Wirtschaft


Opel-Werk in Bochum: Ganz tief im Westen

Von Michael Kröger, Bochum

Mit einem neuen Sanierungsplan will Konzernchef Karl-Friedrich Stracke den strauchelnden Traditionshersteller Opel wieder auf Erfolgskurs führen. Auch die Arbeiter im Werk Bochum hoffen auf das Papier. Doch die Chancen der maroden Fabrik scheinen gering.

Opelaner im Bochumer Opel-Werk: Hoffen auf Aufträge der SchwestermarkeZur Großansicht
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Opelaner im Bochumer Opel-Werk: Hoffen auf Aufträge der Schwestermarke

Es ist der Plan von Karl-Friedrich Stracke, auf den die Opel-Mitarbeiter derzeit ihre Hoffnungen richten. Im Vergleich zu den düsteren Gerüchten, die in den Fabrikhallen und auf den Fluren der Konzernbüros die Runde machen, wirkt das Papier, das der Opel-Chef am Donnerstag den Aufsichtsrat absegnen ließ, geradezu wie eine Verheißung. Dabei ist noch nicht einmal von Jobgarantien die Rede, oder vom gesicherten Fortbestand einzelner Fabriken, wie aus Arbeitnehmerkreisen zu erfahren war. Die Hoffnung beruht allein darauf, dass das Thema Werkschließung überhaupt nicht erwähnt wird.

Das Thema betrifft ganz besonders die Mitarbeiter im Werk Bochum. Denn für sie geht es um alles oder nichts. Bis 2014 ist der Fortbestand der Fabrik vertraglich festgeschrieben. Derzeit verhandeln Manager mit Gewerkschaftern und Betriebsräten über zwei weitere Jahre - bis 2016 die Fertigung des aktuellen Familien-Vans Zafira ausläuft. Was danach kommt, weiß derzeit niemand.

Ulrich Bäcker ist einer von den Bochumer Opelanern. Er arbeitet seit 34 Jahren hier - zunächst im Karosseriewerk, später im Lager und schließlich als Interessenvertreter für die Schwerbehinderten. Auch seine beiden Schwager verbrachten ihr Berufsleben hier. Der Mann seiner älteren Schwester arbeitete am Band, bis er in den Ruhestand ging. Der jüngste Opelaner der Familie ist sein Neffe. Dass hier in ein paar Jahren die Lichter ausgehen, können sich viele eigentlich nicht vorstellen. "Was soll denn dann werden?", fragt Bäcker und hebt ratlos die Arme.

Persönliche Schicksale spielen in der Chefetage in Detroit natürlich nur eine untergeordnete Rolle, wenn es um die Schließung eines Standortes geht, das ist auch Bäcker klar. Schwierig ist allerdings, dass eigentlich keiner so recht versteht, welche Kriterien tatsächlich am Ende den Ausschlag geben. Sollte es wirklich nur um die Personalkosten und einige Lohnzusatzleistungen gehen? Auf Weihnachts- und Urlaubsgeld haben die Beschäftigten schon verzichtet. Sogar die für die Metallbranche ausgehandelten Lohnsteigerungen von 4,5 Prozent wollen die Arbeiter nicht mitgehen, wenn der Konzern die Zafira-Produktion tatsächlich in Bochum lässt.

Rationale Argumente zählen nicht

Und welches Gewicht haben die Argumente, die ganz sachlich für den Weiterbetrieb sprechen? Im GM-Verbund steht Bochum den Zahlen nach nämlich gar nicht schlecht da: Flexibler Dreischichtbetrieb spielt auch gemessen an der Produktivität ganz vorne mit. Auch die Qualität der Autos ist besser als beim derzeit schärfsten konzerninternen Konkurrenten Ellesmere Port in Großbritannien.

In der Opel-Zentrale in Rüsselsheim hält man schon die Frage nach einem Abbau der Kapazitäten für unangemessen. Das Konzept sehe weder Werksschließungen noch Entlassungen vor, sagte Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky nach der Sitzung des Gremiums. Im Mittelpunkt stünden vielmehr massive Investitionen in die Produktpalette, Sparmaßnahmen durch die Allianz mit dem französischen Autokonzern PSA Peugeot Citroën und hohe Investitionen in die Modellpalette. "Der heute angenommene Plan ebnet den Weg für eine starke Zukunft von Opel".

