Streit um Opel-Werk Bochum: "So eine Art Verhandlungsführung habe ich noch nicht erlebt"

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Bei Opel stehen die Zeichen auf Konfrontation: Bis Ende Februar muss die Belegschaft in Bochum empfindlichen Lohneinbußen zustimmen - sonst wollen die Bosse bei General Motors das Werk schon Ende 2014 schließen. Die Mitarbeiter haben kaum eine Wahl.

Betriebsratschef Einenkel: Kampf um den Erhalt der Autoproduktion Zur Großansicht
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Betriebsratschef Einenkel: Kampf um den Erhalt der Autoproduktion

Berlin - Stephen Girsky scheint die Geduld für langwierige Verhandlungen mit der Belegschaft auszugehen. "Wenn wir keine Einigung erzielen, werden wir uns selbstverständlich an den bestehenden Standortsicherungsvertrag halten", schrieb der Opel-Aufsichtsratschef am Dienstag den Arbeitnehmervertretern in Bochum. "Dieser Vertrag läuft allerdings Ende 2014 aus. Die Zafira-Produktion in Bochum würde dann auch enden und zum 1. Januar 2015 würde die Fertigung in Bochum komplett eingestellt."

Bei den Mitarbeitern in der Zafira-Produktion hallte der Brandbrief wider wie ein Donnerschlag. "So eine Art von Verhandlungsführung habe ich noch nie erlebt", sagte Betriebsratschef Rainer Einenkel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Unternehmensleitung unternehme nicht einmal im Ansatz den Versuch, eine Zukunft für das Bochumer Werk zu schaffen.

Bisher will General Motors (GM) Chart zeigen die Produktion des Familienwagens Zafira in dem Traditionswerk 2016 auslaufen lassen. Doch bereits jetzt ist absehbar, dass die Bänder bis dahin wohl kaum noch ausgelastet werden können. Zum einen wegen der ohnehin stark gesunkenen Nachfrage, zum anderen, weil sich der aktuelle Zafira am Ende seines Modellzyklus befindet.

"Was wir brauchen, sind weitere beträchtliche Einsparungen", betonte deshalb Girsky. "An allen deutschen Standorten und in allen Unternehmensbereichen müssen wir Lösungen finden, um flexibler zu werden, Bürokratie abzubauen und Kosten zu senken." Es sei eine Illusion zu glauben, dass sich der Markt rasch erhole und sich die Europa-Tochter dadurch aus der Zwangslage befreien könne. Girsky bekräftigte erneut die Bereitschaft von GM, Opel weiterhin finanziell zu unterstützen. Im Gegenzug müsse die Europa-Tochter wieder profitabel werden.

GM verhandelt bereits seit dem vergangenen Sommer über weitere Einschnitte - unter anderem soll die Belegschaft in allen Werken auf Lohnerhöhungen verzichten und auch andere Einschränkungen in Kauf nehmen. Die Zukunft des Opel-Werks in Bochum ist aus Sicht der Unternehmensleitung dagegen bereits entschieden. Es ist nur noch eine Frage des Zeitpunkts, an dem die Schließung erfolgt, aber nicht mehr eine Frage des Ob.

Die Bochumer Opel-Werker kämpfen dagegen mit unverminderter Energie um den Erhalt der Autoproduktion. "Es wäre überhaupt kein Problem, Ersatzaufträge nach Bochum zu vergeben", sagt Einenkel. Doch daran sei offensichtlich überhaupt nicht gedacht worden, weil man der Konzernzentrale in Detroit den Willen zum Sparen signalisieren wolle. Um ihre Bereitschaft zu einer Einigung zu demonstrieren, hatte die Gewerkschaft auf die branchenweit ausgehandelte Lohnerhöhung von 4,3 Prozent unter Vorbehalt verzichtet. Offen war zunächst, ob sie dieses Geld nun zurückfordert.

Kein Nachfolger für den Zafira

Tatsächlich wären grundsätzlich Aufträge denkbar. Zahlreiche neue Modelle sollen in den kommenden Jahren an den Start gehen. Den Anfang machen der kleine Geländewagen Mokka, der Stadtwagen Adam und das Cabriolet Cascada.

Doch Girsky ließ in den Verhandlungen keinen Zweifel daran, dass weder die nächste Generation des Zafira noch - wie von Arbeitnehmervertretern vorgeschlagen - der Nachfolger des gerade auf den Markt gebrachten Mokka für Bochum als Ersatz in Frage kämen. Betriebsrat und Gewerkschaft haben lediglich die Möglichkeit, den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen für alle Werke bis Ende 2016 zu verlängern, wenn sie im Gegenzug die Schließung der Fabrik im Ruhrgebiet zu diesem Zeitpunkt akzeptieren.

