Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Online-Offensive: Start-up verkauft Designmöbel zu Dumpingpreisen

Von

Das Start-up Myfab provoziert mit seiner Geschäftsidee: Es produziert Designmöbel günstig in China und verkauft sie über das Internet direkt an den Endverbraucher. Die Produkte sollen bis zu 80 Prozent billiger sein als bei der Konkurrenz - weil die Firma die Vorteile der Globalisierung voll ausreizt.

Myfab.com: Möbel zu Dumpingpreisen Fotos
MyFab

Hamburg - Im Büro des Möbel-Start-up-Unternehmens Myfab.com fehlt noch etwas: die Möbel. Die Einrichtung besteht wenige Tage vor dem Deutschland-Start des französischen Unternehmens aus drei zweckmäßigen Glastischen und einigen neonfarbenen Sitzsäcken, die zwischen weitgehend nackten Wänden in einen viel zu großen Raum hineinleuchten.

Eigentlich sollte die Zentrale in Hamburg zu diesem Zeitpunkt schon werbewirksam mit den firmeneigenen Stühlen, Lampen und Sofas eingerichtet sein. Doch Jesper Wahrendorf, der neue Deutschland-Chef, hatte ein logistisches Problem: Er wusste nicht, dass der 40-Tonnen-Laster, der die Möbel liefern sollte, nicht in die enge Straße passt, in der das Büro liegt.

Letztlich aber ist, typisch Start-up, doch noch alles auf den letzten Drücker fertig geworden: Am Montagnachmittag brachte ein kleinerer Laster die Lieferung, am Dienstag ging der Online-Möbelversand klammheimlich zwischen Kartonresten online. Nun provoziert die französische Firma mit ihrer Geschäftsidee auch in Deutschland. Denn man kann das Myfab-Konzept als überfälligen Schritt der Möbelindustrie ins Online-Zeitalter begreifen - und als radikales Ausreizen aller Globalisierungsvorteile.

Angriff auf etablierte Vertriebsmodelle

Das Geschäftskonzept ist einfach: Designmöbel zu Dumpingpreisen. Ein Ledersofa, das bei der Konkurrenz bis zu 5000 Euro kosten soll, gibt es im Online-Shop für 999 Euro. Möglich ist diese Billigoffensive, weil das Unternehmen Großhändler, Zwischenlager und Warenhäuser völlig umgeht. Der Kunde ordert seine Sofas und Lampen im Internet und bekommt sie irgendwann nach Hause geschickt. Das ist alles.

Logistisch funktioniert das so: Die Online-Bestellungen werden im Wochenrhythmus an die Fabriken weitergeleitet. Diese liegen, ebenso wie Backoffice, IT und Serviceabteilung von Myfab, in China. In den chinesischen Möbelfabriken wird die Ware der Woche dann stückzahlgenau produziert - und per Containerschiff nach Europa gesendet.

Gut drei Monate vergehen vom Online-Kauf bis zur Lieferung nach Hause, nicht viel mehr Zeit als bei einer klassischen Order im Möbelladen. "Wir brechen die althergebrachte Wertschöpfungskette auf", werbetextet Wahrendorf. "Der Kunde wartet vielleicht ein paar Wochen länger auf seine Möbel, aber er spart ja auch bis zu 80 Prozent des Preises."

Die Idee, Markenware im Direktvertrieb zu verkaufen, ist so neu nicht. Dass das Geschäftsmodell funktioniert, belegen Portale wie DaWanda, Books On Demand oder Brands 4 Friends. Im Möbelversand allerdings kommt die Online-Offensive tatsächlich einem Angriff auf etablierte Vertriebsmodelle gleich: Bis auf wenige Ausnahmen wie den Online-Shops von Flötotto oder Jan Kurtz beschränken sich die Möbelhäuser im Internet noch immer auf reine Produktinformationen. Gerade mal fünf Prozent der Verkäufe werden nach Angaben des Verbands der Deutschen Möbelindustrie online abgewickelt.

"Die Geschäfte im Netz nehmen nur schleppend zu", sagt Verbandssprecherin Ursula Geismann. "Die meisten Kunden, die mehrere tausend Euro für Möbel ausgeben, wollen vorher probesitzen, probeliegen und die Verarbeitung von Stoff und Nähten überprüfen." Online-Käufe funktionierten bislang nur bei günstigen Accessoires - oder wenn ein Kunde etwa einen Sessel schon besitze und sich einen weiteren derselben Marke dazukaufe.

App Store für Möbel

Myfab setzt auf genau diese Köder: Kunden sollen zunächst mit günstigen Produkten wie Sitzsäcken oder Lampen von der Qualität des Lieferservices überzeugt werden. Wer einmal gute Erfahrungen gemacht hat, soll sich später trauen, auch teurere Designstücke online zu ordern - so die Theorie.

