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02. Juli 2012, 06:32 Uhr

Opel-Werk in Bochum

Ganz tief im Westen

Von , Bochum

Mit einem neuen Sanierungsplan will Konzernchef Karl-Friedrich Stracke den strauchelnden Traditionshersteller Opel wieder auf Erfolgskurs führen. Auch die Arbeiter im Werk Bochum hoffen auf das Papier. Doch die Chancen der maroden Fabrik scheinen gering.

Es ist der Plan von Karl-Friedrich Stracke, auf den die Opel-Mitarbeiter derzeit ihre Hoffnungen richten. Im Vergleich zu den düsteren Gerüchten, die in den Fabrikhallen und auf den Fluren der Konzernbüros die Runde machen, wirkt das Papier, das der Opel-Chef am Donnerstag den Aufsichtsrat absegnen ließ, geradezu wie eine Verheißung. Dabei ist noch nicht einmal von Jobgarantien die Rede, oder vom gesicherten Fortbestand einzelner Fabriken, wie aus Arbeitnehmerkreisen zu erfahren war. Die Hoffnung beruht allein darauf, dass das Thema Werkschließung überhaupt nicht erwähnt wird.

Das Thema betrifft ganz besonders die Mitarbeiter im Werk Bochum. Denn für sie geht es um alles oder nichts. Bis 2014 ist der Fortbestand der Fabrik vertraglich festgeschrieben. Derzeit verhandeln Manager mit Gewerkschaftern und Betriebsräten über zwei weitere Jahre - bis 2016 die Fertigung des aktuellen Familien-Vans Zafira ausläuft. Was danach kommt, weiß derzeit niemand.

Ulrich Bäcker ist einer von den Bochumer Opelanern. Er arbeitet seit 34 Jahren hier - zunächst im Karosseriewerk, später im Lager und schließlich als Interessenvertreter für die Schwerbehinderten. Auch seine beiden Schwager verbrachten ihr Berufsleben hier. Der Mann seiner älteren Schwester arbeitete am Band, bis er in den Ruhestand ging. Der jüngste Opelaner der Familie ist sein Neffe. Dass hier in ein paar Jahren die Lichter ausgehen, können sich viele eigentlich nicht vorstellen. "Was soll denn dann werden?", fragt Bäcker und hebt ratlos die Arme.

Persönliche Schicksale spielen in der Chefetage in Detroit natürlich nur eine untergeordnete Rolle, wenn es um die Schließung eines Standortes geht, das ist auch Bäcker klar. Schwierig ist allerdings, dass eigentlich keiner so recht versteht, welche Kriterien tatsächlich am Ende den Ausschlag geben. Sollte es wirklich nur um die Personalkosten und einige Lohnzusatzleistungen gehen? Auf Weihnachts- und Urlaubsgeld haben die Beschäftigten schon verzichtet. Sogar die für die Metallbranche ausgehandelten Lohnsteigerungen von 4,5 Prozent wollen die Arbeiter nicht mitgehen, wenn der Konzern die Zafira-Produktion tatsächlich in Bochum lässt.

Rationale Argumente zählen nicht

Und welches Gewicht haben die Argumente, die ganz sachlich für den Weiterbetrieb sprechen? Im GM-Verbund steht Bochum den Zahlen nach nämlich gar nicht schlecht da: Flexibler Dreischichtbetrieb spielt auch gemessen an der Produktivität ganz vorne mit. Auch die Qualität der Autos ist besser als beim derzeit schärfsten konzerninternen Konkurrenten Ellesmere Port in Großbritannien.

In der Opel-Zentrale in Rüsselsheim hält man schon die Frage nach einem Abbau der Kapazitäten für unangemessen. Das Konzept sehe weder Werksschließungen noch Entlassungen vor, sagte Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky nach der Sitzung des Gremiums. Im Mittelpunkt stünden vielmehr massive Investitionen in die Produktpalette, Sparmaßnahmen durch die Allianz mit dem französischen Autokonzern PSA Peugeot Citroën und hohe Investitionen in die Modellpalette. "Der heute angenommene Plan ebnet den Weg für eine starke Zukunft von Opel".