Die Verhandlungen über die Auslastung der Opel-Werke waren über den Jahreswechsel unterbrochen worden. Am Dienstag begannen neue Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern. Opel leidet wie andere Massenhersteller massiv unter den Verkaufseinbrüchen in Westeuropa. GM hatte im vergangenen Jahr eine Allianz mit dem französischen Autobauer Peugeot Chart zeigen geschmiedet, um das Europa-Geschäft zu sanieren. Vor einigen Wochen einigten sich die Partner jedoch lediglich auf die gemeinsame Entwicklung von drei Fahrzeugmodellen und für ein Gemeinschaftsunternehmen zum Einkauf von Material und Teilen. Gerüchte über einen möglichen Verkauf von Opel an Peugeot hat GM mehrfach dementiert. Damit sind Opel und Peugeot darauf angewiesen, ihre überlebenswichtigen Einsparungen zunächst aus eigener Kraft umzusetzen.

Mit Material von Reuters

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insgesamt 36 Beiträge
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1.
steelman 22.01.2013
"Doch daran sei offensichtlich überhaupt nicht gedacht, weil man der Konzernzentrale in Detroit den Willen zum Sparen signalisieren wolle." Sonst würden ja dort, Gott bewahre, die Quartalsergebnisse Schaden nehmen.
2. OPEL Kampf
phaeton10 22.01.2013
Die OPEL Kapazität ist zu hoch, seit Jahren, der Markt wird sich in den nächsten Jahren nicht verbessern, und Einenkel will diese Realität einfach nicht akzeptieren. So beauerlich es für die betroffenen Mitarbeiter ist, mit dieser Haltung wird er Bochum nicht retten, und schadet allen OPEL Mitarbeitern an den anderen Standorten. Hoffentlich erkennt der Gesamtbetriebsratschef Schäfer-Klug die Situation und rettet durch Einsicht und Vernunft den Rest des Unternehmens.
3. Kein Mitleid mit Opel
Diskutierender 22.01.2013
Zitat von sysopBei Opel stehen die Zeichen auf Konfrontation: Bis Ende Februar muss die Belegschaft in Bochum empfindlichen Lohneinbußen zustimmen - sonst wollen die Bosse bei General Motors das Werk schon Ende 2014 schließen. Die Mitarbeiter haben kaum eine Wahl. Opel Bochum: Ultimatum von General Motors sorgt für Empörung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/opel-bochum-ultimatum-von-general-motors-sorgt-fuer-empoerung-a-879084.html)
Die Opelaner haben es jedenfalls geschafft, dass sie die einzigen Arbeitnehmer sind, bei deren Jobverlust ich Schadenfreude habe. Ich habe selbst 2009 meinen Arbeitsplatz verloren und war danach länger arbeitslos. Meinem Unternehmen wurde seitens des Staates nicht geholfen. Gleichzeitig musste ich mir mehrere Monate lang täglich in den Nachrichten Opel, Opel und nochmals Opel anhören, als ob die Politik auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise nicht Wichtigeres zu tun hätten. Waren die Opel-Beschäftigten etwa etwas besseres als die Beschäftigten anderer Unternehmen oder sogar wichtiger als die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands? Jedenfalls habe ich es damals als bodenlose Unverschämtheit empfunden, dass die Opel-Beschäftigten scheinbar mehr wert waren als andere Menschen, die 2009 ebenfalls ihren Arbeitsplatz verloren haben. Das habe ich nicht vergessen. Ich hoffe, dass diese Dreistigkeit den Opelanern nun endlich auf die Füsse fällt.
4.
crocodil 22.01.2013
Es gibt bald kein Tag mehr, wo man nur negatives über diesen Automobilbauer gehört. Soll doch endlich Bochum geschlossen werden. Dann kann da Werk Rüsselsheim wieder ausgelastet werden -soweit der Markt das zulässt - NB: Es ist eine Schande, wenn ich für ein Handbremsseil für den Omega 85€ berappen muss, (beim OPEL Händler) und für eine Auspuffanlage knapp 300 € (beim OPEL-Händler). Handbremsseil bei E-Bay = 9 €, Auspuff bei E-Bay = 58 €. Will so die Fa. OPEL mit diesen Preisen im Aftersales Geschäft wieder in die schwarzen Zahlen kommen?
5.
thomas.b 22.01.2013
Lieber ein Ende mit Schrecken (2014) als ein Schrecken ohne Ende (seit 2009). Ist zwar schlimm, aber die Industrie kreischt doch so lautstark über Fachkräftemangel. Insofern kann man das auch als Chance sehen. Wer will schon Tanzbär für General Motors spielen?
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