Um einen weiteren Anreiz zu schaffen, die Hemmschwelle zu überwinden, richtet sich das Unternehmen ganz nach den Wünschen seiner Kunden: Verbraucher können per Vote neue Entwürfe bewerten - und so mitbestimmen, welche Möbel künftig für den Shop produziert werden.

Plagiate stellt die Myfab nach eigenen Angaben nicht her. "Wir lassen nur Möbel fertigen, die vom Copyright-Rechtsanwalt abgestempelt sind", sagt Wahrendorf. Um günstig an Design-Entwürfe zu kommen, orientiert sich die Firma an Apples erfolgreichem Online-Verkaufsportal, dem App Store: Myfab bietet den chinesischen Herstellern und Jung-Designern aus aller Welt eine Produktions- und Vertriebsplattform. Künstler können ihre Entwürfe online präsentieren - und werden am Verkaufserlös beteiligt, wenn die Designs auf Kundenwunsch in die Produktion gehen. Wie hoch die Beteiligung genau ist, sagt Wahrendorf nicht, nur "dass es auch nach westeuropäischem Standard Spaß macht, für Myfab zu arbeiten".

Beim Verband der Deutschen Möbelindustrie ist man allerdings skeptisch, ob letztlich auch die Verbraucher Spaß an den Produkten haben. "Selbst wenn man es den Möbeln nicht auf den ersten Blick ansieht - ich wäre schon misstrauisch, ob die Ware, die Myfab in China fertigen lässt, tatsächlich den deutschen Qualitätsstandards entspricht", sagt Geismann. Zwar ließen auch viele deutsche Branchengrößen Möbel in Osteuropa produzieren. Sie verwendeten dafür aber oft eigene Maschinen, und produziert werde unter Aufsicht firmeneigener Experten. Die Bedingungen in China seien da viel unübersichtlicher.

Strenge Kontrollen gegen Gifte

Doch auch Myfab lässt nach eigenen Angaben "unter Aufsicht europäischer Spezialisten" produzieren. Zudem räumt die Firma ein 14-tägiges Rückgaberecht auf alle Produkte ein und gibt zwei Jahre Garantie auf Fabrikationsfehler. "Mit den High-End-Verarbeitungen inländischer Edelmarken können wir sicher nicht mithalten", sagt Wahrendorf. "Wir messen uns aber qualitativ durchaus an den Designlinien großer Ketten wie Ikea oder Habitat."

Jedes einzelne Möbelstück werde zudem vor dem Verschiffen auf Formaldehyd-, PCP- und andere Schadstoffrückstände geprüft. Demnächst wolle man außerdem alle online angebotenen Produkte vom TÜV prüfen und mit einem Qualitätssiegel versehen lassen. Solche Maßnahmen dürften nötig sein, um Verbraucherbedenken zu zerstreuen: In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte über krebserregendes Spielzeug, das aus chinesischen Fabriken bis in deutsche Geschäfte gelangte.

Zudem bleibt beim Einkauf im Online-Shop zwangsläufig das flaue Gefühl, dass man Produkte erwirbt, die von Wanderarbeitern unter unmenschlichen Bedingungen gefertigt wurden - ein Vorwurf, dem sich allerdings auch jeder Großkonzern stellen muss, der in China Ware produzieren lässt. Details über die Arbeitsbedingungen in den Partnerfabriken von Myfab teilt Wahrendorf nicht mit. Er sagt lediglich, dass die eigenen Kontrolleure nicht nur auf die Qualität der Produktion achten, sondern auch darauf, "dass in den Fabriken keine unmenschlichen Arbeitsbedingungen herrschen".

Bereits 100.000 Möbel in Frankreich verkauft

Trotz all dieser Bedenken glauben nicht wenige IT-Insider, dass der erste deutsche Online-Möbelversand durchaus Erfolgschancen hat. Immerhin sammelte das Start-up mitten in der Finanzkrise fünf Millionen Euro Wagniskapital von den Investoren BV Capital und Alven Capital ein.

In Frankreich ist das Myfab-Konzept zudem bereits jetzt rentabel: Dort wurde die Firma im April 2008 gegründet - und hat bis jetzt mehr als 100.000 Möbel verkauft. 25 Container voll Ware verschiffe man jeden Monat von China nach Europa, sagt Wahrendorf. Sollte das Konzept auch auf dem deutschen Markt funktionieren, dürften es bald noch wesentlich mehr sein.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Myfab-Deutschlandchef Wahrendorf: "Althergebrachte Wertschöpfungsketten aufbrechen" Zur Großansicht
MyFab

Myfab-Deutschlandchef Wahrendorf: "Althergebrachte Wertschöpfungsketten aufbrechen"


Vote
Hand aufs Herz

Würden Sie online für Tausende Euro Möbel kaufen?


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: