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Offshore-Boom: Brasilien startet Aufstieg zur Öl-Großmacht

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Die USA stoppen Ölbohrungen in der Tiefsee, in Südamerika geht der Boom gerade erst los. Trotz der BP-Katastrophe startet Brasilien gigantische Offshore-Projekte in bislang unerschlossenen Tiefen, das Land will so zur Energiegroßmacht aufsteigen. Geplante Kosten: rund 220 Milliarden Dollar.

Ölriese Petrobras: Brasiliens ungezügelte Rohstoffgier Fotos
DPA

Hamburg - Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva spricht von einem "Geschenk Gottes", seine mögliche Nachfolgerin Dilma Rousseff von einem "Weg in die Zukunft". Gemeint sind die gewaltigen Rohstoffschätze, die in der Tiefsee vor Brasiliens Küste schlummern. Seit ihrer Entdeckung träumt das Land vom Aufstieg zur Wirtschaftsgroßmacht.

Realisieren soll diesen Traum Petroleo Brasileiro, genannt Petrobras. Schon jetzt ist das Unternehmen, an dem der Staat gut ein Drittel des Gesamtkapitals hält, ein Ölgigant: 2009 erzielte der Konzern einen Gewinn von umgerechnet gut 16,6 Milliarden Dollar, er produziert rund ein Fünftel des weltweit vor den Küsten gewonnen Öls und gilt als Technologieführer für Tiefseebohrungen.

Dabei ist das noch bescheiden im Vergleich zu den Vorhaben, die Petrobras in den kommenden Jahren umsetzen möchte. Laut aktuellem Business-Plan will der Energieriese bis 2014 sagenhafte 224 Milliarden Dollar in die Erkundung und Förderung neuer Tiefsee-Ölfelder investieren, gut 45 Milliarden Dollar pro Jahr.

An diesem Dienstag geht es los. Auf einem außerordentlichen Treffen sollen die Petrobras-Aktionäre zwei gigantische Kapitalerhöhungen absegnen - und so den Grundstein für Brasiliens Energiezukunft legen. Konkret sind folgende Maßnahmen geplant:

  • Das brasilianische Parlament verkauft Petrobras fünf Milliarden Barrel Öl aus dem sogenannten Pré-Sal-Gebiet, das sich über 800 Kilometer entlang der brasilianischen Küste erstreckt. Als Gegenleistung erhält der Staat neue Aktien des Ölkonzerns. Der genaue Preis, den Petrobras für die Reserven zahlen soll, steht noch nicht fest - Analysten rechnen mit einer mittleren zweistelligen Milliardensumme.
  • Gleichzeitig will Petrobras neue Aktien im Wert von bis zu 25 Milliarden Dollar an Privatanleger ausgeben. Schon im kommenden Monat könnten die Papiere platziert werden. Sechs Institute - Banco Bradesco, Itau Unibanco, Citi Chart zeigen, Bank of America Chart zeigen, Merrill Lynch Chart zeigen und Morgan Stanley Chart zeigen - bereiten die Kapitalerhöhung vor.

Die Zustimmung der Aktionäre gilt als sicher, da die brasilianische Regierung über einen Großteil der Stimmrechte verfügt. Die Kapitalerhöhung ist eine der gewaltigsten überhaupt. Die bislang größte schaffte laut "Börsenzeitung" der japanische NTT-Konzern im Jahre 1987 - mit 36,8 Milliarden Dollar.

Trotz der riesigen Dimension hat die Aktienplatzierung gute Chancen. Ein Regierungsvertreter habe signalisiert, dass der Staat alle Aktien kaufen werde, die Petrobras nicht an Privatanleger verkaufen kann, berichtet die Zeitung "O Estado de São Paulo". Präsident Lula käme das entgegen: Er will Brasiliens Energiesektor, der in den neunziger Jahren privatisiert wurde, wieder stärker staatlich kontrollieren. Petrobras wird dadurch für Brasilien immer stärker zu dem, was Gazprom für Russland ist.