Allein: Der Sanierungsplan reicht nur bis 2016 - eine viel zu kurze Frist, um mit neuen Modellen punkten zu können. Als Hoffnungsträger könnten allein der kleine SUV namens Mokka und der Kleinstwagen Adam dienen. Der Golf-R-Gegner Astra OPC dient dagegen vielleicht dem Image, bringt aber wenig Umsatz.

Von neuen Opel-Modellen für ihre Bänder wagen die Bochumer ohnehin nicht zu träumen. Dort wäre man schon froh, wenn vielleicht die Konzernschwester Chevrolet mit Aufträgen aushelfen würde. Die US-Marke schwimmt derzeit dank günstiger Preise in Europa auf einer Erfolgswelle. Opel verkaufte zwar bis Mai in Europa knapp 370.000 Wagen und Chevrolet nur 84.000. Doch wenn der Trend anhält, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Kräfteverhältnisse umkehren. Und irgendwo müssen die Chevrolets ja gebaut werden. "Wieso also nicht in Bochum?", fragt Bäcker.

Das Werk wirkt abgewohnt

Doch in seiner Frage schwingen bereits Zweifel mit. Zu oft sind die Erwartungen in der Vergangenheit enttäuscht worden. Der letzte große Lohnverzicht ist dem Mann noch gut in Erinnerung.

Ohnehin sieht man dem Werk an, dass die Besitzer schon längst das Interesse an ihm verloren haben. Die Möbel sind ebenso abgewetzt wie die dünnen Teppiche. Der Betriebsrat tagt in einer alten Kantine, die zu diesem Zweck einfach leergeräumt wurde. Die sanitären Anlagen stammen aus den frühen Achtzigern und zu dieser Zeit haben auch die Wände, so scheint es, den letzten Anstrich erhalten. Insgesamt wirkt das ganze Gebäude schäbig und abgewohnt. "Sie haben eines Tages die Order ausgegeben: 'Jetzt kümmern wir uns nur noch ums Kerngeschäft'", erzählt Bäcker fast entschuldigend. Arbeiten auf dem Werksgelände und zur Instandhaltung der Gebäude seien an andere Firmen vergeben worden. Später habe man festgestellt: Das kam viel teurer, als die altgedienten Opel-Arbeiter, die die Schlagzahl am Band nicht mehr mitgehen konnten, mit der Instandhaltung zu beschäftigen. Bäcker: "Am Ende kümmerte sich schließlich niemand mehr um solche Sachen."

In der Fabrik sieht es nur unwesentlich besser aus. Die Fertigung ist zwar auf dem neuesten Stand, doch der Abstand zu den hochmodernen Anlagen der Konkurrenz auf den ersten Blick sichtbar. Ganze Areale, die einst als Kontrollstellen für vorgefertigte Module dienten, sind verwaist. Die Werkstücke schweben zwischen den leeren Werkbänken wie durch eine Geisterstadt. Es dürften etliche Millionen notwendig sein, um die Fabrik wieder auf den neuesten Stand zu bringen.

Aber das scheint bei den Konzern-Strategen ohnehin nicht zur Debatte zu stehen. Zumal General Motors derzeit offensichtlich an eine strategische Verlagerung der Produktion nach Russland nachdenkt, um die Wachstumschancen auf diesem Markt optimal nutzen zu können. So soll die Produktion im Werk St. Petersburg und in Togliatti, das GM gemeinsam mit dem russischen Konzern Autovaz betreibt, auf 350.000 Autos pro Jahr erweitert werden. Den Großteil sollen die Wachstumsmärkte in Osteuropa aufnehmen. Doch der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel argwöhnt bereits, dass noch genügend Autos übrig bleiben für den Verkauf in Deutschland, Italien oder Spanien: "Wenn es tatsächlich soweit kommt, wären noch weitere Werke in Europa akut gefährdet." Der Opel-Standort Bochum aber dürfte dann aber schon längst Geschichte sein.

