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Online-Offensive: Start-up verkauft Versicherungen zu Dumping-Preisen

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Die Versicherer haben die Internet-Revolution verpennt, jetzt will ein Start-up die Branche aufmischen. Auf Friendsurance.de bürgen Kunden in einer Schicksalsgemeinschaft für ihre Freunde - und bekommen Policen bis zu 60 Prozent günstiger. Kostensenker Nummer eins: knallharter Darwinismus.

Gründer Herfurth, Bucksch, Beuster, Weisbrod, Meyer-Plath, Kunde: Freunde als Bürgen Zur Großansicht
Friendsurance

Gründer Herfurth, Bucksch, Beuster, Weisbrod, Meyer-Plath, Kunde: Freunde als Bürgen

Berlin - Geschäftsideen werden bisweilen aus der Not geboren - so auch bei Janis Meyer-Plath: Vergangenen Winter parkte er seinen Golf im Berliner Stadtteil Friedrichshain, unweit von einem besetzten Haus. Plötzlich löste sich Schnee vom Dach, Schindeln fielen herunter und zerdepperten die Heckscheibe seines Wagens.

Auf den Kosten der Reparatur blieb Meyer-Plath sitzen. Die Versicherung wollte den Schaden nicht übernehmen, die Punks und Kiffer, die in dem Haus wohnten, ebenfalls nicht. "Da dachte ich mit, wie schlau es gewesen wäre, wenn sich Freunde in solchen Situationen gegenseitig unterstützen würden", sagt Meyer-Plath.

Seine Kumpels überschütteten den Jungunternehmer zwar nur mit warmen Worten statt Cash. Doch die Erkenntnis reichte für einen Business-Plan. Meyer-Plath trommelte Freunde zusammen, unter anderem einen früheren BCG-Unternehmensberater, einen Ex-McKinsey-Mann und einen früheren BaFin-Berater. Gemeinsam gründeten sie das Start-up Friendsurance, eine Online-Plattform, die herkömmliche Versicherungen mit den Vorzügen sozialer Netzwerke kombiniert. Diesen Freitag ist Friendsurance offiziell an den Start gegangen.

Das Geschäftsmodell: Versicherungen zu Dumping-Preisen. Hausratpolicen, die über die Plattform abgeschlossen werden, sollen bis zu 40 Prozent weniger kosten; Haftpflichtpolicen bis zu 50 Prozent; Rechtsschutzversicherungen bis zu 60 Prozent.

Die Kampfpreise soll ein neuartiges Bürgschaftsmodell ermöglichen: Gute Freunde oder Familienmitglieder können sich auf dem Portal zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenschließen. Je mehr Leute man in seinem Netzwerk hat, desto weniger Prämie zahlt man.

Im Gegenzug wird man selbst zum Mikroversicherer: Mit jedem Freund, den man hinzufügt, geht man einen Mini-Vertrag ein, der beide Seiten als Bürgen im Schadensfall verpflichtet. Zerdeppert ein Mitglied aus dem Netzwerk etwa eine Vase, zahlt jeder in der Freundesgruppe ein wenig Geld, um den Schaden zu begleichen. Angepeilt wird ein Obolus von 5 bis 50 Euro. Der Versicherer wird nur beansprucht, wenn die Hilfe der Freunde nicht reicht.

Versicherer sollen massiv Geld sparen

Für Friendsurance-Kunden soll sich die Aufteilung der Kosten lohnen. Denn die durchschnittliche Schadenshäufigkeit ist bei allen drei Versicherungen vergleichsweise niedrig. Die Ersparnis bei der Gebühr soll die anfallende Selbstbeteiligung deutlich übersteigen.

Friendsurance-Modell im Überblick
So viel Geld sollen Verbraucher sparen.
Rechenbeispiel Haftpflicht
Jahresbeitrag: 50-80€ (Quelle: Check24)
Anzahl Freunde: 10 à 15 Euro. Unterstützungsbetrag = 150 Euro
Maximale Ersparnis: 25 bis 40 Euro (50 Prozent)
Schadenshäufigkeit: 7 Prozent (Bundesdurchschnitt, Quelle: GDV)
Wahrscheinlichkeit, dass ein Schaden pro Jahr entseht: 72 Prozent
Wahrscheinlichkeit, dass zwei Schäden pro Jahr entsehen: 5 Prozent

Statistisch gesehen entstehen Risikokosten von 10 Euro pro Jahr für die Unterstützung der Freunde, man spart also 15 bis 30 Euro pro Jahr. Man macht noch 10 bis 25 Euro plus, wenn ein Schaden im Freundeskreis entsteht. Beim zweiten Schaden zahlt man beim günstigsten Tarif 5 Euro drauf; beim teureren Tarif hat man erst beim dritten Schaden Nachteile.

Die Annahmen zur Häufigkeit sind der deutsche Durchschnitt für die Haftpflicht, also inklusive Betrug und fahrlässigem Verhalten. Das Friendsurance-Modell soll die Schadenshäufigkeit verringern - da kaum jemand seine Freunde betrügt oder ihnen unnötig zur Last fallen will.
Rechenbeispiel Hausrat
Jahresbeitrag: 100 Euro
Anzahl Freunde: 20 à 25 Euro. Unterstützungsbetrag = 500 Euro
Maximale Ersparnis: 40 Euro (40 Prozent) (Quelle: Ammerländer Versicherung)
Schadenshäufigkeit: 4,8 Prozent (Bundesdurchschnitt, Quelle: GDV)
Wahrscheinlichkeit, dass ein Schaden pro im Freundeskreis Jahr entseht: 96 Prozent
Wahrscheinlichkeit, dass zwei Schäden pro Jahr entsehen: 5 Prozent


Statistisch gesehen entstehen Risikokosten von 25 Euro pro Jahr für die Unterstützung der Freunde, man spart also 15 Euro pro Jahr. Erst beim zweiten Schaden zahlt man 10 Euro drauf. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist 5 Prozent - man zahlt demnach alle 20 Jahre 5 Euro drauf, hat aber in diesem zeitraum 300 Euro gespart.
Rechenbeispiel Rechtsschutz
Jahresbeitrag: 250 Euro (Quelle: Check24)
Anzahl Freunde: 6 à 50 Euro. Unterstützungsbetrag = 300 Euro
Maximale Ersparnis: 150 Euro (60 Prozent) (Quelle: KS Auxilia)
Schadenshäufigkeit: 18 Prozent (Bundesdurchschnitt, Quelle: GDV)
Wahrscheinlichkeit, dass ein Schaden pro Jahr im Freundeskreis Jahr entseht: 107 Prozent
Wahrscheinlichkeit, dass zwei Schäden pro Jahr entsehen: 16 Prozent
Wahrscheinlichkeit, dass drei Schäden pro Jahr entsehen: 3 Prozent

Statistisch gesehen entstehen Risikokosten von 53 Euro pro Jahr für die Unterstützung der Freunde. Man spart demnach netto 97 Euro pro Jahr. Konkret auf ein Jahr gerechnet spart man 150€, wenn kein Schaden im Freundeskreis entsteht. Selbst drei Schäden können entstehen, ohne das man draufzahlt. Erst beim vierten Schaden zahlt man 50 Euro drauf. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist 0,6 Prozent.
Auch für die Unternehmen soll das Modell eine Entlastung sein. "Ein Großteil der gemeldeten Schäden liegt unter 100 Euro", sagt Meyer-Plath. "Versicherer, die solche Bagatellen nicht mehr bearbeiten müssen, sparen bis zu 15 Prozent Verwaltungskosten."

Die Absicherung über den Freundeskreis soll außerdem die Zahl der Versicherungsbetrüger verringern. "Umfragen zeigen, dass wenige Probleme haben, große Unternehmen auszutricksen", sagt Meyer-Plath. "Freunde dagegen betrügt man fast nie." Dieser Vertrauensbonus soll sich auszahlen: Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) schätzt, dass durch Versicherungsbetrug jährlich vier bis sechs Milliarden Euro verloren gehen. Das Start-up will die Kosten um bis zu 15 Prozent senken.

Obendrein will Friendsurance Versicherern den Vertriebskanal Internet eröffnen. Diesen nutzt die Branche bislang fast gar nicht. Der Gesamtverband GDV schätzt, dass der Anteil der Versicherungen, die über Telefon und Internet verkauft werden, unter fünf Prozent liegt. "Versicherungen sind einfach zu komplex, um sie über das Internet zu verkaufen", sagt eine Sprecherin. "Kunden wollen Berater, sie wollen im persönlichen Gespräch den für sie geeigneten Tarif bestimmen."

Meyer-Plath und seine Mitgründer sehen das anders. Sie versprechen der Branche, die Vertriebskosten um bis zu 25 Prozent zu senken. Mittelfristig wollen sie ein Service-Portal aufbauen, auf dem Verbraucher die Angebote zahlreicher Versicherer vergleichen können.

Darwinismus als Kostensenker

Wirklich viele Unternehmen hat das Start-up allerdings noch nicht von den Vorzügen des Internets überzeugen können. Auf dem Tisch vor Tim Kunde steht eine dieser Klingeln, mit denen man im Hotel den Rezeptionisten ruft. Sie wird immer dann betätigt, wenn er einen Versicherer als Partner gewinnt. Bislang hat es erst vier Mal geschellt. Die KS Auxilia, die Ammerländer Versicherung, die Haftpflichtkasse Darmstadt und die Bayerische Beamten Versicherungen sind zum Start dabei.

"Die IT- und die Versicherungsbranche arbeiten in zwei Geschwindigkeiten", sagt Kunde. "In der Assekuranz arbeiten die Menschen sehr genau: Da kann man sich schon mal zwei Jahre mit der fachgemäßen Versicherung von Wespennestern auf Einfamilienhausgrundstücken befassen. In der Internet-Branche kann man in dieser Zeit ein komplettes Start-up hochziehen." Dennoch will Friendsurance bis Jahresende kräftig wachsen. "Wir sind auch mit den Großen der Branche im Gespräch", sagt Kunde.

Doch dazu müssen nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Nutzer erst von Friendsurance überzeugt werden. In einer Art Isolationskammer, zwischen Pappkartons und Schalldämmern aus Schaumstoff, testet Kunde sein Konzept zurzeit schon mal an Studenten. Er will herausfinden, inwieweit Nutzer der Plattform vertrauen - und sich gegenseitig. Fühlen sie sich ausgenutzt, wenn sie im Ernstfall zahlen müssen? "Unsere Versuche zeigen, dass genau das Gegenteil der Fall ist", sagt Kunde. "Die meisten haben eher Hemmungen, ihren Freunden im Schadensfall zur Last zu fallen."

Und das zu recht: Denn wer zu viele Vasen zerdeppert oder ständig vor Gericht klagt, dem dürften andere Nutzer im Netzwerk rasch die Freund- und Bürgschaft kündigen. "Besonders fahrlässige Gestalten dürften es schwer haben, in unserem Netzwerk Freunde zu finden", sagt Kunde.

Kostensenker Nummer eins ist also der Darwinismus. Die Umsichtigen halten zusammen, die Tollpatsche und Streithammel werden ausgegrenzt. Wie sozial das ist - darüber lässt sich trefflich streiten. Auf alle Fälle dürften manche Freundschaften bei Friendsurance auf ganz neue Belastungsproben gestellt werden.

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insgesamt 69 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wahrscheinlichkeit > 100%. Ja, nee, is klar...
Emmi 27.03.2011
Spätestens als ich das mit den 107% Wahrscheinlichkeit gelesen habe, war mir klar, dass das ein zu früh entwichener Aprilscherz ist.
2. Titel
testthewest 27.03.2011
Zitat von sysopDie Versicherer haben die Internet-Revolution*verpennt, jetzt will ein Start-up die Branche aufmischen. Auf*Friendsurance.de*bürgen Kunden in einer Schicksalsgemeinschaft für ihre Freunde - und bekommen Policen bis zu 60 Prozent günstiger. Kostensenker Nummer eins: knallharter Darwinismus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,746746,00.html
Ach, knallharter Darwinismus....ist das nicht etwas reisserisch? Das Freunde also mehr zusammenhalten - manche nette und umgängliche Personen mehr Freunde haben, ist das nun asozial? Ich find irgendwann wird das Ganze mit dem "sozial" überreizt. Mag sein, dass es bei der Krankenversicherung notwendig ist, doch Hausrat? Wer das Geld hatte den Kram anzuschaffen, kann ihn auch wieder kaufen. Zumal Hausrat wohl kaum lebensnotwendig ist. Beim Darwinismus gehts aber ums Überleben.
3. Und wiedermal keine Frau im Team
fatso77 27.03.2011
Wieder mal keine Frau in diesem Start-Up (siehe Bild). Tssss... Wann gibt es endlich die Frauenquote für Start-Ups? Ein guter Rat: stellt weibliche Beschäftigte ein. Denn (a) zahlt man weiblichen Beschäftigen ja bekanntlich deutlich weniger Gehalt [1] und (b) sind Frauen auch noch deutlich besser als ihre männlichen Kollegen [2]. Weniger Gehalt, mehr Leistung - genau richtig für ein Start-Up. [1] http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,747116,00.html [2] http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,729411,00.html Im Enst: Super Idee - ich wünsche alles Gute!
4. Frauenquote
JanisMP 27.03.2011
Zitat von fatso77Wieder mal keine Frau in diesem Start-Up (siehe Bild). Tssss... Wann gibt es endlich die Frauenquote für Start-Ups? Ein guter Rat: stellt weibliche Beschäftigte ein. Denn (a) zahlt man weiblichen Beschäftigen ja bekanntlich deutlich weniger Gehalt [1] und (b) sind Frauen auch noch deutlich besser als ihre männlichen Kollegen [2]. Weniger Gehalt, mehr Leistung - genau richtig für ein Start-Up. [1] http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,747116,00.html [2] http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,729411,00.html Im Enst: Super Idee - ich wünsche alles Gute!
Das finden wir ebenfalls bedauernswert...wir sind aber gerade schon dabei unsere Quote zu verbessern! Danke für das Feedback, Gruß Janis
5. .
HighFrequency 27.03.2011
Zitat von testthewestAch, knallharter Darwinismus....ist das nicht etwas reisserisch? Das Freunde also mehr zusammenhalten - manche nette und umgängliche Personen mehr Freunde haben, ist das nun asozial? Ich find irgendwann wird das Ganze mit dem "sozial" überreizt. Mag sein, dass es bei der Krankenversicherung notwendig ist, doch Hausrat? Wer das Geld hatte den Kram anzuschaffen, kann ihn auch wieder kaufen. Zumal Hausrat wohl kaum lebensnotwendig ist. Beim Darwinismus gehts aber ums Überleben.
Da hat sich ein SpOn-Redakteur mal wieder in der Wortwahl vergriffen.
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