"Doch auch für private Investoren ist Petrobras ein attraktives Anlageziel", sagt Bill Farren-Price, Chef der Londoner Firma Petroleum Policy Intelligence und seit 15 Jahren Beobachter der Branche. "Die Geschäftsaussichten des Konzerns sind stabil - trotz des Desasters im Golf von Mexiko."

Riskantere Bohrungen als bei BP

Tatsächlich dürfte die Havarie von BPs Ölbohrplattform "Deepwater Horizon", deren Explosion eine der verheerendsten Umweltkatastrophen aller Zeiten verursachte, Brasiliens ehrgeizige Energiepläne nicht stoppen. Zwar hat US-Präsident Barack Obama nach dem Desaster neue Tiefseebohrungen für ein halbes Jahr verboten - Brasilien jedoch sendet keinerlei Signale, Konsequenzen zu ziehen. Petrobras schweigt auf seiner Web-Seite zu dem Unglück.

Dabei sind die Projekte, die Petrobras plant, noch viel riskanter als die von BP im Golf von Mexiko. Der Konzern stößt bei der Erschließung des Pré-Sal-Gebiets in bislang unerschlossene Tiefen vor: Bis zu 2000 Meter unter dem Meeresspiegel will sich der Konzern durch eine kilometerdicke Salzschicht bohren, manche Vorkommen liegen 7000 Meter tief.

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Riskante Energiegier: Spektakuläre Unfälle bei Offshore-Bohrungen
Petrobras selbst brüstet sich mit der "technologischen Revolution", die der Konzern schaffen werde. Experten dagegen sind besorgt. "In solcher Tiefe ist das Wasser extrem kalt, das Öl-Gas-Gemisch ist extrem heiß, und der Druck ist extrem hoch", sagt Steffen Bukold, Geschäftsführer von Energy Comment und Autor des Buchs "Öl im 21. Jahrhundert". "Es gibt kaum Erfahrungswerte, was bei solchen Bohrungen passiert. Das Verhalten des Zements, die Stabilität der Fördertechnik, die Tücken der Geologie - alles wird hier zum Experiment." Bestenfalls verzögere sich die Förderung, da Materialien öfter ausgetauscht werden müssen als gewohnt - schlimmstenfalls drohe eine noch viel verheerendere Umweltkatastrophe als im Golf von Mexiko.

Petrobras versichert, bei der Förderung internationale Richtlinien, Normen und Praktiken zu befolgen. Doch auch der Offshore-Technologieführer hat schon gewaltige Umweltkatastrophen mitverursacht. Am 15. März 2001 explodierte die seinerzeit größte Ölbohrplattform P-36 im Roncador-Ölfeld, rund 125 Kilometer vor der brasilianischen Küste ( Abschlussbericht der Untersuchung...). Elf Menschen kamen ums Leben - wie beim "Deepwater Horizon"-Unglück. Am Morgen des 20. März versank P-36 im Meer und hinterließ einen gewaltigen Ölteppich - den die Strömung aufs offene Meer hinaustrieb.

Brasiliens Traum vom Aufstieg zur Wirtschaftsgroßmacht

Brasiliens Politiker werden sich den Traum vom Aufstieg zur Ölgroßmacht trotzdem nicht vermiesen lassen. Zu viel steht für sie auf dem Spiel:

  • Die Förderung in der Pré-Sal-Region ist eines der größten Konjunkturprogramme der Republik. Zahlreiche Industrien wie die Petrochemie, die Werftindustrie und Zulieferbetriebe sowie zahlreiche Dienstleister sollen einen gewaltigen Schub bekommen, Zehntausende Jobs sollen entstehen.
  • Durch die Erschließung der Tiefseefelder will Brasilien zudem zu einem der größten Ölexporteure der Welt werden. Derzeit produziert Petrobras rund zwei Millionen Barrel pro Tag (ein Barrel sind 159 Liter) - genug für die Selbstversorgung Brasiliens. Bis 2014 will der Konzern die Produktion auf gut 3,15 Millionen Barrel ausweiten - bis 2020 gar auf 4,15 Millionen Barrel. "Petrobras wäre dann nach Saudi-Arabien, Russland und den USA der weltweit viertgrößte Ölproduzent", sagt Bukold.
  • Das überschüssige Öl will Brasilien exportieren und damit den eigenen Aufstieg vom Schwellenland zur Wirtschaftsgroßmacht finanzieren. Die Exporte würden Brasiliens Handelsbilanz deutlich verbessern - und mit dem Geld könnte das Wachstum in anderen Wirtschaftssektoren angekurbelt werden.