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insgesamt 24 Beiträge
karlgutknecht 02.07.2012
Für die Solarstandorte in Ostdeutschland reist sich „die Politik“ ein Bein raus, für Produkte, die schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig produziert werden. Milliarden von Subventionen der direkten Art und der Förderung [...]
Zitat von sysopMit einem neuen Sanierungsplan will Konzernchef Karl-Friedrich Stracke den strauchelnden Traditionshersteller Opel wieder auf Erfolgskurs führen. Auch die Arbeiter im Werk Bochum hoffen auf das Papier. Doch die Chancen der maroden Fabrik scheinen gering. Opel: GM-Sanierungsplan bringt kaum Hoffnung für Werk in Bochum - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,841564,00.html)
Für die Solarstandorte in Ostdeutschland reist sich „die Politik“ ein Bein raus, für Produkte, die schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig produziert werden. Milliarden von Subventionen der direkten Art und der Förderung des Solarstroms über die Energiepreise können nicht verhindern, das seit beinahe nun einem Jahrzehnt die Standorte der Solarbranche in Ostdeutschland nicht gegen den internationalen Wettbewerb bestehen können. Aber wie im Fall NOKIA, im Fall der Siemens Handysparte, im Fall der AEG in Fürth, der Fall Schlecker, jetzt im Fall der OPEL AG zeigt die Bundesregierung und die Länder, das sie sehr wohl verstehen was Marktwirtschaft heißt. Im Fall der ostdeutschen Betriebe allerdings werden weiterhin die Augen zu gemacht, was den privaten Stromkonsumenten weitere Milliarden Euro kosten wird. In diesem Land herrscht eine gewaltige Gerechtigkeitsschieflage, es ist nun endlich Zeit diese Schieflage auszugleichen und auch den lieben ostdeutschen Ministerpräsidenten klar zu machen, das Geschäftsmodelle auf Subventionsbasis nicht funktionieren können. Schließlich verlangt die Bundesregierung mit Unterstützung der bürger der Bundesrepublik genau diese Einsicht von den europäischen Ländern, die aus den verschiedensten Rettungsschirmen finanzielle Unterstützungen erhalten, die heißt, macht endlich eure Hausaufgaben und schließt Branchen die nicht rentabel sind! Aber was will man schon verlangen von einer Kanzlerin aus Ostdeutschland… und GRÜNEN Politikern die ihren Freunden Vorteile im Amt durch das EEG verschafft haben?
autocrator 02.07.2012
Artikelzitat: "Ohnehin sieht man dem Werk an, dass die Besitzer schon längst das Interesse an ihm verloren haben. Die Möbel sind ebenso abgewetzt wie die dünnen Teppiche. Der Betriebsrat tagt in einer alten Kantine, die zu [...]
Artikelzitat: "Ohnehin sieht man dem Werk an, dass die Besitzer schon längst das Interesse an ihm verloren haben. Die Möbel sind ebenso abgewetzt wie die dünnen Teppiche. Der Betriebsrat tagt in einer alten Kantine, die zu diesem Zweck einfach leergeräumt wurde. Die sanitären Anlagen stammen aus den frühen Achtzigern und zu dieser Zeit haben auch die Wände, so scheint es, den letzten Anstrich erhalten. Insgesamt wirkt das ganze Gebäude schäbig und abgewohnt." Bei den Opelanern müßten allerspätestens jetzt, da sie es nun auch nochschwarz auf weiss nachlesen können und nicht mehr dank betriebsblindheit übersehen dürfen, die Alarmglocken schrillen: Die Chefs wollen nicht mehr. Klar auch: Dank ESM usw. lässt sich im Banken-Casino viel mehr und bedeutend risikoloser und mit erheblich weniger aufwand geld machen, als im mühseligen produktionsgewerbe, wo ja nicht nur in neue technologie investiert werden müsste, sondern offenbar schon die bausubstanz teuer saniert werden muss. Die Opelaner haben jetzt 2 Jahre, mit ALG1 noch ein zusätzliches Jahr, sich was anderes zu suchen. - Nicht mit einer fragenden geste die arme heben und schultern zucken! - ab zum amt, anträge stellen, umschulen, in die zeitung gucken, sich was anderes suchen, sich überlegen, ob man das rattenrennen überhaupt noch weiter machen muss oder will, sich um andere möglichkeiten kümmern ... 2-3 jahre sind genug zeit, um das ordentlich anzugehen, aber auch ziemlich knapp, wenn da hinten was vernünftiges bei rauskommen soll. Dieser artikel ist der schwanengesang auf Opel. Die chefs wollen die firma sterben lassen. Opel ist tot. Und ab heute darf keiner behaupten, es nicht gewusst zu haben oder noch hoffnungen gehabt zu haben. Also nix wie raus da!
papayu 02.07.2012
Macht 3 Standorte in DE dicht, weil kaum noch Absatz da ist. Ach so, sind ja nur ein paar Hundert Mitarbeiter!
Macht 3 Standorte in DE dicht, weil kaum noch Absatz da ist. Ach so, sind ja nur ein paar Hundert Mitarbeiter!
spatenheimer 02.07.2012
Wie wärs mit einem neuen Image? Wer kauft denn heutzutage noch Opel?
Wie wärs mit einem neuen Image? Wer kauft denn heutzutage noch Opel?
lequick 02.07.2012
ob die Nachricht wirklich in die Presse vordringen wird und die diese auch bringt. Und übrigens: GM investiert alleine in den nächsten Jahren 11 Milliarden Dollar in Opel, diese werden hauptsächlich in Entwicklung neuer Motoren [...]
ob die Nachricht wirklich in die Presse vordringen wird und die diese auch bringt. Und übrigens: GM investiert alleine in den nächsten Jahren 11 Milliarden Dollar in Opel, diese werden hauptsächlich in Entwicklung neuer Motoren und Modelle gesteckt. Dazu kommt noch folgendes: - Massive Investitionen in die Produktpalette von Opel/Vauxhall in Verbindung mit einer neuen Verkaufsstrategie. - Eine überarbeitete Markenstrategie. - Pläne zur Reduzierung der Material-, Entwicklungs- und Produktionskosten sowie einer besseren Nutzung der Synergien, die sich aus der Allianz zwischen GM und PSA Peugeot Citroen ergeben. - Eine neu definierte Export- und Wachstumsstrategie. Ich kann jetzt nicht das ganze Schreiben kopieren aber im Detail heißt es dass die Produktion flexibler wird, Opel saniert wird inkl. Entwicklung von neuen Motoren und Modellen UND Opel wird in andere Märkte (Asien, Südamerika) exportieren dürfen - das wurde ja bisher von GM verhindet. Aber so hört sich das natürlich zu gut an und ist keine Schlagzeile wert - negative Sachen verkaufen sich einfach besser.
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  • Montag, 02.07.2012 – 06:32 Uhr
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Opel-Standorte
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.

