

Jeder Öltanker, der die Weltmeere durchkreuzt, muss gegen zahlreiche mögliche Katastrophen versichert sein. Die meisten dieser Policen stellen britische Versicherungsunternehmen aus, Unternehmen eines Landes also, das seit Jahrzehnten eng mit den USA verbunden ist und sich daher an den neuen Iran-Sanktionen beteiligen dürfte.

"Indirekt sind die US-Vorgaben damit für viele Unternehmer ein Problem", sagt Ölexperte Bukold. "Selbst Firmen, die sich durch die US-Sanktionen nicht behindern lassen wollen, müssen einen Weg finden, ihre Tanker zu versichern."


Was passiert nun mit dem Ölpreis?


Iranische Raffinerie
AP

Iranische Raffinerie

Wie sich zeigt, gibt es eine Reihe ganz unterschiedlicher Faktoren, die im Zusammenhang mit den neuen Iran-Sanktionen auf die Ölpreise einwirken. Entsprechend unterschiedlich sind die Expertenmeinungen, wie er sich bis Ende des Jahres entwickeln wird.

Die meisten Prognosen reichen von knapp 80 bis 90 Dollar. Am Ölmarkt ergibt sich ein ähnliches Bild. Während die Preise für kurzfristige Kontrakte zur Öllieferung aufgrund der aktuellen Unruhen deutlich gestiegen sind, zogen die Preise für mittelfristige Lieferungen zunächst nur moderat an - mit einem Preisschock rechnen die Profis derzeit offenbar nicht.

Und in noch einem Punkt sind sich viele Branchenkenner einig: Spürbar sinken werden die Ölpreise auf absehbare Zeit nicht. Dafür wächst die Weltwirtschaft einfach zu stark, dafür ist die Nachfrage nach dem Rohstoff zu hoch.

Die Zeit des billigen Öls, das gilt als weitgehend sicher, ist erst einmal vorbei.

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Actionscript 09.05.2018
1. Der Ölpreis ist ein anderer Faktor in Trump's Entscheidung.
Der Ölpreis war viele Jahre niedrig. Jetzt steigt er an. Die USA sind eins der grössten Ölproduzierer und werden jetzt von Trump's Entscheidung profitieren, aber nur die Öl Industrie und nicht der Verbraucher. Gerade gab es die sogenannte "Steuersenkung" für die Amerikaner. Da die meisten Amerikaner sehr auf das Auto angewiesen sind, so wird mehr Geld für teures Benzin benötigt. Das frisst die kleinen "Steuervergünstigungen" der Mittelklasse vollständig auf. Die Öl Industrie wird hingegen noch weiter belohnt durch die Steuersenkungen für Unternehmen. Doch Trump hat natürlich wieder nicht alles verstanden, was die Konsequenzen seines Tuns sein werden. Denn auch Iran als eines der Hauptförderungsländer für Öl wird vom Ölpreis profitieren und kann damit Sanktionen zum Teil wieder kompensieren. Übrig bleibt da nur noch ein Krieg, in dem Iran von den USA besetzt wird. Vermutlich ist das die Strategie der Amerikaner. Dann ist die Ölförderung fast vollkommen in amerikanischer Hand oder deren Verbündeten wie Saudi-Arabien. Damit können dann auch Länder wie China und Indien von der EU ganz zu schweigen unter Druck gesetzt werden. Es wird Zeit, vom Öl als Energieträger und Grundstoff zB für Plastik vollständig weg zu kommen.
thequickeningishappening 10.05.2018
2. Es gibt Keinen Oelexporteur
Der nicht an an Einem hohen Oelpreis interessiert waere: Weder KSA noch Russland oder USA! Ausnahmen sind politisch bedingt (1998 $ 10 = Staatsbankrott in Russland) bzw. Verhinderung Einer Weltwirtschaftskrise. Beim derzeitigen Preislevel koennen alle Beteiligten (incl. Fracking) mit leben. Ich gehe trotzdem davon aus dass > 100$ wieder kommt mit anschließender Weltwirtschaftskrise (diesmal nicht ursächlich sondern beschleunigt durch den Oelpreis)!
schlauchschelle 10.05.2018
3. Wenn ich die Krafftstoffpreise hier in meiner Ecke sehe
habe ich das Gefühl, das Barrel ist bei 150$ angekommen. Gestern Abend: Diesel 1,26, Super E10 1,36, Super E5 1,42, SuperPlus 1,48 - an freier Tankstelle wohlgemerkt. Bei einer Markentankstelle SuperPlus 1,58. Das sind fast Preise wie 2008 ff. Dennoch wird auf der Bahn gebolzt was das Zeug hält. Also ist das Geld dafür da und gibt den Ölspekulanten recht ;) .
discprojekt 10.05.2018
4. Also,
Ein nicht sehr kluger Geschäftsmann denkt nicht unbedingt strategisch. Gewinn in 20 Jahren interessiert nicht, das Heute ist wichtig. Der Präsident der USA ist eher Geschäftsmann als Diplomat. Aber auch in Europa gibt es diese wenig nachhaltige Denkweise.
Bernd.Brincken 10.05.2018
5. Entwicklung
Das ist doch mal ein gute Nachricht. Der niedrige Ölpreis nützt niemandem. Bei einem höheren Preis verdienen die Export-Länder mehr, hilfreich zur Vorbereitung des unvermeidlichen Strukturwandels. Effizienz-steigernde Technologie u.a. aus Deutschland wird stärker nachgefragt bzw. ermöglicht dies neue Geschäftsmodelle. Und der Iran selbst profitiert vom höheren Preis u.U. mehr als er unter der Sanktion leidet, wirtschaftlich gesehen; politisch ohnehin. Für CO2-Bilanz und Umwelt/Klima gibt es wegen der hohen Nachfrage = Verbrauch allerdings kein Aufatmen. Macht wiederum keinen echten Unterschied, denn es wird ohnehin alles Öl verbrannt. Der Zeitraum mag etwas variabel sein, aber nicht in Bereichen, die global einen Unterschied machen könnten.
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