Es ist daher unwahrscheinlich, dass Brasilien seine Offshore-Ambitionen herunterschraubt - selbst die Katastrophe im Golf von Mexiko wird daran wohl nichts ändern. "In den USA ist der Offshore-Ölboom vorerst gestoppt, in anderen Teilen der Welt ist die Euphorie ungebrochen", sagt Bukold. "Brasilien eröffnet gerade die nächste Front."

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Umwelt? Was ist das?
Klartext007 22.06.2010
Zitat von sysopDie USA stoppen Ölbohrungen in der Tiefsee, in Südamerika geht der Boom gerade erst los. Trotz der BP-Katastrophe startet Brasilien gigantische Offshore-Projekte in bislang unerschlossenen Tiefen, das Land will so zur Energiegroßmacht aufsteigen. Geplante Kosten: rund 220 Milliarden Dollar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,701986,00.html
Die Südamerikaner haben mit der Natur schon immer Raubbau gertrieben und ohne Rücksicht auf Verluste die Arbeiter verheizt. Na dann viel Spaß beim Ölfördern. Wir dürfen uns schon auf die nächste Ölpest freuen und brauchen keinen kalten Krieg mehr, wir schaffen das schon auch so.
2. Und das werden sie schaffen
tomcatXXX 22.06.2010
Es gibt in Brasilien keinerlei nennenswerten Widerstand gegen diese Pläne. Selbst eine Schweinerei wie im Golf von Mexico würde in Brasilien niemanden stören. Umweltbewusstsein ist in Brasilien unbekannt. Der Wohlstandsboom der letzten 10Jahre, ausgelöst durch massiven Rohstoffexport und ständig steigende Rohstoffpreise hat eine breitere Mittelklasse entstehen lassen, denen es egal ist, um welchen Preis sie nach oben kommen. Brasilianische Ökonomen beklagen zwar,dass das Land viel zuwenig produziert, also kein technisches know how entwickelt, aber wen stört das schon, wenn man weiss, dass der Rohstoffreichtum für einen 40jährigen Boom reichen wird. Man vergleiche die öffentlichen Auftritte Lulas zu Beginn seiner Amtszeit, damals noch ganz der verzweifelte Präsident eines armen Landes, der sein Projekt "Fome Zero" (Kampf dem Hunger) propagierte und dem integeren Staatsmann von heute, der geübt auf internationalem Parkett parliert.
3. ---
taiga, 22.06.2010
Zitat von Klartext007Die Südamerikaner haben mit der Natur schon immer Raubbau gertrieben und ohne Rücksicht auf Verluste die Arbeiter verheizt. Na dann viel Spaß beim Ölfördern. Wir dürfen uns schon auf die nächste Ölpest freuen und brauchen keinen kalten Krieg mehr, wir schaffen das schon auch so.
Die Aussicht auf märchenhafte Gewinne sind einfach zu verlockend. Oder sie machen‘s wie Ecuador: Der Westen zahlt dafür, dass Brasilien die Lagerstätten in Ruhe lässt. Aber für dieses Geschäft sehe ich schwarz ;) Also wird gebohrt, vielleicht geht es wieder so glimpflich ab wie beim letzten Mal.
4. Die Gier nach immer mehr.
heinrichp 22.06.2010
Zitat von sysopDie USA stoppen Ölbohrungen in der Tiefsee, in Südamerika geht der Boom gerade erst los. Trotz der BP-Katastrophe startet Brasilien gigantische Offshore-Projekte in bislang unerschlossenen Tiefen, das Land will so zur Energiegroßmacht aufsteigen. Geplante Kosten: rund 220 Milliarden Dollar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,701986,00.html
Hoffentlich geht das gut. „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Only after the last tree has been cut down / Only after the last river has been poisoned / Only after the last fish has been caught / Then will you find that money cannot be eaten.
5. Irrsinn
Skarrin, 22.06.2010
Zitat von sysopDie USA stoppen Ölbohrungen in der Tiefsee, in Südamerika geht der Boom gerade erst los. Trotz der BP-Katastrophe startet Brasilien gigantische Offshore-Projekte in bislang unerschlossenen Tiefen, das Land will so zur Energiegroßmacht aufsteigen. Geplante Kosten: rund 220 Milliarden Dollar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,701986,00.html
Mit dem Geld könnte man die halbe Sahara mit Solarkraftwerken bebauen, inkl. Speichertechnik. Aber Öljunkies brauchen eben wie alle Junkies immer mehr von ihrem Stoff, egal um welchen Preis. Dass es sie irgendwann umbringt und unsere Umwelt dazu, wen interessiert das schon solange für ein paar Leute die Rendite stimmt. Gruß Skarrin
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Tiefsee: Globale Förderquellen

Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 202,769 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff (suspendiert Mai 2016); Michel Temer (amtierend)

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Schwarzes Gold: Ölförderung rund um den Globus

Brent, WTI, Bonny Light - Die Ölsorten und ihr Preis
Qualität
Die Erdölindustrie klassifiziert ihr Rohöl nach drei Kriterien: Herkunft, Dichte (Gewicht im Verhältnis zu Wasser) und Schwefelgehalt. Rohöl mit einer hohen Dichte wird entsprechend als "schwer" ("heavy"), mit einer geringeren Dichte als leicht ("light") bezeichnet. Rohöl mit einem hohen Schwefelgehalt gilt als "sauer", ein geringer Schwefelgehalt macht das Öl "süß". Je schwerer und saurer das Rohöl ist, desto aufwendiger ist seine Verarbeitung zum Beispiel zu Benzin oder Kerosin. Leichtes und schwefelarmes Rohöl ist gefragter und damit teurer als schweres.
Sorten
Weltweit gibt es mehrere Dutzend Rohölsorten aus unterschiedlichen Regionen, die unterschiedlich in ihrer Qualität sind. Die Herkunft reicht von Algerien bis Venezuela. Wichtigste Sorten sind die amerikanische Marke West Texas Intermediate (WTI) und das aus 15 Nordseeölfeldern stammende Brent. Hinzu kommen die Rohölsorten aus den Erdöl exportierenden Ländern (Opec), zum Beispiel die Sorte "Arab Light" aus Saudi-Arabien und "Bonny Light" aus Nigeria.
Preise
An den Terminbörsen werden mehrere sogenannte Referenzöle gehandelt mit einem standardisierten Leitwert. Abhängig von ihrer Qualität werden die übrigen Sorten mit einer Prämie oder einem Abschlag zur Leitsorte gehandelt.

Referenzsorte ist die vor allem in Amerika gehandelte Marke WTI und das aus der Nordsee stammende und in London gehandelte Brent. WTI ist leichter und schwefelärmer als Brent und somit meist einige Dollar teurer pro Barrel. Die Produktion beider Sorten geht seit einiger Zeit zurück, dennoch sind sie nach wie vor die beiden wichtigsten Referenzöle.

Hinzu kommt etwa der von der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) veröffentlichte Korbpreis für Rohöl. Er wird auf Grundlage der elf von seinen Kartellmitgliedern produzierten Sorten berechnet. Opec-Öl ist meist schwerer und saurer als WTI und Brent und damit billiger.

Preisanstiege und -abschläge verlaufen also meist für alle Sorten parallel. Jedoch schwanken die Preise jeder Sorte, wenn sie mehr oder weniger nachgefragt oder gefördert werden.

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