Allein: Der Sanierungsplan reicht nur bis 2016 - eine viel zu kurze Frist, um mit neuen Modellen punkten zu können. Als Hoffnungsträger könnten allein der kleine SUV namens Mokka und der Kleinstwagen Adam dienen. Der Golf-R-Gegner Astra OPC dient dagegen vielleicht dem Image, bringt aber wenig Umsatz.

Von neuen Opel-Modellen für ihre Bänder wagen die Bochumer ohnehin nicht zu träumen. Dort wäre man schon froh, wenn vielleicht die Konzernschwester Chevrolet mit Aufträgen aushelfen würde. Die US-Marke schwimmt derzeit dank günstiger Preise in Europa auf einer Erfolgswelle. Opel verkaufte zwar bis Mai in Europa knapp 370.000 Wagen und Chevrolet nur 84.000. Doch wenn der Trend anhält, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Kräfteverhältnisse umkehren. Und irgendwo müssen die Chevrolets ja gebaut werden. "Wieso also nicht in Bochum?", fragt Bäcker.

Das Werk wirkt abgewohnt

Doch in seiner Frage schwingen bereits Zweifel mit. Zu oft sind die Erwartungen in der Vergangenheit enttäuscht worden. Der letzte große Lohnverzicht ist dem Mann noch gut in Erinnerung.

Ohnehin sieht man dem Werk an, dass die Besitzer schon längst das Interesse an ihm verloren haben. Die Möbel sind ebenso abgewetzt wie die dünnen Teppiche. Der Betriebsrat tagt in einer alten Kantine, die zu diesem Zweck einfach leergeräumt wurde. Die sanitären Anlagen stammen aus den frühen Achtzigern und zu dieser Zeit haben auch die Wände, so scheint es, den letzten Anstrich erhalten. Insgesamt wirkt das ganze Gebäude schäbig und abgewohnt. "Sie haben eines Tages die Order ausgegeben: 'Jetzt kümmern wir uns nur noch ums Kerngeschäft'", erzählt Bäcker fast entschuldigend. Arbeiten auf dem Werksgelände und zur Instandhaltung der Gebäude seien an andere Firmen vergeben worden. Später habe man festgestellt: Das kam viel teurer, als die altgedienten Opel-Arbeiter, die die Schlagzahl am Band nicht mehr mitgehen konnten, mit der Instandhaltung zu beschäftigen. Bäcker: "Am Ende kümmerte sich schließlich niemand mehr um solche Sachen."

In der Fabrik sieht es nur unwesentlich besser aus. Die Fertigung ist zwar auf dem neuesten Stand, doch der Abstand zu den hochmodernen Anlagen der Konkurrenz auf den ersten Blick sichtbar. Ganze Areale, die einst als Kontrollstellen für vorgefertigte Module dienten, sind verwaist. Die Werkstücke schweben zwischen den leeren Werkbänken wie durch eine Geisterstadt. Es dürften etliche Millionen notwendig sein, um die Fabrik wieder auf den neuesten Stand zu bringen.

Aber das scheint bei den Konzern-Strategen ohnehin nicht zur Debatte zu stehen. Zumal General Motors derzeit offensichtlich an eine strategische Verlagerung der Produktion nach Russland nachdenkt, um die Wachstumschancen auf diesem Markt optimal nutzen zu können. So soll die Produktion im Werk St. Petersburg und in Togliatti, das GM gemeinsam mit dem russischen Konzern Autovaz betreibt, auf 350.000 Autos pro Jahr erweitert werden. Den Großteil sollen die Wachstumsmärkte in Osteuropa aufnehmen. Doch der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel argwöhnt bereits, dass noch genügend Autos übrig bleiben für den Verkauf in Deutschland, Italien oder Spanien: "Wenn es tatsächlich soweit kommt, wären noch weitere Werke in Europa akut gefährdet." Der Opel-Standort Bochum aber dürfte dann aber schon längst Geschichte sein.

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