Chronologie der Opel-Krise
Seit Jahren ringt der deutsche Autobauer Opel um seine Zukunft. Ein Rückblick vom Jahrtausendwechsel bis heute:
  • 2001: Der erfolglose Opel-Vorstandschef Robert Hendry muss gehen. Sein Nachfolger Carl-Peter Forster versucht, die GM-Tochter mit dem europaweit angelegten Restrukturierungsprogramm "Olympia" wieder profitabel zu machen.
  • 2004: GM legt im Oktober einen drastischen Sparplan für Opel vor, der den Abbau von 12.000 Arbeitsplätzen vorsieht - davon bis zu 10.000 in Deutschland. Die Arbeiter im Bochumer Werk legen aus Protest spontan die Arbeit nieder.
  • 2005: Der Betriebsrat und das Opel-Management unterschreiben einen "Zukunftsvertrag", der die Existenz der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010 sichern soll.
  • 2008: Nach Absatzeinbruch und massiven Verlusten bittet Opel als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll das Unternehmen stützen.
  • 2009: Um nicht in den Strudel der GM-Insolvenz zu geraten, arbeitet Opel an einem Konzept zur Trennung von dem schwer angeschlagenen Mutterkonzern. Zwei Tage vor der GM-Pleite am 1. Juni einigen sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium nach langem Poker mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept. Im November beschließt GM, Opel doch zu behalten.
  • 2010: Der als harter Sanierer bekannte Nick Reilly wird Opel-Chef. Im Zuge seines Sanierungskurses macht Opel im Oktober das Werk im belgischen Antwerpen mit einst 2500 Beschäftigten dicht. Von den 48.000 Stellen in Europa werden insgesamt 8000 abgebaut.
  • 2011: Der bisherige GM-Chefentwickler Karl-Friedrich Stracke löst Reilly ab, der Chef des GM-Europageschäfts wird. Im zweiten Quartal verzeichnet Opel erstmals seit Jahren wieder einen Gewinn. Im dritten Quartal rutscht der Autobauer aber zurück in die roten Zahlen.
2012: Während GM in Nordamerika einen Rekordgewinn einfährt, verbucht der Konzern in Europa einen Verlust von 575 Millionen Euro. Das Europa-Geschäft besteht überwiegend aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall.





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